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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)







Egbert   L e m c k e

IMDS 2003   --   Einige Nachbetrachtungen
zum Internationalen Militärmarinesalon in St. Petersburg



I n h a l t s ü b e r s i c h t     und     Quellen






I n h a l t s ü b e r s i c h t


Vorwort des Redakteurs.     Logo der Ausstellung.    



Egbert Lemcke

Nachbetrachtungen eines Besuchers

Einleitung       U-Boote       Überwasserschiffe       Fazit und Ausblick


Kenngrößenvergleiche

Tabelle 1:   Raketenkomplexe "Klub-S" (Russland) -- "BGM-109B" (USA)
Tabelle 2:   Nichtatomare U-Boote "Amur 1650" (RF) -- "Projekt 214" (BRD)
Tabelle 3:   Tiefwassertorpedos "UGST" (RF) -- "Mk 48 - ADCAP" (USA)
Tabelle 4:   Lenktorpedos "Test-71ME-NK" (RF) -- "NT37P Mod. 3" (USA)
Tabelle 5:   Korvetten "Projekt 20382" (RF) -- "K 130" (BRD)
Tabelle 6:   Luftabwehr-Raketen/Artillerie-Komplexe
"Kashtan" (RF) -- Vulkan-Phalanx (USA) -- Naval-Crotal NG (Frankreich)

Tabelle 7:   Artilleriebewaffnung   "A-190E" (RF) -- "Compact" (Frankreich)



Die Fotos zu diesem Bericht wurden von Olaf Pestow und Egbert Lemcke aufgenommen.









Bild-Quelle: Web-Site der Ausstellung

IMDS - 2003

Internationaler Militärmarinesalon

Durch Zusammenarbeit zu Frieden und Fortschritt

25.-29. Juni 2003
in St. Petersburg




Egbert Lemcke: Nachbetrachtungen eines Besuchers

Im Zeitraum vom 25. bis 29. Juni 2003 fand in und um St. Petersburg der Erste Internationale Militärmarinesalon Russlands statt.   DSS-Mitglied Egbert Lemcke war als Besucher vor Ort, mit ihm Olaf Pestow, den Besuchern dieser Seiten durch seinen Kursk-Beitrag vom März 2002 bekannt.   (Bild)

Die Veranstaltung wurde   organisiert durch die staatliche   Russische Schiffbau-Agentur.     Außerdem wirkten mit
  • die Administration von St. Petersburg,
  • das Verteidigungsministerium der RF,
  • das Komitee der RF für militärtechnische Zusammenarbeit mit ausländischen Staaten,
  • das Föderale Staatsmonopol-Unternehmen für Rüstungsexport (RosOboronExport).
Zum Programm der Veranstaltung gehörten
  • eine großflächige (> 15000 m2) Ausstellung von Produktionsmustern der Betriebe des MIK zu den Zweigen: Schiffs- und Bootsbau, Bewaffnung und Ausrüstung der Schiffe/Boote, Gefechtsführungs- und Nachrichtensysteme, Geräte-, Energie- und Hilfsausrüstung, schiffs- und küstenbasierte Marinefliegerkräfte, navigatorisch-hydrographische und hydrometeorologische Sicherstellung, Bewaffnung der Küstentruppenteile, Infrastruktur der Militärmarine, Sicherstellung der Suche und Rettung, Ausbildungssysteme für Militärmarine, perspektivische Materialien und Technologien.
  • (militär)wissenschaftliche Veranstaltungen (u.a. Konferenz "Die Militärflotte und der Schiffsbau in der Gegenwart", Seminare und "Runde Tische" zu Tendenzen und Perspektiven militärmarine-relevanter Bereiche),
  • Vorführung von Technik und Bewaffnung der Militärmarine,
  • VIP-Gespräche (Informations- und Auftrags-Vorgespräche potentieller Kaufinteressenten mit Vertretern der staatlichen und Industrie-Institutionen),
  • Besuche von Betrieben des Militär-Industrie-Komplexes für potentielle Auftraggeber.







Egbert   L e m c k e


IMDS 2003   --   Einige Nachbetrachtungen

zum Internationalen Militärmarinesalon in St. Petersburg

 


Vom 25. bis 29. Juni 2003 fand in St. Petersburg die erste Internationale Maritime Defence Show statt. Als Aussteller nahmen über 320 Unternehmen teil, darunter wissenschaftliche Forschungsinstitute, Konstruktionsbüros, dabei 48 ausländische Firmen aus 15 Staaten. Die Ausstellung wurde zu einem wichtigen Schritt bei der Umsetzung der Marinepolitik der Russischen Föderation.

