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Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)






Egbert Lemcke / Olaf Pestow


IMDS 2005 - Kurs auf eine Wiedergeburt der Flotte

Der Export von Marinerüstung – wesentliches Mittel zur Wiederherstellung und Entwicklung der Kampfkraft der Seekriegsflotte Russlands


Die planmäßige Erhöhung und Ausweitung des so ge­nann­ten "staatlichen Verteidigungsauftrags" und ein außer­gewöhnlicher Anstieg des Exports von Marine­rüs­tung belegen das Bestreben nach einer Wie­der­her­stel­lung Russlands im Status einer maritimen Großmacht. Dieser von der politischen Führung eingeschlagene und von der Marineführung umzusetzende Kurs soll die Flotte wie auch die Schiffbauindustrie des Landes aus der Phase der Lethargie und finanziellen Not in stabile wirtschaftliche, politische und militärische Verhältnisse führen.

Dies war eine wesentliche Quintessenz der zweiten IMDS (International Maritime Defence Show; <http://www.navalshow.ru>) in Sankt Petersburg vom 29. Juni – 3. Juli 2005. Insgesamt 352 Firmen, darunter 56 ausländische aus 20 Staaten (im Jahre 2003 waren es 319 Firmen, darunter 48 ausländische aus 15 Staaten), fanden in diesem Jahr den Weg zur "Lenexpo", dem attraktiven Ausstellungsgelände auf der Wasiljewskij-Insel. Gemeldet hatten ihre Teilnahme 29 Delegationen aus 26 Staaten. Damit dürfte sich diese Messe auch wegen ihrer russischen Spezifika künftig neben der "EURONAVAL" (Frankreich; <http://www.euronaval-show.com/>) und "IMDEX" (Singapur; <http://www.imdexasia.com/>) als feste und re­nom­mierte Adresse etabliert haben.

In Russland hat so eine Messe jedoch etwas anderes, als nur kühle Präsentation von Technologie. In dieser übergangszeit ist sie immer auch ein Volksfest der geschundenen maritimen Seele. Für westliche Beobachter ist gewiss schwer zu verstehen, wenn beispielsweise Elemente während einer effektvollen Flugschau vom Moderator emotional überschwänglich den Frauen der Marineangehörigen gewidmet werden. Auch nimmt man durchaus in Kauf, dass nicht alle Exponate unbedingt dem neuesten High-Tech-Verständnis genügen, aber allenfalls geeignet sind, Präsenz und Kontinuität der eigenen Flotte glaubhaft zu vermitteln.

Während die IMDS-2003 ein erstes Achtungszeichen setzte und sehr vom festlichen Kontext der 300-Jahrfeier der Stadt geprägt war, ließ die diesjährige Messe, die erstmals unter der ägide des Marine­kollegiums stattfand, noch deutlicher die konsequente Ausrichtung an einer gesamtstaatlichen Marine­politik erkennen. Der Anspruch bestand wiederum in einer komplexen Präsentation des maritimen Potenzials Russlands in all seinen Facetten. Es geht also um weit mehr, als eine ausschließliche Präsentation von Rüstungsexportgütern. Als Organisator fungierte die Föderale Agentur für Industrie und als Beteiligte agierten das Verteidigungsministerium, die Regierung von Sankt Petersburg, der Föderale Dienst für militär-technische Zusammenarbeit und das staatliche Rüstungsexportunternehmen "Ros­oboron­export".

Durch Zusammenarbeit zu Frieden und Fortschritt

So lautete auch in diesem Jahr das Motto der IMDS. Das offensive Interesse an "militär-technischer Zusammenarbeit", so die wörtliche Übersetzung, prägte diese Exposition noch deutlicher als jene vor zwei Jahren.

An den Piers des Ausstellungsgeländes lagen dann auch einige der "export-orientierten" Schiffs­ein­hei­ten. Die gewiss markantesten darunter waren neben dem Zerstörer "NASTOITSCHIWYJ" vom Projekt 956 SARYSCH das erstmals vorgestellte nichtnukleare U-Boot "SANKT PETERBURG" vom Projekt 677 LADA und das Luftkissen-Landungsschiff "MORDOWIJA" vom Projekt 1232.2 SUBR. Darüber hinaus standen zur Besichtigung:

  • das Große Raketenschnellboot "R-2" vom Projekt 12411 "MOLNIJA";
  • das Patrouillenboot "ALMAS" vom Projekt 10412 SWETLJYAK;
  • ein Patrouillenschnellboot vom Projekt 18623 MUSTANG-2;
  • ein Patrouillenboot vom Projekt 14310 MIRASH;
  • ein Patrouillenboot vom Projekt 12150 MANGUST;
  • und das Verbindungsboot der Leningrader Marinebasis vom Projekt 21270 "BUREWESTNIK.

