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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)






Egbert   L e m c k e

Russlands Seekriegsflotte –
Entwicklungstendenzen seit 1991



I n h a l t s ü b e r s i c h t





I n h a l t s ü b e r s i c h t




      Einleitung

1.   Der Niedergang der Flotte im Zeitraum 1991 bis 2001

2.   Strategische Dokumente seit 1999

3.   In der Diskussion:  Aktuelle Bedrohungsszenarien und perspektivische Streitkräftestrukturen

4.   Erste Anzeichen einer Stabilisierungsperiode im Marineschiffbau Russlands

5.   Zur Übungs- und Manövertätigkeit

6.   Strategisches Marketing im Bereich der Marinerüstung

7.   Fazit und voraussichtliche Prioritäten im Marineschiffbau für die künftige Flottenstruktur

      Gesamtfazit












Egbert L e m c k e

Russlands Seekriegsflotte –
Entwicklungstendenzen seit 1991


Einleitung

Historisch betrachtet hat Russland den Status einer führenden Seemacht – dies schon allein aufgrund seiner geografischen Lage mit direkten Zugängen zu drei Ozeanen und durch die gewaltigen Ausmaße der Seegrenzen. Unbestritten ist auch der historische Beitrag russländischer1 Seeleute an der Erforschung der Weltmeere, der Entwicklung der Seefahrt und vielen großen Entdeckungen.
Doch zu Beginn der 90er Jahre setzte mit dem Umbruch des politischen Systems neben vielen anderen Brüchen auch eine Neuorientierung bezüglich der Sicherheitspolitik und speziell ihrer maritimen Komponente ein.
Das Land begann seine Positionen auf den Meeren einzubüßen. Die maritime Tätigkeit Russlands und deren Nutzung zur Entwicklung der Wirtschaft verfielen im Verlaufe eines Jahrzehnts bis an eine Grenze, nach der nur noch der irreversible Zerfall folgen konnte. In existentieller Schärfe stellte sich das Problem der Formierung einer staatlichen Politik bezüglich des Schiffbaus und der Entwicklung des maritimen Potenzials des Landes.

Die politische Führung gelangte nach Einschätzung des Direktors der russländischen Schiffbauagentur Rossudostrojenije, W. Pospelow, letzten Ende zu dem Schluss:
«Der Hauptgrund für die bestehenden negativen Tendenzen in der maritimen Tätigkeit – das ist die Geringschätzung ihrer Bedeutung für die ökonomische Entwicklung des Landes und die Gewährleistung von Sicherheit.»2

Subjektive Fehleinschätzungen der politischen und militärischen Führung sind jedoch weder ein Privileg Russlands noch alleinige Erklärung für Zerfallsprozesse von Imperien. Unbestritten aber ist insbesondere aus der historischen Perspektive Russlands die überaus große Bedeutung der Flotte für die Stabilität des Landes.

«... Die Armee kann die Flotte nicht ersetzen, was bereits dadurch verdeutlicht wird, dass Russland, welches über fast eine Millionenarmee verfügte, nach dem Pogrom von Tsushima auf die Fortsetzung des Krieges mit Japan verzichtete; eine Flotte jedoch kann in vielen Fällen die Handlungen der Armee ersetzen.» 3

Besonders in den letzten Jahren ruft die politische und militärische Führung der RF die bittere historische Erkenntnis häufiger in Erinnerung, dass «eine Zukunft Russlands ohne eine mächtige Seekriegsflotte unmöglich»4 ist.

Immer jedoch waren Bestand, Struktur und Umfang der Flotte, ihre technische Ausstattung und Gefechtsausbildung auch wesentlich geprägt von den objektiven Existenzbedingungen des Staates, seinem Platz in der Welt, im System der internationalen Beziehungen.

Nach dem erklärten Ende der Systemkonfrontation haben sich vielfach vertretene euphorische Hoffnungen auf einen Rückgang der Bedeutung militärischer Gewalt und namentlich ihrer maritimen Komponente praktisch nicht bestätigt.

Mehr noch: Die Rolle militärischer Gewalt bei der Gewährleistung der politischen und ökonomischen Interessen der Staaten der Welt erhöhte sich zu Beginn des neuen Jahrtausends sogar, während einige politische Institutionen im Bereich der internationalen Sicherheit in eine schwere Krisenperiode eintraten. Dies führte aus Sicht der Russländischen Föderation (im Weiteren RF) in jüngster Zeit dazu, den gesamten Komplex zu überdenken, der mit den Grundfragen der internationalen Sicherheit wie auch mit den Prinzipien zur Gewährleistung der nationalen Sicherheit des eigenen Landes verbunden ist.5

Steht eine auf neuer Grundlage wieder erstarkende russländische Armee und Flotte über die Gewährleistung der Sicherheit des eigenen Landes hinaus einem künftigen System überregionaler, ja globaler Stabilität im Wege?

Oder ist umgekehrt sogar zu erwarten, dass gerade durch die Stärke und Souveränität eines in sich selbst ruhenden Russlands ein geopolitischer Effekt befördert wird, in dessen Folge ein Sicherheitssystem erneut an Kraft gewinnen kann, das auf den Prinzipien des Völkerrechts in den internationalen Beziehungen beruht?!

Nach einer langen Periode zuweilen zweifelhafter Reformierungen und Krisenbewältigungen sowohl innerhalb der Streitkräfte und der Flotte selbst, als auch in den Strukturen der Agentur Schiffbau konnte zumindest ein gewisser Potenzialerhalt gewährleistet werden. Diese wohl schwierigste Entwicklungsperiode scheint inzwischen überwunden.

Es beginnen sich qualitativ neue Entwicklungstendenzen des maritimen Potenzials der RF abzuzeichnen, die aufgrund ihrer universellen und komplexen Wirkung sicherheitspolisch von geostrategischer Ausstrahlung sind.

Die folgenden Betrachtungen sollen einige dieser sicherheitspolitisch relevanten Facetten im Umfeld der Entwicklung des maritimen Potenzials der RF seit 1991 beleuchten. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Zeitraum nach 1998.

Vorab bietet   Anlage 1   eine aktuelle Kurzübersicht zu Struktur und Bestand der SKF.


1.  Der Niedergang der Flotte im Zeitraum von 1991 bis 2001

Nach dem Zerfall der UdSSR orientierte sich Russland als Haupterbe des Sowjetimperiums wesentlich auf die Lösung innerer sozialökonomischer Probleme. Die Existenz und Wahrnahme äußerer Interessen trat mehr und mehr in den Hintergrund. Und eines der Hauptinstrumente zur Wahrung außenpolitischer Interessen, die Seekriegsflotte, war aufgrund dieser Vernachlässigung einem rasanten Verfall ausgesetzt. Ausdruck dieser Tendenz war auch die Tatsache, dass die Staatsführung die Kontrolle über die Umsetzung und Finanzierung der Flottenbauprogramme auf die Ebene des Verteidigungsministeriums übertrug, das damit dann auch die Finanzierung der Arbeiten absichern sollte.

In der Folge reduzierte sich der Umfang der Staatsaufträge auf der Linie der Seekriegsflotte um das 20fache (die Reduzierungen im zivilen Schiffbau erfolgten um das 5fache). Und der Anteil der Budgetmittel des Verteidigungsministeriums für Unterhaltung und Entwicklung der Flotte fiel von 23% im Jahre 1989 auf bescheidene 9,2% im Jahre 1998 (real standen nicht mehr als 5% zur Verfügung). Dabei wurden etwa 70% dieser zugeteilten Mittel für den laufenden Unterhalt der Flotte verausgabt. Die Entstehung einer derartigen Situation war sowohl die unmittelbare Folge unzureichender Finanzierung des Verteidigungsministeriums als auch Resultat einer jeweiligen Lobbypolitik der ernannten Verteidigungsminister. So unterstützte Marschall E. Schaposchnikow die Luftstreitkräfte, Armeegeneral P. Gratschow setzte sich für die Luftlandetruppen ein, und Marschall I. Sergejew setzte sich verstärkt für die Strategischen Raketentruppen ein. Beispielsweise erreichte der Anteil der Strategischen Raketentruppen zu Sergejews Zeiten 80% des Gesamtbudgets des Verteidigungsministeriums. Es wurde der neue Komplex strategischer Raketen "Topol-M" eingeführt.

Resultat der extrem geringen Finanzierungsumfänge war eine Reduzierung der Anzahl der Kampfschiffe der Seekriegsflotte in den Jahren seit 1990 um das 1,6fache – von 428 auf 273, der Anzahl der Schiffe im Gefechtsdienst in See um das 7,5fache – von 210 auf 28. Der Personalbestand der Seekriegsflotte reduzierte sich um das 2,5fache – von 424 000 auf 169 000 Mann. Eine besonders schwierige Lage ergab sich beim Zulauf neuer Schiffe in den Kampfbestand der Flotte. Das alljährliche Finanzierungsniveau beim Neubau von Kampfschiffen betrug nicht mehr als 3-5% ihres Wertes (erforderlich sind mindestens 25%). Folglich kam es zu drastischen Verringerungen des Bautempos und untragbaren Verteuerungen.

Der Alterungsprozess der Flotte setzt sich fort. Der Anteil von Schiffen mit einer Dienstzeit von 15 und mehr Jahren betrug 2001 etwa 55%. Die Anzahl der Schiffe und Boote, die nur noch beschränkt einsetzbar oder deren Instandsetzungsfristen überschritten sind, erhöht sich weiter. Bei Kampfschiffen betrug deren Anteil im Jahre 2001 über 50%, bei Hilfsschiffen sogar 70%. Eine analoge Situation besteht bei den Seefliegerkräften. Ähnlich prekär war die Situation bezüglich der Fertigstellung von im Bau befindlichen Schiffseinheiten. So befanden sich im Jahre 2001 51Überwasserschiffe und 9 U-Boote in unterschiedlichen Baustadien auf Stapel, deren Bau wegen mangelnder Finanzierung unterbrochen oder gänzlich eingestellt war.

Es wurden das Mittelmeer-, das Indik- und Pazifikgeschwader aufgelöst. Die Marinefliegerkräfte stellten ihre Flüge über den Ozeanen ein, sie verloren ihre Landebasen auf Kuba, im Nahen Osten und in Afrika. Eine Ozeanflotte zog sich in den küstennahen Bereich zurück.

Bei Beibehaltung dieser Tendenz würde die Seekriegsflotte nach Expertenprognosen bis zum Jahre 2015 über nicht mehr als 60 Schiffe verfügen: 22 kernkraft- und 9 dieselgetriebene U-Boote sowie nicht mehr als 29 Überwasserschiffe.1

Dass eine solche Lage die russische Führung beunruhigte und nach wie vor beunruhigt, ist allein schon aus geografischer Hinsicht verständlich: Das Land grenzt an 13 Meere und hat eine Wassergrenze von weit über 30000 km, ohne Berücksichtigung der Inseln.

Zur Evolution militärtheoretischer Gesichtspunkte (Vorgeschichte)

Neben den genannten quantitativen materiellen Aspekten, die zweifellos die direkte Abhängigkeit der Armee und Flotte von den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen illustrieren, betonen einige Militärs einen zusätzlichen Aspekt, der den unverhältnismäßigen Niedergang gerade der Flotte in den 90er Jahren erklären hilft.

Bis in die Mitte der 70er Jahre wurde die Seekriegswissenschaft (военно-морская наука) als ein eigenständiger Bestandteil der allgemeinen Militärwissenschaft betrachtet, für den zwar der gesellschaftspolitische Charakter des Krieges, die Gesetze des Krieges und des bewaffneten Kampfes in gleicher Weise Gültigkeit besaßen, der jedoch durch die Spezifik des bewaffneten Kampfes auf See immer eine eigenständige Ausrichtung als spezifische Seekriegswissenschaft erhält. Gerade auf ihrer Grundlage wurde nach dem Großen Vaterländischen Krieg eine Theorie des Aufbaus einer Ozeanflotte in der UdSSR erarbeitet. Umgesetzt wurde diese Theorie über den Verlauf von 4 jeweils über 10 Jahre laufenden Schiffbauprogrammen, so dass Mitte der 80er Jahre der Aufbau einer ozeanischen Raketenkernwaffenflotte realisiert war.

Mitte der 70er Jahre traf die Führung des Generalstabes der Streitkräfte der UdSSR die aus Sicht von Marineoffizieren voluntaristische Entscheidung, die selbständige Existenz einer Seekriegswissenschaft "aufzuheben". Man ging davon aus, dass die Militärwissenschaft insgesamt fähig sei, eine Theorie für den bewaffneten Kampf in allen Sphären - also auch auf See - zu erarbeiten.

Eine Diskussion über Probleme der Seekriegswissenschaft und deren Inhalt insbesondere im Journal «Morskoj Sbornik» in den 70er Jahren bestätigte jedoch insgesamt die Berechtigung ihrer eigenständigen Existenz. Im Ergebnis dessen gelangte man zu einer Kompromissentscheidung: Anstelle des "aufgehobenen" Begriffs der "Seekriegswissenschaft" wurde der Begriff der "Seekriegstheorie" («военно-морская теория») eingeführt. Der damalige Oberkommandierende der Seekriegsflotte, S. G. Gorschkow2, lieferte eine den politisch-ideologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen entsprechende Definition ihres Gegenstandes und ihrer Bestandteile. Damit war dann auch die theoretische Grundlage für den weiteren Aufbau der Ozeanflotte, der Formen und Methoden der Führung des bewaffneten Kampfes auf See gelegt. In dieser Zeit (70er - 80er Jahre) wurde eine neue materielle Basis der Kriegführung auf See geschaffen, und es begann eine Phase der Entwicklung der Seekriegskunst, der Überprüfung und Umsetzung ihrer Prinzipien im Verlaufe des Gefechtsdienstes und der täglichen Flottenpraxis in Übungen und Manövern.

Mit dem Zerfall dieser Rahmenbedingungen erwies sich ab Ende der 80er Jahre, spätestens ab 1991, die Flotte als eine schwere Last für Russland, was zu einer drastischen Reduzierung ihres Bestandes führte und die Suche nach neuen Wegen ihrer Entwicklung und ihres Einsatzes erforderlich machte. Erst im Jahre 1999 wurde auf der Jahrestagung der Akademie der Militärwissenschaften erneut die Notwendigkeit einer Wiedergeburt und Entwicklung der Seekriegswissenschaft als Bestandteil der Militärwissenschaft bestätigt, und ab dieser Zeit wurde auch deutlich auf das Erfordernis verwiesen, Formen und Methoden des Einsatzes der Seekriegsflotte im bewaffneten Kampf auf See in künftigen Kriegen zu erarbeiten.3

Somit wurde der Niedergangsprozess der Flotte in den 90er Jahren nicht unwesentlich durch die militärtheoretische Orientierungslosigkeit zusätzlich beschleunigt.

Der zahlenmäßige Bestand der Schiffskräfte der Seekriegsflotte zur Jahrtausendwende

Zum 1. Januar 2001 befanden sich im Bestand der Seekriegsflotte außer 22 Strategischen Unterwasser-Raketen-Kreuzern weitere 49 Atom-U-Boote, davon zwei in der Fertigstellung und sechs mit nichtmilitärischer Bestimmung, 26 dieselgetriebene U-Boote (eines in der Fertigstellung, eines für Versuchszwecke), 27 Tiefseeapparate (2 in der Fertigstellung).

Von 158 ausgemusterten nukleargetriebenen U-Booten waren 39 verwertet ("utilisiert"). Außer den nukleargetriebenen U-Booten gab es 380 nicht abgebrochene Schiffskörper (darunter auch halbgesunkene) von Überwasserschiffen und –booten mit einer Gesamtwasserverdrängung von 230 Tausend Tonnen.

Die Überwasserschiffe umfassten sechs schwere Kreuzer (davon zwei Flugdeckkreuzer), 3 Raketenkreuzer, 21 Zerstörer und Große U-Boot-Abwehrschiffe, 18 Wachschiffe (drei in der Fertigstellung), 59 Kleine U-Boot-Abwehrschiffe, 23 Kleine Raketenschiffe, 15 Artillerieschnellboote, 95 Minenräumboote (drei in der Fertigstellung), 270 Landungsschiffe und –boote, davon 26 Große Landungsschiffe, 50 auf Luftkissen und 2 Ekranoplane [ein weiteres, - die "Spasatel" («Спасатель») -, durchlief die Erprobung].

Der maritime Grenzschutz und die Grenztruppen verfügten über 189 Patrouillen-Raketen-Schnellboote, 550 Patrouillen-Artillerie-Schnellboote und 50 Sicherstellungsschiffe.4


2.  Strategische Dokumente seit 1999

Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Flotte entstand mit der Wahl Putins zum Präsidenten im Dezember 1999 – vor allem deshalb, weil der neue Präsident seine Politik auf die Erhöhung des Prestiges des militärischen Dienstes und die Überwindung der sozialen Degradierung der Uniformträger ausrichtete. Im Lande entstand im Widerstreit verschiedenster Interessen zwischen der Flottenführung, der Politik und der Schiffbauindustrie ein zunehmend realistisches und äußerst pragmatisches Programm der Umbewaffnung von Armee und Flotte bis 2010.

Die angestrebte Wiedergeburt der Flotte wird vordergründig mit den Personen Putin und Kurojedow (Oberkommandierender der SKF) in Verbindung gebracht. Hergeleitet wird sie vor allem aus der nunmehr zwingenden Notwendigkeit, die inneren Zerfallserscheinungen zu stoppen. Doch die entscheidende Zäsur im Sicherheitsdenken insbesondere der Militärs brachte der völkerrechtswidrige militärische Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf die Bundesrepublik Jugoslawien. Diese, bis dahin auch von vielen russländischen Militärs für ausgeschlossen gehaltene Kampagne zwang dazu, "... über die Wahrscheinlichkeit einer solcher Aktion auch gegen Russland und seine Verbündeten und über die möglichen Maßnahmen zur Verhinderung oder Abwehr einer derartigen Aggression nachzudenken ..." 1

Die gegenwärtige Etappe der nunmehr russländischen Marinepolitik und des Marineschiffbaus basiert auf einer Reihe strategischer Dokumente, die durchweg in den vergangenen 2-3 Jahren durch die polische Führung der RF angenommen wurden.