"Der Bär lernt schwimmen", - in einer Mischung aus Anerkennung, Verwunderung und kritischer Distanz hatte "der Westen" in den 60er Jahren die Entwicklung der Hochseefähigkeit der sowjetischen Seekriegsflotte zur Kenntnis genommen.

Diese Fähigkeit ging in den 90er Jahren beginnend mit dem Verfall des Imperiums fast vollständig verloren. Die einstige Hochseeflotte zog sich in das russische Küstenvorfeld zurück, auf Fernfahrten musste fast vollständig verzichtet werden. Es kam zu massenhaften Außerdienststellungen ohne jeglichen Ersatz. Was sich jedoch auch in dieser Phase der russischen Geschichte hielt, war die Erinnerung, dass "die Zukunft Russlands ohne eine mächtige Seekriegsflotte unmöglich..." sei, wie es der Oberkommandierende der russischen Marine, Flottenadmiral Kurojedow, zu Beginn diesen Jahres formulierte. Über dieses historische Bewusstsein hinaus konnte aber auch noch ein beachtliches technologisches Potenzial im gesamten Spektrum des Marineschiffbaus und einer hochwertigen komplexen Bewaffnung bewahrt werden.

Die gegenwärtige Etappe des nunmehr russischen Marineschiffbaus basiert auf einer Reihe strategischer Dokumente, die durchweg in den vergangenen 2-3 Jahren angenommen wurden.

Erstens sind dies die durch Präsidentenerlass im Jahre 2000 beschlossenen "Grundlagen der Politik der RF auf dem Gebiet der militärisch-maritimen Tätigkeit für den Zeitraum bis zum Jahre 2010".
Zweitens ist es die im Jahre 2001 beschlossene "Marinedoktrin der RF für den Zeitraum bis 2020", die den Begriff der maritimen Tätigkeit entwickelte und die nationalen Interessen (die Marinepolitik) der RF auf den Weltmeeren definierte.
Drittens wurde im selben Jahre als ständig handelndes Koordinierungsorgan auf dem Gebiet der maritimen Tätigkeit der RF mit dem Ziel der Umsetzung der Marinedoktrin das "Marinekollegium bei der Regierung der RF" geschaffen. Im Ergebnis der bis Juni 2003 stattgefundenen 4 Tagungen wurden den entsprechenden föderalen Exekutivorganen kurzfristige Aufgaben auf dem Gebiet der maritimen Tätigkeit gestellt. Hier geht es in jedem Falle um ein komplexes strategisches Zusammenwirken zwischen Politik, Wirtschaft, Marine und der Gesellschaft insgesamt.
Viertens handelt es sich um die "Konzeption zur Entwicklung der Seekriegsflotte Russlands bis zum Jahre 2016", die eine Entwicklung der Seekriegsflotte auf der Basis neuester Schiffskräfte vorsieht, die einzigartige Gefechts- und Einsatzcharakteristika in sich vereinen.

Es sei in diesem Zusammenhang auch daran erinnert, dass sich der Gesamtumsatz des militärischen Exports im vergangenen Jahr auf 4,82 Mrd. Dollar steigerte, wobei jedoch fast 70% davon auf Flugzeugtechnik entfielen. Somit ist nichts nahe liegender als die Annahme, mittels der IMDS in St. Petersburg auf eine Änderung dieses Missverhältnisses zugunsten des Marineschiffbaus hinzuwirken.

Die Mittelzuflüsse aus dem Export werden nicht zuletzt zu einer entscheidenden Finanzierungsvoraussetzung für den staatlichen Verteidigungsauftrag (Гособоронзаказ - Gosoboronsakas), was wiederum die Möglichkeit schafft, den seit langem unterbrochenen Serienbau von neuen Kampfschiffen und U-Booten zu beginnen. Die Führung der Seekriegsflotte mit W. Kurojedow an der Spitze setzte somit darauf, dass die IMDS-2003 dem einheimischen Schiffbau insgesamt und speziell künftigen militärisch-maritimen Entwicklungen einen mächtigen Impuls zu geben vermag.

