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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)




A. E. Sawinkin :


Was für eine Armee benötigt Russland?
Russland benötigt eine beständige Armee von hoher Qualität!
  (1995)   <*>
Übersetzung aus dem Russischen:   Egbert Lemcke   (April 2002)


I n h a l t s ü b e r s i c h t

Vorbemerkung des Übersetzers       Titel       Einleitung       1. Russland -- eine Militärmacht

2. Die Armee -- Garant russischer Staatlichkeit      3. Ein unzulängliches Militärsystem

4. Die qualitative Wiedergeburt der Armee      Der nationale Charakter der Armee

Die Armee als ein Werk der Kriegskunst       Die beste militärische Organisation

Anmerkungen 1 bis 31       Anmerkungen 32 bis 99




Vorbemerkung des Übersetzers

Der folgende Artikel entspricht dem Nachwort der Ausgabe 9 des "Russischen militärischen Sammel­bandes" («Российский военный сборник») aus dem Jahre 1995 unter dem Titel:

          "Was für eine Armee benötigt Russland?" – (Ansichten aus der Geschichte).

Die Übersetzung und Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung meines ehemaligen Lehrers sowie Redakteurs dieser und anderer Ausgaben des "Russischen militärischen Sammelbandes", A. E. Sawinkin.
Veranlasst zu dieser Übersetzung hat mich der originelle historisch-methodologische Ansatz bei dieser "retrospektiven Konzeption". Sawinkin sucht im "geistigen Vermächtnis" autorisierter Militärpublizisten des alten Russlands, wozu immer auch das russische Exil gezählt wird, nach prinzipiellen Positionen mit Relevanz für die Gegenwart. Zentraler Gedanke ist die erklärte "Notwendigkeit einer qualitativen Wiedergeburt russischer Streitkräfte".

Die reichen Quellenangaben und zusätzlichen Erläuterungen des Autoren machen es m. E. möglich, dieses Nachwort auch ohne Kenntnis der bisher im Deutschen nicht vorliegenden vorangestellten Texte des Sammelbandes mit Bereicherung zu lesen.

Hervorhebungen einzelner Gedanken und Worte entsprechend ihrer aktuellen Bedeutung aus der Sicht des Autoren wurden durch mich beibehalten. Somit ergibt sich für den deutschen Leser neben der authentischen Wirkung der häufig zitierten Erstquellen sofort ein Bezug zu Sawinkins Denkweise. Um der Gefahr vorzubeugen, beim Lesen der Übersetzung dem Klang tradierter deutscher Begriffsbesetzungen zu erliegen, oder auch, um dem Leser die Möglichkeit zu einer treffenderen übersetzung zu bieten, habe ich mitunter das russische Original zusätzlich angeführt. Quellenangaben in den Anmerkungen wurden durch mich generell im Original belassen.


<*>

Quelle: Russischer militärischer Sammelband, Ausgabe 9, Moskau: Humanitäre Akademie der Streitkräfte 1995. S. 300 - 348.
(Российский военный сборник.-Вып.9.-М.: ГА ВС, 1995.-С.300-348)

Bergen, April 2002       Egbert Lemcke






Quelle: Российский военный сборник, выпуск 9, Москва: Военный Университет ассоциация «Армия и общество», 1995, Савинкин, А. Е.   |   Übersetzung: E. Lemcke, Mai 2002






A. E.   S a w i n k i n

Was für eine Armee benötigt Russland?
Russland benötigt eine beständige Armee von hoher Qualität!





Aus dem Vergangenen werden wir unser Wissen schöpfen,
um das Künftige zu vollenden.
P. Krasnow

Berücksichtigen wir die zweihundert Jahre ihrer Existenz,
so ist dies Grund genug, unserer regulären Armee
als Organisator russischer Vergangenheit die ganze Aufmerksamkeit zu widmen.
A. Gerua


Die Geschichte zeugt davon, daß das staatliche Dasein Russlands vor allem vom Wirken der Armee geprägt ist. Seine besten Kräfte und Geistesgrößen widmeten sich einem aufopferungsvollen Dienst am Vaterland. Sie waren gezwungen, eine undankbare analytische (kognitive) Tätigkeit mit dem Ziel zu führen, die "Geschwüre der eigenen Armee", Wege und Methoden der Heilung des seit Ende des 18. Jahrhundert kranken militärischen Organismus zu bestimmen. Im Ergebnis dessen wurde ein in seinem Charakter einzigartiges russisches militärisches Denken hervorgebracht,1 dessen Aneignung auch heute die hauptsächliche Voraussetzung zur Durchführung einer seit langem herangereiften grundlegenden Reform des militärischen Systems Russlands ist.

Die Vertreter verschiedener Generationen gelangten zu einem klaren Verständnis darüber, daß die Streitkräfte die eigentliche Grundlage der staatlichen Existenz Russlands sind. Eine "ehrenverantwortliche" Situation verpflichtet sie (die Streitkräfte), eine wahrhafte Armee zu sein, absolute Vollkommenheit anzustreben, eine "hohe Qualität" zu beanspruchen.2 Komplizierteste Bedingungen der russischen Gegenwart gestatten es nicht, eine schlechte Armee zu haben.3 Tatsachen unserer Geschichte haben immer wieder bestätigt, daß nur eine (qualitativ) vollkommene Armee zu jener allgemeinnationalen Kraft werden kann, die eine Wiedergeburt und ein stabiles Aufblühen Russlands zuverlässig gewährleistet. Zu diesem Schluß gelangten alle im staatlichen Sinne denkenden (zivilen und militärischen) Persönlichkeiten, die auf den Seiten der vorliegenden Ausgabe des "Russischen Militärischen Sammelbandes" vorgestellt werden. Ihre Ansichten lassen sich in der folgenden retro-spektiven Konzeption zum Ausdruck bringen.



1. Russland   --   eine Militärmacht

Die russische Geschichte veranschaulicht, daß Russland sich durch seine Armee halten konnte. Peter I. wie auch einige seiner Vorgänger und Nachfolger begriffen ihre Bedeutung für die Größe des Landes, für die Durchführung erfolgreicher Reformen in ausgezeichneter Weise. Eine siegreiche Armee machte es möglich, aus einem einzelnen Moskauer Fürstentum ein großes Imperium zu schaffen, sicherte den Zugang Russlands zu den Ozeanen, den Meeren und anderen natürlichen Grenzen.4 Seit dem Moment des Aufkommens einer regulären (petrinischen) Armee verdoppelte sich über den Verlauf der folgenden zweihundert Jahre das Territorium des Landes, und seine Bevölkerung wuchs von 12 bis auf 140 Millionen Menschen.

Russland bestand fast immer als militärische Großmacht (Armee als Hauptkraft und Symbol staatlicher Macht). Während des Lösens komplizierter historischer Aufgaben5 wurde Russland sehr viel länger als andere Länder im Stadium eines Militärstaates (bzw. militärisch-polizeilichen Staates) aufgehalten. Ungeachtet des Bestrebens, den idealen Zustand eines "Staats-Vaterlandes" («государство-Отечество», E.L.)6 zu erlangen, war es erforderlich, sich im wesentlichen mit der Gewährleistung von äußerer und innerer Sicherheit zu befassen, wozu sich eine militärische Organisation der Gesellschaft erforderlich machte. Außerdem ließen staatliche Katastrophen, und davon gab es in der Landesgeschichte nicht wenige, Russland immer wieder an den militärischen Ausgangszustand (den untersten) zurückkehren.

In den vergangenen drei Jahrhunderten (wie auch in denen davor) mußte Russland häufig Kriege führen. Im 18. Jahrhundert gab es 19 Kriege und Feldzüge über den Zeitraum von 61 Jahren, dabei 7 Jahre mit zwei Gegnern gleichzeitig. Im 19. Jahrhundert wurden 18 Kriege geführt, die 67 Jahre ununterbrochener Anstrengung erforderten.7 Im 20. Jahrhundert waren Kriege (darunter zwei Weltkriege) und Konflikte mit russischer Beteiligung noch häufiger, Siege jedoch seltener. Es geht das Verständnis darüber verloren, daß Russland als Imperium durch Siege lebt, zum Siegen verpflichtet ist, um zu überleben.

      «Ein Sieg - hebt M. Menschikow hervor - ist kein Luxus für eine militärische Großmacht, sondern organische Notwendigkeit, die zu einer Lebenspflicht wird...».8

Solange eine siegreiche (wenn auch nicht immer vollkommene) Armee Grundlage der nationalen Existenz Russlands war, zählte ihre Meinung in der Welt, festigten sich seine staatlichen Prinzipien, bildete sich eine Basis für innere Umgestaltungen, wurde allmählich der Übergang zu einem kulturell-rechtlichen demokratischen Staat gewährleistet, formierte sich ein selbstbestimmtes Wertesystem, das im weiteren die Bezeichnung «russische Zivilisation» erhielt.

