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Die IMDS 2009 - Risiken und Chancen Russlands maritimes Potenzial im Spiegel der internationalen Zusammenarbeit
Egbert Lemcke Vom 24. bis 28. Juni erlebte Russlands maritime Hauptstadt die IMDS-2009. Durch Zusammenarbeit zu Frieden und Fortschritt – so lautete nun bereits zum vierten Mal unverändert das Motto der IMDS (International Maritime Defence Show) in St. Petersburg. Als Organisator fungierte das Ministerium für Industrie und Handel der Russischen Föderation. Ausgerichtet wurde diese Messe durch das Verteidigungsministerium, das Außenministerium, den Föderalen Dienst für militär-technische Zusammenarbeit Russlands, die Regierung von St. Petersburg und durch "Rosoboronexport". Die Thematik des Salons erfasste den gesamten Komplex der Entstehung und des Einsatzes von Schiffen und maritimer Technik - militärischen und zivilen Schiffbau, Antriebsanlagen, Marinetechnik und -bewaffnung, Seefliegerkräfte, Navigations- und Führungssysteme, Infrastruktur zur maritimen Sicherstellung, sowie innovative Materialien und Technologien. Ein erwähnenswertes Ereignis aus deutscher Sicht? Unbedingt - haben doch die dramatischen Entwicklungen in der russischen Marinepolitik generell und in der Schiffbauindustrie insbesondere unmittelbare Auswirkungen auf Russlands Verhältnis zu Westeuropa und speziell zu Deutschland. Natürlich, wer ein Russlandbild pflegt, das dieses Land als einen ressourcenstrategisch zwar nötigen, aber eigentlich eher ungewollten Partner darstellt, neigt wohl dazu, diesen Einfluss zu marginalisieren oder auch zu dämonisieren. Den objektiven Interessen der Bürger Eurasiens - also auch Westeuropas - entspricht dieser angelsächsische Mainstream jedoch nicht. Zur Statistik der IMDS-2009350 Aussteller, darunter 67 ausländische Firmen aus 28 Ländern kamen nach Piter. 55 offizielle Delegationen aus 47 Ländern belegen die Präsenz faktisch aller Staaten, die sich mit der Entwicklung und dem Einsatz von Marinetechnik befassen. Vertreten waren alle führenden Betriebe der russischen Schiffbaubranche. Jedoch, - 20% der Teilnehmer des vorherigen Salons verzichteten in diesem Jahr aus finanziellen Gründen auf die Teilnahme, 65% reduzierten ihre Ausstellungsfläche. Aber weder optisch, noch statistisch war dieser Einschnitt wahrnehmbar. Die Gesamtausstellungsfläche vergrößerte sich im Vergleich zum Jahre 2007 merklich. Die Anzahl der präsentierten in- und ausländischen Schiffe erhöhte sich deutlich. Zudem bot ein Rahmenprogramm an wissenschaftlichen Konferenzen und Tagungen den über 29000 Fachbesuchern neben dem Besuch des erweiterten Ausstellungsgeländes der LENEXPO ein im Vergleich zu den Vorjahren zunehmend attraktives Umfeld.
Darüber hinaus zogen 18 weitere auch zivile Bootsexponate die Aufmerksamkeit der vielen Besucher im Außenbereich auf sich. Auf dem Polygon des Verteidigungsministeriums "Rshewka" bei St. Petersburg wurden in nun schon traditioneller Weise für ausländische Delegationen Demonstrationsschießen mit Marineartilleriesystemen ausgeführt. Ein ebenfalls schon traditioneller Höhepunkt war wiederum die hochkarätige Flugschau der Strizhi (4 MiG-29) und Russkije Vitjasy (5 Su-27). Die wirkliche Faszination der IMDS liegt aber nicht in dieser seit 2003 zunehmend überzeugenden Statistik. Diese Messe ist sehr viel mehr als eine nüchterne Fachmesse. Die IMDS ist ein Volksfest der geschundenen maritimen Seele Russlands. Allein die nach unserem Empfinden im Vergleich zu allen bisherigen Messen stark gestiegenen Besucherzahlen der einheimischen Bevölkerung zeugen von der hohen Anteilnahme am Schicksal der eigenen Schiffbauindustrie und Flotte. Ein Besucherticket kostete 200 Rubel (etwa 4,50 EUR), - offenbar ein auch in Krisenzeiten akzeptierter Preis. Nicht zuletzt aufgrund ihrer spezifischen Anziehungskraft wird die IMDS künftig in einem Atemzug genannt werden müssen mit der EURONAVAL bei Paris und der IMDEX ASIA in Singapur. In schwierigem Fahrwasser - Probleme, Prioritäten und Akzente der russischen Schiffbau- und MarinepolitikDer Rahmen der IMDS bot die einzigartige Möglichkeit zu einigen Innenansichten auf den brisanten und durchaus kritischen Zustand der einheimischen