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Egbert L e m c k e
Die Seekriegsflotte der russländischen Föderation steht vor einer umfangreichen Umbewaffnung und Umorientierung
Im Jahre 2004 rechnet das Kommando der Seekriegsflotte Russlands damit, dass die Ausschreibung zum Bau von neuen Mehrzweckwachschiffen (Fregatten) abgeschlossen sein wird. Die Begutachtung eines entsprechenden Projektentwurfs erfolgte am 21.05.03 durch den Oberkommandierenden der Seekriegsflotte Kurojedow. Dieser teilte mit, dass unabhängig vom vorliegenden Projektentwurf die prinzipielle Entscheidung über den Bau von Fregatten bereits gefallen sei. Nach seinen Worten müsste das Typschiff bis 2006 entstehen und die Serienproduktion solle bis 2010 beginnen. Die bisher einzigen in Russland gebauten Schiffe dieser Klasse sind die drei gegenwärtig noch im Bau bzw. in der Übergabe befindlichen Fregatten (Projekt 1135.6) für die indische Marine. Dennoch gehe es in diesem Falle um ein prinzipiell neues Kriegschiff. Kurojedow sagt wörtlich:
"Gegenwärtig entwickeln wir neue Schiffe praktisch im gesamten Spektrum der Unter- und Überwasserflotte. Dabei sind wir bestrebt, von der gewaltigen Anzahl an Klassen innerhalb der jeweiligen Schiffsgattung abzugehen. Schiffe und Flugzeuge müssen multifunktional sein, - daraus ergibt sich ein Gewinn nicht nur in militärischer, sondern auch in ökonomischer Hinsicht."
Wenn es dieses Beleges noch bedurfte, so ist die Entscheidung zum Fregattenbau ein letzter Hinweis darauf, dass Russland seine Marinepolitik wieder zielstrebig darauf orientiert, seine Interessen in den ozeanischen Weiten zu vertreten. Aufgeben musste Russland diese Ambitionen bereits 1991.
Der Niedergang der Flotte in den 90er Jahren
Nach dem Zerfall der UdSSR orientierte sich Russland als Haupterbe des Sowjetimperiums wesentlich auf die Lösung innerer sozialökonomischer Probleme. Die Existenz und Wahrnahme äußerer Interessen trat mehr und mehr in den Hintergrund. Und eines der Hauptinstrumente zur im Dienste dieser außenpolitischen Interessen, die Seekriegsflotte, war aufgrund dieser Vernachlässigung einem rasanten Verfall ausgesetzt. Ausdruck dieser Tendenz war auch die Tatsache, dass die Staatsführung die Kontrolle über die Umsetzung und Finanzierung der Flottenbauprogramme auf die Ebene des Verteidigungsministeriums übertrug, das damit dann auch die Finanzierung der Arbeiten absichern sollte.
In der Folge reduzierte sich der Umfang der Staatsaufträge auf der Linie der Seekriegsflotte um das 20fache. Und der Anteil der Budgetmittel des Verteidigungsministeriums für Unterhaltung und Entwicklung der Flotte fiel von 23 auf bescheidene 9,2% (real standen nicht mehr als 5% zur Verfügung). Die Entstehung einer derartigen Situation war sowohl die unmittelbare Folge unzureichender Finanzierung des Verteidigungsministeriums als auch Resultat einer Lobbypolitik der jeweiligen Verteidigungsminister. So unterstützte Marschall E. Schaposchnikow die Luftstreitkräfte, P. Gratschow setzte sich für die Luftlandetruppen ein, und Marschall I. Sergejew sorgte verstärkt für die Strategischen Raketentruppen. Beispielsweise erreichte der Anteil der Strategischen Raketentruppen zu Serjejews Zeiten 80% des Gesamtbudgets des Verteidigungsministeriums. Es wurde der neue Komplex strategischer Raketen "Topol-M" eingeführt.