Ungeachtet wesentlicher Unzulänglichkeiten verkörperte die Armee eine staatsbewahrende Kraft, die sich auf ein bedeutendes Potenzial militärischer Kultur stützte, aus dem im übrigen viele Poeten, Künstler, Schriftsteller und Staatsfunktionäre hervorgingen. Von Anfang an sah und liebte sie Russland als ihr eigenes Vaterland, das reichlich vom Blut des russischen Soldaten getränkt war. Eine tatsächliche Armee, solange sie nicht zum «bewaffneten Volk» wurde, bewahrte immer die Treue zu Russland und schützte seine Ehre und Würde. Ausgaben für eine solche militärische Kraft waren immer mit der Sicherheit der Bevölkerung gerechtfertigt, begünstigten immer ein Wachsen der Kräfte des Volkes in Frieden, einen Zuwachs an Territorium usw.

Erforderlich ist es, die militärische Bestimmung Russlands zu erhalten (unseren Hauptvorzug!), eine tatsächliche Armee zu bewahren und zu vervollkommnen als Sicherungsmittel vor Unwägbarkeiten jeglicher Art. Es war ein Fehler darauf zu drängen, im rückständigen Russland eine westliche «Zivilgesellschaft», eine «Zivil»-Macht («штатская» держава, E.L.) einzuführen und diesen Prozeß zu begleiten mit «Demokratisierung» und militärischer Zersetzung der Armee, dies u.a. auch in Form militärischer Reformen (zweite Hälfte des XIX. – Anfang des XX. Jahrhunderts).

Unsere Stärke und Sicherheit bestanden in jener Zeit, wie auch später, im Erhalt sowie in einer vernünftigen Vervollkommnung der für Russland traditionellen Form staatlicher Existenz – der einer Militärmacht.9 Nur unter ihrem Dach war es möglich, Unabhängigkeit und Integrität des Landes zu gewährleisten, die für uns erforderliche äußere Stärke und innere Einheit zu wahren, ökonomische Krisen und politische Stürme zu überstehen, zerstörerische Kriege und staatliche Katastrophen zu verhindern, erfolgreiche innere Reformen durchzuführen. «...Unsere Zukunft hängt entscheidend von der Qualität unser inneren Struktur des Lebens ab, doch sagt uns der lebendige, ganz realistische Instinkt dabei immer, daß am allerwichtigsten die Verteidigung des Landes und die Organisation ihrer Streitkräfte ist.» (D. Mendelejew)

Wir dürfen die Augen nicht davor verschließen, daß Russlands Stärke in absehbarer Zeit weder auf ökonomischen, politischen noch geistigen Faktoren basieren wird. Die Rückständigkeit gegenüber westlichen Ländern in diesen Bereichen ist uns für lange Zeit aufgrund einer schweren Geschichte und eigenen Unvermögens garantiert. Die Instabilität der Existenz wird neue Kriege hervorbringen, wogegen wir uns nur auf eine Weise wappnen können – durch eine Armee von guter Qualität. Sich unter diesen Bedingungen von einer erprobten Staatsform zu trennen, die Armee zu zerstören, -- eine solche selbstmörderische Politik können nur Menschen verfolgen, die nicht verstehen, in welchem Land und in welcher Zeit sie leben.


2. Die Armee   --   Garant russischer Staatlichkeit

Der Kampf um die Existenz zwang die Bevölkerung Russlands dazu, sich ständig im Dienst am Vaterland zu befinden. Zaren und Bojaren, Adlige und leibeigene Bauern - sie alle standen in der Pflicht, zwanghaft oder freiwillig dem Staat, der Festigung seiner Macht zu dienen. Unter diesen Bedingungen wurde die Armee zur Grundlage der Staatlichkeit, zu einem Garanten unabhängiger nationaler Existenz Russlands. Dank der Heldentaten des russischen Soldaten, der für die Heimat sein Blut und Leben gab (die höchste Form des Dienens), wurde Russland weder warägisch, tatarisch, litauisch, polnisch, schwedisch, französisch noch deutsch usw.

Vor jeder Katastrophe und angesichts einer jeden militärischen Gefahr stellte sich die Gesellschaft die Hauptfrage: "Verfügen wir über eine zuverlässige, siegreiche Armee?" Wenn es diese nicht gab, dann konnte bereits nichts mehr helfen. Weder Regierung, noch Parlament, noch Militärbudget, noch internationale Bündnisse, noch große ökonomische Errungenschaften, noch ein umfangreiches Territorium, noch eine große Bevölkerung. Als Schutz- und Verteidigungsorgan gab es letzten Endes nur eine organisierte und ausgebildete Streitkraft.

Auf dieser Grundlage und angesichts der prägenden Erfahrung der neuesten russischen Geschichte (einem Vergessen des Krieges, einer Erniedrigung der Armee und einer Verwahrlosung des Militärwesens) formierte sich ein wesensbestimmender (hoher) Begriff von der Armee Russlands.

k Eine Armee muß Armee sein, also ein herausgehobener militärischer Stand, eine Streitkraft, tauglich für das Gefecht und ungefährlich für die Gesellschaft; mit einer vollkommenen militärischen Organisation, fähig unter beliebigen Bedingungen die Lebensinteressen Russlands, seine äußere und innere Sicherheit, die territoriale Integrität, den Schutz der Grenzen, Frieden und Ruhe der Bürger sicherzustellen. Eine Armee, die sich für die Nation aufopfert, hat das Recht, bereits in Friedenszeiten aus einer "kühnen Truppe" («храбрых дружин», E.L.) zu bestehen, die allseitig auf die Führung des Krieges vorbereitet ist (R. Fadejew, M. Menschikow). Der Russische Staat «benötigt eine gesunde Armee, die zuverlässig versorgt ist, national erzogen und ausgezeichnet ausgebildet. Die Armee muß der Stolz des Volkes und wahrhaftig eine Armee sein, und dies nicht nur scheinbar, was nicht nur nutzlos, sondern auch gefährlich ist» (Al. Marijuschkin).

k Die Armee in Russland muss nicht nur eine Streitkraft, sondern auch eine allgemein nationale Kraft sein, ein Symbol von Festigkeit des Volkslebens, ein Garant von Gesetzlichkeit, eine Stütze staatlichen Daseins, ein Träger von Ehre, Idealen und Traditionen, ein Bewahrer des Staates, ein besonderer ehrenverantwortlicher Teil des russischen Volkes, ein Vertreter unser Ritterlichkeit, das Herz der Volksergebenheit und Freiheit, ein Granitpfeiler von staatsbürgerlichem Verantwortungsbewußtsein, eine Schule des Charakters und staats-patriotischen Dienstes. Dies ist die bei weitem nicht vollständige Liste nationaler Eigenschaften, die das Antlitz russischer Streitkräfte bestimmen. Sie finden ihre Widerspiegelung in den Gedanken von R. Fadejew, I. Iljin, A. Bajow, A. Kersnowski und anderen russischen Patrioten. Ihr Wesen hat M.O. Menschikow in immer glänzender Weise zum Ausdruck gebracht: "Die Armee ist keinesfalls der Ort zum Abwälzen von Unrat. Die Armee ist die höchste Kostbarkeit des Volkes, das notwendigste Organ, das dem Staat sein Leben gewährt ... Die Armee muß wie ein Heiligtum bewahrt werden, indem man sich mit allen Mitteln um den Erhalt ihrer Seele sorgt ..."10

k Für einen Staat wie Russland muss die Armee außerdem auch rettende (zügelnde) Kraft sein, äußerste und letzte Stütze (Hoffnung) des staatlichen Daseins, reale Macht in wirren Zeiten und Minuten der Gefahr. "Nur die stählerne Stütze der Armee kann unsere kranke Generation vor dem Untergang retten ... nur unter ihrem Schutz kann eine feste und rettende Reform geschmiedet werden, anderenfalls werden wir in einem von inneren Fehden ausgezehrten schlaffen Körper dem Chaos des Zerfalls nicht entgehen" (A. Wolkonski). Darum hat Russland nicht das Recht, sein Schicksal mit einer im Krisenfall nutzlosen Armee zu verbinden, die kein tatsächliches, sondern vergängliches Bollwerk der Heimat ist. Diese organische Qualität ("Armee – Retter des Vaterlandes") bedeutet:

