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Europäische Sicherheit - miteinander oder weiterhin gegeneinander?
Zu Russlands Projekt eines Vertrages über europäische Sicherheit
Egbert Lemcke
Die tragischen Ereignisse der 30er – 40er Jahre enthalten
mindestens zwei heute bedeutende Lehren:
Erstens wird sich die Idee, einen Aggressor dadurch befrieden zu wollen, dass
einige Völker auf Kosten der Unterjochung anderer existieren -
ein größeres Recht auf „Lebensraum“
beanspruchen könnten - früher oder später gegen ihre
Autoren wenden. Einem großen Übel ist nur durch
rechtzeitige kollektive Anstrengungen zu begegnen.
Und zweitens hat die leidvolle Geschichte Europas auch diese Lehre hervorgebracht:
Die Schaffung eines effektiven Systems kollektiver Sicherheit im
Euro-Atlantischen Raum setzt die gemeinsame Beteiligung Russlands,
der europäischen Staaten und der USA voraus.
Unser Verhältnis zu diesen beiden Lehren wird sich 2010 anlässlich
zweier Daten offenbaren: dem 65. Jahrestag der Befreiung Europas vom
Faschismus und dem 35. Jahrestag der Schlussakte von Helsinki. Der
heutige Zeitgeist lässt leicht vergessen, durch wen in den 30er
Jahren welche Chancen vertan wurden bei der Organisation einer
kollektiven Abfuhr gegenüber den Plänen zur Installation
der faschistischen Hegemonie über Europa. Einigen erschien es
damals durchaus legitim, die deutsche Aggression im eigenen
„Sicherheitsinteresse“ nach Osten zu lenken. Heute wird
im Geiste der Totalitarismusdoktrin im Kontext eines strategischen
Geschichtsrevisionismus die zynische These einer „gleichen
Verantwortung Hitlerdeutschlands und der Sowjetunion“ für
das Auslösen des 2. Weltkriegs lanciert.
Gibt es eine strukturell-politische Lernfähigkeit? Zweifelsohne ja, -
aber nur bei Existenz einer strategischen Kräfteparität,
wie es z.B. 1975 in Helsinki der Fall war. Zuverlässige und
gleiche Sicherheitsgarantien für alle Staaten, unabhängig
davon, ob diese Militärbündnissen angehören oder
nicht, können dann ein allgemeines Koordinatensystem schaffen,
das sowohl für alle Staaten als auch internationale
Organisationen bindend ist.
Fogh Rasmussen sieht keine Notwendigkeit für die Akzeptanz genau
dieses Systems ungeteilter Sicherheit im Euro-Atlantischen Raum. Das
ist verständlich, denn ansonsten müsste er auch die
Vertragsorganisation für Kollektive Sicherheit als
gleichwertigen Partner neben der NATO akzeptieren. Jede
Prioritätenverschiebung des jetzigen NATO-zentrierten
„Sicherheitssystems“ wird jedoch abgelehnt.
Die Wunschliste bezüglich russischer Unterstützung für die
westliche Afghanistanpolitik aber ist lang. Alle Wege des Westens
nach Afghanistan führen über Russland, und dies nicht nur
im direkten logistischen Sinne. Der Westen wird versuchen – sozusagen
als Alternative zum Vertragsprojekt – Russland als Zuträger
von Munition und Ausrüstung und als kurzfristigen Gehilfen im
Afghanistankrieg bei der Umsetzung eigener geostrategischer Ziele in
Zentralasien zu gebrauchen.
Das Schicksal der europäischen Sicherheit entscheidet sich über
das Verhältnis des Westens zu Russland und Zentralasien. Solange
hier der implantierte Irrglaube dominiert, der Einsatz für die
geopolitischen Interessen der USA sei die Sicherheitsgarantie für
Europa, steht es schlecht für die europäische Sicherheit.
Genau hier liegt auch der wesentliche „Makel“ des russischen Vertragsprojekts: Es
geht von der Existenz souveräner Staaten in Europa aus. Diese
gibt es jedoch nur in Rudimenten. Im „historischen Westen“
stehen Bündnis- und Vasallentreue gegenüber der einzigen
Noch-Weltmacht weit über der Wahrnahme der Interessen sowohl der
eigenen, als auch aller Bürger zwischen Vancouver und
Wladiwostok. Bleibt zu hoffen, dass man dies auch in Russland weiß.
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