Die Auswahl dieser und weiterer kleinerer Einheiten war kein Zufall. "Bevor ein ausländischer Auf­trag­geber sich zum Kauf entschließt, stellt er die entscheidende Frage: Befindet sich dieses Produkt im Kampfbestand der Streitkräfte Russlands?" – mit diesen Worten verwies der Stellvertreter des Ober­kommandierenden der Seekriegsflotte, Michail Sacharenko, auf eine wesentliche Zielrichtung dieser Exposition. Welche neuen Muster an maritimer Technik und Bewaffnung auch immer entwickelt wurden und werden, - die entscheidende Erprobung erfolgt durch die eigene Marine. Diese führt auch die Ausbildung der Besatzungen eines jeweiligen Auftraggeberlandes durch. Viel deutlicher als auf der IMDS 2003 war in diesem Jahr dann auch das unmittelbare Interesse des Verteidigungsministeriums der Russischen Föderation (RF) am Aufbau konstruktiver Beziehungen zwischen den Ent­wick­lungs­büros, den militärischen Vertretern im Bereich der Erprobung und potenziellen ausländischen Partnern spürbar.

So stieß ich nach meinem Besuch am Stand der OAO "NPP "Region", einem sehr bekannten Her­stel­ler von Unterwasser-Präzisionswaffen, wie z.B. dem Raketentorpedo "SCHKWAL-E", rein "zufällig" auf einen Vertreter des Marinetestgebiets für Unterwasserbewaffnung am Issyk-Kul-See (Kirgisien). Dieser lenkte meine Aufmerksamkeit ganz direkt auf die idealen Möglichkeiten, die dieses Erprobungspolygon der russischen Marine für eine Zusammenarbeit mit ausländischen Unternehmen bieten könnte. Besteht doch seit 2003 zwischen Kirgisien und Russland ein Abkommen über die Wiederaufnahme von ge­mein­samen Entwicklungen und Produktionen für die russische Marine, sowie den Export in Drittstaaten.

Bekanntlich jedoch fallen Entscheidungen auf diesem Gebiet der internationalen Zusammenarbeit fast nie nach den "wertfreien" Gesetzen des Marktes und der technologischen Zweckmäßigkeit. Dennoch, das besagte Motto: "Durch Zusammenarbeit zu Frieden und Fortschritt" ist mehr, als nur ein seriöses Angebot. Es birgt, so zynisch es bei oberflächlicher Betrachtung erscheinen mag, neben vor­der­grün­di­gen konstruktiven wirtschaftlichen und technologischen Aspekten für ausländische und speziell west­europäische Unternehmen auch eine sicherheitspolitische und zivilisatorische Perspektive für unseren Kontinent.

Die IMDS-2005 dürfte zudem einen Wendepunkt in der Struktur des russischen Rüstungsexports mar­kiert haben. Wie der Chef der Delegation von ROSOBORONEXPORT, Wladimir Pachomow, mitteilte, sei der Anteil der Marinetechnik am Gesamtumfang des Rüs­tungs­exports des Landes von 24% im vorigen Jahr auf 51% im Jahre 2005 angestiegen. Es sei an dieser Stelle daran erinnert, dass im Jahre 2003, als noch fast 70% des Exports auf die Flugzeugtechnik entfielen, genau diese Ambition aus Sicht der damaligen Agentur Schiffbau formuliert wurde. Da sich der alljährliche Gesamtwert des Rüs­tungs­exports in den vergangenen Jahren zwischen 5 und 5,5 Mrd. US-Dollar stabilisiert hat, ist davon auszugehen, dass in diesem Jahre Marinetechnik und Bewaffnung im Werte von 2,5 Mrd. US-Dollar exportiert wird.