Erstens sind dies die durch Präsidentenerlass vom 4. März 2000 beschlossenen «Grundlagen der Politik der Russischen Föderation auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit für den Zeitraum bis zum Jahre 2010».2

In diesem Dokument werden die für die RF "grundlegenden Bedrohungen" auf maritimem Gebiet formuliert:

  • die Einschränkung der Zugangsmöglichkeit der RF zu den Ressourcen und Räumen der Weltmeere sowie zu den internationalen Seeverbindungsmagistralen, besonders in der Ostsee und im Schwarzen Meer;
  • die Aktivierung der militärisch-maritimen Tätigkeit durch die führenden Seemächte, die Veränderung des Kräfteverhältnisses bei den Seestreitkräften zuungunsten der RF, die Vervollkommnung der Gefechtsmöglichkeiten der Gruppierungen der Seestreitkräfte von führenden ausländischen Staaten sowie der ökonomische, politische und völkerrechtliche Druck auf die RF mit dem Ziel, ihre maritime Tätigkeit zu begrenzen;
  • die Erweiterung der Maßstäbe nicht sanktionierter Ausbeutung von maritimen Naturressourcen des Landes, das rasche Anwachsen des ausländischen Einflusses auf die maritime Tätigkeit der RF;
  • die fehlende Regelung bei einer ganzen Reihe komplizierter völkerrechtlicher Fragen, die in erster Linie den Rechtsstatus des Kaspischen, des Asowschen und des Schwarzen Meeres betreffen, sowie die Existenz territorialer Ansprüche an die RF seitens einer Reihe von angrenzenden Staaten;
  • das immer schneller wachsende Zurückbleiben hinter ausländischen Staaten bei qualitativen und quantitativen Kennziffern der russischen Marinebewaffnung.

Hieraus wird geschlussfolgert, dass die RF zum Schutz ihrer staatlichen Interessen auf den Weltmeeren über ein angemessenes Marinepotenzial verfügen müsse. Als Grundlagen des Marinepotenzials der RF werden definiert:

  • die Seekriegsflotte;
  • die Organe der Küstenwacht des Föderalen Grenzdienstes der RF;
  • die zivile Hochseeflotte (darunter Gewerbe- und Handelsschiffe, Eisbrecher, hydrographische Schiffe, Erkundungs- und Forschungsschiffe, Such- und Rettungsschiffe, Baggerschiffe sowie Schul- und Ausbildungsschiffe);
  • die Küsten- und Hafen-Infrastruktur an den Meeren (Flüssen), darunter außerhalb der Landesgrenzen;
  • die hydrographischen und Navigationssysteme, die hydrometeorologischen Systeme, die Nachrichtensysteme und die anderen Sicherstellungssysteme für die Schifffahrt;
  • die Basis für industrielle Produktion und experimentelle Erprobung, die wissenschaftliche und Instandsetzungsbasis zur Gewährleistung der maritimen Tätigkeit der RF;
  • das System der Lehreinrichtungen zur Ausbildung von Marinespezialisten sowie die professionell ausgebildeten Kader.

Gestützt auf dieses Marinepotenzial soll die RF die Stabilisierung ihrer eigenen Wirtschaft beschleunigen, die Verteidigungsmacht festigen sowie eine effektive Entwicklung in den Bereichen Wissenschaft, Wirtschaft und Soziales gewährleisten.

Abgeleitet daraus werden die zwei Hauptziele der Politik der RF auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit:

  • die Verwirklichung und der Schutz der staatlichen Interessen der RF auf den Weltmeeren, die Wahrung ihres Status als Weltseemacht;
  • die Entwicklung und effektive Nutzung des militärischen Marinepotenzials der RF.

Eine Basis zur Erreichung dieser Ziele sollen die folgenden Grundprinzipien bilden:

  • die zentralisierte staatliche Führung der militärisch-maritimen Tätigkeit auf der Grundlage einer einheitlichen staatlichen Politik;
  • die effektive Prognose, das rechtzeitiges Aufdecken, Identifizieren und Klassifizieren militärischer Bedrohungen für die RF auf den Weltmeeren;
  • die angemessene Reaktion sowohl mit militärischen als auch mit nichtmilitärischen Maßnahmen auf militärische Bedrohungen der RF und ihrer Verbündeten aus ozeanischen und Seerichtungen;
  • das Vorhandensein der notwendigen Kräfte, Mittel und Ressourcen für den Schutz der staatlichen Interessen der RF auf den Weltmeeren sowie die Gewährleistung ihrer Bereitschaft zur vorgesehenen Verwendung;
  • die ausgewogene Entwicklung der Marinekräfte für die nukleare Abschreckung und der Kräfte allgemeiner Bestimmung;
  • die Unabhängigkeit der militärisch-maritimen Tätigkeit der RF von ausländischen Staaten;
  • das Abwenden einer Beeinträchtigung für die internationale Sicherheit sowie die Übereinstimmung der militärisch-maritimen Tätigkeit mit den Gesetzen der RF und den von ihr eingegangenen internationalen Verpflichtungen.

Zweitens ist es die am 27. Juli 2001 beschlossene «Marinedoktrin der RF für den Zeitraum bis 2020», die als grundlegendes Dokument den Begriff der "maritimen Aktivitäten" entwickelte und die "nationalen Interessen" (die Marinepolitik) der RF auf den Weltmeeren definierte.3
Maritime Aktivitäten - das sind "die Aktivitäten der RF auf dem Gebiet der Erforschung, Erschließung und Nutzung der Weltmeere im Interesse der Sicherheit sowie einer stabilen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Staates."
Die Marinedoktrin erweitert die Bestimmungen der Konzeption der nationalen Sicherheit der RF, der Konzeption der Außenpolitik der RF, der Militärdoktrin der RF, der Konzeption Seefahrtpolitik der RF, der Grundlagen der Politik der RF auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit für die Periode bis zum Jahre 2010 und weiterer normativer Rechtsakte der RF bezüglich der maritimen Aktivitäten.

Auch in diesem Dokument wird nochmals das Marinepotenzial definiert und betont, dass die Verwirklichung der Marinedoktrin zur weiteren Festigung der Position Russlands als führende Seemacht und zur Schaffung günstiger Bedingungen für das Erreichen der Ziele und die Erfüllung der Aufgaben der nationalen Marinepolitik beitragen müsse.

Die Marinedoktrin leitet daraus "Nationale Interessen der RF auf den Weltmeeren" ab: "... Gesamtheit der harmonisierten Interessen der Person, der Gesellschaft und des Staates im Bereich der maritimen Aktivitäten; sie werden auf der Grundlage des Marinepotenzials des Staates verwirklicht."

Zu den nationalen Interessen der RF auf den Weltmeeren zählen:

  • die Unerschütterlichkeit der Souveränität der RF über ihre Inneren Seegewässer, die Territorialgewässer sowie über den Luftraum über ihnen, über Grund und Untergrund;
  • die Gewährleistung der souveränen Rechte und der Rechtsprechung der RF bezüglich der exklusiven Wirtschaftszone und des Kontinentalschelfs der RF mit dem Ziel, die Naturressourcen zu erkunden und abzubauen bzw. zu bewahren, sowohl die lebenden als auch die nicht lebenden, die sich auf dem Grund und im Untergrund sowie in den Gewässern über diesen befinden; diese Ressourcen zu verwalten, durch Nutzung des Wassers, der Strömungen und des Windes Energie zu erzeugen, künstliche Inseln, Anlagen und Bauten zu errichten und zu benutzen, die wissenschaftliche Erforschung des Meeres zu betreiben sowie die Meeresumwelt zu schützen und zu bewahren;
  • die Freiheit des offenen Meeres, eingeschlossen die Freiheit der Schifffahrt, der Flüge, des Fischfangs, der wissenschaftlichen Forschungen sowie die Freiheit, Unterwasserkabel- und -rohrleitungen zu verlegen;
  • der Schutz des menschlichen Lebens auf See, die Verhütung von Seesperren, die Gewährleistung der Funktionskontrolle lebenswichtiger Meereskommunikationen, die Herstellung von Bedingungen, die den Gewinn aus maritimer Wirtschaftstätigkeit der Bevölkerung der RF fördern.

Drittens wurde im selben Jahre (am 1. September 2001) als ständig handelndes Koordinierungsorgan auf dem Gebiet der maritimen Tätigkeit der RF mit dem Ziel der Umsetzung der Marinedoktrin das «Marinekollegium bei der Regierung der RF» geschaffen.4  Im Ergebnis der bis August 2003 stattgefundenen 4 Tagungen wurden den entsprechenden föderalen Exekutivorganen kurzfristige Aufgaben auf dem Gebiet der maritimen Tätigkeit gestellt. Hier geht es in jedem Falle um ein komplexes strategisches Zusammenwirken zwischen Politik, Wirtschaft, Marine und Gesellschaft insgesamt.

Viertens handelt es sich um die "Konzeption zur Entwicklung der Seekriegsflotte Russlands bis zum Jahre 2016", die eine Entwicklung der Seekriegsflotte auf der Basis neuester Schiffskräfte vorsieht, die einzigartige Gefechts- und Einsatzcharakteristika in sich vereinen sollen.


3.  In der Diskussion: Aktuelle Bedrohungsszenarien und perspektivische Streitkräftestrukturen

Parallel zur Entstehung und schrittweisen Umsetzung dieser offiziellen Dokumente fand und findet in der Öffentlichkeit eine rege und zum Teil kontroverse Diskussion insbesondere zur Bewertung aktueller Bedrohungsszenarien für die RF und die daraus abzuleitenden Konsequenzen für den Aufbau der Streitkräfte statt.
Stellvertretend seien hier die Ansichten von Admiral Krawtschenko1 (Chef des Hauptstabes der SKF) und General Sliptschenko2 hervorgehoben.

Im Gegensatz zu einigen in der Vergangenheit (insbesondere vor 1999) geäußerten Argumentationen, die die Auffassung vertraten, dass der erzwungene Verzicht auf strategische Handlungen der Seekriegsflotte auf ozeanischen Schauplätzen zu keinerlei Sicherheits- und Souveränitätseinbußen geführt hätte, also auch künftig keine primäre Rolle spielen müssten, vertreten beide eine Ansicht, die dem nicht nur widerspricht, sondern auch konzeptionelle Geschlossenheit erkennen lässt.

Die Ausführungen von Admiral Krawtschenko betrachte ich im Weiteren etwas detaillierter, da diese m. E. dem offiziellen Ansatz sehr stark entsprechen.

In seinem Artikel "Die Gefahren aus seeseitigen und ozeanischen Richtungen wachsen an" («Nesawisimaja Gaseta» vom 31.01.2003) benennt er diese Gefahren, trifft Bewertungen der Seestreitkräfte der führenden Staaten der Welt und formuliert Aufgaben und Besonderheiten des Einsatzes der eigenen Flottenkräfte. Krawtschenko führt aus:

Die geopolitische Situation um Russland wird in der nächsten Perspektive von Dynamik, Instabilität und Anspannung in allen strategischen Richtungen, in denen die Voraussetzungen zur Entstehung neuer Krisen und zur Eskalierung bereits bestehender militärischer Konflikte bestehen, gekennzeichnet sein.

Zu Gefährdungen in kurz- und mittelfristiger Perspektive erklärt er:

Es besteht die Möglichkeit des realen Kontrollverlustes über ein maritimes Territorium des Staates in einer Gesamtfläche von etwa 10 Mill. km2, auf das andere Staaten entweder einzeln oder im Bestand verschiedener Koalitionen und Organisationen Anspruch erheben. Diese Gefahr könnte sich beispielhaft in praktisch allen an Russland grenzenden Meeren ergeben: der Barentssee, der Ostsee, dem Schwarzen Meer, dem Kaspischen Meer, dem Japanischen Meer, dem Ochotskischen Meer und dem Beringmeer. Daneben gibt es Probleme mit der international-rechtlichen Festlegung der staatlichen Seegrenzen, der Territorialgewässer, der exklusiven Wirtschaftszone und des Kontinentalschelf.

Bereits jetzt sei es unmöglich, eine sichere ökonomische Tätigkeit Russlands bezüglich der Fischerei, der Schifffahrt und der Öl- und Gasförderung in vollem Maße zu gewährleisten. Landseitig würde Russland lediglich an 18 Staaten angrenzen, während es über See mit 127 Staaten verbunden sei, wobei die Seeverbindungen zum Teil durch für die Schifffahrt gefährliche Gebiete verlaufen. So habe sich in der Barentssee und der Norwegensee in den vergangenen 2-3 Jahren die Anzahl der Fischereischiffe unter russländischer Flagge, die durch Schiffe des norwegischen Küstenschutzes aufgebracht wurden, fast verfünffacht. Allen wäre auch das Aufbringen russländischer Tanker im Persischen Golf in Erinnerung. All dies wertet Krawtschenko als direkte Folge der fehlenden Präsenz der eigenen Flotte in strategisch wichtigen Gebieten der Weltmeere.

In den letzten Jahren seien außerdem deutliche Bestrebungen nach Ausweitung ihrer Einflusssphären nicht nur der USA zu beobachten, sondern auch solcher Länder, wie Großbritannien, Frankreich, Deutschland, Italien, Türkei, Japan, Belgien, Republik Korea und China. Aktiv beansprucht werden Seegebiete, die an das Territorium der RF angrenzen und früher für die Seestreitkräfte anderer Staaten unerreichbar waren, dabei auch der russländische Sektor der Arktis, der Ostsee und des Schwarzen Meeres.3

Bezüglich der Aufgaben der Seekriegsflotte Russlands betont Krawtschenko:

Um die Möglichkeit zu einer adäquaten Reaktion auf die Lageentwicklung in strategisch wichtigen Gebieten zu besitzen, müsse Russland nicht nur über maritime strategische Kernwaffenkräfte verfügen, sondern auch über entsprechende Gruppierungen von Seestreitkräften allgemeiner Bestimmung, die in strategischen Räumen und Seegebieten entfaltet sind. Durch die militär-politische Führung Russlands seien der Seekriegsflotte entsprechende Aufgaben in Friedens- und Kriegszeiten gestellt worden. Der Inhalt der Gefechtsaufgaben, die Rangfolgen und ihre Entscheidungsebenen hingen vor allem ab von Art und Maßstab der Gefechtshandlungen, von den Kräftezusammensetzungen, vom Vorhandensein der Gefechtsmittel, von den Kräften des wahrscheinlichen Gegners, den geografischen Bedingungen und der Jahreszeit.

In Friedenszeiten erfülle die Seekriegsflotte Russlands im Rahmen strategischer und nichtstrategischer Zügelung den gesamten Komplex der ihr gestellten Aufgaben in den operativ wichtigen Gebieten der Weltmeere:

  • Sie führt Aufklärungs- und Informationshandlungen durch.
  • Sie gewährleistet die Sicherheit der strategischen Handlungen des Staates und der militärisch-maritimen Präsenz durch die Übernahme von Gefechtsdienst und Gefechtsbereitschaftsdienst.
  • Sie erfüllt Frieden schaffende Funktionen durch Seeblockade von Gebieten (Zonen) eines bewaffneten Konfliktes.
  • Sie erweist bei Notwendigkeit den Truppen und Organen des Innenministeriums Russlands Hilfe.
  • Sie gewährleistet die Bewachung und den Schutz der Staatsgrenze.
  • Die maritimen strategischen Kernwaffenkräfte wirken bei der Gewährleistung der nuklearen Zügelung mit.

Die Aufgaben werden gleichzeitig durch die Kräfte und Truppen der Flotten in allen Einsatzgebieten gelöst: in der ozeanischen Zone, in fernen und nahen Seegebieten.

Dabei sei zu unterstreichen, dass bis zum Beginn eines militärischen Konfliktes vor allem die Flottenkräfte das effektivste Mittel der Zügelung eines wahrscheinlichen Gegners sein können, durch direktes Ausüben von Druck, Demonstration von Stärke auf See, um somit einen Gegner zur Einhaltung von internationalen Abkommen oder von Resolutionen des UNO-Sicherheitsrates zu zwingen und auf die Anwendung von Gewalt zu verzichten. Daneben gewährleistet die Flotte die Verlegung von Truppen zur Verstärkung von im Einsatz befindlichen und geschaffenen Gruppierungen, führt die ökonomische Seeblockade eines potenziellen Gegners durch, führt die Aufklärung im Interesse der ins Krisengebiet überführten Truppenkontingente, gewährleistet humanitäre Hilfe für die Bevölkerung und ihre Evakuierung.

Genau dieser Handlungsalgorithmus sei gegenwärtig (im Januar 2003) von Seiten der Seestreitkräfte der USA und ihrer Verbündeten bei der Vorbereitung ihrer Gefechtshandlungen gegen den Irak zu beobachten. Dies unterstreiche nochmals Bedeutung und Notwendigkeit der Flottenentwicklung unter modernen Bedingungen. Die Spezifik des Seeraumes schaffe ideale Bedingungen zur ungehinderten Basierung von Kräften in einer beliebigen Region. Darum werde die Absicherung der globalen Interessen der führenden Staaten der Welt auch künftig wesentlich durch die Stärke ihrer Seestreitkräfte bestimmt.

Zu den Besonderheiten des Einsatzes

Zu den Grundformen des Einsatzes der Flottenkräfte und -truppen im modernen Krieg werden nach Krawtschenko gezählt:

  1. der Schlag;
  2. das Gefecht;
  3. die Seeschlacht;
  4. Gefechtshandlungen und systematische Gefechtshandlungen;
  5. die Flottenoperation auf dem ozeanischen Kriegsschauplatz und in der Meereszone;
  6. die Seeoperation zur Vernichtung von Träger- und anderen Schlaggruppierungen des Gegners, zur Suche und Vernichtung von U-Booten des Gegners, zur Zerstörung der See- und ozeanischen Verbindungen des Gegners, zur Gewährleistung der Gefechtsstabilität der maritimen strategischen Kernwaffenkräfte, zur Verteidigung der eigenen Basierungsräume und Seeverbindungen, zum Legen von Minensperren;
  7. strategische Handlungen und Operationen auf dem ozeanischen Kriegsschauplatz.

