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Die Mitteilung in der "Los Angeles Times" vom 26. Januar über eine geplante atomare Bombardierung des Irak wurde anfangs auch aus russischer Sicht zumeist als ein weiterer Propagandaschritt des Pentagon zur Abschreckung Saddam Husseins aufgefasst. Nun häufen sich jedoch Argumentationen, die davon ausgehen, dass den USA ein Sieg über den Irak allein mittels konventioneller Waffen nicht möglich sei, ja dieser aufgrund der Struktur der gegenwärtigen Kräftekonzentration auf allein konventionellem Wege auch gar nicht vorgesehen sei. Insofern wird der Plan "Schock und Entsetzen" zu einem wahrhaft fürchterlichen Programm.
Vor dem Pentagon stünde militärisch eine sehr komplizierte Aufgabe: es sind nicht einfach die Streitkräfte zu zerschlagen, wie dies 1991 getan wurde, sondern es soll der Irak als Staat vernichtet werden und eine vollständige Kontrolle über das Land hergestellt werden. Dazu würden die in der Region jetzt bereits konzentrierten Kräfte nach den Einsatzmaßstäben von 1991 offenbar nicht ausreichen. Die gegenwärtig entfaltete Gruppierung ist sehr viel kleiner als die multinationalen Kräfte von 1991. Damals warfen die USA und ihre Verbündeten 675.000 Mann in den Kampf mit dem Irak. Gegenwärtig wären dort lt. offiziellen Mitteilungen des Pentagon und des britischen Verteidigungsministeriums etwa 150.000 – 180.000 Mann konzentriert. Der Irak war 1991 einem Angriff von 5200 Panzern ausgesetzt, heute seien etwas über 100 entfaltet.
Der "Wüstensturm" wurde von 2200 Flugzeugen und vier Flugzeugträgern unterstützt, gegenwärtig wären etwas über 500 Flugzeuge zu Kampfhandlungen bereit. Von diesen seien 160 auf Trägern basiert und weitere 350 bodengestützt. Bis Mitte Februar stünden jedoch insgesamt 5 Trägerschlaggruppen zur Verfügung. Und in nächster Zeit sei die Überführung weiterer Verbände taktischer Fliegerkräfte aus den USA geplant. Hinzu kämen außerdem die 12 auf Diego Garcia stationierten strategischer Bomber B-52H sowie 8 in Oman stationierte B-1B. Letztere seien als potenzielle Träger taktischer Kernwaffen anzusehen.
Die Kräftegruppierung der Seestreitkräfte der USA und ihrer Verbündeten verfüge im Krisengebiet gegenwärtig über insgesamt 70 Kampfschiffe, darunter seien 15 Raketenträger (5 U-Boote und 10 Überwasserschiffe) mit insgesamt über 430 Flügelraketen. Im Verlaufe des "Wüstensturms" 1991 kamen insgesamt 273 Flügelraketen (andere Quellen sprechen von ca. 400) zum Einsatz.
Mit anderen Worten, die Gefechtsmöglichkeiten der bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt bereits geschaffenen Gruppierung übersteigen das Niveau des "Wüstensturms" unter diesem Einsatzaspekt entschieden.
Der Plan "Shock and Awe" sehe zwar, wie auch der "Wüstensturm", einen Beginn der Kampfhandlungen mit massiertem Einsatz von Luftschlägen auf die militärischen Objekte des Irak vor. Doch bestehe das Ziel dieser Schläge nun nicht vor allem in der physischen Vernichtung des Gegners, sondern durch ihre Dimension solle der Widerstandswille der Iraker innerhalb kürzester Zeit paralysiert werden. Dazu sei geplant, in der ersten Phase (bis März einschließlich) täglich 300 bis 400 Flügelraketen zum Einsatz zu bringen. Hier setzt man vor allem auf neueste Präzisionswaffen, deren Anteil im Vergleich zu 1991 von 10 % auf bis zu 80% gesteigert werden solle. Die Zielzuweisung dieser Waffen, von denen bereits ca. 6000 Stück im Einsatzgebiet konzentriert seien, sollen mittels Satelliten erfolgen (wie bereits in der Jugoslawienkampagne umfangreich erprobt).
Während vor 12 Jahren gewaltige Panzerverbände eingesetzt wurden, sehe der gegenwärtige Plan ausdrücklich das Vermeiden von Zusammenstößen mit irakischen Divisionen vor. Nicht die irakische Armee, sondern die irakische Führung sei das Ziel. Wenn der Plan "Shock and Awe" funktioniere, käme es zu keinen Bodengefechten. Auch hier deutet sich eine Parallele zur Jugoslawienkampagne an, denn dort waren die jugoslawischen Streitkräfte kein ausdrückliches Ziel für den Waffeneinsatz, und der Einsatz von Bodentruppen war gar nicht erst vorgesehen.*) Was passiert jedoch, wenn das Konzept von "Schock und Entsetzen" nicht aufgeht, und sich die USA mit der Bereitschaft von Einheiten konfrontiert sehen bis zuletzt zu kämpfen? Dies würde - wie im Verlaufe der Operationen in Afghanistan bis heute – bedeuten, sich auf langwierige gefahrvolle Kommandounternehmen von Spezialkräften am Boden einlassen zu müssen.