  • eine standhafte staatspatriotische (schützende) Position, entwickeltes staatliches Denken, Nationalbewußtsein und Ergebenheit der Armee (Unfähigkeit zu Treuebruch und Verrat);
  • Interessiertheit und Verantwortlichkeit aller staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, einschließlich der Armee selbst, für den Zustand der Streitkräfte, ihre Vorbereitung auf einen Krieg (die Schaffung von Garantien und Voraussetzungen für einen Sieg);
  • die Absage gegenüber einem leichtfertigen Verhältnis zum Militärwesen, gegenüber Versuchen, die Armee als ein "Spielzeug" zu nutzen, indem sie zu wesensfremden Funktionen eingesetzt wird (die Armee ist ein seriöses Mittel zur Gewährleistung äußerer und innerer Sicherheit);
  • die evolutionäre Vervollkommnung der Armee auf der Grundlage historischer Kontinuität mit dem Ziel der Verhinderung einer Zersetzung der Streitkräfte weder durch Propaganda, noch durch eine unbedachte Demokratisierung, noch durch zerstörerische Militärreformen, noch durch mechanistische Nachahmung anderer Länder ("die Armee zersetzen, heißt den Staat zersetzen");
  • den Ausschluß der Bestandteile aus der Armee, die dem Vaterland fremd und für den Krieg ungeeignet sind; Auswahl der Besten auf der Grundlage der Berufung und des Ehrenrechts in der russischen Armee zu dienen, nicht jedoch auf Grundlage einer "allgemeinen Wehrpflicht";
  • Gesetzlichkeit (Verfassungsmäßigkeit) der Handlungen der Armee in Friedens- und Kriegszeiten; die Armee steht abseits des Kampfes der politischen Parteien und Leidenschaften (sie ist überparteilich), doch anerkennt sie für sich das moralische Recht zum Einsatz der Macht zur Verhinderung einer staatlichen Katastrophe, oder eines zerstörerischen Experimentes, die die nationale Existenz Russlands gefährden ("wir sind für die Heimat da; wir haben eine einzige Partei – das Vaterland");
  • internationaler Einfluß (Autorität) der Armee als Instrument des Selbstschutzes Russlands und effektiv zügelnde Kraft ("nur das Vorhandensein einer bedrohlichen Armee und Technik kann einen Krieg aufschieben oder sogar verhindern");
  • ein behutsames Verhältnis der Gesellschaft gegenüber der Armee, ihre schöpferische Ausgestaltung in Liebe und Verehrung (die Armee ist "keine Organisation von Totschlägern", kein Instrument der Zerstörung, sondern Organ der Selbstaufopferung für die Ehre und Würde Russlands).

Die russische Armee muß ihrer hohen Bestimmung entsprechen – Hauptkraft und realer Ausdruck staatlicher Macht zu sein. Dies setzt nicht nur ein Verhältnis ihr gegenüber als Symbol des Staates voraus, sondern auch das Bestreben, ihr Prestige und ihre militärische Qualität auf hohem Niveau zu halten. Eine schwache Armee, die sich selbst Niederlagen bereitet, befindet sich unter dem Feuer von ständiger innerer und äußerer Kritik ruft ein Gefühl von Schande, Erniedrigung und Scham hervor; sie bedroht den russischen Staat nicht weniger, als der direkte Angriff eines Aggressors. Wenn sich eine solche "Streitkraft" beständig im Lande eingerichtet hat, so ist sofort Alarm zu schlagen und die Situation schnellstens zu bereinigen oder ... eine allgemeine nationale Trauer auszurufen.

Leider hat die russische Gesellschaft lange Zeit nicht verstanden, was eine Armee ist und welche Bedeutung sie für Russland hat. Als Folge dieser prägenden Tatsache ist eine ehemals siegreiche russische Streitkraft im 20. Jahrhundert zu einer "Kriegsschar" («полчище», E.L.) von vielen Millionen degeneriert, die belastend und gefährlich für das Vaterland ist.


3. Ein unzulängliches Militärsystem

Die anfänglichen militärischen Systeme Russlands wurden durch das Leben selbst herausgearbeitet, nicht jedoch durch ein blindes Nachahmen erfolgreicherer und kultivierterer Nachbarn. In der Rus‘ war der grundlegende Typ von Streitkräften eine zeitweilige Truppe (временное войско, E.L.) (Volksaufgebot – ополчение, E.L.), das in verschiedenen historischen Perioden durch eine geringe Anzahl ständiger Kader verstärkt wurde (Gefolgschaften, Strelitzen, Freiwillige usw. – дружинами, стрельцами, оходчими людьми и т.д., E.L.). Diese Truppe hielt den Anforderungen des XVII. Jahrhunderts nicht stand und wurde durch Peter den Großen durch eine "echte" (reguläre) Armee ersetzt, die es Russland gestattete, zu einer Großmacht zu werden. Die Schaffung einer Berufsarmee zerstörte das grundlegende Prinzip der Auffüllung der russischen Truppen nicht; der Dienst in ihr wurde als wesentliche staatliche Angelegenheit betrachtet und nicht durch Anwerbung von Söldnern realisiert, sondern auf der Grundlage einer alle Stände erfassenden militärischen Pflicht.11 Die neue Streitkraft bewahrte ihren nationalen Charakter, und die Nutzung der in jener Zeit fortschrittlichen europäischen Militärwissenschaft (Kriegskunst) während ihrer Bildung durch das Erwerben der Fähigkeit zu kämpfen, verstärkte nur die Kampfkraft der Armee.12

In den Jahren der Herrschaft von Pawel I. und seiner Söhne gingen ungeachtet der Kampferfahrungen zu Anfang des XIX. Jahrhunderts allmählich die ruhmreichen Traditionen der Zeiten Peters I. und Jekaterina II. verloren. Es kommt zu einer aktiven Nachahmung der Militärpolitik, wobei die militärischen Ordnungen der durch Russland besiegten Staaten (Preussen, Frankreich und nochmals Schweden) kopiert wurden. Die Unterhaltung der Armee "verbilligt" sich mittels zersetzender Methoden: Pawel I reduziert sie auf Kosten der besten Jäger- und Gardetruppen (von 503 Tausend auf 401 Tausend) und zentralisiert bis ins Absurde; Alexander I. verkrüppelt eine kampferprobte Gefechtsarmee mittels einer Platz-Paradenausbildung ("der Krieg verdirbt die Truppe"), sowie durch künstliche, von Araktschejew veranlaßte militärische Ansiedlungen; Nikolai I. verwandelt die Streitkraft (1,128 Millionen) in einen geistlosen toten Organismus, riskiert einen Krieg mit Halb-Europa (1854-56) und erleidet mit einer auf 2,3 Millionen Mann aufgestockten Armee eine schändliche Niederlage auf der Krim durch eine kleine Landungstruppe des Gegners.

Die Durchführung einer Militärreform lag auf der Hand. Doch wurde ihr Sinn sehr unterschiedlich verstanden.

"Die Militärspezialisten" an der Spitze mit General R. A. Fadejew13 schlugen vor, das alte militärische System zu erhalten, seine Unzulänglichkeiten zu beseitigen und die Qualität durch die Schaffung von zwei einzelnen Organisationen zu erhöhen:

  1. eine ständige Gefechtsarmee, befreit von allen Funktionen (Elementen), die nicht zu Kampftruppe gehören, verstärkt durch "Freiwillige" («охотникам», E.L.) und Elitetruppenteile;
  2. durch ein ausgebildetes Volksaufgebot (народное ополчение, E.L.) als erforderliche Hilfskraft im Falle eines großen Krieges und zur Lösung verschiedener zweitrangiger Aufgaben. Nach ihrer Idee muß eine Armee, die für den Krieg da ist, auch in Friedenszeiten «militärisch» bleiben, d.h., ausgebildet zur Führung von Kampfhandlungen, die im äußersten Falle unterstützt werden können durch das Volk in Form eines vorher ausgebildeten Volksaufgebotes (auch als Landwehr bezeichnet, E.L.). Armeeführer (Chef des Hauptstabes) wird ein General, «der sowohl der Truppe, als auch dem Vaterland aufgrund von Heldenmut und Erfahrung bekannt ist». Der Kriegsminister muß nicht unbedingt über «soldatische» Qualitäten verfügen. Er muß die Versorgung der Armee sicherstellen, administrative und wirtschaftliche Fragen lösen und kann deshalb auch ein Zivilist sein.14

Imperator Alexander II., sein Kriegsminister D. Miljutin und andere offizielle Persönlichkeiten («Liberale») gingen einen anderen Weg. Im Kontext einer Demokratisierung der Gesellschaft faßten sie den Entschluß, im Lande ein (für diese Zeit) universelles europäisches Militärsystem einzuführen, das auf einer allgemeinen Wehrpflicht basiert, den Ideen vom "bewaffneten Volk" und einem "Soldaten-Staatsbürger" ("солдата-гражданина”, E.L.). Im Jahre 1874 geht Russland endgültig zu einer ständigen "Armee neuen Typs" über, die gleichzeitig auch eine Schule der militärischen Bildung der Bürger ist, sowie Kader für die Mobilmachungsentfaltung einer als organisiertes bewaffnetes Volk für den Krieg ausgebildeten Masse.