Folglich standen auf der IMDS 2003 auch die Unternehmen mit den für den Export perspektivreichsten Produkten im Mittelpunkt des Interesses. Im folgenden Überblick möchte ich mich auf die Bereiche U-Boote und Überwasserschiffe beschränken. Wenngleich auch an dieser Stelle nochmals, wie eingangs dargelegt, die starke Präsenz der maritimen Flugzeugtechnik mit all ihren Facetten einschließlich einer beeindruckenden Flugschau zumindest erwähnt werden muss.


U-Boote

Zweifellos zählen die dieselelektrischen U-Boote "Amur-1650" und "Amur-950" dazu. Leider jedoch gelang es im Rahmen der IMDS trotz ursprünglicher Ankündigung nicht, den Stapellauf der "St. Petersburg" (Projekt 677, LADA-Klasse) medienwirksam zu inszenieren oder überhaupt ein U-Boot der "Kilo"-Klasse zu präsentieren. Ersteres war jedoch nach Insidermeinungen aus dem Büro "Rubin" weniger ein Problem der technischen Fertigstellung, als ein bürokratisches.

Gegenwärtig verkörpern die im Zentralen Konstruktionsbüro für Marinetechnik "Rubin" projektierten dieselelektrischen U-Boote vom Projekt 877EKM und 636 ("Kilo"-Klasse) die Grundlage des russischen Marineexports. In den vergangenen Jahren wurden insgesamt 21 dieser Boote an sechs Länder übergeben. Im Bau befinden sich gegenwärtig auf drei unterschiedlichen Werften noch 8 Boote des Projektes 636 für die chinesischen Seestreitkräfte. Somit war das große Interesse an der Präsentation des Projektes 636 auf der IMDS durch den Chefkonstrukteur J. Kormilizyn eher folgerichtig. Wie dieser betonte, werden die 8 für China im Bau befindlichen Boote mit dem integrierten Raketenkomplex "Klub-S" ausgestattet sein. Entwickelt wurde dieser vom Erprobungs- und Konstruktionsbüro "Novator" aus Yekaterinburg. Zum Komplex gehören die U-Boot-Abwehrraketen 91RE1 (91РЭ1) und die Antischiffsflügelraketen 3M-54E (3М-54Э; 3 Stufen, die dritte Stufe fliegt mit Überschallgeschwindigkeit) und 3M-54E1 (3М-54Э1; 2 Stufen, der Flugkörper fliegt mit Unterschallgeschwindigkeit) bei einer Reichweite von über 220 km. Der Einsatz erfolgt aus Torpedorohren und kann aus allen Wassertiefen bis zu 150 m bei einer Fahrtgeschwindigkeit des U-Bootes bis zu 15 kn erfolgen. Die Charakteristika der "Klub-S" sind am ehesten mit denen der "Tomahawk" in der Modifikation BGM-109B vergleichbar, die auf US-amerikanischen Atom-U-Booten und Überwasserschiffen zum Einsatz kommen. Der Hauptvorzug der russischen Variante dürfte in der Anfluggeschwindigkeit im Moment der Überwindung der gegnerischen Luftabwehr liegen. (Siehe Tabelle 1)

Bezüglich der "Amur-1650" (Projekt 677) führte Kormilizyn aus, dass es sich bei diesem nichtatomaren U-Boot der vierten Generation erstmals im russischen Schiffbau um eine Einhüllenarchitektur handele. Aus sechs 533mm-Torpedoapparaten könne dieses Boot bei einem Kampfsatz von 18 Raketen bzw. Torpedos (Raketen-)Schläge auf gegnerische Schiffskräfte führen.

Der Stapellauf soll nun in den "Admiralitätswerften" im Herbst diesen Jahres erfolgen. Zwar mussten sich die Besucher am Stand von "Rubin" auf die Besichtigung von Modellen beschränken, bekamen aber auch ein Brennstoffzellenmodul (elektro-chemischer Generator) zu sehen. Zum Stand seiner gegenwärtigen Funktionsfähigkeit gab es keine Informationen. Als direkter Konkurrent steht der "Amur" das bereits in Erprobung befindliche deutsche Projekt 214 gegenüber. (Siehe Tabelle 2)

Die Bewaffnung der "Amur-1650" kann des weiteren aus einem universellen Tiefwassertorpedo mit autonomer Zielsuche (универсальная глубоководная самонаводящаяся торпеда – УГСТ) bestehen, der in der NII "MorTeploTechnika" entwickelt wurde und zur Vernichtung von Über- und Unterwasserzielen bestimmt ist. Zum Vergleich der taktisch-technischen Charakteristika steht diesem der Mk48 ADCAP (USA) gegenüber. (Siehe Tabelle 3)

