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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.  (DSS)






Korvetten anstelle von Kreuzern


(Bericht: Egbert Lemcke [EL])

Auf der Grundlage eines Artikels von Sergej Sokut in "Nesawisimaja Gaseta" vom 28.12.2001
Quelle: http://nvo.ng.ru/forces/2001-12-28/1_cruiser.html

<Inhaltsübersicht>


Die Kiellegung des Typschiffes der neuen Korvette vom Projekt 20380 am 21. Dezember 2001 wird in russischen Medien als Beginn einer neuen Etappe, ja als Wendepunkt in der Entwicklung der Seekriegsflotte Russlands betrachtet.
Sergej Sokut wertet dieses Ereignis als Symbol "der Abkehr von der sowjetischen Konzeption der Flottenentwicklung". Das Wesen des gegenwärtigen Prozesses sieht er in der "Beendigung der Epoche des "Zuendebauens" («достройки») und des übergangs zur Schaffung einer neuen Flotte, die sowohl den militär-politischen Aufgaben als auch den ökonomischen Möglichkeiten des Landes angepasst ist".

Sokut hebt hervor, dass diese Umorientierung ein ganzes Jahrzehnt in Anspruch nahm und auch heute noch gegensätzlich bewertet wird. Während die einen von einem Schritt in die Zukunft sprechen, könnten sich andere nicht damit abfinden, eine Flotte aufzubauen, die in keiner Weise der Ozeanflotte sowjetischer Zeiten entspricht.

Doch die Realitäten der 90er Jahre führten zu der Erkenntnis: "...wenn der Verzicht auf das Flaggezeigen in den ozeanischen Weiten unter Bedingungen des beendeten kalten Krieges fast ohne Folgen blieb, so wirkte sich ein Machtvakuum nahe der Staatsgrenzen in unmittelbarster Weise auf die Interessen Russlands aus. Die Kluft zwischen Ambitionen und Möglichkeiten wuchs."

Ein Ausdruck für den Versuch, diese Kluft zu überwinden, war der an mangelhafter Finanzierung gescheiterte Versuch zum Bau von Fregatten des Projektes 12441 "Grom" («Гром»).

Erst 10 Jahre nach dem Zerfall der UdSSR gelang es, zu mehr oder weniger realistischen Programmen zu gelangen. Eines der ersten davon wurde die Korvette vom Projekt 20380, offiziell bezeichnet als "Mehrzweckwachschiff des nahen Seegebietes" («сторожевой многоцелевой корабль ближней морской зоны»).


Prozess und Umfeld der Projektausschreibung

Die Auftragsvergabe erfolgte auf Grundlage einer Projektausschreibung an alle führenden Schiffbauunternehmen Russlands. Das Zentrale maritime Konstruktionsbüro "Almaz" (Центральное морское конструторское бюро ЦМКБ «Алмаз») aus St. Petersburg erhielt den Zuschlag offenbar nicht zuletzt aufgrund der Fähigkeit, Hochtechnologien zu bündeln. Das Büro legte der Wettbewerbskommission 8 entwickelte Varianten vor, wodurch es möglich wurde, auf die Projektierung weiterer Vorentwürfe zu verzichten. Am 14. Dezember 2001 wurde das endgültige Aussehen des Schiffes bestätigt.

Parallel zur Projektpräzisierung erfolgte die Ausschreibung zur Vergabe der Aufträge für die Serienproduktion. Die Kommission Verwaltung Schiffbau der Seekriegsflotte bestätigte am 28. April 2001 das entsprechende Protokoll, wonach der erste Platz in diesem Wettbewerb von der OAO "Severnaja werf"("Nordwerft") belegt wurde. An zweiter, dritter und vierter Stelle folgten "Baltijskij savod", "Jantar" und das Selenodolsker Werk.

Den Ausschlag gaben hier die größeren Investitionsmöglichkeiten der "Nordwerft", die in den letzten Jahren einen stabilen Umsatz von 15 Mrd. Rubel erbracht hat, der große Anteil militärischer und ziviler Aufträge sowie der hohe Gewinn von über 4 Mrd. Rubel. Außerdem ist hervorzuheben, dass sich die kontrollierende Aktienmehrheit der "Nordwerft" in den Händen der Holding-Industriegesellschaft "Neue Programme und Konzeptionen" ("NPK" – «НПК») befindet.
Die "Nordwerft" ist übrigens das erste private Unternehmen, das von den russischen Militärs einen derart großen Auftrag erhielt.