Das auf den ersten Blick attraktive System hat im buchstäblichen Sinne die ständige Armee gesprengt, indem ihr das bewaffnete Volk (das keine tatsächliche Armee sein kann) und eine allgemeine Wehrpflicht (die angesichts kurzer Dienstzeiten keinen echten Soldaten hervorbringen kann) beigemischt wurden. In der russischen Realität degenerierte dieses System sehr schnell zu einer «Kriegsschar» («полчище», E.L.) – einer gewaltigen, doch für den Krieg schlecht ausgebildeten bewaffneten Masse, die darüberhinaus in ihrer politischen Stimmung in höchstem Maße instabil ist. Reformen verwandelten somit eine (unter Nikolai I. untaugliche) professionelle Armee in eine «zivile», unprofessionelle, die gleichzeitig(!) sowohl zum hypertrophierten zahlenmäßigen Wachstum neigte, als auch zu einer wachsenden qualitätiven Degenerierung (zum Niedergang).

«Das Miljutinsche liberal-bürokratisch, weltfremde Kanzlei-System, - schlußfolgert M. Menschikow in einer vergleichenden Analyse, - entblößte Russland und droht es zugrunde zu richten».15

Eine retrospektive Sicht auf das Kadersystem von Militärforschern verschiedener Generationen gestattet die summarische Feststellung:

  1. eine «neue Armee» ging nicht aus der Stärke, sondern der Schwäche Russlands hervor;
  2. die widersinnige allgemeine Wehrpflicht, die das militärische Fach in der geistig-technischen Epoche zerstörte, führt zu einer «gesetzlich legalisierten Zersetzung der Armee», «gibt uns der Gefahr preis, über die schlechteste Armee zu verfügen»;
  3. die hervorgebrachte Streitkraft ist keine und möchte keine Armee sein, sie entspricht eher dem Begriff «Halb-Armee», «zivile Armee», «Miliz», «Kriegsschar», «Masse», «Armee-Werk», «Armee-Ungeheuer», «Alptraum einer Armee»;
  4. der Übergang von einer Armee höheren Typs (einer professionellen Armee) zu einem niederen militärischen System (einer Liebhaberarmee) muß als ein großes «Unglück» für Russland und «mißglücktes Experiment» angesehen werden (A. Rediger, M. Menschikow, A. Gerua, A. Kersnowski, E. Messner, B. Stefon und andere).

"Eine billige und damit ständige Massenarmee rechtfertigte nicht die Hoffnung, die man in sie setzte. Sie erwies sich als unerträgliche Last für den Staat und konnte zu keiner zuverlässigen Stütze seines Daseins werden. Über die Jahres ihres Bestehens brachte die Massenarmee Russland einen geringen Nutzen, jedoch großen Schaden: wirtschaftlichen, politischen, militärischen und moralischen.

Das System des "bewaffneten Volkes", das aus politisch-finanziellen Erwägungen künstlich nach Russland verpflanzt wurde, führte zu einer qualitativen Zersetzung (разложению, E.L.) der Streitkräfte, die die Fähigkeit zur Selbstzersetzung (саморазложению, E.L.) erlangte. Die Armee verwandelte sich allmählich in ein vermeintliches Bollwerk der Staatlichkeit, welches jedoch seine kämpferischen und nationalen Eigenschaften eingebüßt hatte, das "lediglich noch eine einzige rein militärische Anforderung erfüllte, - die Bedingung von Quantität und Masse."16 Hinzu kam, daß sie zur Geisel der Politik wurde, zum Objekt der Einwirkung der miteinander (in jener Zeit) unvereinbaren Faktoren Volk und Macht. Die einander bekämpfenden Seiten trugen in die Armee den Geist von Parteilichkeit hinein und waren nicht an einer Armee interessiert mit echtem kämpferischen Geist und tatsächlichen, das Vaterland verteidigenden Soldaten.17 Nur so läßt sich erklären, daß in Russland über einen derart langen Zeitraum eine "verstümmelte Armee" («изуродованной армии», E.L.) existierte, die ihrem Wesen nach eine Milizarmee war, welche sich ständig als unvorbereitet angesichts der vielen und schweren Kriege des XX. Jahrhunderts erwies, während sie (nach der Entfaltung) als eine schwache allgemeine Volkswehr (как слабое всенародное ополчение, E.L.) eintrat.18

Mit einer solchen Armee lebte Russland immer unter dem Damoklesschwert. Ein politisiertes "bewaffnetes Volk" zerfällt bei jeder "günstigen" Gelegenheit und die Armee verfiel in der Regel vor jedem Krieg in die Untauglichkeit. Militärreformen erreichten nicht die in sie gesetzten Ziele; nicht selten gar verletzten sie eine Kontinuität und zerstörten die Armee noch mehr. Die Streitkräfte "scheiterten" beständig aufgrund eines schlechten Personalbestandes, aufgrund von Vermassung, Parteilichkeit, Verpflichtung, fremder Funktionen, fehlender Professionalität usw., jedoch bestanden sie dennoch fort bis fast ins XXI. Jahrhundert hinein, was man streng genommen von Russland selbst, das bis zu diesem Zeitpunkt einen bedeutenden Teil seines Territoriums und seiner Bevölkerung verloren hatte, nicht sagen kann.

Russland erwies sich trotzdem als reich genug(!?), um in Friedenszeiten über einen langen Zeitraum Millionen von Menschen der produktiven Arbeit zu entziehen, die zwar in ihrer Mehrzahl für den militärischen Einsatz untauglich waren,19 jedoch Kasernendienst leisten mußten,20 ohne aber dabei eine echte Armee zu verkörpern! In der zweiten Hälfte des XX. Jahrhunderts wurde diese "Masse" mit neuester Technik und Bewaffnung bis an die Zähne bewaffnet, effektiv einsetzten konnte sie diese jedoch letzten Endes nicht, sie ruinierte und vernichtete sie (teilweise mit sich selbst) sowohl in Friedens- als auch in Kriegszeiten. Das System wurde von einer "militär-industriellen Armee" von vielen Millionen bedient, die die wertvollsten Ressourcen des Landes in Berge von Maschinenpistolen, Geschützen, Panzern, Flugzeugen und Schiffen verwandelte ... Letzten Endes sind für den Erhalt dieser "Nicht-Armee" («неармии», E.L.) in deren Umfeld Dutzende "Spezialarmeen" entstanden, der inneren Truppen, der Grenz- und übrigen Truppen, die zu einer bedeutenden militärischen Kraft heranwuchsen. Dies ist das Bild eines absurden militärischen Systems, wie es sich über mehr als 100 Jahre seit den Zeiten Alexander II. und D. Miljutins beständig herausgebildet hat. Können wir heute, da wir wissen, was der Unterhalt einer solchen "Kriegsschar" («полчища», E.L.) uns kostet, ernsthaft davon sprechen, daß das Land es sich nicht leisten könne, eine kleine, aber echte Berufsarmee zu unterhalten?!

Hat denn womöglich das System des "bewaffneten Volkes" einen Überfall auf Russland effektiv verhindert, es vor Niederlagen bewahrt, Leben und Arbeit der friedlichen Bevölkerung zuverlässig geschützt? Nein. Mit ihm führte das Land die mißlungendsten, die unpopulärsten, die zerstörerischsten und blutigsten Kriege in seiner gesamten Geschichte. Nicht einen von ihnen konnte die Armee verhindern oder sogar im Interesse Russlands beenden. Mehr noch, viele von ihnen fanden überhaupt erst statt aufgrund der schwachen Armee, die ihre eigene Schwäche noch demonstrierte.

Der russisch-türkische Krieg 1877-78 (der erste unter dem neuen System) endete mit einem schwer erkämpften militärischen Sieg (allein der mißglückte Sturm auf Plewna kostete uns 32.000 Tote) und zog die darauf folgenden politischen Niederlagen auf dem Berliner Kongreß nach sich, wo Russland auf viele seiner ursprünglichen Eroberungen verzichtete. Im Krieg mit Japan erleidet Russland eine militärische Niederlage und verbleibt mit einer "erniedrigten und verletzten" Armee, die dessen ungeachtet in sich die Kraft findet, die erste russische Revolution (1905-07) zu unterdrücken und damit eine aufkommende Anarchie zu begünstigen.

Im Jahre 1914 begann Deutschland den Weltkrieg, wohl wissend, daß das Russische Imperium darauf nicht vorbereitet war. Dieses war bestrebt, sein "Großes Militärprogramm" erst bis zum Jahre 1917 abzuschließen. Die militärische Erfahrung des Japankrieges (wie immer bei uns mit viel Blut erkauft) ermöglicht es der russischen Armee, die von 1,3 auf 8 Millionen Mann vergrößert wurde, sich heldenhaft an den Fronten des Weltkrieges zu schlagen. Doch, die übermäßig ausgeweitete Kaderarmee vermag es dennoch nicht, den Sieg zu erringen, ja zerfällt im Laufe des Krieges (als einzige aller kämpfenden Armeen!), lässt zwei staatliche Umbrüche zu. Das "bewaffnete Volk" wird zur menschlichen und materiellen Grundlage für einen für Russland noch verheerenderen und sinnloseren Bürgerkrieg, der das Leben von 8 Millionen Menschen (der vorangegangene kostete 2,5 Millionen) und der Wirtschaft des Landes einen Verlust von insgesamt 50 Mrd. Goldrubel zufügt.21

Die zu spät wiederentstandene (weiße) Armee vermochte es nicht, die "innere Eroberung" («внутреннее завоевание», E.L.) Russlands durch die bolschewistische Partei zu verhindern, im Ergebnis derer das Land die gesamte alte materielle und geistige Kultur, die sich über den Verlauf eines ganzen Jahrtausends herausgebildet hatte, verlor. Die aktivsten produktiven und bewahrenden Kräfte der Gesellschaft wurden vernichtet oder geistig unterdrückt.