Schiffbau- und Marinepolitik. In 168 Betrieben sind gegenwärtig etwa 160.000 Beschäftigte direkt im Schiffbau tätig. Wobei sich etwa 75% der Gesamtkapazitäten im Nordwesten Russlands konzentrieren, - also im Gebiet um St. Petersburg. Gegenwärtig befinden sich insgesamt 120 Schiffe im Bau. Im vergangenen Jahr wurden nach den Worten von Leonid Strugow, dem Chef der Verwaltung Schiffbau beim Ministerium für Industrie und Handel der RF, 36 Schiffe an die Auftraggeber übergeben. In diesem Jahr sei ein ähnlicher Wert zu erwarten. Nach Einschätzung des Ministeriums soll im Ergebnis der Umsetzung der so genannten "Strategie zur Entwicklung der Schiffbauindustrie für den Zeitraum bis 2020" u.a. der weltweite Marktanteil russischer Marinetechnik bei etwa 20% liegen. Im zivilen Schiffbau liegt die Orientierung bei 2% des Weltmarktes. Der militärischen Exportorientierung soll jedoch eine 100%ige Erfüllung des Bedarfs der eigenen Streitkräfte an Schiffen, schwimmenden Mitteln, maritimer Bewaffnung und anderer maritimer Technik in quantitativer und qualitativer Hinsicht vorausgehen. Ein äußerst ambitioniertes Ziel angesichts des gegenwärtigen Zustandes der Branche. Noch im unmittelbaren Vorfeld der IMDS rügte Präsident Medwedjew es als "unhaltbaren Zustand, dass eine Reihe von Objekten entweder nicht fertig gebaut werden oder sogar die einzigen sind, die überhaupt gebaut werden". Er kritisierte außerdem, dass es entschieden zu lange dauerte, bis moderne Schiffe in Serie gingen, und forderte insbesondere eine Beratung zu aktuellen Fragen der speziellen Entwicklung der U-Bootkräfte. Als eine der Schlüsselfragen bezeichnete er den Bau eines Kampfkerns der Marineschiffskräfte bis zum Jahre 2020 und betonte, dass dazu alle Möglichkeiten vorhanden seien. Die gewaltige Kluft zwischen Anspruch und Potenzial einerseits und der rauhen Realität in der eigenen Schiffbauindustrie andererseits ist damit angedeutet. Zur Illustration: Die im vergangenen Jahr in den Flottenbestand übernommene Korvette "Stereguschtschij" (Nullschiff vom Projekt 20380; Bild oben) wurde über 7 Jahre gebaut. Die weiteren im Bau befindlichen Schiffe dieser Serie werden selbst nach offiziellen Prognosen nicht vor 2011 in die Flotte gelangen.
Ein nüchterner Blick zurück: Noch im Jahre 2005 gehörten etwa 30 Überwasserschiffe der Klassen Kreuzer, Zerstörer und Fregatte, etwa 50 Korvetten und annähernd 100 Schnellboote, Patrouillenboote und Räumboote in den aktiven Flottenbestand. Angesichts der Altersstruktur der Einheiten bedeutet dies, dass allein für den Erhalt dieses Bestandes die alljährliche Indienststellung eines Zerstörers bzw. einer Fregatte, zweier Korvetten und weiterer 4-5 Boote erforderlich wäre. Von U-Booten, Landungs- und Sicherstellungsschiffen ganz zu schweigen. Aber selbst dieses Tempo wäre schon höchst problematisch. Hinzu kommt, dass es außer dem militärischen ja noch den zivilen Schiffbau gibt. Auch dort stehen die Dinge nicht zum Besten. Die Fischereiflotte dümpelt dahin, die Flussschiffe erfordern eine Erneuerung. Nötig sind zudem der Bau von Flüssiggastankern für die Absicherung der Exporte von Sachalin und aus der Barentssee sowie der Bau von Bohrplattformen für die Schelflagerstätten insbesondere in der Arktis. Angesichts des Dienstalters der noch aktiven Schiffseinheiten besagt die einfache Rechnung heute, dass sich der Flottenbestand bis 2020 im Vergleich zu 2005 nochmals halbieren kann. Der Handlungsbedarf ist gigantisch. Geht es doch gegenwärtig in Russland um nicht weniger, als die Wiedergeburt des einheimischen Schiffbaus. Die vom 6. September 2007 datierte "Strategie zur Entwicklung der Schiffbauindustrie für den Zeitraum bis 2020" ist genau diesem Ziel verpflichtet, - nun unter den Bedingungen einer globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. Gelingt diese Wiedergeburt nicht, verkommt nicht nur schlechthin die Formel von einer "maritimen Großmacht" zur Farce. Im Klartext geht es um die Wiederherstellung der maritimen Stärke Russlands als Voraussetzung für den Erhalt der Souveränität und territorialen Integrität des Landes. Für jemanden, der nicht in geopolitischen Kategorien denken gelernt hat, mag dies übertrieben erscheinen.