Resultat der extrem geringen Finanzierungsumfänge war eine Reduzierung der Anzahl der Kampfschiffe der Seekriegsflotte in den vergangenen Jahren um das 1,6fache – von 428 auf 273, der Anzahl der Schiffe im Gefechtsdienst in See um das 7,7fache – von 210 auf 28. Der Personalbestand der Seekriegsflotte reduzierte sich um das 2,5fache – von 424.000 auf 169.000 Mann. Es wurden das Mittelmeer-, das Indik- und Pazifikgeschwader aufgelöst. Die Marinefliegerkräfte stellten ihre Flüge über den Ozeanen ein, sie verloren ihre Landebasen auf Kuba, im Nahen Osten und in Afrika. Eine Ozeanflotte zog sich in den küstennahen Bereich zurück. Unter Beibehaltung dieser Tendenz würde die Seekriegsflotte nach Expertenprognosen bis zum Jahre 2015 über nicht mehr als 60 Schiffe verfügen: 22 atomare, 9 dieselgetriebene U-Boote und nicht mehr als 29 Überwasserschiffe.
Hoffnung auf eine Wiedergeburt der Flotte entstand mit der Wahl Putins zum Präsidenten -- dies vor allem deshalb, weil der neue Präsident seine Politik darauf ausrichtete, das Prestige des militärischen Dienstes und den materiellen Wohlstand der Uniformträger wieder zu erhöhen. Im Lande entstand ein realistisches und äußerst pragmatisches Programm der Umbewaffnung von Armee und Flotte bis 2010. Nicht zu übersehen ist die offenkundige Sympathie zwischen Putin und Kurojedow.
Wendepunkt und Übergang zu einem "realistischen Programm"
Die Katastrophe der "Kursk" war jener letzte Punkt, nach dem sich nicht nur ehemalige Marineoffiziere, sondern auch das Staatsoberhaupt nachdrücklich für die Notwendigkeit der Wiederherstellung der einst mächtigen Flotte aussprachen. Klarheit über das Vorhaben einer umfangreichen Umbewaffnung der Seekriegsflotte gab es dann im Oktober 2002 während Putins Reise in den Fernen Osten. An Bord des Großen UAW-Schiffes "Marschall Schaposchnikow" erklärte der Oberkommandierende, dass Russland über ein "in der Realisierung absolut realistisches Programm der Umbewaffnung der Flotte" verfügen würde, und dass "wir im Ergebnis seiner Umsetzung die Flotte nicht nur erhalten, sondern sie auf ein qualitativ neues Niveau führen werden".
Falls bei der Kiellegung der ersten Korvette des Projekts 20380 im Dezember 2001 noch Zweifel an einem stabilen Kurswechsel bestanden, - mit der planmäßigen Baufortsetzung des ersten Schiffes und spätestens seit 20. Mai 2003 dürften diese Zweifel ausgeräumt sein. An diesem Tage erfolgte die Kiellegung der zweiten Korvette des Projektes 20380 «Сообразительный» ("Der Aufrichtige") statt. Die Bauzeit wird mit 3,5 – 4 Jahren veranschlagt. Die Fertigstellung des ersten Schiffes ("Stereguschtschij") ist für 2005 vorgesehen. Nach inzwischen wiederholten Meldungen wird jetzt von etwa 20 Korvetten für die eigene Flotte gesprochen.
Dies bedeutet nicht nur den Baubeginn der ersten größeren Serie von Kriegsschiffen in den vergangenen 12 Jahren, sondern auch eine veränderte Konzeption des Flottenbaus. Zum Ausdruck kommt dies in der Orientierung auf Mehrzweckkampfeinheiten, die in der Lage sind, ein breites Spektrum von Gefechtsaufgaben sowohl in küstennahen, als auch entfernten Seegebieten zu lösen. Erreicht werden soll dies durch eine modulare Bauweise, bei der Waffensysteme und Spezialausrüstungen für alle zu bauenden Schiffe vereinheitlicht werden. Perspektivisch soll dies nicht nur die Versorgung mit Ersatzteilen erleichtern, sondern auch den Einsatz, die Wartung und eine weitere Modernisierung vereinfachen.
Die Erklärungen des Oberkommandierenden der Flotte am 20. Mai fielen mit zwei für die gegenwärtige Situation in der russländischen Flotte bemerkenswerten Ereignissen zusammen:
erstens mit der gerade stattfindenden Fernfahrt eines gemeinsamen Geschwaders, bestehend aus insgesamt neun Schiffen aus dem Bestand der Pazifik- und Schwarzmeerflotte zu Manövern mit indischen Seestreitkräften;
zweitens mit dem Beginn des Erprobungsstadiums von gleich zwei strategischen Unterwasser-Atom-Raketenkreuzern: der "Dmitrij Donskoi" (Projekt 941, NATO -"Typhoon), die sich seit über 10 Jahren zu Modernisierungsarbeiten in der Werft befand, und des prinzipiell neuen strategischen Atom-Raketenkreuzers der 4. Generation "Jurij Dolgorukij" (Projekt 955, NATO-"Borey"), zu dem Vorbereitungen für vorläufige Erprobungen anlaufen.