Der ursprüngliche Ausschreibungsvorschlag der Seekriegsflotte sah den Bau von 10 Korvetten vor. Konteradmiral Schlemow hob jedoch hervor, dass die Flotte bis 2010 zur Finanzierung von 4-5 Schiffen in der Lage sei. Gleichzeitig erklärten sowohl Schlemow als auch sein direkter Vorgesetzter, Flottenadmiral Wladimir Kurojedow, dass es eine große Serie sein werde, weil diese Schiffe in allen vier Flotten und selbst in der Kaspi-Flottille benötigt werden. Am 21. Dezember verkündete Kurojedow, dass der Auftragsumfang allein für die "Nordwerft" 20 Einheiten umfassen werde. Die Möglichkeiten zum Bau von Schiffen dieses Projektes auf weiteren Werften wird erörtert. Es gibt Informationen darüber, dass eine Modifikation der Korvette für den Föderalen Grenzdienst entwickelt wird.

Die Übergabe des Typschiffes mit dem Namen "Stereguschtschij" («стерегущий» - "Der Wächter", "Der Bewachende) an die Baltische Flotte war zunächst für das Jahr 2005 geplant, doch kündigte Wladimir Kurojedow an, dass dies bereits 2004 erfolgen solle. Im Vergleich zu sowjetischen Zeiten erscheinen diese Fristen sehr lang (allein die "Nordwerft" übergab ihrem Auftraggeber alljährlich 4-6 Kampfschiffe). Die gegenwärtige Situation erklären die Militärs aus unzureichender Finanzierung. Wie Konteradmiral Schmelow hervorhob, war das Jahr 2001 das erste nach 10 Jahren, in dem die Regierung in der Lage war, ihre Verbindlichkeiten an staatlichen Verteidigungsaufträgen (по Гособоронзаказу) zu erfüllen. Das Flottenkommando fordert eine Erhöhung seines Anteils am Verteidigungsbudget von gegenwärtig 11-12% auf 25%.


Taktisch-technische und ökonomische Charakteristika des Projektes 20380

In technischer Hinsicht ist die Korvette vom Projekt 20380 ein Schiff prinzipiell neuen Typs in der russischen Flotte - vor allem deshalb, weil es sich um ein Mehrzweckschiff handelt. Früher war es nicht möglich, diese Mehrzweckeignung im Rahmen einer relativ geringen Wasserverdrängung (2000 t) zu erreichen. In Zeiten der UdSSR waren kleine U-Boot-Abwehrschiffe vom Projekt 1124 die am meisten verbreiteten Schiffe im küstennahen Seegebiet. Diese sind jedoch lange veraltet, und ihre enge Spezialisierung entsprach den neuen Anforderungen an die Flotte in keiner Weise. Alle Versuche, diese durch die Projekte 12441 und 11660 abzulösen, schlugen fehl, denn mit der Erhöhung der Effektivität wuchs die Wasserverdrängung und folglich auch der Preis.

Eine weitere Besonderheit des neuen Schiffs ist von ökonomischen Erwägungen diktiert. In der ersten Etappe sieht die Zusammensetzung der Bewaffnung konservativ aus – Auftraggeber und Konstrukteure zogen Lehren aus den vorangegangenen unvollendeten Endlosbauten, deshalb kommen auf der Korvette nur gut ausgereifte technische Systeme und Bewaffnungen von relativ geringen Kosten zum Einsatz. Der vollständige Bestand an Bewaffnung ist noch unbekannt. Klar ist jedoch, dass die Korvette ein neues 100mm-Artilleriegeschütz (bereits erprobt auf den Fregatten für die indischen Streitkräfte) erhalten wird, zwei aus jeweils vier Containern bestehende Startanlagen für Antischiffsraketen "Uran" («Уран»), Torpedoapparate, aus denen gleichfalls U-Boot-Abwehrraketen verschossen werden können, den Raketen-Artillerie-Luftabwehrkomplex "Kashtan" («Каштан») sowie zwei automatische 30mm-Geschütze AK-630.

Erstmals gelang es, auf einem Schiff mit dieser Wasserverdrängung Hangar und Landefläche für einen Hubschrauber Ka-27 einzurichten. Letzterer soll in Zusammenwirken mit den Systemen der Korvette zur Bekämpfung von U-Booten mittels Torpedos zum Einsatz kommen. Es wird hervorgehoben, dass für den Hubschrauber ein erheblicher Vorrat an Treibstoff (bis 20t) vorgesehen ist.

Auf dem "Stereguschtschij" kommt anfangs keine von den neuesten Waffen - wie die Antischiffsrakete "Jachont" («Яхонт»), der Komplex "Klab" («Клаб»), der Luftabwehr-Raketenkomplex "Poliment" («Полимент») - zum Einsatz. Späterhin werden auf dem Schiff universelle Startanlagen für den vertikalen Start von Antischiffsraketen wie auch ein Luftabwehrkomplex zur kollektiven Verteidigung installiert (letzterer ermöglicht eine Lösung des Problems der relativ schwachen Luftabwehrbewaffnung der ersten Varianten des Projektes 20380). Wie die Entwicklungsingenieure betonen, besteht ein wesentlicher Vorzug der Korvette darin, dass Dank der modularen Konzeption der Bewaffnung eine Nachrüstung keinerlei radikale konstruktive Veränderungen erfordert. So sprechen andere Quellen bereits jetzt von einer Ausrüstung mit der Antischiffsrakete "Jachont" und dem U-Boot-Abwehrraketenkomplex "Medwedka".

