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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)






Analyse der Militärkampagne der NATO gegen Jugoslawien im Frühjahr 1999

Quelle:   http://www.cast.ru/russian/publish/2000/july-aug/slipchenko.html

(Übersetzung: Egbert Lemcke, Januar 2002)



Inhaltsübersicht

Vorbemerkungen des Übersetzers     Beginn der Analyse     Erste Operation     Zweite Operation





Vorbemerkungen des Übersetzers:

Die nachfolgende Analyse von Wladimir Sliptschenko (Generalmajor der Reserve, Mitglied der Akademie der Militärwissenschaften, Dr. der Militärwissenschaften, Professor) wurde ein Jahr nach Ende der Jugoslawienkampagne vom Analysezentrum für Strategie und Technologie (Центр Анализа Стратегии и Технологии) veröffentlicht.

Dieses Zentrum wurde im Jahre 1997 von Absolventen des Moskauer Staatlichen Instituts für Internationale Beziehungen des Außenministeriums der RF gegründet. Im russischen Wissenschaftsspektrum positioniert sich das Zentrum AST nach eigener Darstellung als autonome nichtkommerzielle und unabhängige wissenschaftliche Forschungs-, Informations- und Publikationsorganisation. Ausdrücklich betont wird die Unabhängigkeit von staatlichen Organen, politischen Parteien, kommerziellen Organisationen und oligarchischen Gruppen.

Das Zentrum AST ist Herausgeber des Journals "Export von Bewaffnung" («Экспорт вооружений»), das sich vor allem Fragen der militär-technischen und militär-industriellen Politik der RF widmet. Zunehmend werden auch allgemeinere analytische Betrachtungen zur Außen- und Verteidigungspolitik der RF erarbeitet.

Die Analyse von Sliptschenko bietet aus aktueller Sicht ein streitbares methodologisches Instrumentarium zur Erkenntnis von Kontinuitäten und Unterschieden bei den gegenwärtigen Militärkampagnen der USA und deren Bündnispartner.








Wladimir Sliptschenko

Analyse der Militärkampagne der NATO gegen Jugoslawien
im Frühjahr 1999


Übersetzung: Egbert Lemcke



Im Verlaufe von elf Wochen der Militärkampagne der NATO gegen Jugoslawien führten die USA faktisch eine experimentelle Luft-Kosmos-See-Schlagoperation neuen Typs unter der Bezeichnung "Bündnisstärke" durch. Hauptziele der Operation waren:

  • Erprobung von Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen, einschließlich solcher Elemente wie Aufklärung, Führung, Einsatz von Präzisionswaffen;
  • Vernichtung der Grundlagen des ökonomischen Potenzials Jugoslawiens;
  • Bewertung der Effektivität von Präzisionswaffen unterschiedlicher Basierung;
  • Dokumentation der Resultate des Einsatzes konkreter Typen von Waffen und Operationen insgesamt.

Zeitlich kann man die gesamte Operation in zwei eigenständige Perioden unterteilen, mit einer Dauer der ersten Etappe von sechs Wochen, sowie einer zweiten von fünf Wochen.


Analyse der ersten Periode der Operation (vom 24. März bis 9. Mai)

Im Verlauf der ersten sechs Wochen führten die USA unabhängig und möglicherweise auch gedeckt gegenüber anderen NATO-Staaten Experimente zum Einsatz neuester Waffen durch, außerdem aber auch zur Erarbeitung von Formen und Methoden zur Führung von Kriegen einer neuen, sechsten Generation. Die Analyse dieser Etappe der Operation ermöglicht das Hervorheben folgender Charakteristika, die auf die Zugehörigkeit der Jugoslawienkampagne zu einer neuen Generation von Kriegen verweisen:

  1. Die Schläge auf militärische und ökonomische Objekte Serbiens und des Kosovo im Verlaufe einer in der Kriegskunst neuen Luft-Kosmos-See-Schlagoperation wurden nicht durch Gruppierungen der Luft- und Seestreitkräfte vorgetragen, die dort bereits formal bestanden, sondern durch auf ihrer Basis speziell geschaffene Aufklärungs-Schlag-Gefechtssysteme (разведовательно-ударные боевые системы РУБС - RUBS). Grundlage dieser RUBS bildeten kosmische Systeme unterschiedlicher Bestimmung, wie auch die Träger von luft- und seegestützten Präzisionswaffen. Die Luft-Kosmos-See-Schlagoperation wurde vollständig mittels kontaktloser Methode auf dem von den USA interkontinental entfernten bergig-waldigen Balkanschauplatz mit einer relativ entwickelten Ökonomie, Infrastruktur und einem vorher von jugoslawischer Seite geschaffenen Verteidigungssystem durchgeführt. Die Flugzeuge der Luft- und Seestreitkräfte der USA und anderer NATO-Staaten handelten als Elemente des RUBS in der Eigenschaft von "Zubringern der Munition". Sie stiegen auf von den Luftbasen auf dem Territorium der USA, der NATO-Staaten in Europa und von Flugzeugträgern in der Adria, führten die Präzisions-Flügelraketen, die vorher auf konkrete kritische Punkte militärischer und ökonomischer Objekte programmiert waren, bis zu den Abschusslinien außerhalb der Reichweite der Luftabwehr Jugoslawiens heran. Der Abschuss der Raketen erfolgte aus einer Höhe von 8 – 9 Tausend Metern, danach drehten die Flugzeuge ab, entweder zum Nachladen neuer Kampfsätze, oder sie kehrten in ihre Basen in den USA zurück.