Natürlich, letztlich bestimmend für die Entwicklung von Flotte und Industrie ist nicht der Export, sondern der staatliche Verteidigungsauftrag. Und dieser überstieg in den vergangenen 2 Jahren erstmals in der neueren russischen Geschichte die Umfänge der so genannten "militär-technischen Zusammenarbeit". Im Jahre 2005 beläuft sich der Gesamtumfang des staatlichen Verteidigungsauftrags auf 183 Mrd. Rubel (ca. 6,1 Mrd. US-Dollar). über 25% dieser Mittel fließen in den Aufbau der Flotte. Diese Summe ist zwar beachtlich und die Gesamttendenz verspricht eine Stabilisierung, für eine umfangreiche Er­neu­e­rung der Flotte ist dies aber nicht mehr, als ein optimistisches Initial.

Korvetten, Fregatten, Zerstörer und ...

Gegenwärtig sind nur die USA und Russland in der Lage Kampfschiffe aller Klassen zu bauen. Jedoch ermöglicht es der aktuelle Zustand der Wirtschaft Russlands nicht, "alles sofort zu tun". Die Idee des Flottenkommandos besteht daher nach den Worten von Anatolij Schlemow, dem gegenwärtigen Chef der Verwaltung für Aufträge und Auslieferungen von Kampfschiffen, Marinebewaffnung und -technik des Verteidigungsministeriums der RF (ehemals Chef der Verwaltung Schiffbau der Seekriegsflotte) darin, schrittweise den Bau der Nullschiffe zuerst von Korvetten, dann von Fregatten, danach von Zerstörern bis hin zu Flugzeugträgern zu ermöglichen. Diese Reihenfolge werde durch die Aufgaben und die erforderliche Finanzierung diktiert. Parallel dazu laufen die Forschungs- und Entwicklungsarbeiten zu neuer maritimer Bewaffnung.

Das Nullschiff "STEREGUSCHTSCHIJ" des Korvettenprojekts 20380 befindet sich seit Dezember 2001 auf der "Sewernaja Werf’"("Nordwerft") im Bau, es soll nach einigen Verzögerungen noch in diesem Jahr zu Wasser gelassen und der Flotte 2006 übergeben werden. Gegenwärtig läuft (Kiellegung im Mai 2003) die Fertigung der zweiten Einheit "SOOBRASITELNYJ". Am 27. Juli 2005 erfolgte mit der "BOJKIJ" die Kiellegung der dritten Einheit. Der Gesamtbedarf der eigenen Flotte und damit der geplanten Serie wird nach Aussagen von Admiral Kurojedow auf "mindestens 20 Einheiten" veranschlagt. Die mit großer Symbolwirkung im Logo der IMDS-2005 präsentierte Exportvariante unter der Projektchiffre "TIGR" (Projektindex 20382) zog bereits im Vorfeld der Messe die Aufmerksamkeit solcher Staaten wie Indien, China, Vietnam, Iran, Indonesien, Kuwait, Algerien und ägypten auf sich. Je nach Forderung der Auftraggeber bietet das Zentrale Marinekonstruktionsbüro "Almas" unterschiedliche Varianten der Bewaffnung und Antriebsanlage dieses Projektes an.

So ist anstelle des 100-mm-Geschützes A-190M auch eine Ausstattung mit der italienischen "OTO-MELARA", die in Indien unter Lizenz produziert wird, möglich. Als Standardvariante der Flug­kör­per­bewaffnung ist die CH-35E des Komplexes "URAN-E" (NATO: SS-N-25 SWITCHBLADE) vorgesehen. Aus Sicht potenzieller Auftraggeber wird jedoch eher die russische "JACHONT" (NATO: SS-NX-26) bzw. die russisch-indische Gemeinschaftsentwicklung "BRAHMOS" (NATO: PJ-10) gefordert werden, wobei dann auch ein Bordhubschrauber vom Typ Ka-31 zur Zielzuweisung erforderlich wird. Bei der Auswahl der Antriebsanlagen zeigt man sich ähnlich flexibel. Während die russische Grundvariante vorerst mit einer CODAD-Anlage (4 Diesel von der OAO "Swesda") ausgerüstet wird, ist neben der Ausstattung mit deutschen Dieseln von MTU auch ein kombinierter Einsatz mit Gasturbinenaggregaten des ukrainischen Herstellers "Sorja-Maschprojekt" möglich.