Dieses Szenario ist keine Übertreibung, sondern eine eher milde Formulierung. Kürzlich - ebenfalls im Vorfeld der IMDS - äußerste der stellvertretende Regierungsvorsitzende, Sergej Iwanow: "Mehr als 40% der Mittel des Verteidigungsministeriums fließen in die Seekriegsflotte – weitaus mehr, als in die Strategischen Raketentruppen, die Kosmostruppen und die Luftstreitkräfte zusammen. Im Wesentlichen sind diese Gelder auf die strategischen U-Boote ausgerichtet. Es handelt sich um hunderte Milliarden Rubel." Der relative Wert von etwa 40% wird in den USA ebenfalls für die Navy verausgabt, nur eben in absoluten Werten von 150 Mrd. US-Dollar. ![]() Bild: Der Strategische U-Raketenkreuzer „Jurij Dolgorukij“ (Projekt 955) bei See-Erprobungen im Sommer 2009 (Quelle: www.forum.ixbt.com) Bis zum Jahre 2010 sollte in Sewerodwinsk eigentlich der Bau von drei strategischen Atom-U-Booten des Projektes 955 bzw. 955A (Typ "BOREY") abgeschlossen sein. Angesichts des kürzlich wiederholt fehlgeschlagenen Tests der dazu vorgesehenen strategischen Interkontinentalrakete "Bulawa-M" ist diese Frist undenkbar. "Diversion nicht ausgeschlossen" – lautete der Titel einer Analyse. Nein - grobe Diversionstätigkeit ist hier nicht gemeint. Es geht um sehr subtile Formen. Das "Zentrale wissenschaftliche Forschungsinstitut für Materialien" in St. Petersburg ist einer von 650 Zulieferern für den Bau dieses Waffenkomplexes. Jurij Solomonow, der kürzlich zurückgetretene Chefkonstrukteur des "Moskauer Instituts für Wärmetechnik" (MIT), beklagte bereits vor einem Jahr, dass die "…instabile Lage im Institut sich negativ auf die Lieferfristen von Komponenten für die "Bulawa" und "Topol-M" auswirkte…". Es geht um die Lieferung genau der hochfesten Materialien, die die Stabilität von Raketen bei drastischen Manövern im Hyperschallbereich gewährleisten sollen. Wer hatte ein Interesse daran, dieses strategische Unternehmen im Herzen von St. Petersburg 2005 in die Insolvenz zu führen, ein geheimes Forschungslaboratorium zu privatisieren (was verhindert wurde)? Wer lässt es zu, einen Großteil der Spezialisten des Instituts in dieser Phase der Erprobung zu entlassen und Gebäude des Instituts einschließlich der Forschungsmittel an einen "strategischen Investor" für den Bau eines Business-Centers zu verkaufen? Eine elegant gesteuerte "Selbstauflösung" strategischer Betriebe des Militär-Industrie-Komplexes nach den "Gesetzen des Marktes"? Wer zerstört hier wen? - Nach 2018 jedenfalls sollen die "Bulawa-M" die Grundlage der maritimen strategischen Nuklearkräfte Russlands bilden.
Trotz all dieser Dramatik lieferte die IMDS-2009 deutliche Belege für eine weitere strukturelle Konzentration der Potenziale im russischen Schiffbau. Beispielhaft dafür steht die "Vereinigte Industrie-Korporation" (OPK).
