Am 6. Mai besuchte der Premierminister der Ukraine, Anatoli Kinach, einen der größten Maschinenbaubetriebe des Landes - den Schiffbaubetrieb in Nikolajew. Hauptziel des Besuchs war die Erörterung der Pattsituation, die um den Raketenkreuzer "Ukraina" entstanden ist. Das Schiff ist zu 95 % fertig gestellt, doch über weitere Mittel zum Abschluss der Arbeiten verfügen weder die Werft noch die ukrainische Regierung. Das Verteidigungsministerium schuldet dem Betrieb bereits 56 Mill. Griwna (über 10 Mill. Dollar), zur Fertigstellung sind jedoch noch weitere 60 Mill. erforderlich. Die lange Liegezeit des Schiffes am Ausrüstungskai ist nicht nur zusätzlich teuer, sondern behindert auch die Ausführung weiterer kommerzieller Aufträge für die Werft.
Das besondere Interesse an der Reise von Kinach zeigt sich daran, dass er sich in Begleitung des Botschafters der RF, Viktor Tschernomyrdin, befand. Unter seiner Teilnahme wurde unter strenger Geheimhaltung eine Beratung durchgeführt, aufgrund deren Ergebnis das Ministerkabinett Leonid Kutschma einen Vorschlag zum weiteren Schicksal des Kreuzers unterbreiten wird. Die offizielle Erklärung lässt verlauten, dass eine politische Entscheidung durch die Präsidenten der Ukraine und Russlands unter Beachtung dessen getroffen werde, dass der Kreuzer "über hohe taktisch-technische Werte verfügt und dadurch die Kräftebalance im internationalen Maßstab beeinflusst". Somit ist in nächster Zukunft mit einer weiteren Gesprächsrunde über die Zukunft der "Ukraina" zu rechnen.
Die Kiellegung erfolgte unter dem Namen "Flottenadmiral Lobow" im Auftrage der Seekriegsflotte der UdSSR als viertes Schiff des Projektes 1164 ("Atlant"). Der Stapellauf erfolgte am 1. August 1990; nachdem Moskau den Ankauf für seine Flotte ablehnte, gelangte das Schiff im Oktober 1993 (bei einem Fertigstellungsgrad von 75%) unter ukrainische Flagge. Der Weiterbau wurde 1996 gestoppt und im März 1999 wieder aufgenommen. Die Übergabe des Schiffes (seit 1998 unter heutigem Namen) an die ukrainischen Seestreitkräfte war ursprünglich für das Jahr 2000 geplant, danach für 2001. Heute bezeichnet der ehemalige Kommandeur der Ukrainischen Seestreitkräfte, Wladimir Beskorowainij, die Entscheidung über die Fertigstellung als Fehler.
Bereits im Januar 2001 wurde durch den damaligen Verteidigungsminister der Ukraine, Alexander Kusmuk, in Gesprächen mit Igor Sergejew nochmals die Möglichkeit des Verkaufs an Russland sondiert. Erörtert wurde dieses Problem auch von Putin und Kutschma. Letzterer gab im September 2001 die sensationelle Erklärung ab, dass der Kreuzer von den Ukrainischen Seestreitkräften nicht benötigt werde und der russische Präsident sich zum Vorschlag über den Ankauf des Schiffes "höchst aufgeschlossen" verhalten hätte.
In jener Zeit trat ein weiterer einflussreicher Lobbyist für die Idee des Ankaufs der "Ukraina" auf den Plan - Juri Lushkow, der sich bekanntlich sehr um den Zustand der Schwarzmeerflotte sorgt. In einem Brief an den russischen Präsidenten schlug er die Hilfe Moskaus beim Kreuzerkauf vor. Bereits Mitte der 90er Jahre gelang es durch das unmittelbare Engagement des Moskauer Bürgermeisters, die Mittel zum Abschluss der langjährigen Reparaturarbeiten der "Slawa", des Typschiffs der Raketenkreuzer des Projekts 1164, aufzubringen. Die Umbenennung der "Slawa" in "Moskwa" lt. Befehl des Oberkommandierenden der Seekriegsflotte der RF vom 22. Juni 1995 ist somit gewiss auch als Referenz zu werten.