Zur Perspektive der maritimen strategischen Kräfte auf Atom-U-Schiffen
Nach Plänen der Führung der Seekriegsflotte sollen die Kreuzer der "Borey"-Klasse in der Perspektive die strategischen Kreuzer des Projektes 941 ("Typhoon") und des Projektes 667BDRM ("Delta") ablösen. Laut bisherigen Informationen wird dieses Schiff über folgende taktisch-technische Parameter verfügen: Länge - 170m, Breite - 13,5m, Volldeplacement - 24.000t, Grenztauchtiefe - 450m (andere Quellen sprechen von bis zu 600m), Maximalgeschwindigkeit - 29kn, Besatzung - 107 Mann. Für diese Schiffsklasse läuft gegenwärtig noch die Entwicklung einer neuen ballistischen Rakete "Bulawa-30". Noch in diesem Jahr soll die Rakete die erste Etappe der Erprobung durchlaufen. Aus heutiger Sicht wird nach Plänen der Führung der Seekriegsflotte davon ausgegangen, dass die "Jurij Dolgorukij" der Flotte im Jahre 2005 in voller Einsatzbereitschaft zu Verfügung steht. Dies würde einer ersten Etappe in der Umsetzung des Entwicklungsprogramms maritimer strategischer U-Boote entsprechen. Eine zweite Etappe würde nach den Worten von Konteradmiral G. Perminow (Stabschef für Bewaffnung der Seekriegsflotte) bis 2010 die Serienproduktion des Projektes 955 mit der interkontinentalen ballistischen Feststoffrakete vorsehen. Bis 2016 soll dann die Ablösung des gegenwärtigen Kerns dieser strategischen Gruppierung mit den Projekten 667BDRM erfolgt sein. Perminow unterstrich, dass die Existenz von strategischen Unterwasser-Raketen-Kreuzern der 4. Generation mit ihrer hohen Gedecktheit und mächtigen Raketenbewaffnung die Überwindung des Raketenabwehrsystem eines angenommenen Gegners selbst nach dem Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag von 1972 mit sehr großer Wahrscheinlichkeit ermögliche.
Vom bloßen "Flaggezeigen" zu strategischer Präsenz auf den Weltmeeren
Bezüglich der gegenwärtig stattfindenden Fernfahrt soll daran erinnert sein, dass die letzte Geschwaderfahrt 1995 stattfand. Damals lief ein Schiffsverband der Nordflotte unter Führung des Flugdeckkreuzers "Admiral Kusnetzow" (Projekt 1143.5) ins Mittelmeer ein. Die offizielle Aufgabe war die Gefechtsausbildung der Bordpiloten unter realen Bedingungen. Die nichtoffizielle Aufgabe - die Demonstration der russländischen Flagge. Dieser Einsatz kostete die Nordflotte das Jahreskontingent an Treibstoff, ohne den entsprechenden Effekt zu bringen. Nach Rückkehr ging die "Admiral Kusnetzow" in eine unbefristete Werftliegezeit, aus der sie bis heute nicht zurückgekehrt ist. Eine vollwertige Gruppierung von bordgestützten Marinefliegerkräften existiert in Russland bis heute nicht.
Bei der jetzigen Geschwaderfahrt hingegen geht es neben dem "Flaggezeigen" vor allem um eine reale Schule zur Erhöhung der Gefechtsqualifikation der Seeleute. Die gemeinsamen Manöver mit den indischen Seestreitkräften wie auch der Einsatz von see- und luftgestützten Flügelraketen sind Belege für das komplexe Herangehen von Flottenkommando und Staatsführung gegenüber den Fragen der Gefechtsausbildung der Seekriegsflotte. Spezialisten betonen in diesem Zusammenhang, dass im Rahmen des staatlichen Programms für Bewaffnung einige Zeit vor dem Erscheinen der Schiffskräfte und der strategischen Raketenträger der Luftstreitkräfte im Seegebiet des Indischen Ozeans einige Satelliten zur Zielzuweisung in den Orbit geschickt wurden. Denn: eine Hochseeflotte ohne ein eigenes kosmisches Nachrichtensystem ist heute undenkbar.