In dieser Gesamtkonstellation spreche nach Ansicht mehrerer Autoren vieles für einen von Anfang an geplanten Einsatz auch nuklearer Kräfte als Ausweg aus der Situation. Diese würden es ermöglichen, den Widerstandswillen zu brechen und den Irak unverzüglich zur Kapitulation zwingen, wie dies 1945 Japan nach den Schlägen auf Hiroshima und Nagasaki tat.
Heute befinden sich im Arsenal des Pentagon atomare Fliegerbomben B61-11 zur Vernichtung von unterirdischen Objekten geringer Tiefe (in derartigen Objekten könnten nach Verlautbarungen des Verteidigungsministeriums der USA chemische und biologische Waffen des Irak gelagert sein). Diese 500kg-Bombe kann 7 m Stahlbeton oder 40 m lehmiges Erdreich durchdringen. Nach Einschätzungen amerikanischer Experten kann die Stärke der B61-11 im Spektrum von 0,3 bis 80 kt TNT-Äquivalent variieren. Diese Stärke ist zu hoch, um das radioaktive Material nach der Detonation nicht an die Erdoberfläche gelangen zu lassen. Um den Austritt der Detonation an die Oberfläche bei einer Stärke von 0,1 kt zu verhindern, wäre eine Schicht an Erdreich von 70-80 m erforderlich. Somit wäre eine Verseuchung der Luft mit einem großen Anteil radioaktiven Materials unausbleiblich.
Russische Militärs schätzen die Gefahr des Einsatzes amerikanischer Kernwaffen von geringer Stärke zur Vernichtung von unterirdischen Zielen als seriös ein. Diesbezüglich äußerte sich in den vergangenen Tagen insbesondere der Generaloberst W. Korobuschin – einer der führenden Spezialisten Russlands zu Fragen der Führung von Nuklearstreitkräften.
Es gäbe Grund zu der Annahme, dass nukleare Schläge auf Objekte geführt werden, die erst nachdem sie vollständig vernichtet wurden, als (ehemalige) Lagerstätten von Giftstoffen bezeichnet werden. So wären gleich mehrere Probleme gelöst. Wie das Pentagon einräumte, führte 1991 die Zerstörung von Giftlagerstätten mittels konventioneller Bomben zu einem Massenbefall - wenn auch nicht mit tödlichem Ausgang - bei einigen Hundert amerikanischen Militärangehörigen. Heute könnten durch nuklearen Einsatz nicht nur die chemischen oder biologischen Waffen "utilisiert", sondern auch jegliche Beweise ihrer Existenz oder Nichtexistenz beseitigt werden.
Ein Kernwaffenbombardement ermögliche auch das Erreichen politischer Ziele – es schreckte alle potenziellen Feinde der USA ab und würde sie zum Verzicht auf die Schaffung von Massenvernichtungswaffen zwingen.
Im Unterschied zur russischen Gesetzgebung beschränke die amerikanische den Einsatz von Kernwaffen nicht. Entsprechend der angenommenen Doktrin zum Kampf gegen Massenvernichtungswaffen könne das nukleare Arsenal somit gegen einen beliebigen Gegner zum Einsatz kommen, der entweder diese bereits eingesetzt hat, oder auch nur die Absicht verfolgt, Massenvernichtungswaffen jeglicher Art einzusetzen.
Auch müsse das nukleare Szenario nicht nur im Ergebnis der Handlungen der USA real werden. Insbesondere nach dem kürzlichen Wahlsieg von Scharon könne durchaus auch Israel zum Initiator eines solchen Einsatzes beispielsweise nach einem irakischen Angriff auf Israel werden.
So oder anders, in jedem Falle würden bei einem realen Kernwaffeneinsatz sowohl die unmittelbaren, als auch längerfristigen Folgen katastrophal sein. Neben den sofortigen Folgen, die durch die Verbreitung der nuklearen Niederschläge entstünden, können Detonationen – insbesondere unterirdische zu ernsthaften geologischen Veränderungen führen (beispielsweise zu Erdbeben). Letztlich zeigte die Praxis der sowjetischen Kerndetonationen, die in den 50er bis 70er Jahren zum Zwecke der Erhöhung der Erdölausbeute einzelner Lagerstätten durchgeführt wurden, dass sich radioaktives Material entlang der wasser- oder ölhaltigen Schichten vermischen kann, um dann an völlig unerwarteten Stellen an die Oberfläche zu treten. Somit könne der Preis eines nuklearen Sieges neben allen anderen Verlusten auch zu
einer ernsthaften Schädigung der gesamten Wirtschaftsgrundlage einer Region führen.
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*) Zur Jugoslawienkampagne vom Frühjahr 1999 existiert eine Schrift des Analysezentrums für Strategie und Technologie (Центр Анализа Стратегии и Технологии)
aus dem Jahre 2000 unter folgender Quelle:
http://www.cast.ru/russian/publish/2000/july-aug/slipchenko.html.
Wenngleich meine Übersetzung dieser Quelle bereits im Januar 2002 aus Anlass der Afghanistankampagne erfolgte, bleibt diese Analyse von Sliptschenko m.E. auch aus aktueller Sicht ein streitbares methodologisches Instrumentarium zur Erkenntnis von Kontinuitäten und Unterschieden bei den gegenwärtigen Militärkampagnen der USA und deren Bündnispartner.
Egbert Lemcke
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