In den Jahren von 1939 – 40 demonstrierte eine zu jener Zeit durch Stalin ausgeblutete Armee ihr niedriges Niveau der Gefechtsbereitschaft im gescheiterten sowjetisch-finnischen Krieg.22 Der Glaube an die militärischen Möglichkeiten der UdSSR wurde erschüttert, was sich wiederum auf den Entschluß Hitlers auswirkte, den Krieg gegen unser Vaterland zu beginnen. Somit wurde die "äußere Eroberung" ermöglicht, die fast zur für das Land fürchterlichsten staatlichen und militärischen Katastrophe in seiner Geschichte geworden wäre, (die Armee war im Jahre 1941 faktisch verloren, und der Gegner stand vor Moskau und Leningrad). Doch, selbst angesichts des günstigen Ausganges des Großen Vaterländischen Krieges (aufgeboten wurden alle Reserven: die Zeit, das Territorium, die Geschichte, eine "eiserne Organisation", Repressionen, Volksgeist und die Volksmassen selbst, - sie lernten über 5 Jahre zu kämpfen und errangen den militärischen Sieg!) konnten wir uns den Frieden nicht im Interesse einer normalen inneren Entwicklung zunutze machen.

Das durch den Krieg ausgezehrte Land (es starben 27 Millionen Menschen, die Volkswirtschaft lag erneut am Boden) ermöglichte es sofort wieder, in den "kalten Krieg" gezogen zu werden, der ihr buchstäblich die verbliebenen Ressourcen und die Energie des Volkes nahm. Über 40 Jahre arbeitete die Sowjetunion an der Festigung der militärischen Stärke des gesamten sozialistischen Weltsystems, stand (faktisch allein) der gesamten zivilisierten Welt gegenüber, bereitete sich auf einen dritten mit Atomwaffen auszutragenden Weltkrieg vor, beteiligte sich an einem verheerenden Wettrüsten und an militärischen Konflikten, die in keiner Weise mit den Lebensinteressen seiner nationalen Existenz im Zusammenhang standen.

Die militärische Anspannung der UdSSR erreichte im Friedenszeiten eine absolute Grenze. Eine ruinöse Militärpolitik (in Verbindung mit verfehlten Reformen) führte das Land in die staatliche Katastrophe und "friedliche Niederlage" der Jahre 1985-1991. Dabei demonstrierten die Streitkräfte erneut ihre Schwäche. Sie konnten die zerstörerischen Prozesse nicht nur nicht verhindern, sondern sie ließen auch eine zweite "innere Eroberung" Russlands innerhalb eines Jahrhunderts zu, nun bereits von Seiten "fremdstämmiger" («инородных», E.L.) Republiken (fremder, uns umgebender Völker).23 Nach dem Zerfall der UdSSR zerfiel die Armee in nationale Armeen von 15 unabhängigen Staaten, Dutzende militärische Formationen, eine Vielzahl von Basislagern für Technik und Bewaffnung; all dies bietet das Potential für einen neuen Bürgerkrieg, der verdeckt und in offener Form mit "geringer Intensität" bereits auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR (GUS) geführt wird.

Das System des "bewaffneten Volkes" warf Russland zurück in die Zeiten patriarchalischer Kriege, als einzig das Gesetz des Sieges herrschte – das Gesetz der großen Zahl (закон численности, E.L.), das Gesetz eines wahrlosen menschenverachtenden Masseneinsatzes (закон «забрасывания одними шапками», E.L.). Das Wesentliche war, eine möglichst große Armee zu rekrutieren. "Man dachte nicht darüber nach, wer zu rekrutieren war, wie, ob ausgebildet oder nicht, bewaffnet oder unbewaffnet, gleichartig bewaffnet oder unterschiedlich, ob zu Pferde oder zu Fuß, ob nach einer Ordnung oder als loser Haufen, wesentlich war lediglich, daß es möglichst viele waren".24

Das "neue" militärische System negierte nicht nur die Eigenheit des Militärischen und die Prinzipien der Kriegskunst, sondern bewahrte auch die alte, barbarische Methode des Krieges: handeln durch zahlenmäßiges Übergewicht, "auf dem Buckel des Soldaten" («Солдатским Горбом», E.L.), die Streitkräfte des Gegners einschließen und vernichten, sein Territorium erobern, während das gesamte Umwelt zerstört und die (friedliche) Zivilbevölkerung in Schrecken versetzt wird und dabei nicht weniger Verluste erleidet als die Truppen. Angesichts neuester Waffen des modernen Krieges, die durch eine schwach ausgebildete (zivile) Armee auf primitive Weise eingesetzt werden, führte diese Art militärischer Handlungen zu maximalen Verlusten bei Siegern und Besiegten, und ebenso bei der gesamten umgebenden Welt, was wiederum den aktiven Protest der Weltöffentlichkeit hervorrief.25

In diesem Falle (und das ist am Beispiel der Erfahrung Russlands anschaulich) zehrte der Krieg alle seine Teilnehmer aus und ruinierte sie; er wurde zu einem "Weg in den Selbstmord", zur "vollkommensten Absurdität", zum "stümperhaftesten aller Kriege", zu einer "gegenseitigen Vernichtung" (E. Messner). Die Armee verwandelte sich hierbei von einem Instrument zum Schutze des Volkes in ein Ungeheuer, das sein Volk verschlingt, in ein Organ für Opfergaben (жервоприношения, E.L.) (es sterben die Besten), indem ein jeder Krieg ein Meer von Blut und Millionen Tonnen menschlichen Fleisches fordert.26

Die Armee vergaß ihre höchste Bestimmung für Russland, nämlich eine echte Armee zu sein, die das Schicksal des Landes erleichtert und nicht erschwert. Die Armee kann in keiner Weise die ihr für das XX. Jahrhundert gestellte Aufgabe erfüllen, - "Erhalt der Unversehrtheit der Grenzen, Schutz der Sicherheit und Ehre Russlands".27 Sie bemüht sich zwar, Armee zu sein, doch übernimmt sie immer mehr Funktionen, die echten Streitkräften wesensfremd sind: "opferbringende", "polizeiliche", "volkswirtschaftliche", "landwirtschaftliche" usw. Die Armee nimmt ihren Volkscharakter wahr, doch als "Quelle der Gefahr" für das Leben dieses Volkes; die Gesellschaft bringt ihr bereits keine Liebe mehr entgegen, sie lebt bereits seit langem in einem chronischen Anti-Armee-Syndrom. Ungeachtet der mangelnden Vorbereitung und der politischen Schwankungen ist die Armee bestrebt, Instrument der gesetzlichen Macht zu sein: Beachtung des Eides, Erfüllung der Befehle (ihre Pflicht), heldenhaft zu sterben, indem die Ausbildung wie bisher im Verlaufe der Kampfhandlungen erfolgt, ja, sogar zu siegen, wie sie es kann ("mit viel Blut"- «большой кровью», E.L.). Doch, im System des "bewaffneten Volkes" vermag sie nicht, zu den alten und heute geforderten Losungen (Vermächtnissen) zurückzukehren: "Wir sind Russen – Gott ist mit uns" – «Мы - русские с нами Бог!», "Für Glauben, Zar und Vaterland" «За веру, Царя и Отечество», "Siegen nicht durch große Zahl, sondern durch Fähigkeit und mit wenig Blut" «Побеждать не числом, а умением и малой кровью».