  2. Die seegestützten Flügelraketen wurden von Schiffen und U-Booten der US-Navy gestartet, die sich in der Adria befanden und ebenfalls den Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen angehörten. Die luft- und seegestützten Flügelraketen vernichteten Ziele in einer Entfernung von 300 – 800 km von den Abschusslinien. Im Verlaufe der ersten sechs Wochen der Operation wurden neueste luftgestützte Flügelraketen erprobt, wenn sie auch zum Zwecke der Desinformation unter der bekannten alten Bezeichnung AGM-86 mit dem Zusatz bestimmter Indizes liefen. In dieser Periode wurden ebenfalls faktisch neue seegestützte Flügelraketen AGM-109 erprobt, deren Träger Schiffe und U-Boote der US-Navy waren. Diese Raketen wurden unter Nutzung des kosmischen Navigationssystems GPS ins Ziel geführt, wobei der gesamte Flug dieser Raketen im Regime völliger Funkstille ohne Abstrahlung elektromagnetischer Energie zur Höhenmessung des eigenen Fluges durchgeführt wurde. Im letzten Flugabschnitt, unmittelbar im Zielgebiet, wurde das optische System DSMAS für eine genaue Zielzuweisung auf einen konkreten kritischen Punkt des Objektes aktiviert. Ebenfalls erprobt wurden neue Modifikationen der gelenkten Flügelrakete AGM-130 mit einem Tele-Kommando-System der Zielzuweisung (als Träger fungieren F-15E). Am Ende der ersten Periode des Krieges wurden auch Erprobungen von Kassetten-Luftbomben CBU-97 mit selbstzielenden Gefechtselementen zur Vernichtung von Panzertechnik durchgeführt (Träger – strategischer Bomber B-1B).

    Es ist hervorzuheben, dass die meteorologischen Bedingungen über den Verlauf der gesamten ersten Periode der Operation insgesamt den Einsatz bemannter Flugmittel über dem Territorium Jugoslawiens nicht begünstigten. Jedoch wirkten sich Nebel, Regen und eine dichte untere Wolkendecke wenig auf die Handlungen der Luftwaffe aus, weil diese die Präzisionsflügelraketen, die auch die Hauptwaffe der ersten Periode der Operation waren, lediglich bis zur Abschusslinie heranführte. Für eine objektive Bewertung der Effektivität des Gefechtseinsatzes der experimentellen Flügelraketen war das schlechte Wetter bis zu einem gewissen Grade sogar eher begünstigend.

  3. Gefechtshandlungen von Bodentruppen waren durch die NATO-Allianz auf dem Territorium Jugoslawiens weder geplant, noch wurden sie durchgeführt. Die Hauptkoordinaten der Operation waren auf den Luft- und kosmischen Raum verlagert, der auch zum wesentlichen Kriegsschauplatz wurde. Die einseitigen Schlaghandlungen der NATO auf Wirtschaftsobjekte Jugoslawiens wurden wesentlich durch luft- und seegestützte Präzisionsflügelraketen ausgeführt. Die Streitkräfte Jugoslawiens erwiesen sich als unfähig, dem Gegner in einem solchen Kriege Widerstand zu leisten. Im Verlaufe der sechswöchigen Luft-Kosmos-See-Schlagoperation waren die militärischen und wirtschaftlichen Schlüsselobjekte, die Infrastruktur und die Kommunikation Serbiens und des Kosovo die Hauptziele. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle wurden diese Objekte erfolgreich vernichtet.

  4. Im Zusammenhang mit dem Dargelegten ist anzunehmen, dass künftig eine erneute Reduzierung der Landstreitkräfte nicht nur der USA, sondern auch der Länder der NATO-Allianz zu erwarten ist, wie auch eine allmähliche Umgestaltung ihrer Streitkräfte in einen gemischten Bestand aus zwei funktionellen Gattungen: strategische Schlagkräfte und strategische Verteidigungskräfte.

  5. Kosmische Mittel militärischer Bestimmung spielten in der Operation nicht nur eine außerordentlich wichtige und große Rolle, sondern sie waren auch die systembildenden militär-technischen Instrumente zur Führung von Gefechtshandlungen. Die USA schufen eine mächtige Gruppierung kosmischer Mittel unterschiedlicher Bestimmung im Umfang von 50 Satelliten. Über dem Kriegsschauplatz befanden sich gleichzeitig 8 – 12 kosmische Apparate, die gemeinsam mit den Luft- und Seeträgern die Grundlage der Aufklärungs-Schlag-Gefechtssysteme bildeten. Aus dem Kosmos wurde eine permanente Beobachtung des Kriegsschauplatzes mit Satelliten für optische Aufklärung KH-11 (USA), Helios-1A (Frankreich), Funkmessaufklärung "La Crosse" (USA) durchgeführt, außerdem wurden so die Führung, Navigation, Nachrichtenübertragung und meteorologische Sicherstellung gewährleistet. Die kosmischen Apparate des Systems GPS der USA realisierten die Navigation der neuesten luft- und seegestützten Präzisionsflügelraketen. Spezielle kosmische Apparate "Spot" (Frankreich) lieferten Fernsehbilder der Erdoberfläche und dokumentierten die experimentellen Schläge auf Objekte der Wirtschaft und Infrastruktur Serbiens und des Kosovo mit dem Ziel der Ermittlung der tatsächlichen Effektivität der Präzisionsflügelraketen.