Die Grundform des Einsatzes der Flotte in lokalen Kriegen und militärischen Konflikten unterschiedlichen Maßstabs sowie in einem umfassenden Kriege seien Gefechtshandlungen. Eine selbständige Flottenoperation wäre die höchste Form des Einsatzes der Kräfte einer jeden Flotte zur Lösung von Aufgaben operativen und operativ-strategischen Maßstabs. Außerdem sei die Flottenoperation Bestandteil einer strategischen Luft-Kosmos-Operation bei strategischen Handlungen der Streitkräfte auf dem Kriegsschauplatz. Nicht auszuschließen wäre, dass die Nord- und die Pazifikflotte in Abhängigkeit vom Maßstab der Gefechtshandlungen im Rahmen einer ersten Operation auch Seeoperationen durchführen könnten.

Besondere Aufmerksamkeit sei bei der Vorbereitung auf Gefechtshandlungen in lokalen Kriegen und bewaffneten Konflikten der Ausführung von See- und Lufttransporten von Truppen und Technik zu widmen, der Ausführung von Landungen, der Führung des Minenkrieges, der Gewährleistung der Sicherheit der eigenen Seeverbindungen und der Evakuierung der Bevölkerung.

Die Einheiten und Truppenteile der Marineinfanterie kämen bei Seelandungen, bei der Verteidigung eines Küstenabschnitts, im Zusammenwirken mit Gruppierungen der Landstreitkräfte, sowohl in der Verteidigung, als auch bei Angriffshandlungen in Küstenrichtungen zu Einsatz. In Abhängigkeit von der Entfernung des Konfliktgebietes zum Territorium Russlands könnten Bedeutung und Rolle der Flottenkräfte variieren: zwischen Sicherstellungsaufgaben im küstennahen Gebiet bis hin zu einer bestimmenden Rolle auf fremdem Territorium - in entfernten Meeres- und ozeanischen Gebieten.

Bezüglich der Besonderheiten der Führung eines Konfliktes großen Ausmaßes wird betont, dass die erfolgreiche Durchführung einer strategischen Luft-Kosmos-Operation sich entscheidend auf Verlauf und Ausgang eines Krieges und in einigen Fällen unmittelbar auf die Erreichung des Kriegsziels auswirken könne.

Während der Beteiligung an einer Luft-Kosmos-Operation hätten die Kräfte und Truppen der Seekriegsflotte zwei grundlegende Aufgaben zu lösen:

  • erstens - die Vernichtung der Luft-Kosmos-Angriffsmittel des Gegners in allen Sphären: in der Luft, auf dem Land und auf See;
  • zweitens - der Schutz der wichtigsten staatlichen und militärischen Führungspunkte und der Wirtschaftobjekte vor Schlägen durch Luftangriffsmittel des Gegners.

Insbesondere die Erfüllung dieser letzteren Aufgabe wäre für die Kräfte und Mittel der Seekriegsflotte charakteristisch, die im Kaliningrader Gebiet und auf Kamtschatka disloziert seien.

Ausführlicher wird auf die Methoden und Formen der Lösung der ersten Aufgabe durch die Flottenkräfte eingegangen. Die Erfüllung dieser Aufgabe der Flotte erfolge in der Regel in Form einer Seeoperation durch die Flottenkräfte im Zusammenwirken mit anderen Teilstreitkräften. Erinnert wird hier an die Grundarten einer Seeoperation: die Operation zur Vernichtung der Schlaggruppierungen des Gegners (der Trägerschlaggruppen und der operativen Raketengruppen); die Operation zur Suche und Vernichtung der Raketen-U-Boote; zur Zerstörung der See- und ozeanischen Verbindungen.

Zur Durchführung von Seeoperationen zur Vernichtung von Flugzeugträgern und anderen Schiffen des Gegners könnten U-Boote, Überwasserschiffe und Marinefliegerkräfte herangezogen werden. Die führende Rolle bei der Lösung der Hauptaufgabe - der Vernichtung von Flugzeugträgern - komme der U-Bootflotte und den Marinefliegerkräften zu. Gleichzeitig jedoch seien gegenwärtig weder Marinefliegerkräfte noch U-Boote selbständig in der Lage, die Aufgabe der Vernichtung von Trägerschlaggruppen zu lösen. Dies könne nur im engen Zusammenwirken mit anderen Teilstreitkräften, vor allem mit den Armeen der Luftstreitkräfte und Luftverteidigung erreicht werden.

Dabei zeige die Erfahrung der operativen und Gefechtsausbildung der Flotten, dass die Durchführung von Seeoperationen auch zur Lösung anderer Aufgaben möglich sei. Insbesondere könne auch eine Minenlegoperation als Seeoperation durchgeführt werden.

Die Schaffung bestimmter Gruppierungen von Kräften und Truppen im Kaliningrader Gebiet unter Führung des Flottenkommandos bedinge die Operation eines vereinten Kommandos zur Lösung des gesamten Komplexes von Aufgaben als Einsatzform der Vereinigung von Kräften und Truppen der Flotte.

Traditionelle Form des Einsatzes der Flottenkräfte bleibe die Operation einer Flottille verschiedenartiger Kräfte als höchste Einsatzform dieser Kräfte bei der Lösung von Aufgaben operativen Maßstabs. Die Operation einer Flottille verschiedenartiger Kräfte werde selbständig durchgeführt oder im Zusammenwirken mit Verbänden, Truppenteilen und Einheiten anderer Teilstreitkräfte in der ihr zugewiesenen operativen Zone.

Ein besonderer Stellenwert beim Einsatz der Kräfte der Seekriegsflotte komme den maritimen strategischen Kernwaffenkräften im Rahmen einer Operation der strategischen Kernwaffenkräfte zu. Außer den strategischen Raketen-U-Booten würden hierzu Truppenteile und Einheiten der Flotte herangezogen werden, die strategische Kernwaffen in ihrer Bewaffnung führen, wie insbesondere die U-Boote mit Flügelraketen. Entsprechend würden die Gefechtshandlungen dieser Verbände von Einheiten zu einem Bestandteil einer Operation der Strategischen Kernwaffenkräfte werden.

Als höchste Einsatzform der Seekriegsflotte werden strategische Handlungen auf dem ozeanischen Kriegsschauplatz (strategische Operation auf dem ozeanischen Kriegsschauplatz) betrachtet. Gegenwärtig wird die Durchführung von strategischen Handlungen der Seekriegsflotte auf ozeanischen Kriegsschauplätzen in vollem Maßstab aufgrund des Fehlens von Kräften in entfernten Meeres- und ozeanischen Zonen als wenig wahrscheinlich angesehen. Erforderlich wären außerdem Kräfte und Mittel der rückwärtigen und technischen Sicherstellung. Auch wären die Führungssysteme für die Kräfte in entfernten Gebieten unzureichend entwickelt. Gleichzeitig wären jedoch angesichts der rasanten Entwicklung von Präzisionswaffen selbst zahlenmäßig begrenzte in entfernten Gebieten der Weltmeere handelnde Flottenkräfte unter bestimmten Bedingungen in der Lage Aufgaben zu lösen, die das Erreichen strategischer Ziele ermöglichen. Aus diesem Grunde wäre es verfrüht, auf die Ausarbeitung einer solchen Einsatzform der Seekriegsflotte, wie die strategischen Handlungen auf dem ozeanischen Kriegsschauplatz, zu verzichten.

Die Seekriegsflotte in der "Epoche kontaktloser Kriege" (Sliptschenko)

General Sliptschenko vertritt die Auffassung, dass die Militärreform des vergangenen Jahrzehnts neben vielen anderen Unzulänglichkeiten an den Kriegen der Vergangenheit orientiert gewesen wäre. Die Verteidigungsfähigkeit des Landes würde nach wie vor auf der zügelnden Wirkung des nuklearen Potenzials basieren. Diese Prämisse jedoch würde in einer Epoche kontaktloser Kriege prinzipiell zweifelhaft.

Sliptschenkos Kernthese besteht in der Annahme, dass künftige Hauptbedrohungen für Russland in einem gegnerischen Masseneinsatz von Präzisionsflügelraketen bestehen. Damit ergäbe sich die Notwendigkeit, die Luftverteidigung des ökonomischen Potenzials und der ökonomischen Infrastruktur des Landes in eine «gesamtstaatliche strategische Luft-Kosmos-Präzisionsverteidigung» («общегосударственную стратегическую воздушно-космическую высокоточную оборону») zu transformieren. Diese müsse gleichzeitig Raketenabwehr, Kosmosabwehr und Abwehr von Flügelraketen sein. Daraus folge, dass die entscheidende Vernichtung gegnerischer luftgestützter und maritimer Träger bereits vor deren Einsatzlinie für Präzisionsflügelraketen erfolgen müsse.

Für die Struktur von Armee und Flotte erfordert dies nach Sliptschenko eine prinzipielle Umstrukturierung, die von der klassischen Teilung in Luft-, Land- und Seestreitkräfte abgehen muss. Zu schaffen seien funktionale zweigliedrige integrierte Teilstreitkräfte (Strategische Schlag- und Strategische Verteidigungskräfte) auf der Basis hoch entwickelter Präzisionsmittel zur Führung des bewaffneten Kampfes in kontaktlosen Kriegen. Diese Konzeption müsse basieren auf einer großen Anzahl von unbemannten Präzisionsvernichtungsmitteln mit interkontinentaler Handlungsreichweite, auf einer strategischen Verteidigung des Landes vor Präzisionsmitteln, die ebenfalls aus Präzisionsmitteln bestehen müsse, sowie auf einer informatorischen Ressourcenkomponente zur Führung von kontaktlosen Kriegen.

Zu Grundformen eines kontaktlosen Krieges werden "Luft/Kosmos/See-Schlag- und -Verteidigungsoperationen". Dabei werde eine Schlagoperation nicht von Gruppierungen der Luft- und Seestreitkräfte vorgetragen, sondern von auf ihrer Grundlage geschaffenen Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen, bei denen die Kosmosinfrastruktur zu einer systembildenden Komponente werde.

Die Seekriegsflotte Russlands müsse somit in sich sowohl strategische Schlagfähigkeiten als auch strategische Verteidigungsfähigkeiten in den Weltmeeren vereinen, was eine Wiederherstellung ihrer dortigen ständigen Präsenz erfordere. Im Verlaufe einer Reform der Streitkräfte Russlands müsse die Rolle der maritimen Komponente der nichtnuklearen strategischen Schlagkräfte, die sich ständig auf den Weltmeeren befinden, deutlich erhöht werden.

Sliptschenko spricht sich für einen entschiedenen Übergang zum Bau von Über- und Unterwasserschiffen aus, die als Träger von Präzisionswaffen mit einer Reichweite von bis zu 5000 km unter Nutzung des kosmischen Systems globaler Positionierung GLONASS fungieren sollen.

Die küsten- und bordgestützten Fliegerkräfte werden sich allmählich zu einem effektiven Trägermittel für Präzisionswaffen wandeln.

In kontaktlosen Kriegen werde also die "strategische Luft/Kosmos/See-Verteidigung" durch eine neue Teilstreitkraft mit völlig neuen Funktionen erfüllt – durch die Strategischen Verteidigungskräfte. Diese seien dann nicht mehr dazu bestimmt, jeder durchgebrochenen Flügelrakete "nachzujagen" und militärische und zivile Objekte "abzuschirmen", sondern ihre Hauptfunktion bestünde in der Vernichtung der Träger luftgestützter Präzisionsmittel vor deren Einsatzlinie zum Start von Flügelraketen, also in etwa 2000 – 3000 km Entfernung von der Staatsgrenze.

Eine dazu identische Position wird auch von I. M. Kapitanez vertreten:

"In Anbetracht des bis 2010 beschränkten Militärbudgets empfiehlt sich ... zur Verhinderung oder Abwehr einer Aggression des 'Balkantyps' die Schaffung einer Gruppierung von Flottenkräften zur Durchführung einer Luft-Kosmos-See-Operation mit dem Ziel der Unterbindung der Aggression durch die Vernichtung der Träger der Präzisionswaffen. Dabei ist es notwendig, ein hinlängliches Potenzial an strategisch-nuklearer Zügelung zu bewahren." 4

Gefordert wird daher ein Systemansatz beim Aufbau der Flotte zur Vorbereitung auf die «Kriege der sechsten Generation», der auf der Prämisse basiert, dass das wissenschaftlich-technische und das Produktionspotenzial eines Staates unmittelbaren Einfluss auf die Entwicklung von Bewaffnung und Kampftechnik ausübt und sich letztere zu einheitlichen multifunktionalen Gefechtssystemen vereinigen. Die Konfrontation "Flotte gegen Flotte" wird in künftigen Kriegen als zweitrangig eingeschätzt. Die Hauptentwicklungsrichtung der Flotte folge dem Schema "Flotte gegen Küste", wobei die Hauptziele Objekte der Wirtschaft und der Lebenstätigkeit des Landes seien, deren Vernichtung in relativ kurzer Zeit ohne Einsatz von Truppen die Zielerreichung in lokalen Kriegen ermögliche. Ein Novum bei diesen "Kriegen der sechsten Generation" sei die globale und regionale Informationssicherstellung in Echtzeit mittels kosmischer Systeme, in die auch die Systeme der Feuerführung bei Fernhandlungen integriert sind. Dies schaffe die Möglichkeit, von einem unmittelbaren Kontakteinsatz der kämpfenden Truppe zu einem distanzierten Feuerkontakt zur Vernichtung des ökonomischen Potenzials des Landes zu wechseln.

Charakteristische strategische Tendenzen in einem künftigen Krieg (also auch insbesondere gegen Russland) bestehen nach Auffassung von Kapitanez in:

  • der Vernichtung der Schlüsselobjekte der Führung, Energetik und Industrie;
  • Distanzschlägen von luft- und seegestützten Präzisionswaffen gegen Küstenobjekte;
  • der Integration von Erlangung und Verarbeitung von Informationen mit den Komplexen der Schlagmittel zu einem einheitlichen multifunktionalen System, das die Ausgabe von Zielzuweisungen in Echtzeit gewährleistet;
  • einer strategischen Luft/Kosmos/See-Operation als Grundform der Zielerreichung in einem lokalen Krieg;
  • in Schlägen auf militärische und ökonomische Objekte, die vorgetragen werden von speziell geschaffenen Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen und den Trägern der Präzisionswaffen.

Diese Prämissen müssten der Erarbeitung von Theorie und Praxis der Vorbereitung der Streitkräfte auf die Kriege der Zukunft zugrunde liegen.

Sliptschenko hält es darüber hinaus für zweckmäßig, die Militärreform und die Reform der Streitkräfte in vierjährigen Zyklen zu führen, die der Wahlperiode des Präsidenten entsprechen, welcher auch persönlich diese Reformen führen müsse. Dies würde am ehesten sowohl eine konsequente Planung als auch die Realisierung dieser Pläne ermöglichen.

Die Entwicklungen der letzten etwa 3 Jahre und besonders der vergangenen Monate deuten m. E. dahin, dass diese Ansätze aktiver bzw. ehemaliger Militärs (wenngleich in einzelnen Aspekten sehr streitbar) zunehmend Eingang in die offizielle Politik finden. Hier wirkt sich in direkter Weise das "Jugoslawientrauma" aus. Der wohl extremste Ausdruck dieser Tendenz ist der Artikel von W. Krasilnikow unter dem Titel «Amerika bereitet einen Schlag vor ... auf Russland?» («Америка готовит удар ... по России?» ).5


4.  Erste Anzeichen einer Stabilisierungsperiode im Marineschiffbau Russlands

Eine erste Zwischenbilanz bei der Umsetzung der offiziellen strategischen Weichenstellung erlaubt die Feststellung, dass etwa ab Beginn des Jahres 2001 eine merkliche Stabilisierungsperiode einsetzte:

  • Die Flotte bekam wieder 50 - 60% der notwendigen Zuwendungen statt der 20 - 30% in den vorangegangenen Jahren. Gestoppt werden konnte das massenhafte Ausmustern von Schiffen im Ergebnis sowohl der Flottenteilung zwischen den sich neu gebildeten Staaten (1991 - 1997) als auch aufgrund massiver Veralterungen sowie der Unmöglichkeit, eine gewaltige Anzahl von Schiffen ohne eine mittlere oder Hauptinstandsetzung im Kampfbestand zu halten (1992 – 1997). Mit dem Erlass des Präsidenten der RF vom 4. März 2000 wurde die Aufgabe gestellt, das maritime Potenzials Russlands wieder herzustellen. Es gelang, den Kern der Flotte zu erhalten. Jetzt begannen die erforderlichen Instandsetzungen dieses Kerns.
  • Im Schiffbau Russlands überwiegen zu dieser Zeit Exportaufträge, ja sie gewähren überhaupt den Erhalt der Werftindustrie, wobei Indien als Importeur einen bedeutenden Platz einnimmt. In Sewerodwinsk, im Werk «Sewmaschpredprijatije», («Севмашпредприятие») läuft die Modernisierung des Flugdeckkreuzers «Admiral Gorschkow», der 2003 dem neuen indischen Eigner übergeben werden soll. In der Baltischen Werft wird das Programm zum Bau von 3 Fregatten des Projektes 1135.6 ("Talwar", "Trischul" und "Tabar") entsprechend des Vertrages vom 17. November 1997 fortgesetzt.
    Die dieselelektrischen U-Boote des Projektes 877EKM, die die Instandsetzung in der Sewerodwinsker Werft «Swjosdotschka» (
    «Звездочка») durchlaufen, werden auf den neuen Raketenkomplex "Klub-S"   (Anlage 4)   modernisiert. Auf indischen Werften werden nach russländischer Lizenz Raketenschnellboote gebaut. Dieses Programm wird auf fast 5 Mrd. Dollar beziffert.
  • Das zweite Land, das Interesse an Schiffbautechnologien der RF bekundete, war China. Nach dem Bau einer Serie von U-Booten der Projekte 877EKM und 636 wurden im Jahre 2000 zwei Zerstörer des Projektes 956E übergeben. Wie mit Indien wird auch mit China die Möglichkeit einer Leasingvariante für ein Atom-U-Boot erörtert. Eine Delegation des Volksbefreiungsarmee Chinas besichtigte ein Exponat des Projektes 671RTM, befand dieses aber für zu alt; nun ist von einem nuklear getriebenen U-Boot des Projekts 971 die Rede ist.
  • Indonesien und der Iran sind an neuen U-Booten mit nichtatomarem Antrieb interessiert. Diese Boote einer neuen Generation werden auf der Werft in Sankt Petersburg gebaut. Aus Griechenland ging der seit 1991 erwartete Auftrag zum Bau von Luftkissenlandungsschiffen des Projektes 1232.2 ein. Einige Länder sind an Schnellbooten der Typen "Mirash" (Projekt 14310), "Swetljak" (Projekt 10412) und "Mustang" (Projekt 18627) und "Mustang-2" (Projekt 18623) interessiert. Vietnam baut auf eigenen Werften Korvetten und Schnellboote nach russländischen Lizenzen.1

Diese unvollständige Aufzählung soll illustrieren, dass der einheimische Schiffbau nach einer langen Phase der erzwungenen Stagnation etwas an Tempo zu gewinnen begann.


