Impressum [DSS Home]   [Lemcke Home] 29.10.2002

Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)






Im nuklearen Visier

Die strategische Konfrontation zwischen Russland und den USA ist noch nicht vorüber.




Bericht: Egbert Lemcke

Quelle:   http://nvo.ng.ru/armament/2002-10-18/6_sight.html



Am 14. Oktober führte die Agentur zur Raketenabwehr der US-Militäradministration eine erfolgreiche Flugerprobung eines bodengestützten Systems der Raketenabwehr durch. Die Zielrakete "Minuteman" startete vom Polygon in Vandenberg (Kalifornien). 22 Minuten danach wurde vom Atoll Kwajalein (Marshall-Inseln im Pazifik) eine experimentelle Abwehrrakete PLV gestartet. In der sechsten Flugminute vernichtete deren Gefechtsstufe – ein außeratmosphärischer Abfangsatellit EKV - durch direktes Auftreffen den Gefechtskopf der "Minuteman".

Es war dies die neunte Flugerprobung eines bodengestützten Raketenabwehrsystems. Bei sieben Starts wurde der Versuch unternommen, einen realen Gefechtskopf abzufangen, fünf davon waren erfolgreich. Bei diesem Experiment ging es nach Angaben aus dem Pentagon um das Erkennen eines Gefechtskopfes neben mehreren Scheinzielen.

Wesentlichste Besonderheit dieses Starts war die Funktionserprobung des Schiffssystems der Luft- und Raketenabwehr "Idges" des Zerstörers "John Paul Jones". Das Funkmessortungs-system AN/SPY-1 mit einem phasensynchronisierten Antennengitter sollte das Zielobjekt und die Gefechtsstufe auffassen und begleiten, doch wurden diese Daten nach Angaben von Vertretern aus dem Pentagon nicht zur Steuerung des Abfangprozesses selbst verwandt.

Spezialisten bewerten die gegenwärtigen Versuche als erste formale Verletzung des aufgekündigten ABM-Vertrages, der ein Verbot der Einbeziehung jeglicher Komponenten mobiler Basierung bei Experimenten vorsah. Die Einbeziehung von Zerstörern und Kreuzern, ausgestattet mit dem System "Idges" zum Abfangen von Raketen, ist auf die Schaffung eines gestaffelten Verteidigungssystems ausgerichtet, das nicht für die Abwehr eines Einzelschlages, sondern zur Abwehr massierter Schläge erforderlich ist. Zu betonen ist, dass der Kurs auf Schaffung eines seegestützten Raketenabwehrsystems, das in der Lage ist zum Abfangen von Interkontinentalraketen, jenes neue Moment ist, das mit dem Machtantritt von G. Bush jun. auf den Plan trat.

Buchstäblich am Vorabend des amerikanischen Experiments, am 12. Oktober, erarbeiteten die russischen strategischen Nuklearstreitkräfte einen massierten Schlag auf einen virtuellen Gegner. Der Zeitunterschied zwischen den Starts ballistischer Raketen von U-Booten aus dem Gebiet der Barents-See und Raketen des Komplexes "Topol" vom Polygon Plesezk auf das Polygon Kura auf Kamtschatka betrug ganze drei Minuten. Diesen kam ein Raketenstart von einem Atom-U-Boot (Projekt 667BDR) 50 Minuten zuvor, das sich im Ochotskischen Meer befand (ihr Ziel - das Gefechtsfeld am Kap Kanin Nos in der Barents-See). Übrigens erklärt sich diese Zeitdifferenz wohl am ehesten aus den technischen Möglichkeiten der Messpunkte, die nicht in der Lage sind, gleichzeitig auf Gegenkurs befindliche Gefechtsköpfe zu führen. In dieser Periode wurden in den Luftstreitkräften Russlands 4 strategische Raketenträger in Alarm versetzt (je 2 Tu-160 und Tu-95MS), die ein Schießen mit Flügelraketen auf ein nördliches und südliches Polygon ausführten.

Die Raketenstarts waren der Schlussakkord eines einwöchigen Kommando-Stabs-Trainings, das nach offiziellen Angaben den Abschluss des Sommerausbildungsabschnitts darstellte. Augenfällig ist, dass die Maßnahme selbst in gedecktem Regime ablief.

