Generalmajor a.D.  Prof. Dr. sc. mil.   Rolf   L e h m a n n

5. Mai 1934  -  11. Juli 2005


Rolf Lehmann wurde am 5. Mai 1934 in Leipzig geboren. Nach dem Abschluss der 10. Klasse und einer Lehre als Elektromechaniker trat er im September 1952 freiwillig in die Kasernierte Volkspolizei der DDR ein. An der Offiziers­schule Pirna/Kamenz ausgebildet und 1954 zum Offizier der Kasernierten Volkspolizei ernannt, war er an den Vorbereitungen zum Aufbau von Luftstreitkräften beteiligt und wurde 1956 in die Nationale Volksarmee über­nommen. Von 1957 bis 1962 absolvierte er ein Studium an der Militärakademie "Juri Gagarin" der Luftstreitkräfte der UdSSR mit Auszeichnung.

Anschließend begann seine Tätigkeit an der Militär­aka­de­mie "Friedrich Engels" in Dresden, zunächst als Fachlehrer und Hauptfachlehrer, ab 1965 als Lehrstuhlleiter Jagd­flie­ger­kräfte der Luftverteidigung. 1968 promovierte er zum Dr. rer. mil. und wurde im folgenden Jahr zum Hoch­schul­dozenten für Militär­wissenschaft berufen. Seit 1972 Oberst und in der Dienststellung des Stellvertreters für Forschung beim Kommandeur der Sektion Luftstreitkräfte/­Luft­ver­tei­digung, besuchte er einen Höheren akademischen Kurs an der Generalstabsakademie Moskau und habilitierte sich 1978 mit der Promotion B zum Dr. sc. mil. Im gleichen Jahr wurde er zum ordentlichen Professor für Militärwissenschaft berufen.

1980 begann mit seiner Ernennung zum Stellvertreter des Chefs der Militärakademie für Wissenschaft und Forschung der wirkungsreichste Abschnitt in seiner Laufbahn als Offizier und Wissenschaftler. In dieser Funktion führte er die gesamte Forschungsarbeit, die wissenschaftliche Qualifizierung und akademische Graduierung des Lehrkörpers und die Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften, den Universitäten und Hochschulen sowie den Militär­akademien der Verbündeten. In dieser Zeit war er zugleich Dekan der Militärwissenschaftlichen Fakultät des Wissenschaftlichen Rates der Militärakademie und Mitglied des Rates für akademische Grade beim Minister für Hoch- und Fachschulwesen der DDR. 1984 wurde er Generalmajor.

In seiner gesamten Tätigkeit als Wissenschaftler und Hochschullehrer erwarb sich Rolf Lehmann hohe Anerkennung und Wertschätzung. Sie beruhte auf persönlicher wissenschaftlichen Leistung und seinem Organisationstalent ebenso wie auf seinen charakterlichen Qualitäten, menschlicher Wärme und Geradlinigkeit, kameradschaftlicher Haltung und Verlässlichkeit. All dies verlieh ihm eine natürliche Autorität und die Fähigkeit, Menschen zu führen. Viele Diplomanden und Aspiranten führte er zu erfolgreichen Abschlüssen und zu wissenschaftlichen Diplom- und Doktorgraden. Wichtige Forschungsvorhaben gelangten unter seiner Leitung zum Erfolg. Als gefragter Referent bereicherte er wissenschaftliche Tagungen und erreichte mit seinen Ideen die Öffentlichkeit.

