Kursk - Das Geheimnis der Bewaffnung
Impressum [Lemcke-Home]    [DSS-Home] 15.04.2001

Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.  (DSS)







Dmitrij Safonow

"Kursk"  -   Das Geheimnis der Bewaffnung

Die NPO "Maschinenbau" aus Reutow im Moskauer Gebiet lüftete gegenüber Strana.Ru das Hauptgeheimnis der Atom-U-Boote vom Projekt 949A des Typs "Antej" (Oskar II), zu denen bekanntlich auch der während einer Übung der Nordflotte tragisch verunglückte Atomraketenkreuzer "Kursk" zählte. Auf dem gesunkenen Schiff sind 22 geheime Überschall-Anti-Schiffs-Flügelraketen großer Reichweite "Granit" (SS-N-19 "Shipwreck" nach NATO-Klassifikation) verblieben. Diese Tatsache hat bereits die Aufmerksamkeit ausländischer Aufklärungsdienste auf sich gezogen. Ihr Interesse ist auch sehr verständlich, denn gegen die russische Superrakete gibt es in keiner Flotte der Welt ein effektives Verteidigungsmittel. [ ...]

Die Entwicklung des Projektes 949A des Typs "Antej" noch in der sowjetischen Seekriegsflotte wurde, wie der Generaldirektor und Generalkonstrukteur der NPO "Maschinenbau" Gerbert Jefremow mitteilte, durch die Notwendigkeit hervorgerufen, in den ozeanischen Weiten amerikanischen Trägergruppierungen und beliebigen Schiffsschlaggruppen Paroli bieten zu können. Zu Beginn der 80er Jahre wurde die Idee der "asymmetrischen" Antwort durch das Kollektiv der Reutower NPO "Maschinenbau", geführt durch das Mitglied der Akademie Wladimir Tschelomej, umgesetzt. Das Wesen des Vorschlags bestand in der Schaffung mächtiger Gruppierungen von Angriffs-Atom-U-Booten mit Überschall-Anti-Schiffs-Flügelraketen großer Reichweite. Hierbei kam die Ende der 70er-Anfang der 80er Jahre entwickelte Überschall-Anti-Schiffs-Rakete großer Reichweite "Granit" zum Einsatz.

Entsprechend der Idee des Konstruktionskollektivs kann die Rakete sowohl von Überwasserschiffen als auch von U-Booten eingesetzt werden. Die Flugweite beträgt über 500 km, die Startmasse 7 Tonnen, die Länge des Flugkörpers 10 m. Die Fluggeschwindigkeit beträgt 2,5 Mach - 2800 km/h. Die Anti-Schiffs-Rakete "Granit" kann verschiedene Arten von Gefechtsladungen tragen.

Doch nicht nur die hohen Flugeigenschaften und der vor radioelektronischer Abwehr geschützte Kopf zur Selbstlenkung verleihen nach Meinung von Gerbert Jefremow der Anti-Schiffs-Rakete "Granit" einzigartige Gefechtseigenschaften. Das Bemerkenswerteste ist die Umsetzung von originellen Methoden der Zielzuweisung. Hier kommt die reiche Erfahrung der NPO bezüglich der Schaffung elektronischer Systeme künstlichen Intellektes zur Wirkung, wodurch es ermöglicht wird, sie gegen einzelne Schiffsziele nach dem Prinzip "eine Rakete - ein Schiff" oder mittels einer Salve gegen eine Gefechtsformation von Schiffen einzusetzen. Gerade bei der Salve erschließen sich die unübertroffenen taktischen Möglichkeiten dieser russischen Waffe.

Die Raketen selbst unterscheiden und klassifizieren die Ziele nach ihrer Wertigkeit, wählen die Angriffstaktik und den Plan ihrer Umsetzung aus. Um Fehler bei der Auswahl des Manövers und der Vernichtung gerade des zugewiesenen Zieles auszuschließen, sind in den Bordcomputer der Anti-Schiffs-Rakete elektronische Daten zu modernen Schiffsklassen eingegeben. Hinzu kommen auch rein taktische Informationen, beispielsweise über den Typ der Schiffsformation, wodurch es der Rakete möglich wird zu bestimmen, wer sich vor ihr befindet - ein Konvoi, eine Flugzeugträger- oder Landungsgruppe, und somit die jeweiligen Hauptziele in ihrem Bestand anzugreifen.