Daneben steht der TEST-71ME-NK (ТЭСТ-71МЭ-НК) zur Verfügung. Dieser ferngelenkte elektrische Torpedo kann ebenfalls von Überwasserschiffen der Projekte 11541 ("Korsar") und 1135.6 ("Talwar") zum Einsatz gelangen. Sein Analog besteht im NT37P Mod.3 (USA). (Siehe Tabelle 4)

Überwasserschiffe

Unter den für den Export angebotenen Überwasserschiffen ist gewiss die Korvette vom Projekt 20382 am bemerkenswertesten. Entwickelt wurde dieses Schiff, von dem kürzlich die Kiellegung der zweiten Einheit (geplant ist eine Serie von 20 Einheiten) für den eigenen Flottenbedarf als Projekt 20380 auf der "Nordwerft" in St. Petersburg erfolgte, vom Zentralen maritimen Konstruktionsbüro "Almaz". Neben dem Projekt von "Almaz" existieren weitere Projektentwicklungen von anderen Instituten. So hat auch das Krylow-Institut in St. Petersburg ein alternatives Projekt in ebenfalls vier Varianten vorgestellt, das jedoch bisher keine Berücksichtigung fand. Ausgestattet ist die Exportvariante der "Stereguschtschij" mit Schlag- und Luftabwehrraketenkomplexen, Artillerie- und U-Bootabwehrbewaffnung. Ein direkter Vergleich zur projektierten deutschen Korvette K130 bietet sich an. (Siehe Tabelle 5)

Die "Baltische Werft" aus St. Petersburg präsentierte die Fregatte vom Projekt 1135.6. Der Bau der drei Schiffe für Indien ("Talwar", "Trischul" und "Tabar") mit einem Vertragsvolumen von ca. 1 Mrd. Dollar findet gegenwärtig seinen Abschluss. Bei Zufriedenheit des Auftraggebers besteht Hoffnung auf einen Folgeauftrag von weiteren drei Einheiten. Trotz vielfältiger Neuerungen kann dieses Schiff jedoch nicht als prinzipiell neues Projekt angesehen werden. Es ist eher als ein wichtiger Zwischenschritt auf dem Weg zu der für 2004 geplanten Ausschreibung zum Bau einer neuen Mehrzweckfregatte für die eigene Seekriegsflotte zu betrachten.

Als ein entwicklungstechnisch ähnlicher Zwischenschritt ist in diesem Kontext ist auch die von der "Yantar"-Werft aus Kaliningrad präsentierte Fregatte vom Projekt 11541 ("Korsar") zu bewerten.

Zum Schutz vor Luftangriffsmitteln kommt sowohl auf der Korvette des Projekts 20283 als auch auf der Fregatte des Projekts 1135.6 der Luftabwehr-Raketen-Artilleriekomplex "Kashtan" zum Einsatz. Bemerkenswert ist dieses System nicht nur aufgrund seiner Einzelparameter, sondern auch deshalb, weil es weltweit als einziges beide Komponenten auf einer gemeinsamen Basisplattform vereint. (Siehe Tabelle 6)

Als Artillerie-Bewaffnung sowohl der Korvette (Projekt 20283) als auch der Fregatten (Projekte 1135.6 und 11541) ist das neue einrohrige universelle automatische Schiffsgeschütz A-190E zu erwähnen, das zum Komplex A-190E-5P-10E (A-190Э-5П-10E) gehört. Direkter Konkurrent ist das französische Artilleriegeschütz "Compact" der Firma Creusot-Loire. (Siehe Tabelle 7)
Die günstigen Masse/Leistungs-Verhältnisse machen die Installation beider Systeme auch auf kleineren Einheiten möglich (siehe unten).

Auffällig ist die Vielfalt der präsentierten Projekte im Bereich der kleinen Raketenträger sowie insbesondere der Patrouillenboote. Hier kommt die schon fast traditionelle Dominanz des "Konzerns für mittel- und kleintonnagigen Schiffbau" (KSMK) zur Wirkung. Nach den Worten ihres Generaldirektors, M. Cheyfitz, wirken sich in seinem Unternehmen die Vorzüge der Vereinigung der Potenziale von Schiffbau- und Finanzstrukturen bezüglich Projektierung, Bauausführung und finanzieller Absicherung inzwischen deutlich aus. Zu diesem Konzern gehören die folgenden Unternehmen:

  • das Zentrale Marinekonstruktionsbüro "Almaz" aus St. Petersburg,
  • das Chabarowsker Schiffbauwerk,
  • das Schiffbauwerk Sredne-Nevskij aus St. Petersburg,
  • das Pribaltijskij Schiffbauwerk "Jantar" aus Kaliningrad,
  • das Amurskij Schiffbauwerk aus Komsomolzk-am-Amur,
  • das Schiffbauwerk "Vympel" aus Rybinsk und die
  • Überregionale Investitionsbank aus Moskau.