5.  Zur Übungs- und Manövertätigkeit

Während in den 90er Jahren allenfalls einzelne episodenhafte Handlungen der Seekriegsflotte stattfanden, - die letzte Geschwaderfahrt eines Schiffsverbandes der Nordflotte datiert aus dem Jahre 1995 -, ist seit spätestens 2002 das Bestreben nach Kontinuität und komplexem Handeln in See entsprechend der oben genannten Dokumente erkennbar. Dies soll anhand folgender Beispiele dokumentiert werden:

  1. dem Manöver im Kaspischen Meer im August 2002,
  2. der gemeinsamen russisch-indischen Übung INDRA-2003,
  3. den Übungen der Nordflotte und Baltischen Flotte im Juni 2003 in der Ostsee,
  4. der Kommandostabsübung im August 2003 in der Pazifikregion.

zu 1.

In der ersten Augusthälfte 2002 fand im Kaspischen Meer eine Komplexübung statt, die unzweifelhaft verdeutlichte, dass Russland bestrebt und in der Lage ist, diese Region zu dominieren.
In die Praxis der Gefechtsausbildung fand eine Reihe neuer politischer, militärischer und technischer Momente Eingang, die die gegenwärtig entscheidenden Veränderungen in der Moskauer Verteidigungspolitik widerspiegeln. Erstmals standen hinter dem Übungsszenario so klar verfolgte reale politische Aufgaben, die Russland an seinen südlichen Grenzen zu lösen hat. Erkennbar wurde ein neuer Ansatz des Staates gegenüber dem Schutz konkreter Regionen und Wirtschaftssubjekte und, - besonders bemerkenswert -, der privaten Wirtschaft. In der Gefechtsausbildung wurde auf einem qualitativ neuen Niveau das Zusammenwirken der Formationen unterschiedlicher Teilstreitkräfte und anderer Machtstrukturen erarbeitet. Darüber hinaus wurde die Fähigkeit demonstriert, politische und propagandistische Aktionen mit den realen Handlungen der Machtstrukturen gekonnt zu verbinden.

Einige quantitative Werte zu den Manövern: Es waren 10 500 Tausend Mann, 60 Schiffe und Boote, über 30 Flugzeuge / Hubschrauber einbezogen. In der Zeit vom 1. - 7. August führten die Streitkräfte Russlands Kommando-Stabs-Manöver durch, vom 8. - 15. August erfolgte die Erfüllung von Aufgaben in See und im Küstenvorfeld.

Ziele und Aufgaben

Es ist bezeichnend, dass - wenngleich einzelne Momente der Übungen sehr gut beleuchtet wurden - doch viele Elemente der Idee und des Szenarios geheim bleiben. So wurde der Maßstab der Manöver nicht bezeichnet (strategische, operative, taktische), nichts verlautete auch über eine offizielle Bezeichnung, die in der Regel sinngeladen wäre. Spezialisten bestimmen die Maßnahme als operativ-taktisch. Eine Analyse von Informationen aus offenen Quellen ermöglicht es, eine Liste von Aufgaben und in einigen Fällen auch Elemente des Szenarios der Übungen aufzustellen.

Die offiziell erklärten Ziele der Übungen waren:

  • Gewährleistung von Stabilität im Kaspischen Meer, in Dagestan und im gesamten Nordkaukasus;
  • Demonstration der Bereitschaft Russlands zum Kampf mit dem Terrorismus in all seinen Erscheinungen, wie auch mit Seepiraterie (bezeichnender Weise wurden vom Verteidigungsminister Sergej Iwanow als Richtungen, aus denen Gefahr für die Kaspi-Anrainerstaaten ausgehen könnten, Afghanistan und Georgien genannt. Dabei werden von ihm als Terroristen all jene gemeint, denen die "gegenwärtige Lage in der Region nicht gefällt");
  • Schutz des "Nord/Süd" - Transportkorridors, dessen Projekt nach den Worten des stellvertretenden Transportministers der RF, Wjatscheslaw Rukschi, ohne harte Sicherheitsgarantien der Gefahr von Anschlägen ausgesetzt ist;
  • Bewachung der maritimen Bioressourcen, die nach den Worten des Astrachaner Gouverneurs, Anatoli Gishwin, eines der wichtigsten Probleme der Region darstellt;
  • Bewachung und Schutz von Objekten des Öl-Gas-Komplexes an der Küste und im Schelf des Kaspischen Meeres;
  • Unterbindung des gesetzwidrigen Transportes von Narkotika;
  • Erarbeitung eines einheitlichen Systems zum Schutz der ökologischen Sicherheit und zur Rettung auf See.

Die Vertreter des Verteidigungsministeriums nannten auch eine Reihe anderer Aufgaben in sozusagen technologischer Hinsicht. Erstens geht es dabei um Schlussfolgerungen aus der Ausweitung der militärischen Gruppierung in der Region und der Auffüllung der Kaspi-Flottille. Zweitens wollte das Verteidigungsministerium der RF neue Bewaffnung und Technik, die bis dahin für Handlungen in See nicht zum Einsatz kam, unter annähernden Gefechtsbedingungen erproben. Drittens ging es um die Erarbeitung des Zusammenwirkens zwischen den Formationen großer föderaler Behörden, die nach den Worten von Wladimir Kurojedow im Prinzip identische Funktionen erfüllen, was die Gefahr in sich berge, sich gegenseitig zu paralysieren oder zu behindern.

Die föderalen Einrichtungen legten großen Wert darauf, die Nachbarn wie auch die Weltöffentlichkeit zu beruhigen, die in einigen Fällen die Übungen als den Versuch Russlands auffassten, seine Position in der Region mittels Gewalthandlungen zu festigen. In diesem Zusammenhang wurden unverfängliche Formulierungen gefunden, wie die folgende von Admiral Kurojedow: "Mit der Durchführung der Übungen der Kaspi-Flottille verfolgen wir nicht die Absicht, militärische Gewalt zu demonstrieren. Russland verfügt jedoch über ein mächtiges militärisches Potenzial zur Erfüllung seiner Aufgaben, sofern diese nicht auf friedlichem Wege lösbar sind." Etwas offener äußerte sich der ehemalige Kommandierende der Schwarzmeerflotte, Admiral Eduard Baltin: "Das offizielle Szenario der Übungen der Kaspi-Flottille trägt lediglich taktischen Charakter, in strategischer Hinsicht muss Russland zum Ausdruck bringen, dass diese Region Zone seiner strategischen Interessen ist, die es bereit ist zu behaupten, und dies auch mittels militärischer Gewalt". Er brachte ebenfalls zum Ausdruck, dass das Hauptziel der umfangreichen Übungen im Kaspischen Meer das Training des Zusammenwirkens der verschiedenen Machtstrukturen Russlands ist, um künftig in dieser Region eine operative Kaspische Kräftegruppierung schaffen zu können.1

zu 2.

Im Juni 2003 fand eine Geschwaderfahrt von Einheiten der Pazifik- und der Schwarzmeerflotte zu gemeinsamen Manövern mit den indischen Seestreitkräften unter der Bezeichnung INDRA-2003 statt.2 In diesem Zusammenhang kam es auch zum Einsatz von see- und luftgestützten Flügelraketen, was als Beleg für das komplexe Herangehen von Flottenkommando und Staatsführung gegenüber den Fragen der Gefechtsausbildung der Seekriegsflotte zu werten ist. Spezialisten betonen hierzu, dass im Rahmen des staatlichen Programms für Bewaffnung einige Zeit vor dem Erscheinen der Schiffskräfte und der mit diesen zusammenwirkenden strategischen Raketenträger der Luftstreitkräfte im Seegebiet des Indischen Ozeans mehrere Satelliten zur Zielzuweisung in den Orbit geschickt wurden. Denn: eine Hochseeflotte ohne eigenes kosmisches Nachrichtensystem ist heute undenkbar.
Von russischer Seite direkt beteiligte Schiffskräfte waren u.a. der Raketenkreuzer "Moskwa" (Projekt 1164) aus dem Bestand der Schwarzmeerflotte sowie die Großen UAW-Schiffe "Marschall Schaposchnikow" (Projekt 1155) und "Admiral Pantelejew" (Projekt 1155) aus dem Bestand der Pazifikflotte. Von indischer Seite waren Überwasserschiffe und U-Boote der West- und Ostflotte der indischen Seestreitkräfte einbezogen, darunter der Flugzeugträger "Vikrant".

Zum Einsatz kam der Schiffsverband bereits an den in letzter Zeit größten Übungen der Fernfliegerkräfte der Luftstreitkräfte der RF (4 strategische Bomber Tu-160, 9 Tu-95 MS, 12 Tu-22 M3 sowie 4 Il-78 zur Luftbetankung) in der zweiten Maidekade.

Am Morgen des 14. Mai starteten zwei Tu-160 und vier Tu-95 MS aus der Fliegergarnison Engels (Gebiet Saratow) mit Kurs auf den Indischen Ozean. Nach etwa fünf Flugstunden führten die Bomber Tu-95 MS aus einer Distanz von 400 km Starts von zwei strategischen Flügelraketen X-55 auf angenommene Koordinaten im Gebiet des Indischen Ozeans aus. Die angenommenen geografischen Punkte wurden getroffen.

Über die Mission der Tu-160 gibt es keine offiziellen Mitteilungen durch die Vertreter der Luftstreitkräfte und des Verteidigungsministeriums. Einige Quellen sprechen von imitierten Luftschlägen auf das Atoll Diego Garcia und davon, dass zu den Übungszielen die Luftwaffenbasis der strategischen Fliegerkräfte der USA, die Marinebasis, das Führungszentrum der amerikanischen strategischen U-Boote im Indischen Ozean, das Zentrum der funkelektronischen Aufklärung wie auch die Lager für nukleare Gefechtsköpfe gehört hätten. Nach 12 Flugstunden und 10 000 km kehrten die Tu-160 in ihre Basis zurück.

Am 16. Mai wurde ebenfalls im Indischen Ozean die Aufgabe der Vernichtung einer Flugzeugträgerschlaggruppe erarbeitet. Der Schiffsverband unter Führung von Vizeadmiral E. Orlow führte eine taktische Übung einschließlich praktischer Starts von Antischiffs-Flügelraketen P-500 "Basalt" vom Raketenkreuzer "Moskwa" (Projekt 1164). Der Kampfsatz der "Moskwa" besteht aus 16 derartigen Flügelraketen mit einer Reichweite von maximal 500 km; möglich sind sowohl nukleare Gefechtsköpfe von 350 kt als auch konventionelle mit einer Masse von 1000 kg.

Das offizielle Ziel dieses Teils der Übung bestand nach den Worten des Kommandierenden der 37. Luftarmee, Generalmajor Igor Chworow, darin, Fragen des Zusammenwirkens der Fernflieger mit der Seekriegsflotte und anderen Teilstreitkräften und Waffengattungen in den westlichen, östlichen, nördlichen und südlichen Regionen Russlands, den Seegebieten und Ozeanen zu erarbeiten. Damit wird nochmals das globale Ausmaß der durchzuführenden operativen Maßnahmen unterstrichen.

Admiral Kurojedow betonte bezüglich der gemeinsamen Manöver mit den indischen Streitkräften, dass diese bisher ohne Beispiel seien, da früher derartige Übungen mit Seestreitkräften anderer Staaten generell nicht durchgeführt wurden. Er hob hervor, dass die russisch-indischen Übungen ein erster Schritt zur Wiederherstellung einer ständigen Präsenz der Seestreitkräfte der RF auf dem Weltmeer seien.

zu 3.

Zu einer nächsten umfangreichen Episode in der militärisch-maritimen Tätigkeit wurde die Übung der Nordflotte und der Baltischen Flotte in der Ostsee im Juni 2003 unter Führung des Kommandierenden der Baltischen Flotte, Admiral W. Walujew.
Beteiligt waren 35 Überwasserschiffe, 8 Hilfsschiffe, Fliegerkräfte, wie auch ein diesel-elektrisches U-Boot. Zum Bestand des Geschwaders der Nordflotte unter Führung des Stellvertretenden Kommandierenden der Nordflotte, W. Dobroskotschenko, gehörten der Schwere Atomraketenkreuzer "Pjotr Welikij" (Projekt 1144), der Raketenkreuzer "Marschall Ustinow" (Projekt 1164) und das Große U-Boot-Abwehrschiff "Admiral Lewtschenko" (Projekt 1155). Die Baltische Flotte wurde vertreten durch den Zerstörer "Nastoitschiwyj" (Projekt 956) und das Wachschiff "Neustraschimyj" (Projekt 1154.0). Entsprechend der Idee der Übung kam es zu einem zweiseitigen Seegefecht unter Einsatz aller Feuermittel. Das zusammengesetzte Geschwader wehrte einen massierten Raketenschlag ab, erarbeitete Aufgaben der Luftabwehr sowie der Suche und Vernichtung eines U-Bootes.<

Der Verlauf der Übung wurde von Bord des Raketenkreuzers "Marschall Ustinow" vom Präsidenten der RF W. Putin und seinem Gast, dem polnischen Präsidenten A. Kwaschnewski, beobachtet. Zur Übung eingeladen waren militärische Beobachter aus Deutschland, den Niederlanden, Polen, Schweden, Großbritannien, Litauen und den USA, sowie Vertreter des in Kaliningrad akkreditierten ausländischen diplomatischen Korps.

Experten lenkten die Aufmerksamkeit auf den politischen Untertext dieser Übungen. Es ist offensichtlich, dass solche Kampfschiffe, wie "Pjotr Welikij" (Projekt 1144) und "Marschall Ustinow" (Projekt 1164) für die Ostsee klar überdimensioniert sind. Ihr Einlaufen ist in diesem Kontext als Demonstration zu werten, dass selbst nach einem NATO-Beitritt der baltischen Staaten und Polens Russland nicht gedenkt, auf seinen geopolitischen Einfluss in dieser Region zu verzichten, und im Falle einer Zuspitzung der Lage Maßnahmen zur Ausweitung ihres militärisch-maritimen Potenzials anstrengen wird.3

zu 4.

Ab 18. August 2003 fanden im Fernen Osten strategische Übungen der Pazifikflotte statt. An dieser Kommandostabsübung waren unter Führung des Oberkommandierenden der Seekriegsflotte, Flottenadmiral Kurojedow, 15 föderale Organe der exekutiven Macht beteiligt. Zur Teilnahme an der Planung und Erarbeitung der Aufgaben im Rahmen der Manöver wurden der Apparat des Bevollmächtigten Vertreters des Präsidenten der RF des Fernöstlichen föderalen Verwaltungsbezirks, die Administrationen der Provinzen Primorsk und Chabarowsk, der Gebiete Sachalin und Kamtschatka herangezogen. An den Manövern waren insgesamt 70 Tausend Mann, etwa 65 Kampfschiffe und –boote, ca. 30 Sicherstellungsschiffe und 70 Flugzeuge und Hubschrauber beteiligt. Der Einladung zur Teilnahme folgten ebenfalls Überwasserschiffe und Hubschrauber Japans, der Republik Korea sowie ein Schiff der Coast Guard der USA. Die Übungen verliefen in drei Etappen in den Seegebieten des Ochotskischen Meeres, der Beringsee und des Japanischen Meeres.4

Die entscheidende Besonderheit dieser Übung besteht darin, dass es sich, wie Verteidigungsminister S. Iwanow erläuterte, nicht um militärische Übungen, sondern um Übungen der Militärorganisation und ziviler Behörden Russlands handele. So wurde neben vielen anderen Episoden, wie Rettungsoperationen in See, Schutz biologischer Ressourcen, Bekämpfung von Wilderei und Abwehr von terroristischen Handlungen erstmals die Einführung des Ausnahmezustandes in einzelnen Regionen und Gebieten des Fernen Ostens geprobt.

Diese Szenarien bestätigen die angekündigte Verwandtschaft zur vorangegangen Übung im Kaspischen Meer. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich die politische und militärische Führung in Umsetzung der oben genannten Grundsatzdokumente der Komplexität und den Ausmaßen spezifischer Bedrohungen in speziellen Regionen stellt.

Angekündigt wurde in Auswertung dieser Kommandostabsübung, sowohl dem Präsidenten als auch dem Marinekollegium auf der kommenden Sitzung Vorschläge zur Korrektur einer Reihe von Gesetzen zu unterbreiten, die die Gewährleistung der Sicherheit des Landes betreffen.
Wie der Verteidigungsminister unterstrich, seien künftige Übungen dieser Art unter Heranziehung aller Kräfte des Staates und ausdrücklich nicht nur des Verteidigungsministeriums geplant. Für 2004 sind derartige Kommandostabsübungen für Sibirien, danach für das Gebiet des Ural und 2006 für das gesamtes Gebiet Russlands vorgesehen.5 Die gemeinsamen Anstrengungen seien auf die Abwehr jener realen Gefahren und Herausforderungen zu richten, die gegenwärtig herrschten.