  6. Die Ergebnisse des Krieges ermöglichen eindeutig festzustellen, dass die USA und andere NATO-Staaten bestrebt sein werden, bereits im voraus eine ständig funktionierende kosmische Infrastruktur zu schaffen und zu unterhalten, die eine notwendige Anzahl von Apparaten unterschiedlicher Bestimmung als systembildende Grundlage von luft- und seegestützten Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen enthält, die in der Lage sind, ohne vorherige Vorbereitung massierte Präzisionsschläge auf Objekte eines beliebigen Staates in einer beliebigen Region unseres Planeten auszuführen. Es ist anzunehmen, dass alle Mitgliedsländer der Allianz gezwungen sein werden, die Schaffung und Unterhaltung eines solchen kosmischen Systems in ständiger Bereitschaft zu finanzieren.

  7. Die wesentlichen Schläge der RUBS und der Präzisionswaffen der USA und NATO waren nicht auf die Vernichtung der Truppen, Bewaffnung und Militärtechnik Jugoslawiens gerichtet, sondern auf die Zerstörung ihrer militärischen Objekte, der wirtschaftlichen Infrastruktur und Kommunikation. Dieser Umstand gehört zu den wichtigsten Charakteristika eines Krieges neuer Generation. Insoweit, wie die Operation lediglich einen experimentellen, einen Erprobungscharakter trug, stellte sich nicht die Aufgabe der vollständigen Erreichung der strategischen und politischen Ziele. Gerade deshalb wurde der vollständige Sieg nicht erreicht. Nach offiziellen Daten des Pentagon wurden für die Schläge auf 900 Wirtschaftsobjekte 1,2 bis 1,5 Tausend Präzisionsflügelraketen eingesetzt, die Mehrzahl davon waren experimentelle. Im Verlaufe der ersten Periode der Operation wurden allein durch die luft- und seegestützten Präzisionsflügelraketen die Erdölindustrie vollständig (100 %) zerstört, die Munitionsindustrie zu 50 %, die Luftfahrtindustrie zu 70 %, die Panzer- und Automobilindustrie zu 40 %, die Erdöldepots zu 40 %, die Donaubrücken zu 100 %, sowie die Straßen- und Schienenwege zu 70 %. Die verbleibenden Objekte und Ziele wurden durch bemannte Flugzeuge in der zweiten Periode der Operation vernichtet, als das System der Luftabwehr Jugoslawiens vollständig außer Gefecht gesetzt war.


  8. Es muss nochmals besonders unterstrichen werden, dass im Verlaufe der Luft-Kosmos-See-Schlagoperation keine planmäßigen Schläge auf die Truppen Jugoslawiens erfolgten. Dies erklärt sich insbesondere daraus, dass die Jugoslawische Volksarmee (JVA) sich als völlig unvorbereitet auf die Führung von Kampfhandlungen entsprechend der Formen und Methoden von Kriegen neuer Generation erwies. Folglich stellten die Streitkräfte Jugoslawiens nicht nur keine Gefahr für die Kräfte der NATO dar, sondern waren einfach nicht in der Lage, die Truppen der Allianz in ihren Gefechtshandlungen zu behindern. Schläge auf die JVA erfolgten eher nebenbei bei der Erfüllung anderer Aufgaben.

  9. Nach Feststellung einiger Massenmedien verlor die JVA in Verlaufe der Schläge auf Jugoslawien über 10 Tausend Angehörige der Streitkräfte an Toten, 314 Artilleriewaffen und 120 Panzer. (1) Auf der Pressekonferenz im Pentagon am 1. Juli 1999 meldete der Oberkommandierende der Truppen der NATO-Allianz in Europa, Wesley Clark, dass im Verlaufe der 78tägigen Operation auf dem Territorium des Kosovo 110 serbische Panzer und 210 Schützerpanzer (BMP) vernichtet wurden. Im Herbst 1999 nannte Clark bereits andere Zahlen – vernichtet 93 serbische Panzer und 153 BMP. Tatsächlich entdeckte ein speziell von der NATO geschicktes Kommando auf dem Territorium des Kosovo 60 vernichtete Einheiten an Panzertechnik und Artillerie. Das Fehlen zuverlässiger Informationen über die Verluste der JVA zeugt weniger von Unordnung in der Dokumentation der Resultate der Schläge. Das Niveau und die Struktur der Verluste lassen völlig andere Schlussfolgerungen zu. Es gibt zuverlässige Informationen darüber, dass die Serben bis zum Beginn des Krieges über 1025 Panzer und 3750 Artilleriegeschütze verfügten. Das bedeutet, dass im Verlaufe des gesamten Krieges durch die Kräfte der NATO nebenbei weniger als 1 % der Panzer und Bewaffnung vernichtet wurden, was die eingangs geäußerte These vollständig belegt, dass nämlich auf die Truppen keine planmäßigen Schläge geführt wurden.

    Es ist hervorzuheben, dass russische und ausländische Massenmedien und militärische Quellen häufig die Effizienz der Handlungen der NATO kritisch bewerteten gerade unter dem Aspekt der Unfähigkeit der Allianz, den Streitkräften Jugoslawiens eine entscheidende Niederlage beibringen zu können. Jedoch ist nochmals zu wiederholen, dass dieses Ziel auch nicht verfolgt wurde. Hauptziel der Allianz war die Zerstörung der ökonomischen Infrastruktur des Landes und des Systems seiner staatlichen und militärischen Führung.