Seit ihrer Schaffung im Jahre 2003 verfolgt diese das strategische Ziel, auf Grundlage der bestehenden Kapazitäten der "Nordwerft", des "Baltischen Werkes" und des Konstruktionsbüros "Ajsberg" eine moderne Kompaktwerft zu bilden, die in der Lage ist, das gesamte Spektrum des Überwasserschiffbaus aller Klassen bis zu einer Tragfähigkeit von 300.000 t, einschließlich von Flugzeugträgern, zu bauen. Im diesem Jahr beginnt die Umsetzung des Föderalen Zielprogramms (FZP) zur Entwicklung von ziviler Meerestechnik. Zudem wird eine Reihe weiterer Instrumente staatlicher Unterstützung des Schiffbaus zum Einsatz gebracht. Mit der bis zum April 2009 geschaffenen OAG "Vereinigte Schiffbau-Korporation" (OSK) sollen entsprechend der oben genannten Strategie die führenden Projektierungs- und Konstruktionsbüros mit den drei bereits formierten Schiffbauzentren (dem Westlichen, Nördlichen und Fernöstlichen) strukturell verbunden werden. Positiv gelesen, kann betont werden, dass sich gegenwärtig für die russische Seekriegsflotte auf 16 Schiffbauwerken insgesamt 38 Schiffe, U-Boote und verschiedene kleine Überwassereinheiten im Bau befinden (siehe Tabelle 1 und Tabelle 2 ). Ein Lichtblick für den zivilen Schiffbau: "Gazprom" plant bis zum Jahresende die Vertragsunterzeichnung mit der "Nordwerft" über den Bau von 60 Spezialschiffen. Es handelt sich um ein Auftragspaket über 20 Mrd. Euro, das zu 90% an russische Betriebe vergeben werden soll.
Zu den russischen Exportperspektiven an maritimer Technik und BewaffnungDie alles dominierende Ausstellerorganisation im Eingangs-Pavillon der IMDS war die OAG "Vereinigte Schiffbaukorporation" (OSK). Diese Korporation vereinigt nun nicht nur über 50% der Produktionskapazitäten des einheimischen Schiffbaus. Sie formiert damit auch die Exportpolitik auf dem Gebiet der so genannten "militär-technischen Zusammenarbeit" aus einer Hand. Erfasst wird der gesamte Lebenszyklus der Marinetechnik. Alleine schon die steigenden Kosten der Projektierung und Produktion neuer Marinetechnik drängen hin zu internationalen Projekten, um eine Vereinigung der Potenziale mehrerer Staaten bei der Erfüllung von Aufträgen für Drittstaaten zu erzielen. Wladimir Pachomow, Präsident der OAG "OSK", bezeichnet in diesem Kontext das gemeinsame Projekt der OAG "ZKB MT "Rubin" mit der italienischen Firma "Fincantieri" zum Bau von nichtatomaren U-Booten als durchaus erfolgreich. Welche aktuellen Entwicklungen bilden in den einzelnen Schiffs- und Bootsklassen die Angebotsgrundlage gegenüber ausländischen Auftraggebern? Nichtatomare U-Boote Russische Marktanalysen gehen davon aus, dass in den kommenden 10 bis 15 Jahren weltweit bis zu 30 nichtatomare U-Boote zu verkaufen sind, wobei Russland sich hier auf einen Marktanteil von bis zu 15% orientiert. Unbestrittener Marktführer in diesem Segment ist die deutsche Rüstungsindustrie mit 33%. Von den im Zeitraum von 2004 bis 2013 weltweit zu erwartenden Verkäufen von mindestens 49 neuen nichtatomaren U-Booten entfallen allein 21 (ca. 43%, knapp 7 Mrd. $) auf Deutschland. Es folgt Russland mit 17 Einheiten für 4,7 Mrd. $ (knapp 35%). (Tabelle 3) Beide Staaten stehen sich in diesem Segment weltweit als direkte Rivalen gegenüber. Die Chancen für Russlands künftige Exporte hängen sehr wesentlich von den Ergebnissen der noch immer nicht abgeschlossenen Erprobungen der "St.Petersburg" (Projekt 677, "LADA") ab. Diese erste Einheit der Serie, entwickelt von der OAG "ZKB MT "Rubin", soll nach vielen technischen, konstruktiven und organisatorischen Problemen jedoch