Traditionell stark vertreten war das Unternehmen "Vympel", das sich insbesondere auf den Bau von Schnellbooten, wie die Projekte 12418 und 12421 "Molnija", Patrouillenboote der Projekte 14310 "Mirage", 12150 "Mangust", 20990 "Gornostai", 12061 "Murena" spezialisiert hat.

Im Mittelpunkt des Interesses stand die Präsentation des als Wachgrenzschiff bezeichneten Projektes 14310 "Mirage". Vorgesehen ist dieses Gleitboot zur Sicherung der Seegrenze, der Territorialgewässer wie auch maritimer biologischer Ressourcen in küstennahen Gebieten. Auf der "Mirage" kommt mit einem Komplex von insgesamt 8 automatisch gesteuerten Interzeptoren im Unterwasserbereich eine prinzipiell neue konstruktiv-technische Lösung zur Anwendung. Mittels eines Klappensystems wird dadurch eine Luftkaverne aufgebaut, wodurch sich der Wasserwiderstand um ca. 20% reduzieren soll. Möglich wurde damit neben einer Geschwindigkeitserhöhung um 8 - 10 kn (auf bis zu 50 kn) auch ein bedeutend verbessertes Seeverhalten. Letzteres soll einen gefahrlosen Einsatz des Bootes bis einschließlich See 7 gestatten. Zur Zeit befinden sich bereits zwei der insgesamt neun vorgesehenen Boote dieses Projektes im Kaspischen Meer und der Ostsee im Dienst.

Gegenwärtig wird bei "Vympel" in Rybinsk der Bau des Nullschiffes des Raketen-Artillerieschnellbootes "Skorpion" (Projekt 12300) ausgeführt. Erwartet wird bereits in nächster Zeit ein Bedarf von 50 Einheiten dieses Typs, wobei 30 davon für den Export vorgesehen sind. Dieses im Zentralen Marinekonstruktionsbüro "Almaz" entwickelte Boot soll mit 4 Antischiffsraketen "Jakhont", einem Raketen-Artillerie-Komplex "Kashtan" und dem 100mm-Bordgeschütz A-190 bewaffnet sein. Die ausgewiesene Maximalgeschwindigkeit von 40 kn soll über einen CODAG-Antrieb (Gesamtleistung 25000 PS) mittels zweier Diesel M530 sowie einer Gasturbine erzielt werden.

Besonders eindrucksvoll wirkte auf mich die Präsentation der "Mercury" (Projekt 14232) durch ihren Chefkonstrukteur Sergej W. Platonow von der OAO ZKB "Aleksejew" aus Nishni Nowgorod. Hierbei handelt es sich um ein seegängiges komfortables Hochgeschwindigkeitsboot, das im Auftrag des Staatlichen Zollkomitees gebaut wird und sich dort bereits mit mehreren Booten im Einsatz befindet. Bei einer Gesamtverdrängung von 100 t entwickelt das Boot eine Dauergeschwindigkeit von über 50 kn. Die besondere Konstruktion des Unterwasserteils des Rumpfes ermöglicht ebenfalls den Aufbau einer Luftkaverne. Auf sehr viel einfachere Weise als bei der "Mirage" würde sich dadurch auch hier der Strömungswiderstand des Wassers nach Aussagen des Chefkonstrukteurs um 30% gegenüber gewöhnlichen Gleitbooten reduzieren. Dieses Boot steht somit in direkter Konkurrenz zur "Mirage" (Projekt 14310).

Augenfällig war bei allen präsentierten Projekten der Patrouillenboote der hohe Stellenwert des Wohnkomforts an Bord. Dieser erklärt sich nicht allein aus den erwarteten Ansprüchen eines potenziellen ausländischen Auftraggebers, sondern auch aus der Tatsache, dass die inländischen Besatzungen dieser Boote künftig ausschließlich aus Vertragssoldaten bestehen sollen.