  10. Das Luftabwehrsystem in Jugoslawien wurde geschaffen, wie auch in der Mehrzahl anderer Staaten, auf Basis aktiver Funkmessortung für den Kampf gerade mit bemannten Flugzeugen über dem eigenen Territorium. Für die Lösung dieser Aufgaben war das System ziemlich effektiv, jedoch erwies sich ein solches System, das an Kriege einer vergangenen Generation angepasst ist, vollkommen hilflos im Kampf mit massierten Anflügen von Präzisionsflügelraketen des Gegners, die in geringsten Höhen unter Bedingungen eines geografisch komplizierten bewaldeten Geländes mit Gebirgskämmen, Gipfeln, Klüften und Schluchten mit einem großen Waldbestand eingesetzt wurden.

  11. Die Luftabwehr Jugoslawiens wurde völlig niedergehalten durch Mittel des funkelektronischen Kampfes (REB), und durch Präzisionsraketen der funkelektronischen Abwehr der NATO-Truppen wurde praktisch jede Quelle, die Radiowellen abstrahlte, vernichtet. In der Regel war bereits nach dem ersten Start einer Luftabwehrrakete selbst der vollkommenste Luftabwehrraketenkomplex der Luftverteidigung Jugoslawiens der Vernichtung preisgegeben, unabhängig davon, ob er danach eingeschaltet blieb oder abgeschaltet wurde. Jede Funkmessstation, die kurzzeitig elektromagnetische Energie abstrahlte, wurde unverzüglich entweder durch eine Rakete der Funkmessabwehr vernichtet oder durch eine Rakete, die auf die Wärmeabstrahlung des Motors des Transportmittels der Funkmessstation oder ihrer Energieaggregate im abgeschalteten Zustand der Funkmessstation selbst reagiert. Dies führte dazu, dass im Verlaufe der ersten 2 – 3 Tage des Krieges 70 % der mobilen Divisionen der Raketenabwehrkomplexe S-125 und S-75 außer Gefecht gesetzt wurden.

    Aufgrund der demaskierenden Abstrahlung der schwachstrahlenden Funkmessvisiere und der Wärmeabstrahlung der Triebwerke wurden 86 % der MiG-29, 35 % MiG-21, 10 % der Batterien der mobilen Luftabwehr-Raketenkomplexe "Kvadrat" («Квадрат») vernichtet. Die Flugabwehrartillerie Jugoslawiens hatte praktisch keinen positiven Einfluss auf den Verlauf der Abwehr massierter Anflüge von Flügelraketen, obwohl einige Dutzend Flügelraketen aus der Gesamtanzahl von mehreren Tausend eingesetzten von diesen Mitteln dennoch abgeschossen wurden. Dem entsprechend war die Flugabwehrartillerie der Jugoslawischen Volksarmee kein vorrangiges Angriffsobjekt der NATO-Kräfte.

    Ein Teil der Kräfte und Mittel der Luftverteidigung wie auch der Jagdflugzeuge der Luftverteidigung blieben unversehrt, doch dies nur deshalb, weil sie überhaupt nicht zur Abwehr des Luftgegners eingesetzt wurden und sich in geschützten Deckungen befanden. Genau dieser Umstand war es, der die USA daran hinderte, das Programm zur Erarbeitung von Methoden des Kampfes mit der Luftabwehr eines Gegners, die auf der Grundlage aktiver Funkmessortung basiert, vollständig zu realisieren. Es sieht jedoch danach aus, dass dieses Programm in seiner Erarbeitung auf einem anderen "Polygon" fortgeführt wird, – dem Irak. Im Norden und Süden des Irak in den Grenzen der sogenannten "Flugverbotszonen" führen die USA periodisch Präzisionsschläge mit experimentellen Raketen auf funkabstrahlende, wärmeabstrahlende und Wärmekontrastelemente der Luftverteidigung. Dabei ist sich die irakische Führung offenbar nicht darüber im Klaren, dass die Luftverteidigung dieses Landes für die USA eine Attrappe darstellt zur Entwicklung neuer Mittel und Methoden zur Niederhaltung der Flugabwehr. Jedes Mal, wenn der Irak Funkmessstationen, Fla-Raketen-Komplexe, Nachrichten- und Führungsmittel zuschaltet, ermöglicht dies den USA ein andauerndes Experiment unter Realitätsbedingungen. Der Irak verfügt hierfür über eine beachtliche Auswahl an Typen und Mitteln der Luftverteidigung russischer und anderer Herkunft, was es möglich macht, ununterbrochen verschiedene Bewaffnungen zum Kampf mit einer Luftverteidigung zu entwickeln und zu erproben, die auf der Basis aktiver Funkmessortung in unterschiedlichen Strahlungsspektren aufgebaut ist.

    Die Hauptschlussfolgerung, die aus den Resultaten der Niederhaltung der Luftverteidigung des Irak (Dezember 1998) und Jugoslawiens (1999) zu ziehen ist, besteht darin, dass in Kriegen der neuen Generation die klassische Flugzeugabwehr im gegenwärtigen Verständnis uneffektiv sein wird. Mehr noch, eine beliebige Luftabwehr, die auf aktiver Funkortung basiert, wird ihre Effektivität einbüßen. In Kriegen neuer Generation werden Kräfte und Mittel der Luftabwehr mit aktiver Funkortung wie auch andere Quellen von Funkstrahlung systemzerstörend wirken.