Ein gewisser Konservatismus ist auch bezüglich der Antriebsanlage festzustellen, in der einfache und zuverlässige Diesel eingesetzt werden. Gleichzeitig jedoch wird bei den im Bau befindlichen U-Booten der "Amur"-Klasse erstmals das Prinzip des Elektroantriebs zur Anwendung gebracht, das, sofern das Experiment erfolgreich verläuft, auch auf überwasserschiffe ausgeweitet wird.

Eine prinzipielle Besonderheit des Projektes 20380 besteht darin, dass die unterschiedlichen funkelektronischen Mittel zu einem einheitlichen System integriert wurden, das über gleichartige automatisierte Arbeitsplätze mit unterschiedlicher Programmsicherstellung verfügt. Der hohe Automatisierungsgrad machte es möglich, die Besatzungsstärke entscheidend zu verringern (nach inoffiziellen Quellen unter 100 Mann). Dies wiederum ermöglichte einen erhöhten Wohnkomfort.

Der "Stereguschtschij" besitzt alle Chancen, das erste Kampfschiff der Seekriegsflotte zu werden, bei dessen Konstruktion Technologien zur breiten Anwendung kommen, die eine geringe Auffassbarkeit im Funkmess-, Infrarot- und optischen Sichtbereich gewährleisten. Dies findet seinen Ausdruck bei der Konstruktion der Aufbauten wie auch im umfangreichen Einsatz von neuen radioabsorbierenden Materialien.

Neue Technologien würden, wie der Generaldirektor der "Nordwerft", Waleri Wenkow, hervorhob, auch die Lösung eines der schwierigsten Probleme der russischen Flotte ermöglichen – die Erhöhung der Nutzungsdauer der Rohrleitungssysteme, die, wie die Praxis zeigt, im Einsatzprozess am anfälligsten sind.


Export

Nach Informationen des Chefs der Holding "Neue Programme und Konzeptionen" (NPK), Boris Kusyk, wurde eine Vereinbarung über die Entwicklung einer Export-Modifikation des "Stereguschtschij" (Projekt 20382) für den Außenmarkt erzielt. Experten nehmen an, dass in den nächsten 15 Jahren Korvetten zu den meistverkauften Kriegsschiffen werden. Bereits gegenwärtig beträgt ihre Anzahl in 30 Ländern der Welt etwa 200. Die Aufnahmefähigkeit des Marktes wird auf etwa 90 Gefechtseinheiten in einem Gesamtwert von 9,5 Mrd. Dollar bewertet. Der Exportpreis einer Korvette bewegt sich zwischen 80 und 250 Mill. Dollar, was sie zu einer sehr gewinnträchtigen Ware macht (nach inoffiziellen Daten liegt der Preis eines Schiffes für die Seekriegsflotte der RF zwischen 1,6 und 2 Mrd. Rubel).

Nach Auffassung von Konteradmiral Igor Sacharow wird die Exportvariante der russischen Korvette allen ausländischen Entwicklungen überlegen sein, außer der deutschen K-130.
Mehr als 10 Staaten haben bereits ihr Interesse bekundet. Unter den potenziellen Käufern befindet sich Teheran.

Abschließend bleibt dem Autor dennoch die ernüchternde Frage, warum es über 10 Jahre dauern musste, zur Entwicklung einer realistischen technischen Marinepolitik zu finden, die sich an den realen Erfordernissen orientiert.


(Bericht [EL], 13.01.2002)

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Anmerkungen zu weiteren Quellen:
  • Interview mit Igor Bardejew zu Stellenwert und Perspektiven der russischen Marinerüstung aus der Sicht von "Rosoboronexport" («Рособоронэкспорт») http://cast.ru/russian/publish/2001/mar-apr/bardeev.html.
  • Eine parallele Betrachtung zu den Ambitionen der deutschen Marinerüstung einschließlich der Exportvorhaben findet sich in: Schiff&Hafen 12/2001, S. 41-48 (Volker Hogrebe, Erfolgreiche Exportbemühungen sichern die Mindestkapazitäten).
  • Unter dem Titel Bauvorhaben Korvette K 130 stellt Dieter Stockfisch im Wehrtechnischen Report 2/2001 taktisch-technische Aspekte der genannten Korvette dar.



I n h a l t s ü b e r s i c h t :


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Taktisch-technische und ökonomische Charakteristika des Projektes 20380

Exportaussichten 



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