Die Zahl der Seeeinsätze der Kampfschiffe wächst von Jahr zu Jahr merklich an. Dies zeugt von einer zielgerichteten Ausweitung der Pläne der Gefechtsausbildung. Diese Tendenz soll nach Aussagen des Verteidigungsministers vertieft werden.
Insgesamt zeichnet sich auf dem Gebiet der Übungs- und Manövertätigkeit eine zunehmende Komplexität der Szenarien ab. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass in wachsendem Maße die gesamte zivile Infrastruktur nicht nur der jeweiligen Küstenregionen, sondern auch gebietsübergreifend in ein abgestimmtes Handeln einbezogen werden.


6.  Strategisches Marketing im Bereich der Marinerüstung

Der Gesamtumfang des militärischen Exports Russlands steigerte sich im Jahre 2002 auf 4,82 Mrd. Dollar, wobei jedoch fast 70% davon auf Flugzeugtechnik entfielen. Mittelzuflüsse aus dem Export sind aber, so paradox es klingen mag, nicht zuletzt eine entscheidende Finanzierungsvoraussetzung für den staatlichen Verteidigungsauftrag, was wiederum die Möglichkeit schafft, die seit langem unterbrochenen Serienfertigungen von neuen Überwasserschiffen und U-Booten zu beginnen.

Vor diesem Hintergrund war der von der Agentur Schiffbau organisierte Internationale Militär-Marine-Salon IMDS-2003 in St. Petersburg1 (vom 25. – 29. Juni 2003) auch eine konzentrierte gesamtstaatliche Marketingaktion. Denn Vorsitzender des Organisationskomitees des IMDS war der Minister für Industrie, Wissenschaft und Technologie der RF, I. Klebanow. Beteiligt waren weiterhin die Administration von St. Petersburg, das Verteidigungsministerium der RF, das Komitee der RF für Fragen der militär-technischen Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten und das Föderale staatliche unitare Unternehmen «Rosoboronexport».

Einheimische Marktforscher rechnen für den Zeitraum von 2007 – 2015 mit folgenden Nachfragepotenzialen im Bereich Marineschiffbau auf dem Weltmarkt (jeweils in Einheiten):

  • U-Boote:     -   40
  • Fregatten:     -   45
  • Korvetten:     -   40
  • Raketenboote:     -   100 – 140
  • Landungsschiffe und –boote:     -   100 – 150
  • Minenabwehrschiffe:     -   40 – 60
  • Patrouillenschiffe und –boote:     -   150 – 200.

Die Schiffbauer der RF verfügen gegenwärtig über Entwicklungen, die dieses gesamte Spektrum abdecken können. Die perspektivreichsten Projekte waren unter genau diesem Aspekt auf der IMDS-2003 vertreten. Dazu zählen: U-Boote "Amur-1650" (ZKB MT "Rubin"), Fregatten der Projekte 1135.6 (Sewernoje PKB), Korvetten vom Projekt 20382 (ZMKB "Almas")   (Anlage 2),  Landungsschiffe und -boote der Projekte 12322 und 20910 (ZMKB "Almas"), Minenabwehrschiffe der Projekte 10750 (ZMKB "Almas"), sowie Patrouillenboote der ZMKB "Almas", des KB "Redan" und des ZKB "Alexejew" aus Nishni Nowgorod. Gegenwärtig laufen Bemühungen, im Bereich des strategischen Marketing (durch die Organisationen des Verteidigungsministeriums und der Industrie) für alle Teilnehmer standardisierte Formen der Durchführung und Präsentation der Analyseergebnisse zu entwickeln und sich auf allgemein anerkannte Bewertungskriterien zu verständigen. Zu erwarten ist dadurch m.E. sowohl eine weitere Zunahme der Konkurrenz bei gleichzeitiger Kooperation der Unternehmen auf dem eigenen Binnenmarkt, als auch eine weitere Bündelung der Aktivitäten auf den Außenmärkten.

Einen ebenfalls stabilisierenden Effekt bildet das enge Beziehungsgeflecht russländischer Auftraggeber zu Unternehmen des "nahen Auslands", wie z. B. dem Produzenten von Torpedos und Marinehydrauliksystemen für U-Boote "Kirov Mashzavod" aus Kasachstan.

Für Russland befinden sich die perspektivreichsten Märkte im Bereich der Marinerüstung im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Süd- und Südostasien. So werden allein durch die Golfanrainerstaaten alljährlich 40% des gesamten Weltmarktes an Waffenkäufen realisiert (bei einem dortigen Anteil von 52% der USA, 34% Westeuropas und 5,6% Russlands). In Süd- und Südostasien wurden in den vergangenen Jahren fast 27% des Weltmarktes an Bewaffnungen umgesetzt, wobei Thailand, Malaysia, Südkorea und Singapur jährliche Zuwachsraten von teilweise über 20% aufwiesen. Ein charakteristisches Merkmal einiger dieser Staaten ist das Streben nach einem Technologietransfer. Dies gilt insbesondere für Indien, aber auch für eine Reihe anderer entwickelter Staaten, die zwar über ein eigenes militärindustrielles Potenzial verfügen, aber auf bestimmte militärische Technologien angewiesen sind, wie China, Südkorea und auch Griechenland.

Die südostasiatische Region
Nach Hochrechnungen von Marktforschern der RF im Umfeld der LIMA-2003 (30.09. – 05.10.2003 in Malaysia) beträgt allein im südostasiatischen Raum das Marktpotenzial an Kampfschiffen aller Klassen bis 2010 über 300 Einheiten. Der prognostizierte Bedarf allein an Patrouillenbooten beläuft sich auf 160, der an Landungsschiffen und –booten auf 75, bei der Korvetten- und Fregattenklasse wird mit 25 Einheiten gerechnet.

Bei nichtnuklearen U-Booten wird ein Marktpotenzial von 12 Einheiten angenommen. In letzterem Segment besteht im russischen Marketing das Bestreben, nicht allein einzelne Boote zu verkaufen, sondern der neu beobachteten Tendenz zur Schaffung eigener nationaler U-Bootflotten einiger Staaten Rechnung zu tragen. Dies soll durch Angebote von Gesamtpaketen einschließlich der Schaffung einer entsprechenden Küsteninfrastruktur für den Einsatz sowie zur Ausbildung von Besatzungen geschehen.2

Die Lateinamerikanische Region
Ungeachtet der auf diesem Markt dominierenden Position der USA und der westeuropäischen Staaten, sieht man in Russland durchaus Chancen für den Absatz von Marinetechnik in dieser Region. Dies betrifft neben anderen Produkten auch das Segment der Korvetten- und Fregattenklasse, wo das Potenzial der nächsten Jahre auf 20 Einheiten beziffert wird. Russland ist hier beispielsweise an einer Ausschreibung zum Bau von drei Fregatten für die chilenische Marine beteiligt.

Der Nahe und der Mittlere Osten
Auch die hier bisher beschränkte Präsenz könnte sich aus Sicht russländischer Experten künftig durchaus ändern. So setzt man darauf, dass sich die Golfanrainerstaaten in nächster Zeit vor allem auf modernste Muster an Marinetechnik orientieren werden. So wird beispielsweise bis 2010 für die Länder dieser Region ein Ankauf von insgesamt über 10 Korvetten prognostiziert.

Insgesamt wird allein bezüglich der Korvette vom Projekt 20382 davon ausgegangen, dass dieses Schiff von Interesse sein kann für die Seestreitkräfte Chinas, Indiens, Irans, Libyens sowie einer Reihe von Staaten der südostasiatischen Region.

Westeuropa
Westeuropa ist zwar aus russländischer Sicht ein durchaus interessanter Partner auch auf dem Gebiet der militär-technischen Zusammenarbeit. Doch bleibt diese bisher auf dem Marinesektor auf wenige Ausnahmen, wie die Zusammenarbeit der "Jantar"-Werft mit der Abeking & Rasmussen GmbH & Co. KG, beschränkt. Speziell aus deutscher Sicht überwiegt zumeist die kurzsichtige betriebswirtschaftliche Orientierung auf einen billigen Lieferanten von Rohstoffen und qualifizierten Arbeitskräften sowie auf einen Absatzmarkt.

Bisher ist es eher unüblich, eine technologische Partnerschaft mit Unternehmen der RF als Chance für langfristige Stabilität im eurasischen Raum zu begreifen. Dieser Paradigmenwechsel steht uns in Westeuropa noch bevor. Vergessen wir nicht: Auch aus der Sicht des Erhalts eines Technologiestandortes im Bereich der Marinerüstung ist der westeuropäische Wirtschaftsraum (speziell Deutschland) auf Partner und Märkte angewiesen. Dabei axiomatisch und ausschließlich (wie es Manfred Opel im Marineforum 6-2003 tut) auf eine "vertrauensvolle schiffbautechnische Kooperation mit den USA" als Grundlage für eine "langfristige Bestandssicherung für die deutschen Marinesystemwerften"4 zu setzen, erscheint mir bei aller Akzeptanz der traditionellen Westausrichtung schon allein aus dem pragmatischen Aspekt der strategischen Risikostreuung inakzeptabel. Bereits mittelfristig würde dieser Ansatz m.E. eine bestehende Abhängigkeit (speziell Deutschlands) vom US-amerikanischen Markt weiter unnötig vertiefen und damit die eigenen souveränen sicherheitspolitischen Spielräume Europas eher einschränken.

In Russland ist es selbst unter den schwierigen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen der 90er Jahre gelungen, eine Restsouveränität im gesamten Spektrum der Marinetechnologie zu bewahren. Zur Gewährleistung der staatlichen Interessen der RF auf den Weltmeeren sind der Erhalt und die Entwicklung der wichtigsten Komponente des maritimen Potenzials – der Schiffbauindustrie erforderlich. Selbst unter den gegenwärtigen Bedingungen wachsender Exportaufträge und einer merklichen Konsolidierung der Wirtschaft insgesamt sind die 170 Unternehmen im Bereich Schiffbau (darunter 43 Werften) nach Aussagen von W. Pospelow zu nicht mehr als 25% ausgelastet.5 Eine zu erwartende weitere wirtschaftliche Stabilisierung wird hier sofort den Zufluss umfangreicherer Investitionen in den Bereich von Forschung und Entwicklung, sowie die schrittweise Aufnahme von Serienfertigungen im gesamten Spektrum des Marineschiffbaus für den eigenen Bedarf bedeuten.

Somit erscheint mir das nicht nur auf der IMDS–2003 massiv geäußerte russische Angebot zur technologischen Zusammenarbeit eher als Chance auch für eine leistungsfähige deutsche Systemindustrie und als eine Möglichkeit, zu der häufig in politischen Sonntagsreden beschworenen "strategischen Partnerschaft" mit Russland zu finden.

Übrigens, so wünschenswert eine technologische Zusammenarbeit mit "dem Westen" aus russländischer Sicht auch sein mag, - existentiell darauf angewiesen ist dieses Land trotz aller Probleme auch künftig nicht. Russland dürfte viel eher, als dies in Westeuropa der Fall ist, künftig in der Lage sein, sich über den eigenen Binnenmarkt auch technologisch wesentlich zu reproduzieren.


7.  Fazit und voraussichtliche Prioritäten im Marineschiffbau für die künftige Flottenstruktur

Grundsätzliches

Die Seekriegsflotte Russlands wird künftig weder eine Küstenflotte, noch eine Hochseeflotte sein, sondern eine Kombination aus beiden verkörpern. Zu dieser Einschätzung gelangte Admiral Kurojedow am Rande der bereits erwähnten Kommandostabsübung im Fernen Osten am 25. August diesen Jahres.1 Eine kombinierte Flotte werde sowohl die Küstenverteidigung gestatten, als auch die eigene Interessenvertretung an beliebigen Punkten des Weltmeeres. Ausgehend von den gegenwärtigen Bedingungen wird zuerst der Schwerpunkt auf den Bau von Booten und Schiffen für den Küstenbereich gelegt. Erst danach will man den Neubau von Ozeanschiffen forciert betreiben. Dabei wird auch davon ausgegangen, dass die noch vorhandenen Schiffe dieser Klassen bei entsprechender Modernisierung weitere etwa zwei Jahrzehnte im Bestand gehalten werden können.

Die Grundlage von Stabilisierung und Wachstum in der Schiffbauindustrie - der wichtigsten Komponente des maritimen Potenzials - soll dabei gegenwärtig und in nächster Zeit durch große Exportaufträge geschaffen werden. Dieser Faktor allein verspricht jedoch keine Kontinuität in der Zukunft. Darum erfolgt eine Orientierung des Schiffbaus neben der Erhaltung und Ausweitung der russländischen Positionen auf den Außenmärkten zunehmend auf einheimische Auftraggeber.

«Das Staatliche Bewaffnungsprogramm für den Zeitraum bis 2010» («Государственная программа вооружения на период до 2010г.») ist bestätigt und befindet sich in der Umsetzung. Nach Aussagen von W. Pospelow sind darin die Aufgaben für die Schiffbauer Russlands zum Erhalt und zur Entwicklung der Seekriegsflotte klar formuliert. Schiffe und Boote, deren Kiellegung bereits vor Jahren erfolgte, werden nun fertig gestellt. Es wurde die planmäßige Instandsetzung von U-Booten und Überwasserschiffen aufgenommen, die sich gegenwärtig im Flottenbestand befinden.

Wichtigster Bestandteil der Produktionstätigkeit im Bereich der Agentur Schiffbau ist somit die Erfüllung des staatlichen Verteidigungsauftrags. Ein bedeutender Teil der Werften, der Projektierungsbüros und Institute ist in diesem Bereich mehr oder weniger beteiligt. Das wissenschaftlich-technische Potenzial der Schiffbauindustrie ist gegenwärtig (Stand Ende 2002) auf 56 wissenschaftliche Forschungs-, sowie Projektierungs- und Konstruktionsbetriebe konzentriert. Diese sind im Wesentlichen spezialisiert in Richtung der wissenschaftlichen Forschungs-, Erprobungs- und Konstruktionstätigkeit sowie auf Projektierungsarbeiten (im Boots- und Schiffbau – 21, im maritimen Gerätebau – 22, im Bereich des Schiffsmaschinenbaus und der Elektrotechnik – 13). Zum genannten Zeitpunkt waren in der Schiffbauindustrie ca. 30.000 wissenschaftliche Mitarbeiter tätig.

Im Bereich Schiffbau ist ein Anwachsen der Gesamtinvestitionen zu verzeichnen. Bezüglich der Finanzierungsquellen besteht gegenwärtig folgendes Verhältnis:

  • 50% fließen aus Eigenmitteln der Betriebe,
  • 35% aus Fremdfinanzierungen und lediglich
  • 15% aus Mitteln des föderalen Budgets.2

Die Schaffung günstiger Finanzierungs- und Rechtsbedingungen wird somit Voraussetzung für künftige Investitionen in den Gesamtbereich Schiffbau sein und auch eine Wiedergeburt des zivilen Schiffbaus ermöglichen. Auf Dauer entscheidend wird die Entwicklung der Nachfrage auf dem Binnenmarkt. Mit einem weiteren Wirtschaftswachstum wird sich der Umfang der Aufträge erhöhen.
Wesentliche Initialaufträge werden hier voraussichtlich von einheimischen Konzernen ausgehen, die am Transport ihrer Produkte auf den inneren Seegewässern der RF3 und äußeren Seewegen, einschließlich des Nördlichen Seeweges interessiert sind. Zu diesen gewichtigen Marktsubjekten sind zu zählen: "LUKOIL", "Rosneft", "Gasprom" und andere. Somit ist damit zu rechnen, dass das technologische Potenzial des Schiffbaus der RF, insbesondere beim Bau von Spezialschiffen und schwimmenden Mitteln für den Einsatz unter den extremen Bedingungen des Nordens bereits in den nächsten Jahren gefordert sein wird.

Der berechtigte Optimismus mit Sicht auf die Perspektiven des russländischen Schiffbaus speist sich also m. E. vor allem daraus, dass unter dem Primat einer politischen Zentralgewalt schrittweise Reformen hin zu großen integrierten weltmarktfähigen Wirtschaftsstrukturen vollzogen werden, - und dies zuweilen auch gegen den Widerstand wirtschaftlicher Partikularinteressen. Erste Früchte dieses Prozesses werden bereits sichtbar. In den vergangenen drei Jahren ist ein beständiges Anwachsen des Schiffbaus zu verzeichnen, und zwar trotz der vielfachen Reduzierung des staatlichen Verteidigungsauftrags, von zivilen Aufträgen ganz zu schweigen.

Im Ergebnis der Umsetzung eines Komplexes von Maßnahmen zur Restrukturierung wurden 3 große wissenschaftliche Zentren auf der Basis von 9 wissenschaftlichen und Projektierungsorganisationen geschaffen. Es funktionieren bereits das staatliche russländische Zentrum für Atom-U-Bootbau, die FPG «Morskaja technika» (
«ФПГ «Морская техника») und andere.

In den kommenden Jahren ist die Schaffung von 8 großen diversifizierten integrierten Strukturen vorgesehen, die den erneuerten Kern der Schiffbauindustrie bilden und den Übergang zu einer Branchen übergreifenden Integration ermöglichen sollen.

Zur Perspektive der atomaren Mehrzweck-U-Boote

Der Bau von atomaren U-Booten mit einer Wasserverdrängung von 25 – 50.000 t wird künftig nicht mehr erfolgen. Auch hier wird der Trend zu Mehrzweck-U-Booten mit einer maximalen Verdrängung von 12.000 t betont. Die Grundlage dafür bildet das atomare Mehrzweck-U-Boot mit Flügelraketen vom Projekt 885 "Sewerodwinsk" ("Granay"-Klasse), dessen Kiellegung bereits im Dezember 1993 erfolgte. Sowohl die aufgrund fehlender finanzieller Mittel eingetretenen Verzögerungen beim Bau als auch die in den 90er Jahren entstandenen neuen geopolitischen und militärischen Bedingungen führten zu entscheidenden Modernisierungen des ursprünglichen Projektes. Nach Indienststellung des ersten ist eine Serie von sechs typgleichen Schiffen geplant. Nach pessimistischen Prognosen wird die "Sewerodwinsk" bis 2007 in Dienst gestellt. Die Bewaffnung dieser Schiffe mit Präzisionsflügelraketen soll künftig einen bedeutenden Beitrag zur nichtnuklearen Zügelung leisten.