  12. Im Verlaufe der Luft-Kosmos-See-Operation wurde durch NATO-Kräfte gleichzeitig eine Operation des funkelektronischen Kampfes geführt, die außer einer starken Stör- und Sperrwirkung und einer gezielten Niederhaltung der funkelektronischen Mittel Jugoslawiens von staatlicher und militärischer Bedeutung auch eine Vielzahl von Präzisionsfeuerschlägen auf andere funkabstrahlende Objekte einschloss. Mit Funkmessabwehrraketen, die sich auf beliebige fixierte Quellen der Abstrahlung von elektromagnetischer Energie ausrichten, wurden Funkmessstationen, Luftabwehr-Raketenkomplexe, Stationen der Nachrichtenverbindungen, Nachrichtenzentralen, Fernsehstationen, Radiosender und Computerzentren vernichtet. Durch spezielle Präzisionsraketen, die mit Graphitstaub und metallischen Füllungen versehene Kopfteile hatten, wurden Transformatorstationen und die Relaisautomatik der Kraftwerke vernichtet.

  13. Erstmals im Verlaufe von Operationen des funkelektronischen Kampfes wurde ein Experiment zur Niederhaltung des Informationspotenzials des Gegners durchgeführt: seine Fernseh- und Rundfunkstationen, Retranslationsstationen, Redaktionen der regionalen elektronischen und Printmedien der Masseninformation, die zur Information über den Verlauf der Kampfhandlungen und zur Propadanda eingesetzt wurden. Bei der Zielauswahl wurden durch die USA und andere NATO-Staaten die Normen des internationalen Menschenrechts, die das Recht zur Kriegsführung reglementieren, nicht immer eingehalten, davon zeugt die Vernichtung eines Funk- und Fernsehzentrums von rein ziviler Bestimmung. Im Ergebnis war das Informations- und Propagandapotenzial Jugoslawiens vollständig unterdrückt. Grundlegende Mittel der Niederhaltung in der Operation des funkelektronischen Kampfes waren Flugzeuge vom Typ EC-130H und EA-106B, die außerhalb der Grenzreichweiten der Luftverteidigung Jugoslawiens handelten, sowie praktisch alle taktischen Jagdflugzeuge, die als Zubringer der Präzisionsraketen bis an die Abschusslinie fungierten, von der ab diese sich selbst auf die Abstrahlungsquelle hin ins Ziel führten.

  14. Erstmals wurde durch die Vereinigten Staaten von Amerika in der Praxis ein globales System der Truppenführung direkt aus dem Pentagon auf einem entfernten Kriegsschauplatz angewandt und erprobt. Es ist anzunehmen, dass gerade dieses Ziel eines der wichtigsten bei der «Begründung» der Notwendigkeit der Aktionen gegen Jugoslawien war. Bis dahin wurden durch die USA zwei Mal in der Zone des Persischen Golfs (1991 und 1998) unter Gefechtsbedingungen Waffenleitsysteme, Systeme der Truppenführung und Gefechtssysteme getestet und angewandt. Im Krieg auf dem Balkan waren die Hauptzentren der Truppenführung der NATO unmittelbar das Pentagon in den USA und der NATO-Stab in Belgien.


  15. Der Schlag auf die chinesische Botschaft in Belgrad fand in der Nacht vom 7. zum 8. Mai 1999 unter merkwürdigen Umständen statt. Der Beschuss wurde mit gelenkten Präzisionsfliegerbomben JDAM aus einer Höhe von 5000 Metern durch einen strategischer Bomber B-2A durchgeführt, der auf dem Territorium der Vereinigten Staaten, auf der Luftbasis Waitman stationiert ist und zum Bestand des strategischen Luftkommandos der USA gehört. Zur Erfüllung der Aufgabe flog dieses Flugzeug mit Luftbetankung in das Gebiet des Kriegsschauplatzes, führte den Schlag mittels dreier Gefechtsladungen aus und flog zurück in die USA. Nach der Zerstörung der chinesischen Botschaft informierte der UNO-Vertreter der USA (nicht der Pressesekretär der NATO, wie zu erwarten war) unverzüglich über den Vorfall, indem er ihn als Aufklärungsfehler bezeichnete. Es wurde sofort unterstrichen, dass die Piloten das "vorgegebene" Ziel absolut genau vernichtet hätten und keinerlei Verantwortung tragen würden. Die USA rechtfertigten sich öffentlich damit, dass sich an der Stelle der chinesischen Botschaft ein föderales Zentrum Jugoslawiens befunden haben sollte, das sich mit der Lieferung von Waffen und militärischer Ausrüstung befassen würde. Jedoch wurde nach einem Jahr bekannt, dass man über die tatsächliche Lage der chinesischen Botschaft in den USA gut Bescheid wusste, wie auch darüber, dass sich auf ihrem Territorium eine Apparatur befand, die den Empfang von Informationen über die Luftlage von chinesischen Aufklärungssatelliten ermöglichte, die an die mobilen Gruppen der Luftverteidigung Jugoslawiens übermittelt wurden.