Seinem Ethos als Offizier und Wissenschaftler folgend setzte er sich gegen alle Widerstände für ein neues sicher­heits­politisches Denken ein und verhalf ihm an der Militärakademie und weit darüber hinaus zum Durchbruch. Wesentlich dafür waren die offene Diskussion hierüber bei von ihm initiierten Professorengesprächen an der Militärakademie und die auf sein Drängen einberufene außerordentliche Tagung des Wissenschaftlichen Rates am 4. November 1989, von der Idee und Aufruf zu einer demokratischen Militärreform ausgingen. In vielfältiger Weise wirkte er mit an ihrer praktischen Ingangsetzung, darunter an der Ausarbeitung einer Militärdoktrin der DDR, die den Prinzipien der gemeinsamen Sicherheit gerecht wurde und in die vom Runden Tisch für Militärreform angenommenen Militärpolitischen Leitsätze mündete. Ab Februar 1990 übernahm er die Leitung des von ihm konzipierten Interdisziplinären Wissen­schafts­bereichs Sicherheitspolitik an der Militär­akademie.

Besondere Beachtung verdienen seine Haltung und die Aktivitäten im Rahmen der Friedensforschung der DDR und des Dialogs mit Vertretern von NATO-Staaten, die im letzten Viertel der 80er Jahre und speziell mit seiner Berufung in den Wissenschaftlichen Rat für Friedensforschung an der Akademie der Wissenschaften der DDR zunehmend zu seinem Arbeitsschwerpunkte wurden. Dabei hatte er anspruchsvolle Aufgaben auch in öffentlichen Gremien und Ver­an­stal­tungen beider deutscher Staaten und auf internationalem Parkett wahrzunehmen. Hierzu zählen die Teilnahme und Mitwirkung an Kongressen und Konferenzen zu Frieden und Abrüstung, die Treffen und weiteren Kontakte mit Vertretern der Wissenschaft, der Politik und des Militärs der Bundesrepublik Deutschland und der NATO.

Exemplarisch stehen dafür im Jahr 1988 die Teilnahme an der Jahreskonferenz des IEWSS in Potsdam (Juni), am Internationalen Treffen für kernwaffenfreie Zonen in Berlin (Juni) und am Rundtischgespräch von Vertretern der NATO und der WVO über konventionelle Abrüstung in Budapest (August). Ein Zeichen setzte das erste Treffen von Offizieren der Nationalen Volksarmee und der Bundeswehr im März 1989, bei dem er die NVA-Delegation leitete. Weiter stehen dafür im Jahr 1989 die Teilnahme am Treffen der Arbeitsgruppe Konventionelle Abrüstung des IEWSS in der Stiftung Wissenschaft und Politik Ebenhausen (April) und an der Internationalen Konferenz "Neues Denken und Militärpolitik" in Moskau (November) sowie im Jahr 1990 die Teilnahme am Seminar für Vertrauens- und sicherheitsbildende Maßnahmen in Wien (Januar), an dem Besuch einer Delegation der Militärakademie an der Führungsakademie der Bundeswehr (Juni) und an der Konferenz "Kriegsunverträglichkeit moderner Industrie­staaten" (Juni) in Hamburg.

Unmittelbar vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland entließ ihn der Minister für Abrüstung und Verteidigung aus dem aktiven Dienst. Doch auch ohne Generalsdienstposten und ohne die Wirkungsmöglichkeiten einer akademischen Institution hielt er daran fest, die gewonnenen Überzeugungen im öffentlichen Diskurs zu vertreten. Mit gleich gesinnten, ebenfalls entlassenen Offizieren und Wissenschaftlern gründete er die Dresdener Studien­gemein­schaft Sicherheitspolitik e. V. und wirkte seither erfolgreich als ihr Vorsitzender. Seiner Autorität und seinen wissenschaftlichen Kontakten ist es wesentlich zu danken, dass die Studiengemeinschaft nun schon mehr als 13 Jahre besteht und sich ein Wirkungsfeld in der friedens- und sicherheitspolitischen Landschaft der Bundesrepublik geschaffen hat.

 

[Nach:   Gemeinsame Sicherheit - ein schwieriger Lernprozess. Prof. Dr. Rolf Lehmann zum 70. Geburtstag am 5. Mai 2004, DSS-Arbeitspapiere Heft 70, Dresden 2004, 180 Seiten.]