noch in diesem Jahr an die Nordflotte übergeben werden. Die Exportversion (Projekt 677E "AMUR-1650") kann nach Aussagen von Wladimir Alexandrow, dem Generaldirektor der OAG "Admiralitätswerften", nach 2015 geliefert werden. Wie Oleg Asisow, der Chef des Departements der Seekriegsflotte bei "Rosoboronexport", mitteilte, wird sich Russland an der diesjährigen indischen Ausschreibung über 6 Boote beteiligen. Daneben laufen Gespräche mit Vietnam und Ägypten über die Lieferung von Booten des Projektes 636. Gegenwärtig befinden sich auf den "Admiralitätswerften" zwei Boote des Projekts 636 für einen ausländischen Auftraggeber (wahrscheinlich Algerien) im Bau. Aufgrund der internationalen Resonanz auf der IMDS-2007 geht man in den kommenden Jahren von einem steigenden Interesse an Klein- und Kleinst-U-Booten aus. Hier stehen die Entwicklungen des Konstruktionsbüros "Malachit" zur Verfügung. Es handelt sich um die Boote P-130, "PIRANHA-2" und P-550, wobei letzteres auf dem Projekt 865 "PIRANHA" (NATO - "LOSOS") basiert. Diese originellen Boote mit 3 Mann Besatzung wurden vor fast 20 Jahren in lediglich 2 Exemplaren mit einem Bootskörper aus einer Titanlegierung für die eigene Flotte gebaut. Nun kann eine überarbeitete Neuauflage für einige vor allem südostasiatische Staaten zu einer Lösung für den Küstenschutz und die Sicherung es eigenen Küstenvorfeldes werden. Nicht zu unterschätzen ist auch das zivile Einsatzpotenzial solcher Boote bei der Erforschung und Erschließung des Kontinentalschelfs und anderen vielfältigen Aufgaben. Überwasserkampfschiffe Im Marktsegment der Überwasserkampfschiffe wird für den Zeitraum 2004 – 2013 der Verkauf von mindestens 204 Einheiten mit einem Gesamtauftragsvolumen von über 40 Mrd. $ prognostiziert. Eine Besonderheit ist hier der relativ große Anteil eines Sekundärmarktes. Bei diesem Verkauf von bereits eingesetzten Schiffen aus dem Bestand der eigenen Flotten belegen die USA die stärkste Position. Russlands Anteil beschränkt sich hier auf den indischen Modernisierungsauftrag für den ehemaligen Schweren Flugdeckkreuzers "Admiral Gorschkow" (jetzt "Vikramaditya"). Bei den Verkäufen von Neubauten (130 Einheiten für 38,5 Mrd. $) ist wiederum Deutschland mit 20% Marktanteil (26 Einheiten für fast 5,6 Mrd. $) führend. Russland belegt in diesem Segment hinter Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden die fünfte Position über den genannten Zeitraum betrachtet (Tabelle 4) . In der Klasse der Korvetten / Fregatten (etwa 2000 - 4000t Wasserverdrängung) werden angeboten: das Projekt 20382 "TIGR" vom ZMKB "Almaz", das Projekt 11661 "GEPARD" vom Selenodolsker PKB und die Projekte 11356 und 11541 vom Nördlichen PKB. Marktanalysen gehen hier in den nächsten Jahren von einem weltweiten Bedarf von bis zu 70 Einheiten aus. Etwa zwei Drittel davon dürften Aufträge für Neubauten sein. Speziell für das Segment der Korvetten wird in den kommenden 5-6 Jahren ein Marktpotenzial von bis zu 50 Einheiten gesehen. Russland sieht große Chancen, diese Nische mit dem Projekt 20382 zu besetzen. In der Klasse der Zerstörer ist es nach wie vor das Projekt 956E in unterschiedlichen Bewaffnungsvarianten und dessen Weiterentwicklung für den Export, das Projekt 21956. Für all diese Schiffe stehen als Hauptbewaffnung Raketenkomplexe ("Uran-E", "Club-N", "Yakhont" und "BrahMos"), Artilleriesysteme, wie die A-190E, AK-176M und A-192E, sowie Luftabwehrkomplexe "Gibka", "Kashtan" und "Shtil-1" zur Auswahl. Auf Einzelheiten zu den technischen Parametern dieser Systeme sei verzichtet.