  16. Es ist anzunehmen, dass es noch einen anderen Grund für den Schlag auf die Botschaft gibt. In Folge des Schlages haben die USA einen bedeutenden politischen Schaden genommen und waren außerdem genötigt, an die Volksrepublik China 28 Mill. Dollar Kompensation für die Toten, Verletzten und den materiellen Schaden zu zahlen. Es muss sehr gewichtige Gründe gegeben haben, um bewusst derart bedeutende Aufwendungen in Kauf zu nehmen. Licht in das Rätsel der Bombardierung der chinesischen Botschaft kann, wie es aussieht, ein Ereignis bringen, das mit der jugoslawischen Kampagne nicht in Zusammenhang steht, - wie der Flug der amerikanischen Raumfähre "Endeavor", der am 22. Februar 2000 stattfand. Das wesentliche Ziel des Fluges bestand darin, eine hochpräzise Abbildung der Erdoberfläche zu gewinnen. Diese Information ist erforderlich zur Erstellung digitaler Karten des Geländereliefs mit einer Auflösung von 30 x 30 m auf dem Gebiet von 56 Grad südlicher Breite bis 60 Grad nördlicher Breite unseres Planeten. Derartige Karten ermöglichen es Präzisionsschläge auf beliebige Objekte an beliebigen Punkten der Erde zu planen und durchzuführen. Der Flug und die Aufnahmen wurden durch das Pentagon finanziert, genauer jedoch durch die nationale Kartografie-Behörde, die zum Aufklärungsdienst der USA gehört. Im Zusammenhang mit diesem Flug ist anzunehmen, dass der "Fehler" des Schlages auf die chinesische Botschaft in Belgrad bewusst gemacht wurde, mit dem Ziel, den amerikanischen Kongress zu zwingen, der Finanzierung der Kosmosexpedition und der Arbeit zur Erstellung einer digitalen Präzisionskarte des Planeten zuzustimmen. Klar ist, dass man nun, da man über eine derartig genaue Karte des Erdballs verfügt, nicht nur fehlerfrei ökonomische und militärische Objekte vernichten kann, sondern auch einzelne kritische Punkte dieser Objekte, deren Vernichtung zum Funktionsausfall des Objektes führt.

  17. Wichtigstes (wenn nicht das hauptsächliche) Ziel des Krieges in Jugoslawien bestand für die USA und ihre Verbündeten in der allseitigen Erprobung von neuen Präzisionswaffensystemen, Systemen der Aufklärung, Führung, Nachrichten, Navigation, des funkelektronischen Kampfes, aller Arten der Sicherstellung wie auch des Zusammenwirkens unterschiedlicher Kräfte und Mittel unter realen Gefechtbedingungen. Die gewonnene Statistik ermöglichte eine entsprechende Präzisierung und Veränderung in den normativen Dokumenten und Dienstvorschriften der Waffensysteme und Streitkräfte.

Im Prinzip waren bis zum Ende der ersten Periode der Operation die Hauptziele (Experimente und Erprobungen) erreicht. Im Zusammenhang damit stellten das militärische Kommando der USA und die NATO neue Ziele, für deren Umsetzung eine weitere Etappe erforderlich wurde.


Analyse der zweiten Etappe der Operation (vom 10. Mai bis 10. Juni)

Die zweite Periode der Luft-Kosmos-See-Schlagoperation dauerte vom 10. Mai bis 10. Juni 1999 und war durch folgende Besonderheiten charakterisiert:

  1. Nach dem Abschluss der wesentlichen Programme der Experimente unter Realitätsbedingungen zum Einsatz neuer Arten von unbemannten Präzisionswaffen und der im Resultat praktisch völligen Niederhaltung der Luftverteidigung Serbiens und des Kosovo begann die bemannte Variante der Luft-Kosmos-See-Schlagoperation. In dieser Periode kehrten die USA und die übrigen NATO- verbündeten faktisch zur vorherigen Generation von Kriegen zurück. Natürlich muss man hervorheben, dass auch in der ersten Periode der Operation einige Aufgaben über dem Territorium Jugoslawiens von bemannten Flugzeugen erfüllt wurden. Das waren episodische Missionen im Zusammenhang mit der Erprobung der Einsatzmöglichkeit der Schlagfliegerkräfte, die nach der "Stealth"-Technologie entwickelt wurden, mit der experimentellen Erarbeitung von Kampfmethoden mit einer recht starken Luftverteidigung Jugoslawiens, die auf der Grundlage einer aktiven Funkortung aufgebaut war, wie auch mit der Überprüfung der Effektivität des Einsatzes neuer Arten von Präzisionsbomben, die aus großen Höhen zum Einsatz kamen.

  2. In der zweiten Periode wurden durch die Vereinigten Staaten erstmals neue gelenkte Flugbomben JDAM, JSOW, WCMD auf ihre Vernichtungsgenauigkeit getestet. Dazu wurden sie speziell aus einer Höhe von 23 Tausend Metern abgeworfen (Träger – strategische Bomber B-2A) mit einer Zielzuweisung durch Signale des kosmischen Navigationssystems NAVSTAR. Die Rückkehr zu einem Krieg der vorangegangenen Generation wurde möglich nicht nur nach Erlangung der vollständigen Luftherrschaft, sondern auch mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nach der "Schaffung" spezieller Wetterbedingungen. Im Rahmen eines Natur-Experiments haben die USA offenbar künstliche Wetterbedingungen auf dem Kriegsschauplatz geschaffen. Bekanntlich hängt das Wetter in Europa hauptsächlich von den physikalischen Abläufen ab, die sich in Wechselwirkung zwischen der Atmosphäre mit dem Kosmos und der Oberfläche des Atlantiks in dem großen Gebiet zwischen Nullmeridian und dem 60. westlichen Längengrad und zwischen dem 30. und 70. nördlichen Breitengrad vollziehen.