Das für Russland gescheiterte Experiment der Einführung des "Systems des bewaffneten Volkes" zeigte anschaulich, wie die Armee Russlands nicht sein darf. Über den Zeitraum von mehr als einem Jahrhundert der Existenz dieses Systems brachte es Russland mehr Schaden als Nutzen und erhöhte nur seine Schwäche.28

In diesem Zusammenhang muß nochmals an unsere "Fähigkeit" erinnert werden, etwas Altes im Namen von etwas zweifelhaft Neuem zu zerstören, zugelassene Fehler nicht zu berichtigen, das Treffen notwendiger Entscheidungen zu verzögern. Militärspezialisten der alten russischen Armee verwiesen rechtzeitig auf den für Russland gefährlichen Charakter des Miljutin’schen Militärsystems. Zu Beginn des XX. Jahrhunderts sprachen sich "echte Soldaten" erneut offen über den "Niedergang der Armee" aus und schlugen Maßnahmen zu ihrer qualitativen Verbesserung (Professionalisierung, Auswahl, Doktrin) vor. Ihre Stimme wurde nicht gehört, und sie zogen in den Krieg, um mit einer schwachen Armee zu sterben. Die Überlebenden fanden sich in der Emigration wieder, wo sie zu einem letztlichen Schluß gelangten, den man heute nicht überhören kann:

Das künftige nationale Russland muß sich vom tödlichen System des "bewaffneten Volkes" lossagen und zu einer echten (kleinen, professionellen) Armee zurückkehren, die Quantität und Qualität harmonisch miteinander verbindet. Es ist erforderlich, das Verhältnis zum Prinzip der allgemeinen Wehrpflicht als absolutem Wert des Staates zu überdenken. "Die reguläre Armee selbst, aufgebaut auf den Prinzipien einer allgemeinen Verpflichtung ist die beste Schule zur Heranziehung der nötigen Elemente für einen Bürgerkrieg. Sie gibt dafür jene Technik und jene Kenntnis, die für die Führer eines Aufstandes erforderlich sind, der im Namen dieses oder jenes politischen Ideals begonnen wurde."29

Folgen wir jener Tatsache, daß die Meinung der "eigenen" Militäranalytiker in Russland fast immer ignoriert wurde («нет пророка в своем отечестве» - "der Prophet gilt nichts im eigenen Lande")30 und wenden uns zusätzlich westlichen Autoritäten zu. In den 20er und 30er Jahren gab es unter ihnen schöpferische militärische Denker, deren Ideen durch die Schlußfolgerungen russischer Militärtheoretiker hervorgerufen wurden, doch wurden sie im Unterschied bei ihnen zur praktischen Grundlage eines allmählichen Überganges der westlichen Staaten auf einen halbprofessionellen und professionellen Typ moderner Armeen.31





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A n m e r k u n g e n :


1. Die petrinische Armee hinterließ den Nachfahren nicht nur das Russische Imperium, sondern auch ein bedeutendes analytisches Erbe, durchdrungen vom Geist und dem Bestreben nach Erkenntnis Russlands und seiner Streitkräfte. Das militärische Denken des "Russisches Auslandes" («Русского Зарубежья») verlieh diesem Erbe den Charakter abgeschlossener (und umfangreicher) wissenschaftlicher Forschungen, die es ermöglichen, objektiv auf die Frage zu antworten, welche Armee Russland benötigt. Die grundlegenden Resultate dieser "Forschung" sind in der einundzwanzigsten Ausgabe des "Russischen Militärischen Sammelbandes" veröffentlicht worden.
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2. Siehe: Ильин, И. А., Творческая идея нашего будущего // Российский военный сборник. -Вып.6. -М.: ГА ВС 1994. -С. 10
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3. Es ist unzulässig, das Vorhandensein einer schlechten russischen Armee mit "objektiven Bedingungen" zu rechtfertigen. Ein vollkommenes militärisches System ist erforderlich, weil sich Russland über einen langen Zeitraum in einem instabilen Zustand befindet – in einer eigenartigen übergangsperiode zur europäischen (oder einer eigenen?) Zivilisation. In dieser schwierigen historischen Etappe ist wenigstens ein zuverlässiges Mittel erforderlich, um staatliche Katastrophen zu verhindern und nationale Sicherheit zu gewährleisten.
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4. Ausführlich wurde die "Arbeit" der Armee im dreibändigen Werk von A. P. Kuropatkin beschrieben: Куропаткин, А. П. «Задачи русской армии» (С.-Пб., 1910)
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5. Solche Aufgaben sind: Schaffung eines Staats-Imperiums, Schutz der Unabhängigkeit und Integrität Russlands, Erhöhung der materiellen und geistigen Kultur. Viel Zeit, Kraft und Energie wurde aufgewandt für den Einsatz der russischen Armee im Interesse europäischer Politik, ihrer Teilnahme an der Realisierung "messianischer" Projekte [ panslawistischer, pazifischer ( тихоокеанского), kommunistischer u.a.] , die nicht den Lebensinteressen Russlands entsprachen.
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6. Die Evolution des Staates von einer militärischen Institution (als notwendiges übel) über den kulturellen Rechtsstaat (als etwas offenbar Gutes) zu einem Staats-Vaterland (als absolutem Wert für alle) wurde ausführlich im Artikel von N. Gredeskul aufgezeigt. Гредескул, Н. «Россия и её народы» (siehe: Российский военный сборник. -Вып. 8. -М. ГА ВС 1994. -С. 40-41).
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7. Einzelheiten hierzu sind dargelegt in dem Buch: Морской, А. Военная мощь России. – Петроград, 1915. -С. 30-59.
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8. Меншиков, М. О. Письма к ближним. 1915 год. -Петроград 1916. -С. 133.

Der bekannte russische Publizist entwickelt diesen Gedanken in folgender Weise:
"Generationen, die in ruhmlosen Jahren erzogen wurden, werden nicht so entschlossen sein können, wie Generationen in den Jahrhunderten von Siegen. Ohne Poltawa und Gangut hätte es womöglich keine petrinischen Reformen gegeben. Ohne Suworows und Kutusows glänzende Siege hätte es das goldene Jahrhundert unserer Adelskultur nicht gegeben. Nicht aus leerer Eitelkeit "müssen wir siegen", sondern um der künftigen Größe Russlands willen und für das Erblühen des Volks-Genius auf all seinen Wegen ... Auf daß der Herrgott uns den Sieg ermöglicht. Dann wird das junge siegreiche Russland unter den wehenden Ruhmesbannern einer großen Armee bestimmt auf einen neuen ungeahnten und nie dagewesenen Weg des Glücks gelangen" (S. 5). Zuvor sagte M. Menschikow voraus, daß ein zweiter mißglückter (nicht beendeter) Krieg "eine zweite Revolution hervorrufen wird", weil "das Volk einer Großmacht von der tiefen Notwendigkeit eines Sieges genährt wird, und falls ihm dieser versagt bleibt, ohne daß die Kräfte erschöpft sind, so wird es die verbliebenen Kräfte unwillkürlich auf eine Zerstörung ausrichten" (Письма к ближним. -С. -Пб. 1910. -С 136).