Bezüglich der Perspektiven im Fregattenbau dürfte der erste Meilenstein mit der geplanten Kiellegung des Nullschiffs vom Projekt 22380 im Herbst dieses Jahres gesetzt werden. Die neue vom "Sewernoje PKB" ("Nördliches Projektierungs- und Konstruktionsbüro") entwickelte Fregatte soll in ihren Parametern die des Typs "TALWAR" vom Projekt 1135.6 für die Indian Navy (IN) wesentlich übertreffen. Vom indischen Prototyp soll die Neuentwicklung einige Systeme erben. So werden auf den ersten Schiffen sehr wahrscheinlich ukrainische Antriebsanlagen von "Sorja-Maschprojekt" aus Nikolajew installiert werden. Die Serienschiffe sollen jedoch mit großer Wahrscheinlichkeit bereits Gasturbinen russischer Produktion erhalten.

Gegenwärtig stammen alle auf russischen Schiffen installierten Gasturbinen aus ukrainischer Pro­duk­tion. Doch wurde auf der IMDS-2005 von "Kirowskij Sawod", "Awrora" und der NPO "Saturn" ein Abkommen unterzeichnet, das den Bau von Schiffsgasturbinenanlagen vorsieht, die in der Perspektive die ukrainischen Erzeugnisse ersetzen sollen. Wie mir der Abteilungsleiter für maritime Gasturbinenanlagen Petrowitschew, Oleg Wladimirowitsch, am Stand der NPO "Saturn" berichtete, ist der Ersatz zuerst für die Raketenschnellboote vom Projekt 12411 "MOLNIJA" und die Luft­kis­sen­landungsschiffe vom Projekt 1232.2 "SUBR" vorgesehen. Die erste dieser Gasturbinen soll die Flotte bereits im kommenden Jahr erhalten.

Die Hauptbewaffnung der neuen Fregatte wird voraussichtlich aus dem universellen Flugkörperkomplex "KALIBR" – der russischen Variante des Systems "CLUB" (SS-N-27 SIZZLER) – bestehen. Die Entwicklung des neuen Flugkörpers 3M-14E, der für den Einsatz gegen Landziele vorgesehen ist, steht vor dem Abschluss. Dieser soll dann die bereits im Einsatz befindlichen Antischiffs-Flugkörper 3M-54E (Einsatz von überwasserschiffen) und 3M-54TE (Einsatz von U-Booten), sowie die U-Boot-Abwehr-Flugkörper 91RE1 und 91RE2 ergänzen. Der Bau des Nullschiffs wird im Verlauf der kommenden zwei Jahre erwartet, wobei bereits im September 2005 mit dem Ergebnis der Ausschreibung über die Bauwerft gerechnet wird. Die Entscheidung wird dann zwischen den drei Marinewerften "Sewernaja Werf’", St. Petersburg, "Sewmaschpredprijatije", Sewerodwinsk und "Jantar", Kaliningrad, fallen. Der Kostenvoranschlag für das Schiff orientiert sich bei voller Ausstattung zu realen internen Preisen bei 9 Mrd. Rubeln.

Der Bau von Zerstörern und später auch wieder Flugzeugträgern ist zwar keine Aufgabe der nächsten Zukunft, doch bestehen inzwischen nach den schmerzlichen Konsequenzen des Niedergangs der ehemals sowjetischen und nun russischen hochseefähigen Marine in den 90er Jahre keine Zweifel mehr darüber, dass ein souveränes Russland eine weltweit agierende Flotte benötigt. Auf der IMDS-2005 beschränkte man sich diesbezüglich noch auf Modellvarianten und Verweise auf die laufenden Exportaufträge nach China (2 Zerstörer vom Projekt 956EM) und Indien (der ehemalige Flugdeckkreuzer "ADMIRAL GORSCHKOW" vom Projekt 11434). Flottenadmiral Kurojedow (der inzwischen ehemalige Flottenchef) erklärte indessen im Vorfeld der IMDS-2005, dass der Serienbau eines neuen Mehrzweck-Zerstörers jedoch nicht früher als in 10 Jahren beginnen werde. Bezüglich des Baus von Flugzeugträgern verwies A. Schlemow am 12.07.05 darauf, dass "…im neuen Bewaffnungsprogramm für den Zeitraum von 2006 – 2015 eine solche Aufgabe gestellt ist. Der reale Bau von Flugzeugträgern wird in Russland nicht vor 2013-14 beginnen." Schlemow äußerte bezüglich des Bedarfs, dass sich jeweils zwei dieser Einheiten in der Nord- und Pazifik-Flotte befinden sollten. Noch im Jahre 2005 soll nach seinen Worten mit diesbezüglichen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten begonnen werden.