    Hier entstehen die Zyklone, die sich danach hauptsächlich ostwärts bewegen und entscheidenden Einfluss auf Wetter und Klima in ganz Europa ausüben. Es gibt schon lange effektive Methoden zum Hervorrufen künstlicher Niederschläge in Gebieten, wo sie keinen schädlichen Einfluss bewirken. In der UdSSR und in Russland wurden entsprechende Methoden angewandt, als in dem äußerst regenreichen Sommer 1980 die Olympischen Spiele stattfanden, oder am 9. Mai 2000, als in Moskau die Siegesparade stattfand. Die Wetterbedingungen wurden durch spezielle Fliegerkräfte geschaffen, die über den Regenwolken ein Granulat aus silbrigem Barium verteilten, indem sie Patronen mit jodhaltigem Silber verschossen und Trockeneis verstreuten und somit Niederschläge außerhalb der russischen Hauptstadt hervorriefen. Nach allem Anschein wurden analoge Methoden auch über dem Atlantik angewandt. Das Wetter auf dem Kriegsschauplatz war über den gesamten Zeitraum der zweiten Periode, als bemannte Flugzeuge zum Einsatz kamen, hervorragend.

  3. In der zweiten Periode begann ein geplantes Gefechtspraktikum praktisch des gesamten Haupt- und Reservebestandes der Piloten der Luftstreitkräfte der USA, wie auch der anderen NATO-Staaten, die an der Operation teilnahmen. In einer Reihe von Luftbasen, aber auch auf Flugzeugträgern der USA erfolgte eine kurzzeitige Ausbildung und Zulassung neu eingetroffener Piloten – Reservisten aus den NATO-Staaten. Nach 10 – 15 selbständigen Gefechtsflügen, die zur Erlangung von Kampferfahrung als ausreichend angesehen wurden, erfolgte ihr Austausch. Das Hinauszögern der Kampfhandlungen war künstlich hervorgerufen und hatte das Ziel, eine maximal möglich Anzahl des Reservistenbestandes der Piloten der USA zu Gefechtseinsätzen heranzuziehen. Gerade diese Piloten sollen den Gefechtsdienst im Verlaufe der kommenden 10 – 15 Jahre absichern, als in dem Zeitraum, der als Übergangsperiode zu Kriegen neuer Generation betrachtet wird. Das bedeutet, dass die Ausbildung dieser Piloten vor allem den Realitäten von Kriegen der vergangenen Generation Rechnung tragen muss. Zur Reduzierung der möglichen Verluste des Flugpersonals durften die Flugzeuge der NATO nicht unterhalb von 15 Tausend Fuß (5 Tausend Meter) handeln, was zur Folge hatte, dass die Einhaltung der internationalen Normen zur Kriegsführung unmöglich wurde. In dieser Periode wurde eine Vielzahl von Fehlern unzureichend ausgebildeter Piloten der NATO zugelassen, diese bestanden im wiederholten Beschuss von Traktorenkolonnen von Kosovoflüchtlingen und dem Bombardieren von zivilen Objekten. Gerade die Handlungen der Reservistenpiloten gaben einigen Massenmedien und Experten die Grundlage, von Uneffektivität und zu hohen Kosten der Operationen der NATO zu sprechen.


  4. Im Verlaufe der zweiten Periode der Operation wurden die Experimente zum Einsatz gelenkter Flugbomben unterschiedlicher Typen mit Laserzielzuweisung, aber auch zum Einsatz von speziellen panzerbrechenden Kernen mit abgereichertem Uran fortgesetzt. Dieses Uran besteht praktisch völlig aus Isotopen des Uran-238 und enthält keine der energetisch wertvollen Isotope des Uran-235, das zur Herstellung von Kernmunition verwandt wird. Übrigens wurde bereits 1987 zu Zeiten der Genfer Verhandlungen über das Verbot von Kernwaffen der USA und der UdSSR in gemeinsamer Anstrengung erreicht, dass Waffen, die schwach angereichertes Uran-238 enthielten, aus einer Reihe konventioneller Bewaffnungen entfernt wurden. Vom Umfang des Experiments zeugt der Einsatz solcher Uranladungen durch Flugzeuge der USA: 40 Schlachtflugzeuge A-10A und 6 senkrechtstartende und –landende Flugzeuge AV-8. Bereits nach dem Krieg errechneten britische Spezialisten, dass im Ergebnis des Einsatzes von 37 Tausend Uranladungen Jugoslawien etwa 23 Tonnen des zerstäubten abgereicherten Uran-238 erhielt, was ausreichend ist für die Verstrahlung von etwa einer halben Millionen Menschen. Außerdem ist hervorzuheben, dass Uranladungen erstmals bei den Schlägen auf den Irak im Jahre 1991 eingesetzt wurden. Gegenwärtig sind in diesem Lande Krebserkrankungen von Kindern sowie Missbildungen bei Neugeborenen weit verbreitet.