Im Falle der "Ukraina" wurde jedoch bisher keine Übereinkunft erzielt.
Im Januar 2002 gelangte eine Information über Moskaus wiederholte Ablehnung des Kaufs in die Presse. Gleichzeitig wurde in Kiew eine Arbeitsgruppe formiert, die einen Lösungsweg für dieses Dauerproblem aufzeigen sollte. Am ehesten zu erwarten ist nun eine Fertigstellung des Schiffes mit dem Ziel seines Verkaufs an Dritte.
Einige Quellen sprechen davon, dass "RosOboronExport" bereits die Frage der Realisierung der "Ukraina" auf dem internationalen Markt analysiert hätte. Nach inoffiziellen Angaben wurde Kiew zu Beginn diesen Jahres vorgeschlagen, etwa 50 Mill. Dollar in eine Umprojektierung des Schiffes auf neue Bewaffnung und einen anschließenden Ankauf durch Russland zu investieren.
Der Exportwert der "Ukraina" wird sehr unterschiedlich bewertet, von 250 Mill. bis 1 Mrd. Dollar. Die große Abweichung erklärt sich daraus, dass Schiffe dieser Klasse bisher noch niemals verkauft wurden. Nach seinen Schiffsabwehrmöglichkeiten gibt es für das Projekt 1164 im fernen Ausland nichts Ebenbürtiges, und bei den einheimischen Kreuzern steht es lediglich den schweren Atom-Raketenkreuzern vom Projekt 1144 nach.
Im Bestand der Seekriegsflotte der RF befinden sich drei Einheiten dieses Typs: "Moskwa" (Schwarzmeerflotte), "Varjag" (Pazifikflotte) und "Marschall Ustinow" (Nordmeerflotte).
Jedoch gerade die überaus starke Schiffsabwehrbewaffnung -- der Komplex P-500 "Basalt" mit seinen 16 Antischiffsraketen -- bereitet den Exportperspektiven der "Ukraina" Probleme. Denn nach dem Kontrollregime über Raketentechnologie, das sowohl von Moskau als auch von Kiew eingehalten wird, ist der Handel mit Bewaffnungen einer Schussweite von über 300 km untersagt (bei der "Basalt" sind es 550 km). In den 90er Jahren zeigte die Ukraine Interesse an der Möglichkeit, diesen Komplex auf dem Kreuzer zu installieren. Im Verlaufe der Erörterung dieser Anfrage gingen die Meinungen der Spezialisten darüber in Russland auseinander: die einen meinten, formal betrachtet würde Kiew bereits über die P-500 verfügen, andere hingegen bewerteten eine Übergabe als unmöglich. Letztere behielten bisher die Oberhand. Ungeachtet dessen vertrat der stellvertretende Direktor der Werft, Anatoli Michelson, im Gespräch mit NWO die Auffassung, dass die Ausstattung mit der "Basalt" im Rahmen einer politischen Entscheidung der Repräsentanten beider Staaten möglich wäre.
Der erwähnte Vorschlag von "RosOboronExport" sah eine Lösung dieses Problems durch den Ersatz des Komplexes "Basalt" durch "Jachont" oder "Club-N" vor, die die Forderungen des Kontrollregimes jeweils erfüllen. Die technische Möglichkeit dieser Umrüstung wurde vom Produzenten der "Basalt" und "Jachont"(der NPO "Maschinostrojenije") wie auch von Michelson bestätigt. Allenfalls würde eine solche Entscheidung der "Ukraina" formal den Weg auf den Weltmarkt öffnen.