Nichtatomare U-Boote

Natürlich werden Atom-U-Boote auch künftig die dominierende Rolle bei der Wahrung einer Parität Russlands gegenüber anderen Atom-Mächten spielen. Permanente, aber spärliche Informationen auch auf dieser Messe zu dem als strategischer Unterwasser-Raketenkreuzer bezeichneten Projekt 955 (erstes Boot: "JURIJ DOLGORUKIJ", zweites Boot: "ALEXANDR NEWSKIJ") mit dem in der Erprobung befindlichen ballistischen Raketenkomplex "BULAWA-30", wie auch dem im Bau befindlichen Mehrzweck-Atom-U-Boot "SEWERODWINSK" vom Projekt 885 GRANAY mögen dies belegen. Der Bau beider Projekte musste aufgrund von Unterfinanzierungen in der Vergangenheit immer wieder un­ter­brochen werden.

Im Mittelpunkt der Exportambitionen stehen aber Aufträge im Umfeld der nichtatomaren U-Boote. So war die erstmalige Präsentation der "SANKT PETERBURG" - des Nullschiffs vom Projekt 677 LADA - ein Schlüsselereignis. Knüpfen sich doch an die Exportversionen dieses Projektes - die AMUR-950 und AMUR-1650 - hohe Erwartungen. Diese sollen die Erfolgsserie der seit 1980 als KILO-Klasse bekannten Projekte 877, 877EKM und 636 (alle mit der Projektchiffre PALTUS), von denen insgesamt 50 Stück (26 für den Export) gebaut wurden, fortführen. Vom Projekt AMUR-950 sind an den Ständen von "RUBIN" und "BrahMos" Modelle mit VLS-Startern (hinter dem Turm) zu sehen gewesen - ein Zeichen für die Flexibilität dieser Bootsklasse.

Nach Meinung russischer Experten werden in den kommenden 10 Jahren drei wesentliche Anbieter nichtatomarer U-Boote auf dem Weltmarkt verbleiben – Russland, Deutschland und Frankreich. Wenngleich auch Schweden und die Niederlande auf einigen Regionalmärkten noch als Konkurrenten bestehen bleiben, werde sich die eigentliche Auseinandersetzung auf den Märkten Süd-Ost-Asiens und Lateinamerikas abspielen. Russland reflektiert dabei nicht unbegründet auf ein Drittel des Markt­vo­lu­mens. Verwiesen wird dabei insbesondere auf Länder wie Indonesien, Vietnam, Thailand, Singapur und die Philippinen.

Indien kommt in diesen Beziehungen eine besondere Bedeutung zu. Am 30. Juni 2005 unterzeichneten die "Admiraltejskie Werfi" ("Admiralitätswerften") aus St. Petersburg auf der IMDS einen Vertrag mit den indischen Seestreitkräften über die Lieferung von Ersatzteilen für die Projekte 877EKM. Die "Admiralitätswerften" erhielten bereits im Sommer 2003 das Recht zu selbständigen Vertragsschlüssen auf dem Außenmarkt. Ein analoger Vertrag wurde, wie Pressemeldungen bestätigten, ebenfalls mit China geschlossen. Der Hintergrund besteht offenbar in beiden Fällen darin, dass künftig die Reparaturen dieser Boote im eigenen Lande erfolgen sollen. Die Marinereparaturwerft "Swosdotschka" (Sewerodwinsk) wurde dann auch in diesem Frühjahr zum Hauptauftragnehmer für die Modernisierungsarbeiten an der S61 "SINDHUKIRTI" (Projekt 877EKM) in der Werft "Hindustan Shipyard".

Zwischen 1986 und 2000 wurden bekanntlich 10 Boote vom Projekt 877EKM an Indien geliefert. Drei davon durchliefen inzwischen bereits bei "Swosdotschka" ihre Umrüstung auf das FK-System "CLUB-S". Am 8. Juni 2005 traf das 4. Boot, die S62 "SINDHUVIJAY", in der Werft zu diesem Zwecke ein. Zwei weitere Boote gleichen Typs aus dem gegenwärtigen Bestand der russischen Flotte, die "KALUGA" aus der Nordflotte und ein weiteres Boot aus der Pazifikflotte, sollen nach ihrer Modernisierung ebenfalls an Indien verkauft werden.

