Schwierige Überwindung von Nostalgie
Über aktuelle Tendenzen auf dem Weg zur Entwicklung einer realistischen Marinepolitik
Bericht: Egbert Lemcke
Quellen:
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In den letzten Wochen und Monaten ist aus einer Reihe von Verlautbarungen durch Präsident Putin ersichtlich, dass der Kreml sich verstärkt Problemen der Seekriegsflotte zuwendet. Es wird nicht nur Ihre schwierige Lage beklagt und beschrieben, sondern die Bereitschaft signalisiert, erneut die Flotte tatsächlich zu unterhalten, wenngleich die Erarbeitung einer realistischen Marinepolitik, orientiert an der gültigen Marinedoktrin, noch nicht abgeschlossen ist.
Unter Bedingungen totaler Geheimhaltung der Rüstungsausgaben Russlands ist es schwierig, eine anstehende Erhöhung des Flottenbudgets zu bewerten. Der Oberkommandierende der Seekriegsflotte (WMF), Wladimir Kurojedow, erklärte, dass der Anteil der WMF an den gesamten Rüstungsausgaben der letzten Jahre 11-12% betrug. Erinnert sei daran, dass sich dieser in der Zeit davor unablässig verringerte (von 23% 1993 bis zu 9,2% 1998). Eine Rückkehr zu den Verhältnissen von vor 10 Jahren ist schwer vorstellbar, zumal sowohl der Generalstab, als auch andere Teilstreitkräfte, wie die Praxis zeigt, sich einer Kürzung ihres jeweiligen Anteils zu widersetzen wissen.
Im übrigen wurde jedoch eine gewisse Korrektur zugunsten der WMF im Staatsprogramm für Bewaffnung (Государственная программа вооружений - GPW) für den Zeitraum bis 2010 verankert. Davon zeugt z.B. die Tatsache, dass sich der staatliche Verteidigungsauftrag für die Flotte im Jahre 2002 um 80% erhöht (das durchschnittliche Wachstum in den Streitkräften beträgt 32%). Der Präsident selbst bezeichnete den "maritimen" Anteil am GPW als "absolut real zur Verwirklichung". Hervorzuheben ist, dass sich die Erklärung auf ein Dokument bezieht, das von ihm zu Beginn diesen Jahres unterzeichnet wurde, um ein Signal in dem Sinne zu setzen: "Der Flotte seien die vergangenen Versündigungen verziehen".
Falsche Prioritäten
Bemerkenswert ist die Analyse der Aussagen Putins dazu, dass der Staat "die Kiellegung neuer Schiffe vernachlässigt" hätte. Aus der Aufstellung auf der Basis öffentlich zugänglichen Materials (siehe Übersicht unten) folgt, dass nach 1991 die Kiellegung von 9 U-Booten (davon 8 atomaren) und einem Überwasserschiff (Ende 2001) erfolgte. Etwas geringer ist das Missverhältnis bei den Indienststellungen von Kampfeinheiten: 12 U-Boote und 8 Überwasserschiffe.
Somit bezieht sich die Kritik des Präsidenten hauptsächlich auf Überwasserschiffe. Völlig verständlich ist, dass sich angesichts des gegenwärtigen Finanzierungsniveaus die Kiellegung neuer Schiffe sehr häufig als absurd erweist, da diese sowohl moralisch als auch physisch bereits auf Stapel veralten. Wladimir Kurojedow erklärt, dass alljährlich für den Bau von Schiffen 25% ihres jeweiligen Gesamtwertes zu veranschlagen wären, was es ermöglichen würde, mittlere Bauzeiten von bis zu 4 Jahren zu halten. Doch die realen Staatsanweisungen betrugen 1999 2001 3-5%.
Jedoch erklärt sich der Niedergang der WMF nicht nur aus unzulänglicher Finanzierung. Das Problem besteht nicht nur und nicht vor allem in der Anzahl der Kiellegungen von Gefechtseinheiten, als viel mehr im Setzen falscher Prioritäten beim Bau der Flotte. Hier ist noch ein äußerst starkes Beharrungsvermögen sowjetischen Herangehens feststellbar.
Ein bedeutender Teil der zu sowjetischer Zeit kielgelegten und danach fertig gestellten Schiffe entsprach weder den neuen politischen Anforderungen, noch den ökonomischen Möglichkeiten des Landes. Davon zeugt dann auch ihr Schicksal. Die Effektivität der teuersten U-Boote (Projekt 949A), die die Flotte je bezogen hat, ist gering aufgrund des kläglichen Zustandes des Aufklärungssystems, ohne das diese ihre Gefechtsmöglichkeiten nicht vollständig nutzen können. Die schweren Raketenkreuzer vom Projekt 1144 erwiesen sich als zu teuer in der Unterhaltung. Es gab derart haarsträubende Fälle, dass Schiffe eines Projektes gebaut wurden, während ihre Schwesterschiffe, die noch nicht einmal die Hälfte ihrer geplanten Einsatzdauer in Dienst waren, bereits ausgemustert wurden (Zerstörer vom Projekt 956, Kreuzer vom Projekt 1144, U-Boote vom Projekt 949).