Von russischer Seite direkt beteiligte Schiffskräfte sind u.a. der Raketenkreuzer "Moskwa" (Projekt 1164) aus dem Bestand der Schwarzmeerflotte sowie die Großen UAW-Schiffe "Marschall Schaposchnikow" (Projekt 1155) und "Admiral Pantelejew" (Projekt 1155) aus dem Bestand der Pazifikflotte. Von indischer Seite sind Überwasserschiffe und U-Boote der West- und Ostflotte der indischen Seestreitkräfte einbezogen, darunter der Flugzeugträger "Vikrant".
Zum Einsatz kam der Schiffsverband bereits an den in letzter Zeit größten Übungen der Fernfliegerkräfte der russischen Luftstreitkräfte (4 strategische Bomber Tu-160, 9 Tu-95 MS, 12 Tu-22 M3 sowie 4 Il-78 zur Luftbetankung) in der zweiten Maidekade.
Am Morgen des 14. Mai starteten zwei Tu-160 und vier Tu-95 MS aus der Fliegergarnison Engels mit Kurs auf den Indischen Ozean. Nach etwa fünf Flugstunden führten die Bomber Tu-95 MS aus einer Distanz von 400 km Starts von zwei strategischen Flügelraketen X-55 auf angenommene Koordinaten im Gebiet des Indischen Ozeans aus. Die angenommenen geografischen Punkte wurden getroffen.
Über die Mission der Tu-160 gibt es keine offiziellen Mitteilungen durch die Vertreter der Luftstreitkräfte und des Verteidigungsministeriums. Einige Quellen sprechen von imitierten Luftschlägen auf das Atoll Diego Garcia und davon, dass zu den Übungszielen die Luftwaffenbasis der strategischen Fliegerkräfte der USA, die Marinebasis, das Führungszentrum der amerikanischen strategischen U-Boote im Indischen Ozean, das Zentrum der funkelektronischen Aufklärung, wie auch die Lager für nukleare Gefechtsköpfe gehört hätten. Nach 12 Flugstunden und 10.000 km kehrten die Tu-160 in ihre Basis zurück.
Am 16. Mai wurde ebenfalls im Indischen Ozean die Aufgabe der Vernichtung einer Flugzeugträgerschlaggruppe erarbeitet. Der Schiffsverband unter Führung von Vizeadmiral E. Orlow führte eine taktische Übung einschließlich praktischer Starts von Antischiffsflügelraketen P-500 "Basalt" vom Raketenkreuzer "Moskwa" aus (der Kampfsatz der "Moskwa" besteht aus 16 derartigen Flügelraketen mit einer Reichweite von maximal 500 km, möglich sind sowohl nukleare Gefechtsköpfe von 350 kt, als auch konventionelle mit einer Masse von 1000 kg).
Das offizielle Ziel dieses Teils der Übung bestand nach den Worten des Kommandierenden der 37. Luftarmee, Generalmajor Igor Chworow, darin, Fragen des Zusammenwirkens der Fernflieger mit der Seekriegsflotte und anderen Teilstreitkräften und Waffengattungen in den westlichen, östlichen, nördlichen und südlichen Regionen Russlands, den Seegebieten und Ozeanen zu erarbeiten. Damit wird nochmals das globale Ausmaß der durchzuführenden operativen Maßnahmen unterstrichen.
All dies im Zusammenhang ist m.E. als ein praktischer staatlicher Schritt zur Wiederherstellung der einstigen maritimen Macht Russlands zu werten.
Kurojedow betonte bezüglich der gemeinsamen Manöver mit den indischen Streitkräften, dass diese bisher ohne Beispiel seien, da früher derartige Übungen mit Seestreitkräften anderer Staaten nicht durchgeführt wurden. Er hob hervor, dass die russisch-indischen Übungen ein erster Schritt zur Wiederherstellung einer ständigen Präsenz russischer Seestreitkräfte auf dem Weltmeer seien.
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