  5. Hauptsächliche Waffe der Operation in dieser Periode wurden jedoch herkömmliche ungelenkte Flugbomben. Dies lässt sich nur damit erklären, dass die USA und andere NATO-Staaten die zweite Periode der Operation dafür nutzten, sich der überzähligen Waffen aus der vergangenen Generation von Kriegen zu entledigen. Sie verwerteten eine große Anzahl alter Flugbomben, indem sie unzureichend ausgebildeten Piloten gestatteten, diese praktisch nach eigenem Ermessen abzuwerfen. Damit erklären sich ebenfalls die vielen Fehlschüsse, die Zerstörung von zivilen Objekten und der Beschuss von Flüchtlingskolonnen. Die Notwendigkeit der Verwertung alter Munitionsbestände war ebenfalls einer der Faktoren für das zeitliche Hinauszögern der Gefechtshandlungen.

  6. Wichtiges Fazit der Militärkampagne gegen Jugoslawiens wurde das Erkennen der Maßstäbe des Rückstandes der europäischen NATO-Mitglieder gegenüber den USA. Offensichtlich ist, dass die Erfahrung des Krieges in Jugoslawien zur intensiven Reformierung der Streitkräfte der europäischen Staaten mit dem Ziel ihrer Adaption an Kriege einer neuen Generation genutzt wird. Zu erwarten ist, dass in nächster Zukunft ein verdecktes Wettrüsten neuer Generation einsetzen wird.


  7. Die Operation gegen Jugoslawien bestätigte die wachsende Bedeutung der Luft- und Seestreitkräfte als wichtigste Bestandteile von Aufklärungs-Schlag-Gefechtssystemen. Es ist zu erwarten, dass in allen militärischen Konflikten der Zukunft diese zwei Teilstreitkräfte die Grundlage der strategischen Schlagkräfte bilden werden. Dabei zeigte der Krieg in Jugoslawien, dass sich die Kriegskunst bezüglich des Einsatzes der Luft- und Seestreitkräfte völlig ändert. Die Luftstreitkräfte verschwinden vom Gefechtsfeld und verwandeln sich in ein Transportmittel zum Heranführen einer gewaltigen Anzahl von unbemannten Präzisionsflügelraketen bis an eine Abschusslinie, die sich außerhalb der Vernichtungszonen der Luftverteidigung des Gegners befindet.


  8. Gegenwärtig werden die Kosten sowohl der see- als auch der luftgestützten Flügelraketen auf etwa 1 Mill. Dollar bewertet. Die Gesamtkosten an Beschaffungsaufträgen für Flügelraketen nur bis zum Jahre 2003 werden einige Hundert Milliarden Dollar betragen. Im Jahre 1998 wurden für den Ankauf von Flügelraketen 50 Mrd. Dollar, für 1999 waren im Budget 48,9 Mrd. Dollar vorgesehen, und 2000 werden bereits 60 Mrd. Dollar verausgabt werden. Der Präsident der USA bestand darauf, das Budget zum Ankauf von Präzisionswaffensystemen im Jahre 2000 im Vergleich zum Vorjahr um 12 Mrd. Dollar zu erhöhen. Es besteht Grund zu der Annahme, dass die USA nach den Naturexperimenten auf dem Balkan bis zu den Jahren 2007 – 2010 alljährlich Präzisionswaffen in der Summe von 50 – 60 Mrd. Dollar beschaffen werden.


  9. Die Analyse der Möglichkeiten der USA gestattet die Annahme, dass sie bis 2007 – 2010 über eine solche Anzahl unbemannter luft- und seegestützter Präzisionsvernichtungsmittel verfügen werden, die sie in die Lage versetzen werden, eine ununterbrochene kontaktlose strategische Luft-Kosmos-See-Schlagoperation über die Dauer von 30 Tagen zu führen. Im Zeitraum von Dezember 1998 (zweiter Schlag auf den Irak) bis März 1999 (Beginn des Krieges auf dem Balkan) produzierte der Militär-Industrie-Komplex der USA 1,2 – 1,5 Tausend experimentelle luft- und seegestützte Präzisionsflügelraketen. Bei einer derartigen Produktivität kann die Dauer einer Schlagoperation bis 2020 auf 60 Tage anwachsen und nach 2040 auf bis zu 90 Tage.


  10. In den nächsten Jahren wird sich auf dem Rüstungsmarkt die Nachfrage nach luft- und seegestützten Präzisionsflügelraketen und deren Trägermittel entwickeln. Dies gilt gleichfalls für Navigationsmittel, Führungssysteme und Präzisionsmittel zur Verteidigung vor massierten Angriffen mit Flügelraketen. Klar ist, dass die besten Positionen auf diesem Markt durch die Länder besetzt werden, die auf dem Gebiet der Herstellung solcher Präzisionswaffen und Verteidigungsmitteln führend sind, die aufgebaut sind auf Grundlage des Verzichtes auf Nutzung des Prinzips der aktiven Funkortung.


  11. Die militär-technische Revolution führt zu der Notwendigkeit, nicht nur die Bewaffnung zu verändern, sondern auch Bestand und Struktur von Streitkräften. Jedoch werden sich selbst in den entwickeltsten Ländern Streitkräftestrukturen, Formen und Methoden ihres Einsatzes nicht sofort wandeln, sondern in dem Maße des Vorhandenseins und der genügenden Anzahl solcher Waffen. Über eine gewisse Zeit werden die Streitkräfte dieser Länder ein Potenzial zur Kriegführung neuer Generation anhäufen, während sie gleichzeitig die Fähigkeit zur Erfüllung einer großen Anzahl von Aufgaben der operativ-taktischen und selbst der strategischen Ebene erhalten werden, die zu den Kriegen der vergangenen Generation gehören.

(1) NVO, Nr.25, 1999.


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