Trotz bisher widersprüchlicher Meldungen ist angesichts des relativ hohen Grades der Fertigstellung mit der Bauvollendung der "Wolgograd" und "Belgorod" (Projekt 949A, Analog zur "Kursk") bei "Sewmaschpredprijatie" zu rechnen. Der dritte bereits vorliegende Schiffskörper dieser Klasse, einige Quellen sprechen auch schon vom Namen "Barnaul", wird jedoch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit abgebrochen werden.4

Bezüglich der oben genannten planmäßigen Instandsetzungen sei das Beispiel der "Perm" (Projekt 671RTMK) erwähnt. Diese Einheit wurde 1987 in Dienst gestellt, und es stand bereits ihr Abbruch zur Debatte. Nach der 2004 zu erwartenden endgültigen Entscheidung über eine planmäßige Instandsetzung (Zeitraum 2 Jahre) ist der Flotteneinsatz über weitere 8 –10 Jahre vorgesehen.5

Zur Perspektive der maritimen strategischen Kräfte auf Atom-U-Schiffen

Nach Plänen der Führung der Seekriegsflotte sollen die Strategischen Unterwasser-Raketen-Kreuzer des Projektes 955 "Jurij Dolgorukij" ("Borey"-Klasse) in der Perspektive die strategischen Kreuzer des Projektes 941 "Akula" ("Typhoon"-Klasse) und des Projektes 667BDRM ("Delta-IV"-Klasse) ablösen. Laut bisherigen Informationen wird dieses Schiff über folgende taktisch-technische Parameter verfügen: Länge - 170 m, Breite - 13,5 m, Volldeplacement - 24.000 t, Grenztauchtiefe - 450 m (andere Quellen sprechen von bis zu 600 m), Maximalgeschwindigkeit - 29 kn, Besatzung - 107 Mann. (Zu taktisch-technischen Charakteristiken der Projekte 941 und 667BDRM siehe   Anlage 3.)   Für diese Schiffsklasse läuft gegenwärtig die Entwicklung einer neuen ballistischen Rakete "Bulawa-30". Noch im Jahre 2003 soll die Rakete die erste Etappe der Erprobung durchlaufen. Aus heutiger Sicht wird nach Plänen der Führung der Seekriegsflotte davon ausgegangen, dass die "Jurij Dolgorukij" der Flotte im Jahre 2005 in voller Einsatzbereitschaft zu Verfügung steht. Dies würde einer ersten Etappe in der Umsetzung des Entwicklungsprogramms maritimer strategischer U-Boote entsprechen. Eine zweite Etappe würde nach den Worten von Konteradmiral G. Perminow (Stabschef für Bewaffnung der Seekriegsflotte) bis 2010 die Serienproduktion des Projektes 955 mit der interkontinentalen ballistischen Feststoffrakete vorsehen.

Bei Gewährleistung der entsprechenden Finanzierung wird die russische U-Boot-Flotte bis zum Jahre 2010 einen Zulauf von vier strategischen Atom-U-Schiffen mit neuen Raketen erhalten. Dabei geht es einmal um den Bau von drei Serienschiffen des Typs "Jurij Dolgorukij" (Projekt 955, "Borey"-Klasse) sowie um die im vergangenen Jahr aus der Generalreparatur zurückgekehrte "Dmitrij Donskoj" des Typs "Akula" (Projekt 941, "Typhoon"-Klasse). Ausgestattet werden diese Schiffe mit dem besagten Komplex von ballistischen Feststoffraketen "Bulawa-30".

Bis 2016 soll dann die Ablösung des gegenwärtigen Kerns dieser strategischen Gruppierung mit den Projekten 667 BDRM erfolgt sein. Perminow unterstrich, dass die Existenz von strategischen Unterwasser-Raketen-Kreuzern der 4. Generation mit ihrer hohen Gedecktheit und mächtigen Raketenbewaffnung die Überwindung des Raketenabwehrsystem eines angenommenen Gegners auch nach dem Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag von 1972 mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ermöglicht. Wesentlicher Grund dafür ist der Tatbestand, dass mittels der neuen Rakete "Bulawa-30" bei einer Masse von ca. 30t mindestens 10 individuelle nukleare Gefechtsköpfe transportiert werden können. Damit eröffnet sich für Russland die Möglichkeit, die Effektivität seiner maritimen strategischen Nuklearkomponente trotz einer Reduzierung der Trägermittel zu erhöhen. Ein erwünschter Folgeeffekt könnte daneben in einer Reduzierung der Aufwendungen für den Unterhalt des strategischen Raketenkernwaffenschildes bestehen.6

Die kürzlich erfolgte prophylaktische Modernisierung der "Nowomoskowsk" (Projekt 667 BDRM), bewaffnet mit 16 nuklear bestückten interkontinentalen ballistischen Raketen, diente vor allem der Gewährleistung einer Verlängerung ihrer Einsatzzeit bis in den oben genannten Zeitraum.7

Zu Perspektiven im Bereich der nichtnuklearen U-Boote

Zweifellos zählen die nichtatomaren U-Boote "Amur-1650" und "Amur-950" dazu. Bei der "Amur-1650" (auch als Projekt 677E bezeichnet) handelt es sich um ein nichtatomares U-Boot der vierten Generation, bei dem erstmals im russischen Schiffbau eine Einhüllenarchitektur umgesetzt wurde. Aus sechs 533-mm-Torpedoapparaten könne dieses Boot bei einem Kampfsatz von 18 Raketen bzw. Torpedos (Raketen-) Schläge auf gegnerische Schiffskräfte führen.

Der Stapellauf soll nun in den "Admiralitätswerften" im Herbst diesen Jahres erfolgen. In der Perspektive ist bei diesen Booten der Übergang zum Einsatz eines AIP-Antriebs vorgesehen. Der Öffentlichkeit wurde bisher dazu lediglich das Modell eines Brennstoffzellenmoduls (elektro-chemischer Generator) vorgestellt. Zum Stand seiner gegenwärtigen Funktionsfähigkeit gibt es keine Informationen.

Die Bewaffnung der "Amur-1650" kann des weiteren aus einem universellen Tiefwassertorpedo mit autonomer Zielsuche (
универсальная глубоководная самонаводящаяся торпеда – УГСТ) bestehen, der in der NII "Morteplotechnika" entwickelt wurde und zur Vernichtung von Über- und Unterwasserzielen bestimmt ist.

Daneben steht der TEST-71ME-NK (
ТЭСТ-71МЭ-НК) zur Verfügung. Dieser ferngelenkte elektrische Torpedo kann ebenfalls von Überwasserschiffen der Projekte 11541 ("Korsar") und 1135.6 ("Talwar") zum Einsatz gelangen.

Am Beispiel der "Amur" wird die unmittelbare Abhängigkeit der Aufnahme der Serienfertigung vom Export exemplarisch verdeutlicht. Ein Vertrag über die Lieferung von "Amur"-Booten nach Indien wird unter der Bedingung unterzeichnet, dass das im Bau befindliche U-Boot der "Lada"-Klasse an die Seekriegsflotte Russlands übergeben wurde.8 Diese Konstellation ist als ein klarer Beleg für das Zusammenspiel von staatlichem Verteidigungsauftrag und dem Zustandekommen von Exportaufträgen zu werten.

Tendenzen im Bereich der Überwasserschiffe

Ähnlich, wie beim Bau der nichtnuklearen U-Boote, sind auch bei Überwasserschiffen die Perspektiven für die eigene Flotte eng mit realisierten Exporten verknüpft.
Ein weiterer Aspekt der strategischen Umgestaltung der Flotte besteht darin, dass man beim Bau von Überwasserschiffen dem allgemeinen Trend zu modularen multifunktionalen Plattformen in "Stealth"-Technologie folgt. Hier kommen zum Teil völlig neue Technologien im Bereich der Antriebstechnik, der Konstruktion des Schiffskörpers, der verwandten Materialien und der Bewaffnungsmodule zum Einsatz. Erste bereits in der Realisierung befindliche Projekte sind die Korvette "Stereguschtschij"(Projekt 20380), die "Skorpion" (Projekt 12300), die "Harpoon" (Projekt A-77).

Dass gegenwärtig ein Übergewicht bei vorzeigbaren Neuentwicklungen im Bereich der Patrouillenboote, wie der "Mirash" (Projekt 14310), der "Mercury" (Projekt 14232), der "Sobol" (Projekt 12200), der "Mangust" (Projekt 12150) sowie einzelner Waffenkomponenten (auf die ich hier nicht eingegangen bin) besteht, ist m. E. sowohl den unmittelbaren Exportaussichten geschuldet, als auch direkter Ausdruck der Umsetzung der eingangs genannten Grundsatzdokumente. Denn, ein derartiger Eigenbedarf zur Sicherung des unmittelbaren und nahen Küstenvorfeldes, sowie der exklusiven Wirtschaftszone bestand in früheren Zeiten nicht. Gleichzeitig ist diese Orientierung aber auch Ausdruck einer Strategie, die ich als "Hygiene der Schwachen" bezeichnen möchte. Zeitweilig erfolgt eine Beschränkung auf das im wahrsten Sinne Nächstliegende, Nötigste und Machbare, ohne die perspektivische Wiedergeburt einer ambitionierten modernen Hochseeflotte aus dem Auge zu verlieren.

Ein erster am 21. Dezember 2001 medienwirksam inszenierter Schritt auf diesem Wege war der Stapellauf der vom Zentralen maritimen Konstruktionsbüro "Almas" entwickelten Korvette "Stereguschtschij" (Projekt 20380). Geplant ist hier eine Serie von 20 Einheiten für den eigenen Flottenbedarf.

In der "Baltischen Werft" in St. Petersburg findet z. Zt. die Fertigstellung und Übergabe der Fregatten vom Projekt 1135.6 an Indien ihren Abschluss. Bei diesen drei Schiffen für Indien ("Talwar", "Trischul" und "Tabar") handelt es sich um ein Vertragsvolumen von ca. 1 Mrd. US-Dollar. Bei Zufriedenheit des Auftraggebers besteht Hoffnung auf einen Folgeauftrag von weiteren drei Einheiten. Trotz vielfältiger Neuerungen kann dieses Schiff jedoch nicht als prinzipiell neues Projekt angesehen werden. Es ist eher als ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zur für 2004 geplanten Ausschreibung zum Bau einer neuen Mehrzweckfregatte für die eigene Seekriegsflotte zu betrachten.

Als ein entwicklungstechnisch ähnlicher Zwischenschritt ist in diesem Kontext auch die von der "Jantar"-Werft aus Kaliningrad präsentierte Fregatte vom Projekt 11541 ("Korsar") zu bewerten.

Auffällig ist die Vielfalt der projektierten und bereits im Bau befindlichen Projekte im Bereich der kleinen Raketenträger sowie insbesondere der Patrouillenboote. Hier kommt die starke Dominanz des "Konzerns für mittel- und kleintonnagigen Schiffbau" (KSMK) zur Wirkung. Nach den Worten ihres Generaldirektors, M. Cheyfitz, würden sich in seinem Unternehmen die Vorzüge der Vereinigung der Potenziale von Schiffbau- und Finanzstrukturen bezüglich Projektierung, Bauausführung und finanzieller Absicherung inzwischen deutlich auswirken.

Im Mittelpunkt des Medieninteresses im Segment der Patrouillenboote steht gegenwärtig das als Wachgrenzschiff bezeichnete Projekt 14310 "Mirash". Vorgesehen ist dieses Gleitboot zur Sicherung der Seegrenze, der Territorialgewässer, wie auch maritimer biologischer Ressourcen in küstennahen Gebieten. Auf der "Mirash" kommt mit einem Komplex von insgesamt 8 computergesteuerten Interzeptoren im Unterwasserbereich eine prinzipiell neue konstruktiv-technische Lösung zur Anwendung. Mittels eines Klappensystems wird dadurch eine Luftkaverne aufgebaut, wodurch sich der Wasserwiderstand um ca. 20% reduzieren soll. Möglich wurde somit neben einer Geschwindigkeitserhöhung um 8 - 10 kn (auf bis zu 50 kn) auch ein bedeutend verbessertes Seeverhalten. Letzteres soll einen gefahrlosen Einsatz des Bootes bis einschließlich See 7 gestatten. Zur Zeit befinden sich bereits zwei der insgesamt neun vorgesehenen Boote dieses Projektes im Kaspischen Meer und der Ostsee im Dienst.

Gegenwärtig läuft bei "Vympel" in Rybinsk der Bau des Nullschiffes des Raketen-Artillerieschnellbootes "Skorpion" (Projekt 12300). Erwartet wird bereits in nächster Zeit ein Bedarf von 50 Einheiten dieses Typs, wobei 30 davon für den Export vorgesehen seien. Dieses im Zentralen Marinekonstruktionsbüro "Almas" entwickelte Boot soll mit 4 Antischiffsraketen "Jachont", einem Raketen-Artillerie-Komplex "Kaschtan" und dem 100mm-Bordgeschütz A-190 (Anlage 4) bewaffnet sein. Die ausgewiesene Maximalgeschwindigkeit von 40 kn soll über einen CODAG-Antrieb (Gesamtleistung 25000 PS) mittels zweier Diesel M530 sowie einer Gasturbine erzielt werden.

In direkter Konkurrenz zur "Mirash" steht die "Mercury" (Projekt 14232) von der OAO ZKB "Aleksejew" aus Nishni Nowgorod. Hierbei handelt es sich um ein seegängiges komfortables Hochgeschwindigkeitsboot, das im Auftrag des Staatlichen Zollkomitees gebaut wird und sich dort bereits mit mehreren Booten im Einsatz befindet. Bei einer Gesamtverdrängung von 100 t entwickelt das Boot eine Dauergeschwindigkeit von über 50 kn. Die besondere Konstruktion des Unterwasserteils des Rumpfes ermöglicht ebenfalls den Aufbau einer Luftkaverne. Auf sehr viel einfachere Weise als beim Projekt "Mirash" würde sich dadurch auch hier der Strömungswiderstand des Wassers nach Aussagen des Chefkonstrukteurs um 30% gegenüber gewöhnlichen Gleitbooten reduzieren.

Augenfällig ist bei all den genannten Projekten der Patrouillenboote der hohe Stellenwert des Wohnkomforts an Bord. Dieser erklärt sich nicht allein aus den erwarteten Ansprüchen eines potenziellen ausländischen Auftraggebers, sondern auch aus der Tatsache, dass die inländischen Besatzungen dieser Boote künftig ausschließlich aus Vertragssoldaten bestehen sollen.

Der Bereich des Marineschiffbaus, der für den Bau von Flugzeugträgern bestimmt ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit in den kommenden 5 – 7 Jahren ohne Aufträge für Neubauten bleiben. Die Führung der Seekriegsflotte sieht gegenwärtig für Flugzeugträger keine Aufgaben zum Schutz nationaler Interessen. Für alle Fälle soll jedoch der Schwere Flugdeckkreuzer "Admiral Kusnezow" (Projekt 11435) (Anlage 5) für mindestens noch einige Jahrzehnte in Dienst bleiben, um den Erhalt von Bordfliegerkräften zu gewährleisten. Nach Mitteilungen aus dem Stab der Nordflotte wird dieses Schiff ab Oktober 2003 der Flotte nach langjährigem Werftaufenthalt wieder zur Verfügung stehen.


Gesamtfazit

Das Programm zum Bau und zur Entwicklung der Seekriegsflotte sieht eine ausbalancierte, etappenweise Erneuerung des Schiffsbestandes, der Bewaffnung und Kampftechnik aller Flottenbestandteile vor, dies betrifft auch alle Arten der Sicherstellung unter Beachtung der voraussichtlichen finanziellen Absicherung. Gleichzeitig geplant ist der Übergang des Personalbestandes auf einen Dienst nach Vertrag sowie die Vervollkommnung der gesamten Organisationsstruktur der Flotte.

In quantitativer Hinsicht wird die künftige Flotte Russlands entschieden kleiner sein, als die der UdSSR, aber sie wird am Einsatz von Hochtechnologie orientiert sein, wie auch an einer besser entwickelten Infrastruktur und einem adäquaten System der Sicherstellung. Bezüglich der Bewaffnungen werden sich die Akzente verschieben von einer Ausweitung der Schlagkraft hin zu einem breiteren Einsatz von Informationssystemen der Gefechtsführung und Zielzuweisung, um die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Waffeneinsatzes zu erhöhen.

Das breite Spektrums an Dual-use- und rein zivilen Produkten in den Angebotspaletten der Unternehmen im Bereich der Agentur Schiffbau und die zunehmende Konzentration auch in diesen Bereichen auf Hochtechnologien sprechen künftig für eine hohe Überlebensfähigkeit und wirtschaftliche Flexibilität. Perspektivisch kann dieser Aspekt der Gefahr einer Verselbständigung konzentrierter Wirtschaftsinteressen auf dem reinen Rüstungssektor gegenüber dem Primat der Politik entgegenwirken.

Mit dem Ziel der Reduzierung der Aufwendungen für die Schaffung perspektivischer Waffenmuster, Bewaffnungen und technischer Mittel ist der breite Einsatz einer Nomenklatur von Mustern doppelter Bestimmung vorgesehen. Und in erster Linie ist dies geplant bei der Schaffung einer neuen Generation von strategischen Raketen-U-Booten. Dies erklärt sich daraus, dass die maritimen strategischen Nuklearkräfte wie bisher die grundlegende Schlagkraft der Flotte bilden werden, die den Erhalt einer strategischen Stabilität in der Welt gewähren und die politischen Bedingungen für einen gleichberechtigten Dialog mit jedem beliebigen Land schaffen sollen.