Ein weiterer, wesentlicherer Umstand besteht darin, dass sich die Einsatzform der strategischen Nuklearkräfte etwas veränderte. Noch vor einigen Jahren fanden solche Übungen mit einem virtuellen Gegner (sprich - den USA) mit der Ausführung sogenannter demonstrativer Nuklearschläge ihren Abschluss. Als angenommener Zielpunkt der strategischen Raketen wurde ein unbewohntes Gebiet irgendwo im Nordatlantik oder auf Grönland ausgewählt, und die Detonationen selbst waren nicht zur Vernichtung des Gegners bestimmt, sondern sollten ihn zwingen, auf die Eskalation eines Konfliktes zu verzichten. Der virtuelle Gegner hatte gewöhnlich das Signal aus Moskau gut verstanden und seine Expansion beendet, die sich auf eine erdrückende Überlegenheit an konventionellen Kräften und Bewaffnungen stützte. Das gegenwärtige Training hingegen fand seinen Abschluss in der Imitation des Einsatzes der Strategischen Nuklearstreitkräfte in vollem Maßstab.

Augenscheinlich wird ungeachtet der Erklärung der militärisch-politische Führung Russlands, dass keine Notwendigkeit für Reaktionen auf die Washingtoner Kündigung des ABM-Vertrages bestünde, durch Moskau eine Linie der Stärkung der Strategischen Raketenkräfte verfolgt. Dafür spricht auch die erzielte prinzipielle Übereinkunft mit Kiew über die Bereitstellung einzelner Baugruppen (Antriebsstufen, Triebwerke, Aggregate) interkontinentaler ballistischer Raketen RS-18B [ РС-18Б (УР-100Н УТТХ, nach NATO-Klassifikation - SS-19)] . Zu sowjetischer Zeit waren 130 solcher Raketen in zwei Divisionen auf dem Territorium der Ukraine entfaltet. Später wurden die Gefechtsköpfe nach Russland überführt, die Startschächte vernichtet und die Raketen liquidiert.

Jedoch sprechen einige Quellen davon, dass die Ukraine 32 RS-18B bewahrt hätte, die sich in Einlagerung befanden. Deren Baugruppen wurden nun offenbar zum Gegenstand der Gespräche. Wie am 9. Oktober der Vorsitzende der Staatlichen Kommission zu Fragen des Verteidigungs-Industrie-Komplexes (OPK), Wladimir Gorbulin, erklärte, werde ein Teil der Bestandteile Russland bereits im Jahre 2002 zur Verfügung gestellt und die übrigen "in Abhängigkeit von der Interessiertheit" Moskaus. Informationen über Einzelheiten des Geschäftes lehnte Gorbulin unter Berufung auf die Geheimhaltung ab, jedoch bezeichnete er dieses als "sehr vorteilhaft" für Kiew. Später informierte die Nationale kosmische Agentur der Ukraine darüber, dass ein Regierungsabkommen über die Bereitstellung von Baugruppen in 2003 unterzeichnet werde.

Nach Expertenmeinung sind die УР-100Н УТТХ aus Sicht der Fristverlängerung der Ressourcen an Raketen der russischen Strategischen Raketentruppen am perspektivreichsten. Planmäßig war ein Erhalt der RS-18 im Gefechtsdienst bis etwa 2015 vorgesehen. Nach offiziellen Angaben hatten die Strategischen Raketentruppen zum Januar 2002 137 ballistische Interkontinentalraketen mit jeweils 6 Gefechtsköpfen im Bestand. Nach dem ausgesetzten START-2-Vertrag sollte ihre Anzahl auf 105 reduziert werden. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Bereitstellung durch die Ukraine die Pläne korrigieren hilft.

Somit verdeutlichen alle Ereignisse der letzten Zeit, dass die Raketen-Kernwaffen-Konfrontation zwischen Russland und den USA fortbesteht, wenngleich nicht mehr in vorheriger Schärfe.

 

Weitere Quellen zu dieser Thematik:

http://www.armscontrol.ru/start/rus/publications/nvo092002.htm



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