Fazit und Ausblick

Russische Marktforscher rechnen für den Zeitraum von 2007 – 2015 mit folgenden Nachfragepotenzialen im Bereich Marineschiffbau auf dem Weltmarkt (jeweils in Einheiten):

  • U-Boote: 20 – 40
  • Fregatten: 20 – 45
  • Korvetten: 30 – 40
  • Raketenboote: 100 – 140
  • Landungsschiffe und –boote: 100 –150
  • Minenabwehrschiffe: 40 – 60
  • Patrouillenschiffe und – boote: 150 -200.

Die russischen Schiffbauer verfügen gegenwärtig über Entwicklungen, die dieses gesamte Spektrum abdecken können. Die perspektivreichsten Projekte waren unter genau diesem Aspekt auf der IMDS vertreten. Dazu zählen: U-Boote "Amur-1650" (ZKB MT "Rubin"), Fregatten der Projekte 1135.6 (Severnoje PKB), Korvetten vom Projekt 20382 (ZMKB "Almaz"), Landungsschiffe und – boote der Projekte 12322 und 20910 (ZMKB "Almaz"), Minenabwehrschiffe der Projekte 10750 (ZMKB "Almaz") sowie Patrouillenboote der ZMKB "Almaz", des KB "Redan" und des ZKB "Alexejew" aus Nishni Novgorod. Gegenwärtig laufen Bemühungen, im Bereich des strategischen Marketing (durch die Organisationen des Verteidigungsministeriums und der Industrie) für alle Teilnehmer standardisierte Formen der Durchführung und Präsentation der Analyseergebnisse zu entwickeln und sich auf allgemein anerkannte Bewertungskriterien zu verständigen. Zu erwarten ist dadurch m.E. eine weitere Zunahme sowohl der Konkurrenz bei gleichzeitiger Kooperation der Unternehmen auf dem russischen Binnenmarkt, als auch eine weitere Bündelung der Aktivitäten auf den Außenmärkten.

Einen ebenfalls stabilisierenden Effekt bildet das enge Beziehungsgeflecht russischer Auftraggeber zu Unternehmen des "nahen Auslands", wie z. B. zum Produzenten von Torpedos und Marinehydrauliksystemen "Kirov Mashzavod" aus Kasachstan.

Dass gegenwärtig ein Übergewicht bei vorzeigbaren Neuentwicklungen im Bereich der Patrouillenboote sowie einzelner Waffenkomponenten (auf die ich hier nicht eingegangen bin) besteht, ist m.E. sowohl den unmittelbaren Exportaussichten geschuldet als auch direkter Ausdruck der Umsetzung der eingangs genannten Grundsatzdokumente. Denn, ein derartiger Eigenbedarf zur Sicherung des unmittelbaren und nahen Küstenvorfeldes sowie der exklusiven Wirtschaftszone bestand in früheren Zeiten nicht. Gleichzeitig ist diese Orientierung aber auch Ausdruck einer Strategie, die ich als "Hygiene der Schwachen" bezeichnen möchte. Zeitweilig erfolgt eine Beschränkung auf das im wahrsten Sinne Nächstliegende, Nötigste und Machbare, ohne die perspektivische Wiedergeburt einer ambitionierten modernen Hochseeflotte aus dem Auge zu verlieren.

Der Generaldirektor der Russischen Schiffbauagentur, W. Pospelow, betonte die Devise der IMDS: "Durch Zusammenarbeit – zu Frieden und Fortschritt". Diese Formulierung mag blauäugig, ja fast etwas zynisch erscheinen, zumal militärtechnische Zusammenarbeit durch den Militär-Industrie-Komplex immer eine sicherheitspolitisch mindestens zweischneidige Angelegenheit ist. Doch ist dieser Grundansatz auch Ausdruck eines sehr pragmatischen Herangehens der "Enkel des Bären".

Für Russland befinden sich die perspektivreichsten Märkte im Bereich der Marinerüstung im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Süd- und Südostasien. So werden allein durch die Golfanrainerstaaten alljährlich 40% (bei einem dortigen Anteil von 52% der USA, 34% Westeuropas und 5,6% Russlands) des gesamten Weltmarktes an Waffenkäufen realisiert. In Süd- und Südostasien wurden in den vergangenen Jahren fast 27% des Weltmarktes an Bewaffnungen umgesetzt, wobei Thailand, Malaysia, Südkorea und Singapur jährliche Zuwachsraten von teilweise über 20% aufwiesen. Ein charakteristisches Merkmal einiger dieser Staaten ist das Streben nach einem Technologietransfer. Dies gilt insbesondere für Indien, aber auch für eine Reihe anderer entwickelter Staaten, die zwar über ein eigenes militärindustrielles Potenzial verfügen, aber auf bestimmte militärische Technologien angewiesen sind, wie China, Südkorea und auch Griechenland.