Die Priorität dieser Ausrichtung ist in vieler Hinsicht dadurch bedingt, dass in allen führenden Ländern der Welt die Tendenz zu beobachten ist, den entscheidenden Teil des nuklearen Potenzials von Land auf See zu verlagern. Dieser Trend hat eine sehr objektive Begründung, die darin besteht, dass maritime strategische Nuklearkräfte über eine größere Mobilität, Gedecktheit, Überlebensfähigkeit und Bereitschaft zum Waffeneinsatz unter praktisch allen Lagebedingungen verfügen. Außerdem ist damit ihr Einsatz außerhalb der Grenzen des Territoriums des Staates gesichert.

Die Lösung von Aufgaben durch die maritimen strategischen Nuklearkräfte soll sichergestellt werden durch die Strategischen Raketen-U-Boote, deren Anzahl sich ausgehend von der Notwendigkeit der Zuverlässigkeit des Raketensystems und der Einhaltung bestehender Verträge zu strategischen Bewaffnungen unter Beachtung der Gesamtanzahl von U-Booten im Flottenbestand bestimmt.

Zur Sicherstellung der Gefechtshandlungen der Unterwasserraketenträger wird es außerdem als erforderlich angesehen, atomare Mehrzweck-U-Boote, MehrzweckÜberwasserschiffe und Seefliegerkräfte zu unterhalten. Jedoch werden die maritimen Kräfte allgemeiner Bestimmung neben den Sicherstellungsaufgaben auch einen breiten Kreis von Aufgaben lösen müssen, die ihrer eigentlichen Bestimmung entsprechen. Vor allem geht es um die Bereitschaft zur Abwehr von Angriffen auf Russland von See her und aus ozeanischen Richtungen.

Wie Untersuchungen der letzten Jahre und die Praxis anderer Flotten zeigen, sind Mehrzweck-U-Boote und Überwasserschiffe der Fregattenklasse die dafür effektivsten Mittel. Daneben wurde mit dem Baubeginn der Korvette "Stereguschtschij" (Projekt 20380) und des zweiten Schiffes dieser Klasse der Ersatz der Kleinen UAW-Schiffe (Projekte 1124, 1124M, 1124MU und 133.1M) eingeleitet. Beim Bau von U-Booten neuer Generation konzentriert man sich vor allem auf neue Technologien, die eine Lösung des Problems des akustischen Feldes des Bootes gestatten.

Neben dem Schutz der strategischen Interessen Russlands in fernen Meeren und in ozeanischen Zonen bleibt der in letzter Zeit an Aktualität gewinnende Komplex von Aufgaben zum Schutz des Küstenvorfeldes und in den küstennahen Gebieten der wirtschaftlichen Nutzung der ökonomischen Zonen.

Die Anzahl der Schiffe, die zur Lösung dieser Aufgaben erforderlich sind, hängt ab von der Länge der Seegrenzen, dem Grad der Zerklüftung des Küstenreliefs und der Geschütztheit der Ufer, der Wassertiefe in Küstennähe, aber auch von der Infrastruktur, dem Vorhandensein von Transportmagistralen sowie von der Verteilungsdichte von Basierungspunkten der Flotte. Unter diesen Aspekten wird eine Kombination von Schiffen der Fregatten- und Korvettenklasse als hinlänglich angesehen, die für einen Streifen von 100 km Grenze mindestens ein Schiff vorsieht.

Somit soll der Schiffsbestand der Seekriegsflotte Russlands unter Beachtung der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Realitäten etwa 210 – 300 Schiffe der Grundklassen betragen. Damit beläuft sich die angestrebte Gesamtanzahl auf etwa 30% des Flottenbestandes von 1991. Doch könnte Russland nach Einschätzung von Flottenadmiral W. Kurojedow auch unter diesen Bedingungen seinen Status als eine der führenden Seemächte der Welt bewahren.

 



Anmerkungen und Quellen

Alle eigenen Darstellungen russischsprachiger Quellen und Eigennamen wurden nach der Dudentranskription vorgenommen. In den übrigen Fällen wurde die Darstellung der jeweiligen Quelle beibehalten.


Zur Einleitung

1   Im deutschen Sprachraum bleibt eine ausdrückliche Unterscheidung zwischen «русский» (auf die Nationalität der Russen bezogen) und «российский» (auf das Land, den Staat bezogen) zumeist unbeachtet. Wegen der Genauigkeit der Termini müsste «российский» daher konsequent als "russländisch" übersetzt werden. Die deutsche Sprache ermöglicht hier eine korrekte Differenzierung, die auch angewandt werden sollte. Aus dieser Sicht ist also mit "russisch" nur das Adjektiv «русский» zu übersetzen. Auch für den Bürger Russlands «россиянин», der ja durchaus kein Russe sein muss, gibt es mit "Russländer" ein korrektes deutsches Äquivalent.
Im Folgenden bin ich daher bei eigenen Darlegungen und Übersetzungen nach diesem Prinzip vorgegangen. In den übrigen Fällen handelt es sich um fremde Quellen, bei denen die Entscheidung des jeweiligen Autoren beibehalten wurde.
(Siehe dazu: Lötzsch, Ronald, Russland im Umbruch. Modernisierungsversuche in der neueren und neuesten russischen Geschichte, Leipzig 1997, S. 345-351.)
2   В. Поспелов, Ведущая морская держава (Eine führende Seemacht), in: Журнал «Экономика России ХХI век»; URL <http://shipbuilding.ru/rus/articles/v_pospelov/>.
3   А.Ф. Риттих и А.Л. Бубнов, Россия и ее моря. Краткая история России с морской точкой зрения. С.Пб., 1907. – С. 137; in: Военно-морская идея России. Духовное наследие Императорского флота. Российский военный сборник Выпуск 11. Москва 1997.
4   В. Куроедов, У военно-морского флота Росси есть будущее!, (Die Seekriegsflotte hat eine Zukunft), in: Военный парад 1(55) 2003, стр. 8.
5   Актуальные задачи развития вооруженных сил Российской Федерации (Aktuelle Aufgaben zur Entwicklung der Streitkräfte der Russischen Föderation), in: Krasnaja Swesda vom 11.Oktober 2003, <http://www.redstar.ru/2003/10/11_10/3_01.html>; [dieses Dokument der Führung des Verteidigungsministeriums vom 2. Oktober 2003 ist in deutscher Übersetzung zugänglich unter: <http://www.jokler.de/russ/milumbau/dssk3100.htm>].


zu 1.

1   Lemcke, E., Die Seekriegsflotte der russländischen Föderation steht vor einer umfangreichen Umbewaffnung und Umorientierung. <http://www.sicherheitspolitik-dss.de/person/lemcke/el305310.htm>
Dieser Bericht basiert auf der Analyse folgender Quellen:
• "Kurz berichtet" in: Nesawisimoje wojennoje obosrenije (NWO) Nr. 16(331), Moskau, 16.05.2003 (http://nvo.ng.ru/forces/2003-05-16/3_korotko.html)
• Igor Korotschenko: Das Potential wurde erhalten. Die strategischen Bombenflieger sind bereit, an einem beliebigen Punkt des Erdkreises Aufgaben zu erfüllen, in: NWO Nr. 17(332), Moskau 23.05.2003 (http://nvo.ng.ru/forces/2003-05-23/1_potential.html)
• Wladimir Wolodin: 955 geht in Serie. Das Entwicklungsprogramm der strategischen Marinekräfte Russlands ist angenommen, in: http://www.vdvsn.ru/papers/ks/2002/11/04/10822/.
2   Gorschkow, S.G., 1910 - 1888, Flottenadmiral der Sowjetunion, von 1965 – 1985, Oberkommandierender der sowjetischen Seekriegsflotte.
3   Kapitanez, I. M., Wojna na more. Aktualnye problemy raswitija woenno-morskoi nauki (Der Krieg auf See. Aktuelle Entwicklungsprobleme der Seekriegswissenschaft) Moskwa, Warius 2001. (als e-book unter <http://militera.lib.ru/science/kapitanetz/> verfügbar); <http://militera.lib.ru/science/kapitanetz/pre.html> S.1-2.
4   Pawlow, A.S., Woennye korabli Rossii 2001g. (Военные корабли России 2001г.), Jakutsk 2001, S. 2f.


zu 2.

1   Kapitanez, I. M., Wojna na more. Aktualnye problemy raswitija woenno-morskoi nauki (Der Krieg auf See. Aktuelle Entwicklungsprobleme der Seekriegswissenschaft), Moskwa, Warius 2001; <http://militera.lib.ru/science/kapitanetz/07.html> Seite 2.
2   Grundlagen der Politik der Russischen Föderation auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit in der Periode bis zum Jahre 2010. Bestätigt durch Präsidentenerlass vom 4. März 2000 (Quelle: http://nvo.ng.ru/forces/2000-03-31/1_marine_politics.htm. Übersetzung: Rainer Böhme, Joachim Klopfer <http://www.jokler.de/russ/sd00031v.htm>.
3   Marinedoktrin der Russischen Föderation für den Zeitraum bis zum Jahre 2020. Bestätigt durch den Präsidenten der Russischen Föderation am 27. Juli 2001; Quelle: Nesawisimoje wojennoje obosrenije, Moskva, Nr. 28 (250) vom 03.08.2001.
Arbeitsübersetzung:  Joachim Klopfer, Egbert Lemcke <http://www.jokler.de/russ/sd01071y.htm>.
4   Beschluss der Regierung der Russischen Föderation vom 1. September 2001 Nr. 662 "Über das Marinekollegium bei der Regierung der Russischen Föderation"; Quelle: <http://www.internevod.com/cgi-bin/fish/work/monitor/law/list.cgi?0017>
Arbeitsübersetzung: Egbert Lemcke <http://www.sicherheitspolitik-dss.de/person/lemcke/el212211.htm>.


zu 3. 1   Krawtschenko, W., Угрозы с морских и океанских направлений растут (Wachsende Gefahren von See und aus ozeanischen Richtungen.) Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag des Chefs des Hauptstabes der Seekriegsflotte Russlands, Admiral Viktor Krawtschenko, zur Jahresversammlung der russischen Akademie der Militärwissenschaften am 18. Januar 2003. Die Veranstaltung hatte erstmals seit ihrer Gründung vor 8 Jahren einen thematischen Rahmen -- zur Erörterung stand: "Der Charakter künftiger Kriege". Der Vortrag wurde in "Nesawisimoje wojennoje obosrenije" Nr. 3 (318) vom 31.01.2003 veröffentlicht. <http://nvo.ng.ru/concepts/2003-01-31/4_kravchenko.html>;
Bericht zu dieser Quelle von Egbert Lemcke, 30.03.2003, in: <http://www.sicherheitspolitik-dss.de/person/lemcke/el303300.htm>.
2   Sliptschenko, Wladimir, России нужна новая армия (Russland benötigt eine neue Armee); in: "Nesawisimoje wojennoje obosrenije" Nr.31(364) vom 05.09.2003.
Original: <http://nvo.ng.ru/concepts/2003-09-05/1_army.html>; Bericht in Deutsch: J. Klopfer, Revolution im russischen Militärwesen?, URL <http://www.jokler.de/russ/milumbau/slipc309.htm>.
3   Die erhöhte Sensibilität der Führung Russlands bezüglich einer Gefährdung insbesondere der arktischen Zone kam in der Vergangenheit bereits mehrmals in offiziellen Stellungnahmen zum Ausdruck. In massiver Form geschah dies u.a. in der Rede W. Kurojedows anlässlich des Tages der Seekriegsflotte Russlands im Juli 2002 mit folgenden Worten: " ...Unter den entstandenen Bedingungen müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf jene Territorien des Weltmeeres richten, in denen die Interessen Russlands unverzüglich geschützt werden müssen. In erster Linie ist dies das Aquatorium des Nördlichen Eismeeres. Geleitet durch das Gesetz 'Über die Arktische Zone' ist es notwendig, unsere ausschließlichen Souveränitätsrechte und die Jurisdiktion in der Arktis zu erweitern, die ökonomischen Interessen Russlands in dieser Zone zu wahren...."
Quelle: Мы – держава океанская (Wir sind eine ozeanische Macht), in: Krasnaja Zwezda, 27.07.2002, URL <http://www.redstar.ru/2002/07/27_07/1_01.html>.
4   Kapitanez, I. M., Wojna na more. Aktualnye problemy raswitija woenno-morskoi nauki (Der Krieg auf See. Aktuelle Entwicklungsprobleme der Seekriegswissenschaft), Moskwa, Warius 2001; URL <http://militera.lib.ru/science/kapitanetz/07.html>, Seite 2.
5   W. Krasilnikow , Amerika bereitet einen Schlag vor ... auf Russland? (Америка готовит удар ... по России?). Dieser Artikel ist als Internetausgabe unter folgenden Adressen verfügbar:
• <http://conrad2001.narod.ru/russian/library/articles/article_1.htm> und
• <http://whiteworld.ruweb.info/rubriki/000111/002/02120301.htm>

Weitere Quellen zur Problematik der Bedrohungsszenarien:
Krawtschenko, W., Die Flotte im modernen Krieg (Флот в современной войне), in: Krasnaja Swesda vom 14. März 2003;
Tschiprin, K., Ein Meer für fünf Flotten (Одно море на пять флотов), in: Nesawisimoje wojennoje obosrenije vom 25. Juli 2003 (URL <http://nvo.ng.ru/wars/2003-07-25/2_kaspyi.html>).


zu 4.

1   Egbert Lemcke, Schwierige Überwindung von Nostalgie. Über aktuelle Tendenzen auf dem Weg zur Entwicklung einer realistischen Marinepolitik, Bericht; URL <http://www.sicherheitspolitik-dss.de/person/lemcke/el209270.htm>; Quellen:
• <http://nvo.ng.ru/armament/2002-09-06/1_flot.html>
• A.S. Pawlow, Vojennyje korabli Rossii 2001, Jakutsk 2001.
• <http://vmk.vif2.ru/ships/Russia/Frigates/SKR_Proect_12441/dates.html>
• <http://legion.wplus.net/guide/navy/navy_natos.shtml>.


zu 5.

1   Sokut, Военные возвращаются на каспий (Russlands Militärs kehren auf das Kaspische Meer zurück), in: NWO, 16.08.2002, URL <http://nvo.ng.ru/wars/2002-08-16/2_caspian.html>;
Bericht zum Manöver im August 2002 in der Kaspiregion von Egbert Lemcke, URL <http://sicherheitspolitik-dss.de/person/lemcke/el208300.htm>.
2   Igor Korotschenko, Андреевский флаг возвращается в мировой океан (Die Andrejewflagge kehrt auf das Weltmeer zurück), in: Nesawisimaja gaseta, 25.07.2003, URL <http://nvo.ng.ru/forces/2003-07-25/1_flag.html>.
3   Siehe 2.
4   N. Petrow, Какие Вооруженные силы нужно для безопасности окраин России? (Welche Streitkräfte sind für die Sicherheit der Peripherie Russlands erforderlich?), Artikel auf der Internetseite von Strana.ru am 26.08.03, URL <http://www.strana.ru/191451.html>.
5   R. Fomischenko, С учетом новых угроз (Unter Beachtung neuer Gefahren), in: Krasnaja Zwezda vom 21.08.03, URL <http://www.redstar.ru/2003/08/21_08/n.html>.


Zu 6.

1   IMDS 2003 -  Einige Nachbetrachtungen zum Internationalen Militärmarinesalon in St. Petersburg, Bericht von Egbert Lemcke, in: URL <http://www.ddss.de/lemcke/el_imds3.htm>.
2   Schwarew, Wladimir, Стратегическое направление экспорта – восток (Die strategische Exportrichtung – der Osten), in: Nesawisimaja Gaseta, 10.10.2003, URL <http://nvo.ng.ru/armament/2003-10-10/6_lima.html>.
3   Третий сегмент рынка военно-морской техники (Ein drittes Marktsegment der Marinetechnik) ITAR-TASS-Korrespondentenbericht vom 25.06.2003, URL <http://armsshow.itar-tass.ru/armssea1/title.html>.
4   Opel, Manfred, Der deutsche Marineschiffbau – Zukunft mit Weltgeltung oder Abgesang. MarineForum 6-2003, S. 2.
5   Pospelow, W., Ведущая морская держава (Eine führende Seemacht), in: Экономика России ХХI век ("Russlands Ökonomie im 21. Jahrhundert"), URL <http://shipbuilding.ru/rus/articles/v_pospelov/.

Weitere Quellen zur Thematik:
• В. Куроедов, У военно-морского флота России есть будущее!, in: Военный парад 1(55) 2003, стр.6 - 8.
• И. Коротченко, Новый военно-морской салон, in: Независимая газета 2003-07-04, URL <http://nvo.ng.ru/armament/2003-07-04/6_salon.html>
• Захаров, И., Дорофеев, В., Российские образцы военно-морской техники на мировом рынке вооружений, in: Военный парад 3 (57) 2003, стр. 12 – 14.
• Захаров, И.Г., Стратегический маркетинг и перспективы военно-технического сотрудничества российского ОПК, in: INTERNORD KOMPASS 2002/2003, стр. 15 –17.


zu 7.