Eine ähnliche Konstellation ergibt sich gegenwärtig mit China. In den 90er Jahren wurden je 2 Boote der Projekte 877EKM und 636 geliefert. Gegenwärtig läuft ein Vertrag über den Bau von 8 Booten des Projektes 636 bis etwa 2008. Perspektivisch scheint ein nochmaliger Vertragsschluss über weitere 6 Einheiten möglich.

Diese Zusammenhänge zeugen sowohl von der hohen Nachfrage an nichtnuklearen U-Booten, als auch davon, dass "die "KILO"-Klasse ihre Modernisierungsmöglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft hat", wie es J. Kormilizin, der Chefkonstrukteur für nichtatomare U-Boote des "Zentralen Konstruktionsbüros für Marinetechnik ’Rubin’", ausdrückte. Kormilizin deutet damit an, dass Angebote zur Umrüstung auf einen AIP-Antrieb (AIP = air independent propulsion, gemeint ist hier der Brennstoffzellenantrieb), der sich gegenwärtig in erfolgreichen Erprobungen befindet, bei diesen Booten ebenso vorgesehen sind, wie die weitere Ausstattung mit Flugkörpern gegen Landziele.

Die indische Beschaffungsstrategie bei U-Booten war auch in der Vergangenheit alternativ ausgerichtet, - man bestellte bereits vor über 20 Jahren 10 Boote in Deutschland und 8 in Russland. Gegenwärtig befinden sich im Bestand der Indian Navy 4 deutsche Boote, doch erhöhte sich die Zahl der russischen von 8 auf 10. Somit beunruhigt ein eventueller Vertragsschluss über den Ankauf von 6 französischen "SKORPENE" in Russland niemanden. Die "Admiralitätswerften" rechnen mit einem nahen Ver­trags­schluss über die Lieferung von 8 "AMUR-1650". Der Beginn der Werkfahrprüfungen der "SANKT PETERBURG" und die übergabe an die russische Flotte dürften die weiteren Verhandlungen begünstigen. Die Aussicht, nach Abschluss der erfolgreichen Erprobungen auch über einen AIP-Antrieb zu verfügen, wertet dieses Projekt zusätzlich auf. Bei Vertragsschluss ist damit zu rechnen, dass 1 bis 2 Boote in Sankt Petersburg gebaut werden und die verbleibenden 6 oder 7 Einheiten auf indischen Werften.

Für die russische Flotte definierte Konteradmiral Schlemow einen Eigenbedarf von 50 dieser "LADA"-Boote, wobei er sofort ergänzte, dass diese Zahl zwar den Bedarf der Flotte ausdrücke, aber die Finanzierung noch unbeachtet ließe. Die Kiellegung der "KRONSTADT", des ersten Serienbootes, erfolgte dann auch am 28. Juli 2005.

Flugkörpersysteme

Während die IMDS-2003 in diesem Segment von einer umfangreichen Präsentation des gesamten FK-Systems "CLUB" von "Novator" (Jekaterienburg) dominiert wurde, beschränkte sich "Novator" in diesem Jahr an einem bescheidenen Stand auf einige Modelle.

Alternativ zu einem - wie im Jahre 2003 - selbständigen Stand von NPO "Maschinostrojenija" (Reutow), dem Hersteller des FK "JACHONT", präsentierte sich das Unternehmen in diesem Jahr ausschließlich als Partner im Rahmen des russisch-indischen Unternehmens BrahMos Aerospace (http://www.brahmos.com/). BrahMos präsentierte sich erstmals in Russland. Eindrucksvoll wurde die dynamische Unternehmensentwicklung durch die Reihe erfolgreicher Erprobungen einschließlich des 10. Starts eines FK "BRAHMOS" (NATO: PJ-10) am 15. April 2005 gegen ein Zielschiff dokumentiert. Als Zielschiff diente ein außer Dienst gestelltes Flugkörperschnellboot vom Projekt 1234 der indischen Navy, das mit einem Volltreffer versenkt wurde.