Westeuropa ist zwar aus russischer Sicht ein durchaus interessanter Partner auch auf dem Gebiet der militär-technischen Zusammenarbeit. Doch bleibt diese bisher auf dem Marinesektor auf wenige Ausnahmen, wie die Zusammenarbeit der "Yantar"-Werft mit der Abeking&Rasmussen GmbH&Co. KG, beschränkt. Speziell aus deutscher Sicht überwiegt zumeist die kurzsichtige betriebswirtschaftliche Orientierung auf einen billigen Lieferanten von Rohstoffen, qualifizierten Arbeitskräften sowie auf einen Absatzmarkt.

Bisher ist es eher unüblich, eine technologische Partnerschaft mit russischen Unternehmen als Chance für langfristige Stabilität im eurasischen Raum zu begreifen. Dieser Paradigmenwechsel steht uns noch bevor. Vergessen wir nicht: Auch aus der Sicht des Erhalts eines Technologiestandortes im Bereich der Marinerüstung ist der westeuropäische Wirtschaftsraum (speziell Deutschland) auf Partner und Märkte angewiesen. Dabei axiomatisch und ausschließlich (wie es Manfred Opel im Marineforum 6-2003 tut) auf eine "vertrauensvolle schiffbautechnische Kooperation mit den USA" als Grundlage für eine "langfristige Bestandssicherung für die deutschen Marinesystemwerften" zu setzen, erscheint mir nicht nur blauäugig; perspektivisch würde dies m.E. zu einer Abhängigkeit führen, die die eigenen souveränen sicherheitspolitischen Spielräume Europas eher einschränkt.

In Russland ist es selbst unter den Bedingungen der 90er Jahre gelungen, eine Restsouveränität im gesamten Spektrum der Marinetechnologie zu bewahren. Zur Gewährleistung der staatlichen Interessen der RF auf den Weltmeeren sind der Erhalt und die Entwicklung der wichtigsten Komponente des maritimen Potenzials – der Schiffbauindustrie erforderlich. Selbst unter gegenwärtigen Bedingungen wachsender Exportaufträge und einer merklichen Konsolidierung der Wirtschaft insgesamt sind die 170 Unternehmen im Bereich Schiffbau (darunter 43 Werften) nach Aussagen von W. Pospelow zu nicht mehr als 25% ausgelastet. Eine zu erwartende weitere wirtschaftliche Stabilisierung bedeutet hier sofort den Zufluss umfangreicherer Investitionen in den Bereich von Forschung und Entwicklung sowie die schrittweise Aufnahme von Seriefertigungen im gesamten Spektrum des Marineschiffbaus für den eigenen Bedarf.

Somit erscheint mir das auf der IMDS–2003 massiv geäußerte russische Angebot zur technologischen Zusammenarbeit eher als Chance auch für Deutschland und als eine Möglichkeit, zu der häufig in politischen Sonntagsreden beschworenen "strategischen Partnerschaft" zu finden.


Quellen:

  • В. Куроедов, «У военно-морского флота России есть будущее!», Военный парад 1(55) 2003, стр.6 - 8.
  • И. Коротченко, «Новый военно-морской салон», Независимая газета 2003-07-04   <http://nvo.ng.ru/armament/2003-07-04/6_salon.html>.
  • Захаров, И., Дорофеев, В. «Российские образцы военно-морской техники на мировом рынке вооружений», Военный парад 3 (57) 2003, стр. 12 – 14.
  • Захаров, И.Г., Стратегический маркетинг и перспективы военно-технического сотрудничества российского ОПК, INTERNORD KOMPASS 2002/2003, стр. 15 –17.
  • Fotos: Olaf Pestow, Egbert Lemcke



Tabelle 1

 

ЗМ-54Э (Club-S) (Russland)

BGM 109B (USA)

Maximale Reichweite, km

220

460

Fluggeschwindigkeit, m/s

180 –240 (in Zielnähe 700)

230 - 280

Flughöhe, m:

   

auf dem Marsch

20

5 –10

in Zielnähe

5 –10

3 - 5

Masse des Gefechtsteils, kg

200

450

Startmasse, kg

2300

1450

Länge, m

8,2

6,2

Durchmesser, m

0,533

0,52





Tabelle 2

  "Amur-1650"   (Russland) Projekt 214   (Deutschland)

Normaldeplacement, t

1765

1700

Hauptabmessungen, m

67 x 7,1

64 x 6,3

Anzahl der Torpedoapparate 533mm

6

8

Kampfsatz

18 Torpedos oder 30 Minen

16 Torpedos oder 24 Minen

Raketenbewaffnung (Schussweite, km)

SM-54E (ЗМ-54Э) (220)

Sub "Harpoon" (130)

Maximalgeschwindigkeit getaucht, kn

21

20

Fahrtweite, Meilen:

   

Getaucht

650

etwa 2000

Fahrtstrecke bei 6 kn

6500

12000

Grenztauchtiefe, m

250

400

Autonomität, Tage

45

50

Besatzung, Mann

36

30

Anzahl und Leistung der Hauptantriebsanlage, kW

1 x 4100

1 x 3800





Tabelle 3

  УГСТ (UGST)
(Russland)
Mk48 ADCAP
(USA)

Kaliber,mm

533,4

533,4

Länge, mm

7200

5800

Masse, kg

1980

1636

Masse Gefechtsladung, kg

300

270

Laufweite, m

bis 50000

bis 50000

Laufgeschwindigkeit, kn:

   
im ersten Regime

50

55

im zweiten Regime

30

40

Reaktionsradius des Systems der autonomen Zielsuche auf U-Boote, m

2500

2500 - 3000





Tabelle 4

  ТЭСТ-71МЭ-НК
(TEST-71ME-NK)

(Russland)
NT37P Mod.3
 
(USA)

Kaliber, mm

534,4

482

Länge, mm

7930

3846

Masse, kg

1750

642

Masse Gefechtsladung, kg

240

150

Laufweite, m

Bis 20000

Bis 18000

Laufgeschwindigkeit, kn:

   
im ersten Regime

38,5

36

im zweiten Regime

26

-

Reaktionsradius des Systems der autonomen Zielsuche auf U-Boote, m

1500

2000





Tabelle 5

  Projekt 20382   (Russland) K 130   (Deutschland)

Schlagraketenbewaffnung, Anzahl und Typ der Antischiffsrakete

8 "Jakhont"
 
oder
 
2 x 4 3S-24E "Uran-E" X-35E
4 Schwere Seezielflugkörper
"RBS 15 Mk 3"
 
8 Leichte Seezielflugkörper
"Polyphem"

Luftabwehrsysteme, Typ des Komplexes (Kampfsatz)

Luftabwehrraketenkomplex "Igla"-1E" (12)
"Kashtan" (32)
 
2 x 21 RAM (42)
2 x 27 mm MLG

Artillerie, Anzahl, Typ, Kaliber

1 x 1 A-190E
100 mm
1 x 1 OTO Melara
76,2 mm

U-Bootabwehr, Anzahl der Torpedoapparate, Kaliber

2 x 2 TA 533 mm

-

Funkmessanlage

« Positiv-M1 »

TRS-3D

Flugmittel

Hubschrauber K-28

Hubschrauber oder Drohne





Tabelle 6

  "Kashtan"
(Russland)
Vulkan-Phalanx
(USA)
Naval-Crotal NG
(Frankreich)
Vernichtungszone, m:   mittels Raketenbewaffnung:
Distanz
Höhe
1 500 - 8 000
5 - 3 500
-
-
11 000
6 000
Vernichtungszone, m:   mittels Artilleriebewaffnung:
Distanz
Höhe
500 - 4 000
5 - 3 000
5 000
2 500
-
-
Anfangsgeschwindigkeit, m/s 980 1 130 -
Schussgeschwindigkeit, Sch./min 10 000 4 500 -
Masse des Gefechtsteiles, kg 9 - 14
Masse des Komplexes, t 9 5,4 4,2




Tabelle 7

  A-190E
(Russland)
Compact
(Frankreich)

Kaliber des Geschützes

100

100

Schussweite, km

über 20

17

Einsatzhöhe, km

15

11

Schussgeschwindigkeit, Sch./min

bis 80 85

Anfangsgeschwindigkeit, m/s

880

870

Masse des Geschosses, kg

15,6

13,5

Masse des Geschützes, t

15

17





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