Die Präferenz gegenüber den gigantischen Projekten der Sowjetzeit hatte auch ihre Kehrseite. Die WMF verfügte über keine Schiffe zur Lösung der Aufgaben, die früher als zweitrangig galten: Schutz der wirtschaftlichen Tätigkeit, Bewachung der Fischereiressourcen und der Rohstoffe des Schelfgebietes, Gewährleistung der Sicherheit der Kommunikation. In Friedenszeiten sind zur Lösung derartiger Aufgaben Mehrzweckfregatten und korvetten bestens geeignet, doch gerade ihnen wurde in den 90er Jahren die geringste Aufmerksamkeit gewidmet. Sie wurden zuerst aus den Schiffbauprogrammen gestrichen und erst an letzter Stelle fertig gebaut (siehe in der Übersicht Zerstörer vom Projekt 956 und Fregatten der Projekte11540 und 1244.1). Die Flotte erhielt lediglich ein Wachschiff vom Projekt 1166.1 ("Tatarstan"). Wobei diese Fregatte ursprünglich für den Export gebaut wurde, aber durch die eigene Flotte erworben wurde, nachdem der Auftraggeber in Anbetracht der inzwischen moralischen Alterung vom Kauf zurücktrat. Zur Lösung von Aufgaben im Kaspischen Meer, wo es keine seriösen Gegner gibt, ist sie übrigens völlig hinreichend.
Für den Export wurden und werden in postsowjetischer Zeit sehr moderne Schiffe gebaut. Dazu sind vor allem die Fregatten vom Projekt 11356 zu nennen, die über modernere Bewaffnungen verfügen, als ihre Analogien in der russischen Flotte.
Zu beachten ist außerdem, dass der Bau von Schiffen, die für globale Kriege auf den ozeanischen Kriegsschauplätzen bestimmt sind, ein sehr viel teureres Vergnügen ist, als die Schaffung einer Flotte zum Schutz der ökonomischen Interessen Russlands. Nach Einschätzung der Militärwissenschaftler Wladimir Kusin und Wladislaw Nikolskij bestehen für Schiffe, die in den 80er Jahren entwickelt wurden, etwa folgende Wertverhältnisse:
- Mehrzweck-Atom-U-Boote 1;
- Atom-U-Boote mit ballistischen (Flügel-)Raketen 1,71;
- Diesel-U-Boote 0,42;
- Atom-Kreuzer ca. 3;
- Zerstörer 0,91;
- Wachschiffe (Fregatten / Zerstörer) 0,45.
Diese Ziffern zeugen davon, dass, sofern in den Schiffbauprogrammen zu Beginn, oder zumindest Mitte der 90er Jahre eine Umorientierung stattgefunden hätte, Russland heute über eine sehr viel modernere und den aktuellen Erfordernissen entsprechende Flotte verfügen könnte.
Falsche Erwartungen
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass bis Ende der 90er Jahre in der Flotte auf Wunder gewartet wurde, etwa nach dem Motto: "Bald wird uns die Führung des Landes die Mittel zur Verfügung stellen, die für den Bau der zweitgrößten Flotte der Welt erforderlich sind." Man stritt in höchsten Kreisen von Armee und Flotte ernsthaft darüber, wie viele Flugzeugträger, zwei, drei oder vier man in der Nord- oder Pazifikflotte benötigen würde, oder phantasierte zum Thema einer sogenannten "Nördlichen strategischen Bastion". Doch gleichzeitig verfielen Schiffe, die man nach Fertigstellung zumindest ins Ausland hätte verkaufen können, zum Schrottwert.
Erst mit dem Amtsantritt von Wladimir Kurojedow im Jahre 1997 auf den Posten des Oberkommandierenden begann sich die Situation zu ändern. Er erkannte an, dass man beginnen müsse "mit dem Begreifen der Tatsache, dass die Flotte im verbliebenen Zustand nicht in der Lage ist, die vor ihr stehenden Aufgaben vollwertig zu lösen, dass zuallererst ein kardinales Umdenken bzgl. des Verhältnisses von qualitativem zu quantitativem Antlitz der Seekriegsflotte erforderlich ist". In absehbarer Zukunft wird die Seekriegsflotte den ozeanischen Raum in einer Entfernung über 4000 km von den russischen Küsten nicht kontrollieren können. Der Versuch, ein solche Flotte zu schaffen und sich an einem Wettlauf mit der NATO zu orientieren, steht im wesentlichen der vom Oberkommandierenden vertretenen Idee der Kontrolle der 200-Meilen-Wirtschaftzone entgegen.