Auf meine Frage am Stand von BrahMos nach dem Zweck einer parallelen Entwicklung der Flugkörper "JACHONT" (bei NPO "Maschinostrojenija"; http://www.npomash.ru/) und "BRAHMOS" entgegnete mir Herr Maksitschew, der amtierende stellvertretende Generaldirektor aus Reutow, dass zwar beide Entwicklungen auf der ursprünglichen "JACHONT" basieren würden, sich inzwischen jedoch zwei völlig eigenständige Flugkörper entwickeln würden. Die indische Marine hat bereits mit der Einführung dieses wohl z.Zt. weltweit effektivsten taktischen Antischiffs-FK auf ihren Schiffen begonnen. Von Seiten der russischen Seestreitkräfte wird der Einsatz dieses Systems ebenfalls erwogen. Ausdrücklich an­ge­bo­ten werde dieser Komplex auch so genannten sowohl mit Russland, als auch Indien "befreundeten" Staaten. Beachtlich ist dabei, dass der Einsatz von unterschiedlichen Plattformen auch die Möglichkeit innerhalb von mobilen oder stationären Küsten-Raketen-Komplexen enthält, also der in westlichen Marinen so nachdrücklich geforderten Einwirkfähigkeit See-Land somit direkt entgegensteht. Die auf der "Jachont" basierende Variante eines solchen Komplexes wurde bereits auf der IMDS-2003 unter der Bezeichnung "Bastion" präsentiert, die auf der "BrahMos" basierende mobile Ausführung wurde in diesem Jahr gezeigt.

Gerade dem letzteren Aspekt trug auch das führende Unternehmen Russlands bei der Entwicklung taktischer FK-Systeme, die OAO "Korporation ’Taktische RaketenBewaffnung’" (http://www.ktrv.ru/), Rechnung. Sie präsentierte den kleineren mobilen Küsten-Raketen-Komplex "BAL-E" mit dem Anti­schiffs-FK KH-35E (3M-24E). Dieser soll eine Kontrolle von Meerengen, Territorialgewässern, den Schutz von Marinebasen und Küstenobjekten ermöglichen.

Bordsysteme zur Luftverteidigung

Im Bereich der Systeme zur Luftverteidigung generell und hier besonders für das gesamte Spektrum der Überwasserplattformen besteht in Russland ein traditionell breites Angebot. Dieses begann auf dieser Messe beispielsweise mit dem Drehkranzstartersystem "Gibka" für den Luftabwehr-Raketenkomplex vom Typ "Igla". Letzterer wurde auf der IMDS-2005 erstmals vorgestellt. "Gibka" soll auf Booten ab 200t im Nächstbereich (bis zu 6km) Schutz vor anfliegenden gegnerischen Flugkörpern, Flugzeugen und Hubschraubern unter Bedingungen natürlicher und künstlicher Störungen gewährleisten. Die staatlichen Erprobungen für dieses von der OAO "Ratep" des Konzerns "Almas-Antej" (www.oao-ratep.com) gefertigte System sollen im ersten Halbjahr 2006 abgeschlossen werden. Der Komplex stieß auf ein großes professionelles Interesse u.a. bei Vertretern aus China, Libyen, den VAE, Norwegen, Brasilien, Schweden, der Türkei, der Ukraine, Vietnam, dem Iran und Nordkorea. Es folgt der immer wieder modifizierte Luftabwehr-Raketen-Artillerie-Komplex "Kaschtan-M" für den Bereich zwischen 8000 bis 500 m auf größeren Einheiten. Der Luftabwehr-Raketenkomplex "Klinok" ist dann zur Bekämpfung von Luft- und Seezielen auf Plattformen über 800 t bestimmt. Für den mittleren Handlungsradius wird der Luftabwehr-Raketenkomplex "Schtil" angeboten, der zur Vernichtung aller gegnerischen Luft­an­griffs­mittel, unabhängig von Höhe, Manöver und Geschwindigkeit der Ziele bestimmt ist. Dieser bereits auf den drei indischen Fregatten vom Projekt 1135.6 installierte Komplex ist in der Lage, 12 Ziele gleichzeitig zu bekämpfen. Der Luftabwehr-Raketenkomplex "Rif" (S-300FM) ist darauf aufbauend für den Schutz vor Luftangriffen ganzer Schiffsformationen bestimmt. Seine grundlegende Aufgabe besteht darin, bereits auf großen Annäherungsdistanzen die Träger von Antischiffs-FK zu vernichten und an der Abwehr von massierten Luftangriffen beteiligt zu sein. Letzterer wird beispielsweise bereits auf den in China im Bau befindlichen Zerstörern installiert.