Man kann die Tatsache nicht leugnen, daß die UdSSR aus den Siegen im Bürgerkrieg und im Großen Vaterländischen Krieg hervorging und sich festigte. Jedoch nahm die sowjetische Militärmacht künstliche und offenkundig hypertrophierte Formen an; wie eine Metastase befiel sie die Lebenszentren der Gesellschaft, ordnete ihre Produktivkräfte dem militärischen Bedarf unter .. und fügte sich selbst unter Friedensbedingungen eine Niederlage zu (sie zerfiel). Daß dies nicht im Kriege passierte, steht als bemerkenswerte und lehrreiche Tatsache der neuen und neusten Geschichte.
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9. Eine monarchistische Regierungsform besteht beispielsweise bis heute in einigen zivilisierten Ländern ohne eine progressive Entwicklung zu behindern. Bei der Fortentwicklung der Armee hat man sich in keinem dieser Länder von den alten historischen Grundlagen vollständig losgesagt (anschauliches Beispiel dazu ist England). Russland hatte keinerlei Nutzen aus der vollständigen Zerstörung der historischen Kontinuität: mit der Zerstörung der Monarchie wurde es nicht zur demokratischen Republik, mit der Zersetzung der alten zuverlässigen Armee wurde ebenfalls kein neues qualitatives militärisches System geschaffen. Ist es also zweckmäßig, für einen zweifelhaften Nutzen übereilt den Status einer militärischen Macht zu zerstören – die in der Gegenwart einzige Stütze unserer zerrütteten Gesellschaft und den Faktor von internationalem Einfluß, anstatt schöpferisch und ohne Schaden für den materiellen Wohlstand der Bürger den "militärischen Machtstatus" («военную державность») neuen Bedingungen anzupassen? Es darf nicht vergessen werden, daß die Armee nicht nur eine Bürde sein muß, sondern auch die Gewähr ist für ein Erblühen und für äußere Stärke der Heimat!
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10. М. Меншиков Письма к ближним. -С. -Пб., 1911. -С.128.
Dieser Gedanke wird mit den folgenden Argumenten ergänzt:
«Die Armee ist keine einfache Institution, sie besteht aus dutzenden unsere Institutionen. Die Armee ist der Bewahrer des Staates, sein Schild und sein Schwert. Von der Armee hängen Sein oder Nichtsein des Imperiums ab; unsere tausendjährige Geschichte belegt dies eindrucksvoll. Die Slawen hatten keine organisierte Streitkraft, - und wurden von den Warägern erobert. Die Stärke der Waräger war zerrüttet, sie zerfiel im Slawentum – die Rus' wurde von den Tataren erobert. Es bildete sich die Moskauer Streitmacht und es entstand das Zarentum. Gegenüber den Nachbarn blieben wir im Militärwesen etwas zurück, - und fielen fast unter das polnische Joch. Der mächtige Genius Peters schuf eine Armee, und Russland gelangte sofort in die erste Reihe der Völker. Peter mahnte feierlich, sich der griechischen Monarchie zu erinnern und das Militärwesen nicht zu vernachlässigen. Dieses Vermächtnis blieb über einhundert Jahre in Erinnerung – Russland weitete sich aus und blühte auf. Nicht mit der Waffe, sondern mit seinem bürgerlichen Einfluß besiegte Europa Russland. Es schwächte Russland durch revolutionären Geist, durch Geringschätzung von Aristokratie, von Macht, von Heldentum, gegenüber dem, was das Wesen militärischer Kultur ausmachte. Das revolutionäre Frankreich wollte bürgerlich sein; in Nachahmung Frankreichs entwickelte sich überall eine Bourgeoisie, eine zivile Kultur. Womöglich hat Frankreich selbst ernstlich daraus profitieren können, doch unstrittig verloren hat Russland, in dem es keine Bourgeoisie gab und dessen einzige starke Klasse das Militär war.» (Письма к ближним. –С. -Пб., 1909. -С.23).
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11. Der Adel war verpflichtet, ohne Ausnahme und lebenslang (поголовно и пожизненно) zu dienen, doch bereits 1862 unter Peter III. wurden "Freiheiten" errungen, und später wurde der Adel völlig vom Dienst befreit. Für die unteren Stände bestand eine allgemeine Dienstpflicht (nach Notwendigkeit stellte die Gesellschaft aus ihren Reihen selbst eine bestimmte Anzahl von Rekruten). Ausländische Generale und Offiziere wurden in russische Dienste gerufen und erhielten dafür erhöhte Geldzuwendungen und andere Privilegien.
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12. Eine derartige Methode zur Verbesserung der Truppen wurde auch bis zu Peter dem Großen angewandt, jedoch unter den zu der Zeit herrschenden Bedingungen eines Milizsystems. Zum Ende des XVII. Jahrhunderts bestanden in Russland Truppen von 90.000 Mann in "fremdländischer" («иноземного») Struktur (bei gleichzeitig 60.000 Mann in alter "russischer" Struktur).
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13. Die Position jener Gruppe wurde geteilt von General-Feldmarschall A. I. Barjatinskij und dem künftigen Imperator Russlands Alexander III.
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14. Siehe dazu in den Arbeiten von R. Fadejew in diesem Sammelband, sowie in folgenden Quellen: Зайончковский П. А. Военные реформы 1860-1870 годов в России.-М.: МГУ, 1952;
Мысли об организации Русской Народной Армии.-Вып. 1.-М. 1875;
Бланк Г. Об отношении военной реформы к экономическому быту России.-М., 1871;
А. Ш. О новой военной реформе с экономической точки зрения.-Б м/г, 1872.
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15. Auf den Seiten der Zeitung "Neue Zeit" («Новое время») wurde durch M. Menschikow ständig auf den für die Armee zerstörerischen Charakter der Militärreformen D. Miljutin‘s und seiner Nachfolger verwiesen, er "brandmarkte" die allgemeine Wehrpflicht als absurd und unsinnig, die Rußland (angesichts unserer Rückständigkeit), "in die Gefahr bringen würde, eine schlechte Armee zu haben": "Es läuft das bewußte und unbewußte Bestreben, der Truppe die Soldaten zu nehmen, sie zu verspießern und zu verbürgerlichen, sie in eine bürgerliche Zivilstruktur zu verwandeln, in einen intellektuellen Demokratismus. Aus einer militärischen Armee möchte man allseits eine zivile machen, also im Stile der Zeit – möglichst wenig staatlich, möglichst wenig national." (Письма к ближним. -1910. -С. 160-161).
Der Gerechtigkeit halber muß gesagt werden, daß D. A. Miljutin in den 60er und 70er Jahren einen bedeutenden Beitrag zur Wiederherstellung der militärischen Stärke Russlands geleistet hat, was es möglich machte, den russisch-türkischen Krieg erfolgreich zu führen (jedoch wesentlich mit längerdienenden Soldaten - !), wofür der Kriegsminister im Jahre 1898 (!) in den Dienstgrad eines General-Feldmarschalls befördert wurde. Nach der Thronbesteigung von Alexander III quittierte Graf Miljutin den Dienst. Sein Programm der Militärreformen wurde somit nicht bis zum Ende geführt.
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16. Gerua, A. После войны о нашей армии. 2-ое доп. изд. -С.-Пб., 1907.-С.69
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17. Die Regierung zeigte im Verlaufe des vergangenen Jahrhunderts Interesse an einer loyalen und willfährigen, und somit einer kasernierten Armee- Das Volk und die in seinem Namen auftretenden politischen Gruppierungen tendierten zu einer Milizarmee. Beide Seiten ignorierten bewußt jene Tatsache, daß sich die russische Armee immer durch die Offiziere "hielt", daß nur sie in ihr "echte Soldaten" («настоящими солдатами») waren. Die längerdienenden Unteroffiziere der zaristischen Armee – in der sowjetischen Armee gab es sie nicht – waren in einer erbärmlich geringen Anzahl (8 Tausend Mann; vergleichsweise gab es in Deutschland 60 Tausend). Zu Beginn, wie auch zum Ende des Jahrhunderts fehlten es ständig an Offizieren; sie "wanderten" («кочевали») ständig durch die Truppenteile und Garnisonen; sie "flüchteten" («убегали») aus der Armee, ohne die Möglichkeit zu haben, sich mit der Gefechtsbereitschaft zu befassen und fristeten ein erniedrigendes Dasein.
Aufgrund des Mangels an professionellem Personal konnte Russland seine umfangreichen personellen Möglichkeiten im ersten Weltkrieg nicht vollständig nutzen. Die vorhandenen Kader waren schnell zerschlagen, die Armee zerfiel und öffnete die Schleusen für die Machteroberung durch die Bolschewiki und für den Bürgerkrieg. Die Bolschewiki vernichteten die verbliebenen "echten Soldaten" – die zaristischen Offiziere als Volksfeinde. Das stalinsche Regime verschonte selbst "seine" Offiziere nicht. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges wurden 40 Tausend Mann repressiert. Auch in den Weltkriegen wurden die Offiziere nicht bewahrt: im ersten verlor das Land unwiederbringlich 72 Tausend; im Zweiten (dem Vaterländischen) – waren es über 1 Million (davon 631 Tausend an Toten und Gefallenen). (Siehe: Гриф секретности снят: Потери Вооруженных Сил СССР в войнах, военных действиях и конфликтах.-М.: Воениздат, 1993.- С- 315) In den Nachkriegsjahren fanden sich andere Methoden, um «echte Soldaten» – Könner und Meister des Militärwesens zu entfernen. Sie wurden mit System auf «Mittelmaß» zurechtgestutzt, fielen unter Reduzierungen, Entlassungen, partei-politische Säuberungen, «Reformierungen» u.a. Verwunderlich, daß es den Verbliebenen nicht selten gelungen ist, die Traditionen einer echten Armee in den «Kriegshorden» («полчищах») zu bewahren.