Eingeräumt wird durch den Oberkommandierenden, dass "bei Beibehaltung der gegenwärtigen Finanzierung bis zum Jahre 2015 nicht mehr als 60 Schiffe im Bestand der Seekriegsflotte Russlands gehalten werden können." Jedoch erklärt er, dass das Flottenkommando es für erforderlich hält, 12-15 strategische, 50 atomare Mehrzweck- und 35 dieselgetriebene U-Boote und ebenfalls etwa 70 Überwasserschiffe für den ozeanischen Bereich im Bestand zu halten. Zur Aufstellung und Unterhaltung eines solchen Flottenbestandes ist es nötig, alljährlich 4-5 U-Boote und 3-5 Überwasserschiffe in Dienst zu stellen, was eine 3-5fache Erhöhung der Finanzierung der Seekriegsflotte erfordert. Diese Forderungen sind schwerlich als realistisch zu bezeichnen. Welche Position Putin zu derartigen Plänen bezieht, ist unbekannt. Doch traf dieser während seines Besuchs der Pazifikflotte folgende symptomatische Aussage: "Sofern sich die Ökonomie entwickeln wird, werden sich Streitkräfte und Flotte entwickeln."
Perspektive
Das Wesen der gegenwärtigen Etappe im Aufbau der Seekriegsflotte besteht im Kampf zwischen denen, die auf die Wiedergeburt einer, wenn auch in reduzierter Weise, sowjetischen Flotte hoffen, und jenen, die sich von den bestehenden Realitäten leiten lassen. Eine Analyse von Erklärungen der Admirale zeigt, dass Kurojedow ein Anhänger (wenn auch nicht in aller Konsequenz) der zweiten Richtung ist. Offenbar auch deshalb konnte er seinen Posten nach der "Kursk"-Tragödie behalten. Im Juli vor einem Jahr (2001) gelang es ihm, beim Präsidenten die Marinedoktrin der RF zu bestätigen, und nun hat er faktisch einen Blankoscheck zur Umsetzung seiner Strategie.
Beachtlichen, wenn nicht den entscheidenden Einfluss auf diese Strategie werden die neuen Forderungen der höchsten Führung haben, die darauf gerichtet sind, den Faktor der Seekriegsflotte zur Lösung drängender ökonomischer und politischer Probleme zu nutzen. Zeugnis dessen sind die kürzlich durchgeführten Übungen im Kaspischen Meer und analoge Vorhaben in der Pazifikflotte in 2003.
Als charakteristisches Moment ist zu betonen: eine Intensivierung der militärisch-maritimen Aktivitäten ist in jenen Regionen festzustellen, wo Russland merkliche ökonomische Interessen verfolgt. Handlungen, die lediglich das Ziel des "Flagge Zeigens" verfolgen, werden auf später verschoben. Davon zeugt insbesondere die Diskussion um den Verzicht auf die Geschwaderfahrt der Schwarzmeerflotte ins Mittelmeer. Es sei daran erinnert, dass der Oberkommandierende ursprünglich diese absagte und erst nach Protesten aus Sewastopol erklärte, dass die Fahrt für September geplant sei.
Im Schiffbau reklamiert Kurojedow, den Akzent auf Fertigstellungen, Reparaturen und Modernisierungen zu setzen und erst 2004-2005 die Kiellegung von Schiffen neuer Projekte zu beginnen. Zu den ersten werden Fregatten gehören, für die 2003 die Verkündung der Ausschreibung geplant ist. Danach folgt ein Landungsschiff. Parallel dazu wird die Fertigstellung der Atom-U-Boote der Projekte 955 und 885 fortgesetzt. Gleichzeitig hofft der Oberkommandierende der WMF auf die Realisierung neuer Projekte von Atom-U-Booten bis 2010, an denen die Konstruktionsbüros "Rubin" und "Malachit" bereits arbeiten.
Insgesamt ist das allmähliche Reifen einer adäquaten Marinepolitik erkennbar. Doch ist die Kluft zwischen Wünschen und Möglichkeiten noch nicht bis zum Ende überwunden. Was auch immer Putin den Admiralen versprochen hat, die von der Flotte geforderten 25% des Militärbudgets werden offenbar nicht zu erreichen sein. Zur Abstimmung von ökonomischen Realitäten und langfristigen Bauvorhaben der WMF wird es allenfalls erforderlich sein, sich von einigen grandiosen Programmen zu lösen, die weder finanziell, noch aus Sicht der geopolitischen Aufgaben des Staates begründbar sind.
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