Jedoch gibt es auch Opponenten gegenüber der Entscheidung, den Kreuzer an das sogenannte fernere Ausland zu verkaufen. Während diese in der Ukraine durch nationalistische Populisten vertreten sind, die zur Schaffung einer mächtigen Flotte aufrufen, operieren die Gegner in Russland mit seriöseren Argumentationen.
So äußerte einer der Vertreter der Schiffbauvereinigung in St. Petersburg, dem die Problematik der Kreuzer vom Projekt 1164 besser als anderen bekannt ist, dass, sofern die "Ukraina" auf den Markt kommt, die Positionen der einheimischen Unternehmen "Baltiysky zavod" («Балтийский завод») und "Severnaja Werf" («Северная верфь») untergraben werden, weil als reale Käufer von Kreuzern nur China und Indien in Frage kämen. Da die Budgets dieser beiden Länder, die jeweils große Schiffe ausschließlich in Russland kaufen, nicht unbegrenzt sind, würden den Werften in Piter potenzielle Aufträge entzogen.
Unter zusätzlichem Verweis auf negative Erfahrungen bei Verhandlungen mit der Ukraine über das Schicksal des Schiffes wird von dieser Seite auch ein Scheitern neuerlicher Gespräche prognostiziert. Aus dieser Sicht erscheint der Ankauf des Schiffes für die Seestreitkräfte der RF als beste Variante. Da hierfür jedoch die Mittel fehlen, könnte auch ein Geschäft in der Variante "Schiff gegen Gasschulden" zur Verhandlung kommen. Natürlich wäre auch in diesem Falle das Problem der Hauptbewaffnung zu lösen, da die "Basalt" den russischen Seeleuten nicht mehr hinreichen wird.
Der Verkauf der "Ukraina" an eine Drittseite ruft auch politische Komplikationen hervor. Selbst bei Austausch der Raketenschlagbewaffnung bewahrt der Kreuzer seine Spezialisierung auf Abwehr von Trägerverbänden. Sehr unwahrscheinlich ist, dass Indien ein solches Schiff kaufen wird; dort orientiert man sich am Bau von Flugzeugträgern und Mehrzweckschiffen relativ kleinerer Wasserverdrängung der Fregattenklasse (siehe Anmerkung). Und die Gegner Indiens verfügen einfach über keine würdigen Ziele für den "Atlant".
Anders ist es mit China. Dort hat man die ernste Befürchtung, dass sich Flugzeugträgergruppierungen der USA in einen theoretisch möglichen Konflikt Chinas mit Taiwan einmischen könnten. Dies zu vereiteln dürfte der gegenwärtigen chinesischen Flotte schwer fallen. Deshalb nahm Peking auch Kurs auf den Bau von Schiffen der Kreuzerklasse. Davon zeugt nach Meinung von Experten auch das russisch-chinesische Abkommen über den Verkauf von Schiffs-Luftabwehrraketenkomplexen S-300F (С-300Ф).
In diesem Kontext ist anzunehmen, dass das Angebot der "Ukraina" zum Kauf scharfe Proteste Washingtons hervorrufen wird, die sowohl von Moskau als auch von Kiew, das in die NATO möchte, schwer zu parieren sein werden.
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Weitere Anmerkungen und Quellen zum Umfeld dieser Thematik:
Die Internetpräsenz der "Baltischen Werft" bietet eine ausführliche Beschreibung der Fregatten des Projekts 11356, von denen gegenwärtig drei Einheiten für Indien gebaut werden. Bemerkenswert sind insbesondere die Ausführungen zu neuen Waffensystemen, wie dem Antischiffs-Raketenkomplex Club-N («Клаб-Н»), dem Artilleriekomplex A-190Ä (А-190Э) sowie dem Informations- und Führungssystem "Trebowanije-M" («Требование-М»).
Die beiden ersten Einheiten, "Talwar" und "Trischul", befinden sich gegenwärtig in der Phase der Seeerprobung und Übergabe an die indischen Seestreitkräfte.
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