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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)






"Koltschuga" – Wen bedroht das "Kettenhemd"?

Während internationale Experten in Kiew und Donezk nach Belegen für die Lieferung dieses funktechnischen Aufklärungssystems an Bagdad suchten, wurde es in Amman offen ausgestellt.

Bericht:   Egbert Lemcke


Quellen:

http://nvo.ng.ru/spforces/2002-10-25/7_kolchuga.html
http://www.defense-ua.com/rus/hotnews/?id=3209&prn=yes


Im Oktober beendete eine amerikanisch-britische Gruppe aus 13 Experten ihre Inspektionsarbeiten in der Ukraine zu Fragen des Exports der Station funkelektronischer Aufklärung "Koltschuga". Überprüft wurden das Hersteller-Unternehmen "Topas" («Топаз») aus Donezk wie auch militärische Verbände der ukrainischen Armee, bei denen sich diese in der Bewaffnung befinden. Offenbar lag es im Bemühen der internationalen Experten, auch Vertragsdokumente von "Ukrspezeksport" (« Укрспецэкспорт») einzusehen, um Anhaltspunkte über die Lieferung dieses Systems an den Irak und andere Staaten mit zweifelhafter Reputation zu finden.

Initiiert wurde diese Untersuchung, nachdem die USA Ende September Leonid Kutschma beschuldigten, diesen Export persönlich gebilligt und somit gegen das UN-Waffenembargo verstoßen zu haben. Diese Beschuldigung stützt sich auf Tonbandaufzeichnungen des früheren Leibwächters Kutschmas, M. Melnytschenko, der heute als politischer Flüchtling in den USA lebt.

"Koltschuga" erlangte weltweite Bekanntheit durch den Skandal um den Verkauf von drei dieser Stationen (andere Quellen sprechen von 4 Stationen) im Gesamtumfang von 100 Mill. Dollar an Bagdad. Nach Bestätigungen aus Washington wurde dieses Geschäft durch den ehemaligen Generaldirektor von "Ukrspezeksport", Waleri Malewy, der deswegen vom ukrainischen Präsidenten Kutschma persönlich sanktioniert wurde (und später bei einem Autounfall zu Tode kam), über einen jordanischen Vermittler vollzogen. Nach Meinung der amerikanischen Seite wurde die genannte Summe, die das fünffache des offiziellen Exportpreises beträgt, an Kiew über Emissäre Saddam Husseins übergeben.

Nach Mitteilung des Chefs der Präsidentenadministration der Ukraine, Viktor Medwedtschuk, wurde noch im Oktober die gesamte Dokumentation zur "Koltschuga" an die amerikanisch-britische Kommission übergeben.
Während diese das gesammelte Material in London analysierte, gelang einem Korrespondenten von "NVO" auf der in Amman (Jordanien) stattfindenden Ausstellung für Spezialkräfte SOFEX der Zugang zu analogen Informationen, und er bekam sogar eine "Koltschuga" am Ausstellungsstand von "Ukrspezeksport" zu Gesicht. Eine besondere Pikanterie gab dieser geschlossenen Ausstellung nach Berichten von "NVO" der Umstand, dass sich eine Militärdelegation des Irak neben einer Vielzahl von Vermittlern, die bereit wären als Agenten in Waffengeschäften aufzutreten, mit der dort vorgestellten Technik bekannt machten. Doch war selbst dies nicht die erste internationale Präsentation der "Koltschuga". Bereits auf der SOFEX-2000 in Amman und der IDEX-2001 in Abu-Dabi (VAE) erregte die "Koltschuga" Aufsehen.

Somit entsteht nach einigen Quellen der Eindruck, dass es der Expertengruppe weniger um die Wahrheit im Sachverhalt des Exportes ging, als viel mehr um den Aufbau einer politischen Drohkulisse. Denn nicht zu vergessen ist, dass die USA die Ukraine in den vergangenen fünf Jahren mit jährlich 230 Mill. Dollar "unterstützt" haben. Bei derartiger "Hilfe" kann man schon etwas mehr Wohlverhalten erwarten und ist zusätzlich verärgert, wenn die Frage des Waffenexports an den US-Erzfeind Irak überhaupt in Erwägung gezogen wird. In üblicher Manier stoppten die USA sofort nach Bekanntwerden der Expertise von Melnytschenko einen Teil der Finanzhilfe in Höhe von 54 Mill. Dollar.

Daneben jedoch gibt es auch noch einen waffentechnischen Aspekt. Die "Koltschuga", wird in den Dokumenten von "Ukrspezeksport" bezeichnet als "modernisierte passive Station zur funkelektronischen Lagekontrolle" («модернизированной пассивной станцией контроля радиоэлектронной обстановки»).