Bootsentwicklungen Die folgenden Betrachtungen gehen ebenfalls von einer Analyse der bis zum 1. Januar 2009 bekannten Aufträge aus. Im Zeitraum von 2004 bis 2013 werden danach weltweit nicht weniger als 576 Boote mit einem Auftragsumfang von 10,2 Mrd. $ verkauft werden. Es handelt sich hier um Patrouillenboote, Landungsboote, Raketen- und Artillerieschnellboote. Der Anteil neuer Boote wird sich auf 273 Einheiten belaufen. Die führende Position der USA in diesem Marktsegment (67 Einheiten; 1,72 Mrd. $) basiert wesentlich auf den umfangreichen Lieferverträgen in den Irak (46 Einheiten) aus den Jahren 2007 und 2008. Russlands Weltmarktanteil beläuft sich hier bei 37 Einheiten (1,73 Mrd. $) auf 13,6%. Um welche vornehmlichen Angebote handelt es sich aus russischer Sicht? Das Projekt 20970 "KATRAN" steht als direkter Nachfolger der in großer Stückzahl exportierten Raketenschnellboote vom Projekt 205 (NATO: "OSA") zur Verfügung. Der gegenwärtige Auftragsumfang im Bereich der Marinetechnik beläuft sich nach Aussagen von Oleg Asisow, Chef des Departements Seekriegsflotte bei "Rosoboronexport", auf 6,5 Mrd. $. Trotz vieler innerer und äußerer Probleme geht Asisow nicht nur vom Erhalt dieser Dimension, sondern von einer künftigen Steigerung aus. F a z i tDas Motto "Durch Zusammenarbeit zu Frieden und Fortschritt" ist - dialektisch betrachtet – durchaus keine zynische Verhüllung eines amoralischen Rüstungsexports um jeden Preis. Langfristig gesehen geht es um internationale strategische Vernetzungen auf dem Gebiet maritimer Technologien. Der wirkliche Anspruch liegt darin, das Potenzial eines "eurasischen maritimen Binnenmarktes" zu erkennen. – Und dieser ist seiner Natur nach ein ziviler, auch wenn der aktuelle Macht- und Verwertungsrahmen sowohl in Westeuropa, als auch in Russland selbst, einer anderen Logik folgt. Selbst im Rahmen der allgemein vorherrschenden kapitalistischen Verwertungslogik bieten die objektiven geopolitischen Interessenlagen besondere Ansätze für eine solche Zusammenarbeit. Denn, trotz aller Differenzen zwischen Westeuropa und Russland verfügt doch die jeweils andere Seite zumeist über gerade jene Fähigkeiten und Ressourcen, die zu einer gleichwertigen sozusagen "natürlichen" kontinentalen Partnerschaft drängen. Transatlantische Herrschaftsambitionen stehen einer solchen zivilisatorischen Strategie für Eurasien seit gut einem Jahrhundert diametral entgegen. Das aktuelle Wechselspiel von Zersetzungs- und Konsolidierungstendenzen im Innern sowohl der russischen Gesellschafts-, als auch der Militär-Industrie-Struktur erscheint somit als Zerrbild dieser Rivalität. Auch sind die harten Verdrängungskämpfe auf den internationalen Marinerüstungsmärkten unter diesem Aspekt eher ein geopolitischer als wirtschaftspolitischer Ausdruck dieses permanenten "globalen Schachspiels". Ist aber den heutigen so genannten politischen "Eliten" ihre wirkliche Rolle in diesem Spiel bewusst? Bezüglich Russlands bleiben einige grundsätzliche Zweifel. Bezüglich Deutschlands bestehen diese hoffnungsvollen Zweifel in deutlich geringerem Maße. Hier dominiert nach wie vor eine implantierte Russophobie die öffentliche Meinung und blockiert systematisch eine strategische politische Annäherung an Russland. Soll "europäische Sicherheitspolitik" mehr sein als ideologische Phrase, darf sie sich nicht auf ein vasallentreues Beschwören "transatlantischer Partnerschaften" reduzieren. Eine militär-technische Zusammenarbeit mit Russland verschämt vermeiden, sich aber gleichzeitig als Exportweltmeister auf dem Gebiet der Marinerüstung zu generieren, ist nicht einmal Ausdruck wirtschaftlicher Stärke, sondern lediglich Zeugnis mangelnder Souveränität in der Politik. Auf unserem Kontinent sitzen wir mit Russland tatsächlich in einem Boot – und dies im direkten Sinne, wie die jüngsten Verhandlungen zur Übernahme der Wadan-Werften durch Gazprom illustrieren. Vom 29. Juni bis 3. Juli 2011 wird die IMDS-2011 stattfinden. Wenig Zeit für die Wiedergeburt der russischen Flotte. Viel Zeit jedoch für Westeuropa und besonders Deutschland - und sei es mit "Hilfe" der globalen Wirtschafts- und Finanzkrise - ihre eigene Position in Eurasien zu erkennen. |