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18. Der gefährliche Charakter des Prozesses einer "Milizionierung" des militärischen Systems wurde erstmals in dem Buch "Zur Erkenntnis der Armee" («К познанию армии») von A. Gerua (1907) betont. Von ihm wurden seiner Zeit grundlegende Vorsichtsmaßnahmen zur Neutralisierung dieser Erscheinung vorgeschlagen. Doch wurden sie sowohl von der politischen, als auch der militärischen Führung des zaristischen Russlands ignoriert, was später offensichtlich bedauert wurde. In Sowjetrußland wurde auf diesen Fakt wie auf ein zusätzliches Argument zugunsten der Einführung eines "reinen" Milizsystems im Lande verwiesen. Die Mehrzahl der Artikel im "Westnik der Milizarmee" (в «Вестнике милиционнной армии») (Ein solches Journal gab es in den Jahren 1920-21) begann mit Erörterungen darüber, daß die imperatorische Armee das "Trugbild einer ständigen Armee"(«миражем постоянной армии») wäre, daß sie sich nach der Mobilisierung "in eine Landwehr verwandelte" («перерождалась в ополчение»), die dazu bestimmt wäre, "unter Gefechtsbedingungen auszulernen" («доучивать в боевой обстановке») usw.
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19. Im Verlaufe von einhundert Jahren (von 1880-1980) erhöhte sich die Friedensstärke der ständigen Armee von 800 Tausend bis auf 5 Millionen Mann. Dabei machte es ein System von Privilegien zur Wehrpflicht dem gebildetsten und intelligentesten Teil der Bevölkerung, ohne den ein Kadersystem nicht bestehen kann, ohne an Qualität einzubüßen, in Russland immer möglich, gesetzlich und ungesetzlich dem tatsächlichen Dienst auszuweichen. In die Armee gelangten (nach der Pflicht, nicht jedoch nach der Bestimmung) bei weitem nicht die in dieser Hinsicht besten Kontingente der Jugend.
Im Zusammenhang mit der Spezifik unseres militärischen Daseins befaßten sie sich mit der Gefechtsausbildung (selbst bei einem dreijährigen tatsächlichen Dienst) lediglich 4 Monate, während die Ausbildung eines professionellen Soldaten 7-8 Jahre erfordert (A. Gerua). Doch, auch diese schwach ausgebildeten Wehrpflichtigen verließen alljährlich die Armee und machten den Platz für neue Rekruten frei. Im Kriegsfalle wurden Reservisten aus einem friedlichen Leben einberufen, in dem sie es schafften, alles Militärische zu vergessen (Das Truppenkontingent im Krieg mit Japan bestand zu 92% aus solchen "friedliebenden Kleinbürgern" («миролюбивых мещан»). Doch selbst diese "Armee-Schule" degenerierte in letzter Zeit zu einem echten "Kindergarten", in dem 18-19-jährige "Muttersöhnchen" («маменькины сынки») Dienst leisten und betreut werden von der Bewegung der Soldatenmütter, die immer mehr (im Unterschied zur Armee) das Antlitz einer professionellen Organisation gewinnt.
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20. Interessant ist die Feststellung, daß die echte (professionelle) Armee Russlands keine Kasernen kannte, in gewöhnlichen Wohnungen untergebracht war. Kasernen begann man (im wesentlichen als «Wirtschaftsmaßnahme») ab der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts zu bauen. Doch, selbst bis zum Jahre 1900 lebten nur 60 Prozent der Truppen unter kasernierten Bedingungen.
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21. Siehe: Гриф секретности снят...-С.10
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22. Der «siegreiche» Krieg mit Finnland brachte der UdSSR keinen großen Nutzen und unterstrich lediglich die hohe Qualität der finnischen Armee. Die sowjetischen Truppen hingegen erlitten im Verlaufe der 105 Tage des Krieges Verluste in Höhe von 333 084 Mann, wobei sich die Zahl der Gefallenen, Toten und Vermißten in diesem Kriege auf unserer Seite auf 126 875 Mann belief. (a.a.O.)
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23. Man möchte nicht glauben, daß sich die folgende J. Roussou zugeschriebene Prophezeiung zu verwirklichen beginnt: «Das russische Imperium ist bestrebt, sich Europa zu unterwerfen und wird selbst unterworfen. Die Tataren, seine Untertanen oder seine Nachbarn machen sich zu seinen Herren und den unseren: diese Umkehrung scheint mir unvermeidlich». –siehe: Mеньшиков, M. Письма к ближним. -С. -Пб. 1910. –С. 343.
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24. Сторонин, A. История общественности. -С. -Пб., 1985. -С. 561. Die Vorherrschaft eines Kultes der Zahl im Militärwesen entstand in folgender Weise. In allen Kriegen des XVIII. und XIX. Jahrhunderts nahmen auf Seiten Rußlands nur 10 Millionen Mann an Kampfhandlungen teil (A. Morskoi), im XX. Jahrhundert jedoch nicht weniger als 50 Millionen.
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25. Der Einsatz der russischen Truppen in der tschetschenischen Republik (in den Jahren 1994-95) verlief leider nach dem "traditionellen" zerstörerischen Szenario und mit den für eine Armee des "bewaffneten Volkes "üblichen" Unzulänglichkeiten (mit massenhaften Verlusten an Personal und Technik, mit dem Tod friedlicher Bürger, mit einer fehlenden Vorbereitung auf Kampfhandlungen und dem Erlernen des "Kämpfens" unter unmittelbaren Gefechtsbedingungen). Erneut war der Faktor gewaltsamer Überlegenheit statt der Kunst vorherrschend.
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26. Einst konnten die russischen Soldaten kämpfen und nicht nur heldenhaft sterben. Im XX. Jahrhundert wurden die umgekehrten Beispiele immer häufiger. Menschikow beschreibt eines dieser Beispiele (die Schlacht von Tshushima) in dem Artikel "Märtyrer für Russland" («Мученики за Россию»), indem er Beispiele des Untergangs russischer Schiffe mit so heldenhaften Bezeichnungen, wie "Suworow", "Admiral Uschakow", "Osljaba" und anderer aufzählt, sieht er sich zu folgenden öffentlichen Fragen gezwungen:
Warum gelangte das Geschwader zu der Heldentat, dem Untergang, "träumte lediglich davon ehrenvoll zu sterben und nicht mehr"? Warum kam es zu einer solch eindrucksvollen Gefechtsform? Warum trafen unsere Geschosse nicht, warum wurden die Schiffe aus großer Distanz beschossen und sanken mit Matrosen und Offizieren an Bord, die noch "Hurra" riefen? Warum war es kein Gefecht, sondern "ein Bild menschlicher Opferdarbietung" («картина человеческого жертвоприношения») ? (Письма к ближним.- С.-Пб., 1908.- С.298-301).
Im folgenden Krieg wiederholt sich alles. Kam man etwa ruhigen Gewissens die bitteren Worte eines unparteiisch außenstehenden Beobachters lesen: "Bereits zu Beginn des Jahres 1915 wandten sich die Deutschen, nachdem sie sich von ihrem Vorhaben, in erster Linie die französische Armee zu vernichten, distanzierten, Russland zu, dem Rückständigsten in taktischer Hinsicht, dem Träger der überholtesten Traditionen. Der russische Riese entschloss sich dazu, seine technische Rückständigkeit durch Ströme menschlichen Blutes zu kompensieren, und es verging kaum ein Jahr, und Russland verlor fast 4 Millionen Menschen. &uml;ber diesen Wahnsinn können wir uns nur wundern. In Friedenszeiten besteht eine menschliche Politik darin, Leben zu ermöglichen; wenn der Krieg die Fortsetzung von Politik ist, so kann man Soldaten nicht wie Hasen opfern". (Дж.Ф.К. Фуллер. Реформация войны. Сокр. Пер. с англ.-М.: Воениздат, 1931.-С.22).
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27. Куропаткин А.Н. Задачи русской армии.-Т. III. Задачи России и русской армии в XX. столетии.-С.-Пб., 1910.-С.229.
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28. Russland geht an der Tyrannei der Schwachen zugrunde, hob einst M.O. Menschikow hervor. In dieser Hinsicht ist eine degenerierte Armee, die sich in einem ständigen Krisiszustand befindet, "nützlich" für ein schwaches System. Sie ist darin Instrument von Willkür und Gewalt, Mittel des Kampfes um die Macht, Stammgut zur "Versorgung", Rechtfertigung zur Verstärkung anderer "behördlicher Truppen" («ведомственных войск») und zur Schaffung neuer Spezialdienste, die für die Gesellschaft nicht weniger gefährlich sind, als eine schwache Armee.
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29. Геруа А. Полчища.- София, 1923.-С. 314.
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30. Diese Phrase steht beispielsweise im Titelverzeichnis des Buches von A. F. Rittich «Записки по предстоящим вопросам» (ein Abriss zur staatlichen Verteidigung), herausgegeben im Jahre 1906. Sie zeugt vom Unwillen der militärischen Führung, damals, wie auch später, den Schlussfolgerungen der einheimischen Militäranalytiker Gehör zu schenken, die zu "verbotenen" militär-politischen Themen schrieben.
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31. Die Erkenntnis der Notwendigkeit einer professionellen Armee wurde in der westlichen Literatur seinerzeit wie folgt begründet:
  1. mit der Rettung der europäischen Zivilisation vor für den nationalen Wohlstand zerstörerischen und gefährlichen Kriegen;
  2. mit der Durchführung einer Politik der Nation im Krieg "mit geringst möglichen Verlusten für sich selbst und für den Gegner";
  3. mit einer Wiedergeburt beweglicher Armeen und damit auch der Kriegskunst;
  4. mit der Gewährleistung der Deckung zur Entfaltung der Hauptkräfte im Falle eines überraschenden Krieges;
  5. mit der Ablehnung von gefährlichen "Kriegshorden" («полчищ»), die das Militärwesen und das zivile Leben der Gesellschaft paralysieren.
Ausführlich dazu in folgenden Büchern:
  • Лиддл Гарт. Новые пути современных армий. Пер. с англ.-М., Л., 1930;
  • Дж. Ф. К. Фуллер. Реформация войны. Пер. с англ.-М., 1931;
  • Г. Бастико. Будущая война. Пер. с итальянского.-М., 1934;
  • Шарль де Голь. Профессиональная армия. Пер. с франц.-М., 1935.
Im Zusammenhang mit der Anmerkung Nr. 30 ist hervorzuheben, dass die Arbeiten der russischen Militäremigranten, die dem Leser erst Ende der 80er Jahre aus "Spezialarchiven" in einzelnen Exemplaren zugänglich wurden, nicht weniger interessant und nützlich sind.
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