1   Океанский щит остается надежным (Der ozeanische Schild bleibt zuverlässig). Interview mit Flottenadmiral W. Kurojedow vom 26. Juli 2003, in: Krasnaja Zvezda, 26.07.2003, URL <http://www.redstar.ru/2003/07/26_07/1_01.html>.
2   Pospelow, W., Ведущая морская держава (Eine führende Seemacht), in: Экономика России ХХI век (Russlands Ökonomie im 21. Jahrhundert), URL <http://shipbuilding.ru/rus/articles/v_pospelov/>, S. 6-7.
3   Mit der Regierungsverordnung Nr. 909-r vom 3 Juli 2003 wurde die "Konzeption der Entwicklung des inneren Seetransports der Russischen Föderation" («Концепция развития внутренного транспорта Российской Федерации») verabschiedet. Dieses unscheinbare Dokument soll die Bedingungen der Schifffahrt auf den Inneren Seegewässern unter Beachtung künftiger Marktentwicklungen auf dem Gebiet der Seetransportdienstleistungen entschieden verbessern. Auch dieses Dokument widerspiegelt einen komplexen strategischen langfristigen Ansatz, bei dem u.a. folgende Aufgaben gestellt werden: die Entwicklung der Transportflotte entsprechend der Erfordernisse eines sich erweiternden Marktes; die Rekonstruktion der Häfen und der Hafentätigkeiten; die Schaffung von Stimuli für die Entstehung von ökonomisch zweckmäßigen und für Investoren attraktiven großen, integrierten und konkurrenzfähigen Schifffahrtgesellschaften; Speziell verwiesen wird auf die erneute Erschließung des Äußersten Nordens und des Nördlichen Seeweges, sowie der anschließenden Seeverbindungswege.
Siehe bei URL <http://www.morvesti.ru/archive/2003/17-18/docs.asp>.
4   Россия прекратила строить сверхтяжелые субмарины (Russland stellt den Bau von überschweren Atom-U-Booten ein), URL <http://shipbuilding.ru/rus/news/russian/2003/08/28/news_sub/>.
Eine gegenteilige Position wird vertreten bei: Chodarjonok, M., Эпоха стальных гигантов завершилась (Die Epoche der Stahlgiganten ist vorüber), in: Nesawisimaja Gaseta vom 29.08.2003; <http://www.ng.ru/nvo/2003-08-29/11_gigant.html>.
5   Koshuchowskij, W., Подлодка ещё не настолько устала (Das U-Boot ist noch nicht zu stark ermüdet), in: Nesawisimaja Gaseta vom 15.08.2003, URL <http://nvo.ng.runotes/2003-08-15/8_podlodka.html>; Beschreibung des Projektes 671 RTM (RTMK) unter: <http://www.deepstorm.ru/DeepStorm.files/45-92/nts/671RTM/list.htm>.
6   Petrow, Nikita, Флот вооружат «Булавами» (Die Flotte wird mit "Bulawa" ausgestattet ), bei: strana.ru am 28.07.03, URL <http://www.strana.ru/188492.html>.
7   Information des Informations- und Suchsystems "Корабел-ру" in der Rubrik Schiffbau unter dem Titel: «Новомосковск» модернизирован и готов к выполнению боевых задач. (Die "Nowomoskowsk" ist modernisiert und bereit zur Erfüllung von Gefechtsaufgaben.), URL <http://korabel.ru/news/shipbuilding/1059547737.html>.
8   Новости ОПК и ВТС (Neuigkeiten des Verteidigungsindustriekomplexes und der Militärtechnischen Zusammenarbeit) in: Nesawisimaja gaseta vom 10.10.2003, URL <http://nvo.ng.ru/armament/2003-10-10/6_korotko.html>.
9   Океанский щит остается надежным (Der ozeanische Schild bleibt zuverlässig), Interview mit Flottenadmiral W. Kurojedow vom 26. Juli 2003, in: Krasnaja Swesda, 26.07.2003, URL <http://www.redstar.ru/2003/07/26_07/1_01html>, S. 2-3.

Weitere Quellen zur Vertiefung dieser Thematik:
• Eine Auflistung aller staatlichen Betriebe und Organisationen die sich unter der Verwaltung und Führung der Russischen Agentur für Schiffbau befinden: bei <http://www.rossud.ru/predpr_gos.htm>.
• Россия реализует программу создания новых кораблей для Военно-морского флота (Russland realisiert das Programm zur Schaffung neuer Schiffe für die Seekriegsflotte), Korrespondentenbericht von ARMS-TASS vom 21. Mai 2003, URL <http://www.arms-tass.ru>.
• Военно-морские силы в новой эпохе. Роль, требования, облик (Die Seestreitkräfte in einer neuen Epoche. Rolle, Anforderungen, Antlitz). Hier wird eine Darstellung der Grundtendenzen im Marineschiffbau des XXI. Jahrhunderts aus der Sicht des Zentralen wissenschaftlichen Forschungsinstituts "Krylow" gegeben, URL <http://shipbuilding.ru/rus/overviews/navy/>.
• Das Wappen-Emblem der Seekriegsflotte der RF: URL <http://geraldika.ru/symbols/2715>.







Anlage 1

Die Seekriegsflotte (SKF) der Russländischen Föderation (RF) 2003 1

Neben Landstreitkräften und Luftstreitkräften ist die SKF ist eine der drei Teilstreitkräfte der Streitkräfte der RF.
Sie ist in fünf operativstrategische Vereinigungen gegliedert: vier Flotten und eine Flottille.

(Vereinigung | Hauptbasierungsraum / Stab | Kommandierender)

  • Nordflotte | Halbinsel Kola / Severomorsk (Gebiet Murmansk) | Vizeadmiral Sergej V. Simonenko
  • Pazifikflotte | Kamtschatka, Primorje (Gebiet Wladiwostok) / Wladiwostok | Admiral Viktor D. Fedorow
  • Schwarzmeerflotte | Sewastopol (Ukr. Krim), Noworossijsk / Sewastopol | Vizeadmiral Wladimir V. Masorin
  • Baltische Flotte | Baltijsk (Gebiet Kaliningrad), Kronstadt / Baltijsk | Admiral Wladimir P. Walujew
  • Kaspi-Flottille | Astrachan / Astrachan | Konteradmiral Jurij V. Starzew
Außerdem gehören Fliegerkräfte, Küsten- und Landungstruppen sowie Sicherstellungskräfte und
-einrichtungen zu ihrem Bestand.

Zum Personalbestand der SKF gehören 171 500 Soldaten/Matrosen.

Die Hauptschlagkraft der SKF sind die der Nord- und der Pazifikflotte unterstellten strategischen U-Kreuzer. Nach Angaben vom 1. Januar 2003 gehören insgesamt 13 strategische U-Schiffe mit 216 Raketen zur SKF, davon

  • 6 Atom-U-Boote Projekt 667 BDR "Delfin" (NATO: "Delta IV") mit 96 Raketen,
  • 5 Atom-U-Boote Projekt 667 BDRM "Kalmar" (NATO: "Delta III") mit 80 Raketen und
  • 2 Schwere Strategische Atom-U-Kreuzer Projekt 941 "Akula" (NATO: "Typhoon") mit 40 Raketen.

Im Bestand der SKF befinden sich gegenwärtig außerdem:

Überwasserschiffe:

  • 1 Schwerer Flugdeckkreuzer Projekt 1143.5 "Admiral Flota Sowjetskowo Sojusa Kusnezow" mit 24 Flugzeugen und 21 Hubschraubern;
  • 4 Schwere atomgetriebene Raketenkreuzer Projekt 1144 / 1144.2 ("Kirow"-Klasse);
  • 3 atomgetriebene Raketenkreuzer Projekt 1164 ("Slawa"-Klasse);
  • 1 Raketenkreuzer Projekt 1134 ("Kara"-Klasse);
  • 1 Raketenkreuzer Projekt 58 ("Kynda"-Klasse);
  • 1 Zerstörer Projekt 1155.1 ("Udaloj"-Klasse);
  • 10 Zerstörer Projekt 1155 ("Udaloj"-I-Klasse);
  • 10 Zerstörer Projekt 956 / 956A ("Sowremennyj"-Klasse);
  • 1 Zerstörer Projekt 61A ("Kaschin"-Klasse);
  • 1 Fregatte Projekt 1154.0 ("Neustraschimyj");
  • 7 Fregatten (Wachschiffe) Projekt 1135.5 ("Kriwak"-III-Klasse);
  • 5 Fregatten (Wachschiffe) Projekt 1135 M ("Kriwak"-II-Klasse);
  • 8 Fregatten (Wachschiffe) der Projekte 1135 u. 1135.2 ("Kriwak"-I-Klasse u. "Kriwak"-I-Mod.);
  • 1 Fregatte Projekt 11661 ("Tatarstan");
  • ca. 200 weitere zumeist kleinere Kampfschiffe für den Einsatz im Küstenvorfeld (bezeichnet als Kleine UAW-Schiffe bzw. Korvetten, Raketenboote und Minenabwehrschiffe, Landungsschiffe und -boote und Patrouillenboote unterschiedlicher Klassen);
  • ca. 500 Sicherstellungsschiffe verschiedenster Klassen.
U-Boote:
  • 9 Atom-U-Boote mit Marschflugkörpern Projekt 949A "Antej" ("Oskar"-II-Klasse);
  • 3 Atom-U-Boote mit Marschflugkörpern Projekt 945 A / 945 B ("Sierra"-I-KLasse u. "Sierra"-II-Klasse);
  • 1 Atom-U-Boot mit Marschflugkörpern Projekt 667-AT;
  • 2 Mehrzweck-Atom-U-Boote Projekt 971U "Schtschuka" ("Akula"-II-Klasse / "Akula"-III-Klasse);
  • 12 Mehrzweck-Atom-U-Boote Projekt 971 ("Akula"-I-Klasse u. "Akula"-I-Mod.-Klasse);
  • 8 Mehrzweck-Atom-U-Boote Projekt 971RTM/RTMK ("Viktor"-III-Klasse);
  • 6 nichtatomare Patrouillen-U-Boote Projekt 636 ("Kilo"-II-Klasse);
  • 18 nichtatomare Patrouillen-U-Boote Projekt 877 / 877KM / 877V ("Kilo"-I-Klasse);
  • 5 nichtatomare Patrouillen-U-Boote Projekt 641B ("Tango"-Klasse);
  • ca.10 Forschungs- und Versuchs-U-Boote unterschiedlicher Klassen.

Außerdem gibt es 217 Kampf- und Aufklärungsflugzeuge sowie 102 Hubschrauber im Bestand.

Jedoch muss davon ausgegangen werden, dass ein großer Teil dieser Einheiten, obwohl sie die Flagge der Seekriegsflotte führen, nicht im einsatzklaren Zustand ist.

________________
Zusammengestellt nach: <http://www.cwpj.org/Publications/gsi/n12/3.htm> [Viktor Litovkin, Sie verteidigen Russland (von ca. Juni 2003)]; <http://www.redstar.ru/2003/10/11_10/3_01.html> [Aktuelle Aufgaben zur Entwicklung der Streitkräfte der RF. Denkschrift der Führung des Verteidigungsministeriums vom 2. Oktober 2003]; <http://www.strana.ru/stories/03/01/16/3259/182074.html> [N. Petrov, Die russische SKF erwartet eine umfassende Umrüstung (27.05.2003)]; Weyers Flottenkalender 2003-2004.




Anlage 2

Vergleich der taktisch-technischen Charakteristika der im Bau befindlichen russischen Korvette des Projektes 20380 / 20382 (Exportvariante) mit denen der geplanten deutschen Korvette K-130

 

Projekt 20382 (Russland)

K 130 (Deutschland)

Schlagraketenbewaffnung, Anzahl und Typ der Antischiffsrakete

8 "Jachont"
oder
2 x 4 3S-24E "Uran-E" X-35E

4 Schwere Seezielflugkörper
"RBS 15 Mk 3"
8 Leichte Seezielflugkörper
"Polyphem"

Luftabwehrsysteme, Typ des Komplexes (Kampfsatz)

Luftabwehrraketenkomplex "Igla-1E" (12)
"Kaschtan" (32)

2 x 21 RAM (42)
2 x 27 mm MLG

Artillerie, Anzahl, Typ, Kaliber

1 x 1 A-190E
100 mm

1 x 1 OTO Melara
76,2 mm

U-Bootabwehr, Anzahl der Torpedoapparate, Kaliber

2 x 2 TA 533 mm

-

Funkmessanlage

« Positiv-M1 »

TRS-3D

Flugmittel

Hubschrauber K-28

Hubschrauber oder Drohne



Quellen:
  • Захаров, Игорь, Российские образцы военно-морской техники на мировом рынке вооружений, Военный Парад 3 (57) 2003, стр. 12 - 14.
  • Мозговой, А., Сегодня мы начинаем...// «Военный Парад» 2.2002.

http://vs-rus.narod.ru/vs/russia/vmf/SKR_Project_20380/SKR_Project_20380.html

Корвет «Стерегущий» проекта 20380.




Anlage 3

Taktisch-technische Charakteristika des Schweren strategischen Unterwasser-Raketenkreuzers Typhoon (Projekt 941/941U) und des Strategischen Unterwasser-Raketenkreuzers Delta IV (Projekt 667BDRM)

 

Projekt 941/941U Projekt 667BDRM

Volldeplacement ungetaucht, t

28 500

11 700

Volldeplacement getaucht, t

49 800

18 200

Hauptabmessungen (L,B,H), m

172,8 x 23,3 x 11,0

167,0 x 11,7 x 8,8

Hauptantriebsanlage

nuklear, auf zwei Wellen

nuklear, auf zwei Wellen

Leistung der Hauptantriebsanlage, P.S.

130 000

60 000

Leistung der Bordenergieanlage, kW

14 400

6 920

Maximalgeschwindigkeit, kn

 

 

Überwasserfahrt

12

14

Unterwasserfahrt

25

23

Tauchtiefe, m

 

 

Operationstiefe

380

400

maximale Einsatztiefe

500

650

Autonomie, Tage

120

90

Besatzung, Mann

170

130

Bewaffnung des Projektes 941/941U:

  • 20 Startschächte für ballistische Raketen RSM-52 (NATO: SS-N-20 Sturgeon);
  • 6 Torpedoapparate Kaliber 533-mm (Kampfsatz: 22 Torpedos und Raketentorpedos);
  • 8 Luftabwehrraketenkomplexe;
  • Einsatz von Minen anstelle der Torpedos möglich.

Bewaffnung des Projektes 667BDRM:

  • 16 Startschächte für ballistische Raketen RSM-54 (NATO: SS-N-23 Skiff);
  • 4 Torpedoapparate Kaliber 533-mm (Kampfsatz: 18 Torpedos und Raketentorpedos).

 

Quelle: Международный военно-морской салон IMDS-2003, издательский дом интервестник, 2003, стр.10.




Anlage 4

Vergleich einiger taktisch-technischer Parameter des Flugkörpers Klub-S von "Novator" aus Jekaterienburg mit dem amerikanischen Marschflugkörper BGM 109B. Der Einsatz der Klub-S erfolgt aus den Torpedoapparaten von U-Booten.

 

ЗМ-54Э (Klub-S) (Russland)

BGM 109B (USA)

Maximale Reichweite

220 km

460 km

Fluggeschwindigkeit

180–240 (Zielnähe: 700) m/s

230 - 280 m/s

Flughöhe:

 

 

auf dem Marsch / in Zielnähe

20 / 5-10 m

5 –10 / 3-5 m

Masse des Gefechtsteils

200 kg

450 kg

Startmasse

2300 kg

1450 kg

Länge / Durchmesser

8,2 / 0,534 m

6,2 / 0,52 m

 

Gegenüberstellung der taktisch-technischen Parameter des Luftabwehr-Raketen-Artilleriekomplexes "Kaschtan" mit vergleichbaren westlichen Modellen

 

"Kaschtan"
(Russland)

Vulkan-Phalanx
(USA)

Naval-Crotal NG
(Frankreich)

Vernichtungszone, m

Raketenbewaffnung:
(Distanz / Höhe)

 

1500-8000 / 5-3500

 

- / -

 

11000 / 6000

Artilleriebewaffnung:
(Distanz / Höhe)

500-4000 / 5-3000

5000 / 2500

- / -

Anfangsgeschwindigkeit

980 m/s

1130 m/s

-

Schussgeschwindigkeit

10000 Schuss/min

4500 Schuss/min

-

Masse des Gefechtsteils der Rakete

9 kg

-

14 kg

Masse des Komplexes

9 t

5,4 t

4,2 t

 

Gegenüberstellung einiger taktisch-technischer Grundparameter des Schiffsgeschützes A-190E (Exportvariante) mit dem französischen Pendant.

 

A-190E   (Russland)

Compact   (Frankreich)

Kaliber des Geschützes

100

100

Schussweite

über 20 km

17 km

Einsatzhöhe

15 km

11 km

Schussgeschwindigkeit

bis 80 Schuss/min

85 Schuss/min

Anfangsgeschwindigkeit

880 m/s

870 m/s

Masse des Geschosses

15,6 kg

13,5 kg

Masse des Geschützes

15 t

17 t


Quelle: Захаров, Игорь, Российские образцы военно-морской техники на мировом рынке вооружений, in: Военный Парад 3 (57) 2003, стр. 12 - 14.



Anlage 5

Taktisch-technische Charakteristika des Schweren Flugdeckkreuzers
"Admiral Kusnezow" (Projekt 1143.5)

Standarddeplacement, t

55 000

Volldeplacement, t

60 000

Gesamtlänge auf der Wasserlinie, m

270,0

Maximallänge, m

306,4

Breite auf der Wasserlinie, m

35,4

Maximalbreite, m

72,3

Maximaler Tiefgang

10,0

Hauptantriebsanlage

Kesselturbinenanlage, 4 Wellen

Leistung der Hauptantriebsanlage, P.S.

200 000

Leistung der Bordenergieanlage, kW

22 500

Höchstgeschwindigkeit, kn

29

Fahrtweite bei Höchstfahrt, sm

3 850

Fahrtweite bei ökonomischer Fahrtstufe, sm

12 000

Autonomie, Tage

45

Besatzung, Mann

ca. 2 500


Bewaffnung:

  • 24 Flugzeuge und 21 Hubschrauber, 12 Startschächte für Antischiffsflugkörper "Granit" (SS-N-19-Shipwreck);
  • 8 Startanlagen des Luftabwehrraketenkomplexes "Kinshal" mit 192 Luftabwehrlenkraketen 9M330 [8x24 SA-N-9 Gauntlet VLS SAM system (192 9M330 SAMs)];
  • 8 Gefechtsmodule des Luftabwehrraketenkomplexes "Kortik" (siehe "Kaschtan");
  • 2x10 Startanlagen des U-Boot- und Torpedo-Abwehrkomplexes "Udaw" (60 Raketen).

Quelle:   Международный военно-морской салон IMDS-2003, издательский дом интервестник, 2003, стр.40.

 

 

Schwerer Flugdeckkreuzer "Admiral Kusnezow" (Projekt 1143.5)