Gleichfalls sind in den Bordcomputer Daten zur Abwehr der Mittel des funkelektronischen Kampfes des Gegners eingegeben, die in der Lage sind, durch das Setzen von Störungen Raketen vom Ziel abzuweisen, sowie taktische Methoden, um dem Feuer der Luftabwehrmittel auszuweichen. Wie die Konstrukteure mitteilen, entscheiden die Raketen nach dem Start autonom, welche von ihnen welches Ziel angreifen wird und welche Manöver entsprechend der im Programm vorgesehenen mathematischen Algorithmen auszuführen sind. Die Rakete verfügt auch über Mittel gegen angreifende Anti-Raketen. Ist das Hauptziel in der Schiffsgruppe vernichtet, greifen die verbleibenden Raketen die übrigen Schiffe in der Formation an, wobei die Möglichkeit ausgeschlossen ist, daß ein und dasselbe Ziel von zwei Raketen vernichtet wird.

Im Jahre 1999 lief die "Kursk" auf Gefechtsdienst in das Mittelmeer. Und, wie man im Hauptstab der Seekriegsflotte sagt, war das Kommando der 6. US-Flotte gezwungen, alle Kräfte zu ihrer Suche einzusetzen, jedoch vermochten sie nicht, den Atom-U-Kreuzer aufzufassen. Folglich wurde auf den Seekarten ein Kreis mit dem Radius von 500 km gezeichnet, innerhalb dessen es den amerikanischen Schiffen streng untersagt wurde, sich aufzuhalten. Die "Kursk" hat also allein mit ihrer Anwesenheit die gesamten Kräfte der US-Flotte gebunden und dazu gezwungen, über die eigene Sicherheit nachzudenken.

"Es gibt allen Grund zu der Annahme - sagt der Generalkonstrukteur, daß die US-Flotte keine Möglichkeit verstreichen lassen wird, um Informationen über unsere Rakete zu erlangen, u.a. zur Schaffung eines Abwehrsystems vor ihr. Und, hier muß man auch keine Illusionen nähren bezüglich der Beachtung verschiedener internationaler Verträge und ethischer Gesetze."

Doch, auch wenn irgendwann ein solches System aufkommen sollte, die "Granit" wird dennoch eine sehr mächtige Waffe gegen einen beliebigen gut gesicherten Gegner bleiben. Denn, selbst wenn die russische Rakete durch eine Abwehrrakete getroffen wird, kann sie aufgrund ihrer gewaltigen Masse und Geschwindigkeit ihre Anfangsfluggeschwindigkeit beibehalten und im Ergebnis bis ins Ziel gelangen. Die Kraft dieses Aufschlages wird dazu führen, daß die Rakete selbst ohne Gefechtsteil in der Lage ist, ein Schiff der Zerstörerklasse einfach in zwei Teile zu spalten.

Gegenwärtig wird bei der NPO "Maschinenbau" ein Programm zur Unterstützung hoher Effektivität der Anti-Schiffs-Rakete "Granit" über die gesamte Dauer ihrer Nutzung realisiert. Dies bezieht sich sowohl auf die Flugeigenschaften als auch auf die "intellektuellen" Möglichkeiten der Rakete. All diese Arbeiten werden ohne große Investitionen durchgeführt, das heißt, unsere Flotte verfügt noch über die entscheidenden Argumente in einem beliebigen Seegefecht. Die bei der Konstruktion der Anti-Schiffs-Rakete "Granit" umgesetzten technischen Lösungen wurden bereits zur konzeptionellen Grundlage für die Entwicklung eines neuen Typs von Anti-Schiffs-Raketen, der "Jachont" (Rubin bzw. Saphir, E.L.).


Quelle: http://strana.ru/incidents/crash/2000/12/29/978101646.html

Übersetzung: Egbert Lemcke, 9. April 2001




(Anmerkung des Übersetzers:
НПО - Научно-промышленное Объединение «Машиностроение»
NPO - Wissenschaftlich-industrielle Vereinigung "Maschinenbau")


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