 

Fazit

Die aufgeführten Angebotsfacetten bedienen weitgehend die von russischen Marktforschern erkannten zwei wesentlichen Tendenzen auf den aus russischer Sicht wichtigsten Exportmärkten, insbesondere im südostasiatischen Raum:

  1. Es besteht das Streben der Mehrheit der Staaten dieser Region nach einer Entwicklung von Fähigkeiten zu Schlagoperationen mittels nichtnuklearer, AIP-fähiger U-Boote und maritimer Flugkörper, einschließlich der Einwirkfähigkeit auf Landziele; Daneben ist ein wachsendes Interesse am Erwerb von Bordsystemen zur Luftverteidigung und von größeren Landungsschiffen zu beobachten (z.B. China und Indien).
  2. Für eine Reihe von Staaten sind die Schaffung bzw. der weitere Ausbau von selbständigen Einheiten für den Küstenschutz, um die souveräne Beobachtung und Kontrolle über das eigene Küstenvorfeld zu gewährleisten (z.B. Philippinen, Vietnam, Malaysia).

Zu beiden Tendenzen wurde oben auf ausgewählte Systeme verwiesen. Auf Ausführungen zu den grö­ße­ren Landungsschiffen haben wir aus Platzgründen verzichtet. Es sei jedoch daran erinnert, dass Russland mit der am 23.12.04 erfolgten Kiellegung eines großen Landungsschiffs (Deplacement 6000t) vom Projekt 11711 "Iwan Gren" (Exportversion unter der Projekt-Chiffre 11711E) auf der "Jantar"-Werft in Kaliningrad (geplant ist eine Serie aus 5 Einheiten) an frühere Traditionen angeknüpft hat.

Bezüglich der zweiten Tendenz sei hier ergänzend auf die vielfältigen Projektvarianten bei Flug­kör­per­schnellbooten und Patrouillenbooten im Spektrum zwischen 10 und 550t verwiesen. übrigens korrespondiert dieser Trend ganz direkt mit dem enormen Bedarf Russlands an eigenen maritimen technischen Mitteln für eine effektive Kontrolle des russischen Küstenvorfeldes und der exklusiven ökonomische Zone.

Beiden Tendenzen wurde Russlands Militär-Industrie-Komplex in seiner Angebotspalette auf der IMDS-2005 in sehr konzentrierter Weise gerecht.

Die konsequente Orientierung auf eine Entwicklung einheimischer Technologien und Industriestrukturen beginnt im Bereich Schiffbau trotz nach wie vor enormer Probleme aufgrund von nicht ausgelasteten Kapazitäten erste Früchte zu zeigen. Der jüngst (am 12.08.2005) erfolgte Erwerb des "Baltischen Werkes" ("Baltijskij sawod") durch die Meschprombank beendete die langjährige erbitterte Konkurrenz dieser Werft zur "Nordwerft". Damit dürfte ein weiterer wesentlicher Schritt zur Bildung einer großen Holding im Bereich des überwasserschiffbaus gegangen worden sein. Dies dürfte eine Bündelung der Kapazitäten auf den Außenmärkten gewiss begünstigen.

Die "militär-technische Zusammenarbeit" mit dem Ausland ist nach den Worten von Schlemow vor allem ausgehend von den Interessen der eigenen Streitkräfte zu entwickeln: "Exportaufträge sind an jene Betrieb zu vergeben, die staatliche Aufträge ausführen, damit diese effektiv arbeiten können. Dies ist Aufgabe sowohl der Agentur für Industrie, als auch von "Rosoboronexport". Nur so fließt der Gewinn aus dem Export in die Entwicklung von Flotte, Wissenschaft, Industrie und den Baubeginn von neuen Schiffen verschiedener Klassen."

Als Anschubfinanzierung ist dies ein gewiss gangbarer Weg. Langfristig jedoch sollte der eigene "Binnenmarkt", jedenfalls in der Dimension des so genannten "nahen Auslands" die eigentlich tragende Säule einer Gesamtstabilisierung des maritimen Potenzials des Landes sein. Einer dennoch intensiven technologischen internationalen Zusammenarbeit mit dem "ferneren" Ausland müsste eine solche spätere Prioritätenverschiebung nicht im Wege stehen.

Nähern wir uns damit wieder dem Phantom einer "bedrohlichen maritimen Großmacht Russland"? Nein, aber es wächst die Wahrscheinlichkeit, dass Russland nicht nur als wahrhaft eigenständiger Staat bewahrt bleibt, was sich vor allem in einer souveränen Verfügung über die eigenen strategischen Ressourcen äußert. Dann besteht auch die Chance, dass dieses Land als gewichtiges politisches Subjekt und stabilisierendes Moment auf die Weltmeere zurückkehrt.



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