Tatsächlich handelt es sich um einen Präzisionskomplex für Fernauffassung, Identifikation, Koordinatenermittlung und Bestimmung der Bewegungsrichtung von Land-, Überwasser- und Luftzielen.
Dieser gewährleistet das Auffassen, die Analyse von Signalen im Impulsverfahren, wie auch solchen in permanenter Abstrahlung, sowie eine individuelle Unterscheidung praktisch aller gegenwärtig bekannten funktechnischen Mittel verschiedener Klassen und Systeme, die auf boden-, see- und luftgestützten Trägern installiert sind, von Funkmessstationen der Fernauffassung, Multifunktions-Funkmess-Stationen, Identifikationssystemen, Luftverkehrs-Führungssystemen und Navigationssystemen.

Durch Drehung des Antennensystems wird eine Neuverteilung der Ziele der "Koltschuga" ermöglicht, wodurch die Ermittlung von Bestand, Funktionscharakter und Marschrouten der Verlegung der gegnerischen funktechnischen Mittel über einen Frontstreifen bis 1000 km in einer Tiefe bis zu 600 km und im Nahbereich bis zu 200 km unter völligem Ausschluss von "toten Zonen" in beständig hoher Genauigkeit der Koordinatenbestimmung an beliebigen Punkten des überwachten Raumes gewährleistet wird.

"Koltschuga" ist mit vier Antennensystemen im Meter-, Dezimeter- und Zentimeter-Wellenbereich und parallelen hochempfindlichen Empfängern ausgestattet, die es gestatten, augenblicklich Signale radiotechnischer Mittel im Spektrum von 0,1 – 18 GHz zu erfassen und zu analysieren. Zum Bestand der Ausrüstung gehören:

  • eine Apparatur zur Analyse und Bearbeitung, welche mittels Triangulationsmethode die Koordinaten errechnet;
  • eine Apparatur der Identifikation und operativen Darstellung der Informationen, der Langzeitspeicherung und Registratur der Bearbeitungsergebnisse;
  • eine Apparatur zur Datenübertragung.

Installiert ist die "Koltschuga" auf geländegängigen Fahrzeugen, die mit einer autonomen Energieversorgung ausgerüstet sind.

Im Interesse der Luftabwehr löst die Station folgende Aufgaben:

  • Auffassen des Anfluges von einzelnen Flugzeugen unterschiedlicher Typen, darunter auch solcher auf der Grundlage der "Stealth-Technologie", wie B2 und F-117A, sowie deren Gruppenanflüge;
  • Bestimmung der Bewegungsrichtung von Einzel- und Gruppenzielen sowie die Übergabe der Zielzuweisung an die Mittel der Luftabwehr über Typ und Anzahl der Flugobjekte;
  • Identifikation von Luftzielen, einschließlich von Flügelraketen, nach ihren bordeigenen Strahlungsquellen, wozu die Funkmesswaffenleit- und Steuerungssysteme zur Geländereliefanpassung zählen, die bordeigenen Sende-Empfangs-Navigationssysteme TAKAN sowie die Freund-Feind-Kennanlagen.

Die Vertreter der ukrainischen Delegation in Amman, die ihr inkognito bewahren wollten, erklärten gegenüber "NVO": "Die "Koltschuga" ist ein hochmodernes Erzeugnis, auf das die Ukraine stolz sein kann. Weder werden wir uns verstecken, noch schämen wir uns, dieses System geschaffen zu haben. Im Rahmen internationaler Rechte und Pflichten können wir es an alle verkaufen, die es wünschen."

Zwei abschließende Anmerkungen: Am 25. November 02 wurde der vollständige Text des Berichts der Experten der USA und Großbritanniens einzig in der "Ukrainskaja Pravda" veröffentlicht. Gleichfalls erfolgte eine (die einzig offizielle Veröffentlichung) auf der Internetseite der amerikanischen Botschaft in Kiew ohne Angabe eines Erscheinungsdatums. Diese Veröffentlichungen lösen gegenwärtig in der Ukraine eine heftige Diskussion zur Informationspolitik, zur Geheimhaltung und zur Verantwortung des Journalisten im Umgang mit Erstquellen aus.


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Weitere Quellen zu dieser Problematik:

http://www.temnik.com.ua/rus/criticism/3de4e031ddfef/
http://pravda.com.ua/ru/archive/?2102-1-print
http://www.metropolis.de/foren/towerofpower/msg88858.php
http://www.russland-news.de

 



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