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Frank P r e i ß
Einige Gedanken zur gegenwärtigen Mediendarstellung und öffentlichen Wahrnehmung
der Entwicklung in Russland |
Es sind nun zehn Jahre vergangen, seit die UdSSR aufgehört hat zu bestehen. Mit ihr ging ein Staat unter, der in gravierender Weise die politische Landschaft des
vergangenen Jahrhunderts prägte.
Selbst diejenigen Sozialwissenschaftler, die sich in erster Linie mit der Sowjetunion beschäftigten, waren von der Dynamik und Tiefe der vor sich gehenden
politischen, sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen überrascht, ganz zu schweigen von den Politikern oder den zahllosen westlichen Geheimdiensten, die enorme Mittel
aufgewendet hatten, um ein genaues Bild vom vermeintlichen oder tatsächlichen Gegner zu erhalten.
Dabei war spätestens seit der Politik der Glasnost und Perestroika in den achtziger Jahren
augenscheinlich geworden, dass das sowjetische Modell des Sozialismus vor tiefgreifenden Veränderungen stand.
Das implosionsartige Ende der UdSSR zeigte aber, dass die politisch handelnden Akteure im Lande selbst mit ihrer Strategie der "Heilung von Symptomen" keine den aktuellen Herausforderungen und dem Zustand der Gesellschaft entsprechenden Antworten fanden und vielleicht auch nicht finden konnten, da "gesteuerte Großprojekte immer
Risiken und Brüche beinhalten und die ursprüngliche Intention der Akteure sich meist nicht oder nur partiell realisieren."
So setzte ein Vorgang ein, der wohl treffend als postsozialistische Transformation bezeichnet wird und den man sich im Westen in Bezug auf Russland vornehmlich und
alternativlos als Transformation vom zentralplanwirtschaftlichen Staatssozialismus zur marktwirtschaftlichen kapitalistischen Demokratie denkt und wünscht -- ein Vorgang, der bisher keine historischen Analogien kennt, der in allen postsozialistischen europäischen Staaten abläuft, jedoch in seinem konkreten Verlauf und in seinen Inhalten neben Gemeinsamkeiten von Land zu Land auch starke Differenzen aufweist.
Dieser Wandlungsprozess hat Russland in den letzten Jahren gravierend verändert. Die Wahrnehmung dieser Veränderungen in Deutschland ist jedoch aus meiner Sicht in zweierlei Hinsicht verstellt:
Erstens existiert eine "objektive Verstellung", die aus dem Gegenstand der Betrachtung resultiert. -
Hier ist auf die Größe des Landes, die Vielzahl wirtschaftlich, sozial-kulturell, national und religiös unterschiedlich geprägter Regionen zu verweisen, die nunmehr entweder Teil der russischen Föderation oder einer der Nachfolgestaaten der Sowjetunion sind und sich
wechselseitig stark beeinflussen. Es ist in der Praxis äußerst schwierig, wesentliche, die weitere Entwicklung wirklich bestimmende Vorgänge zu erfassen, zu untersuchen und zu verallgemeinern.
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Weiterhin erweist sich die historisch traditionelle "Westorientierung" deutscher Politik, Wirtschaft und Wissenschaft als Hindernis bei einer unvoreingenommenen Analyse der in Russland vor sich gehenden Prozesse. Das in der DDR vorhandene und durchaus nutzbare Potential von Sach- und nicht zuletzt auch Sprachkundigen wurde und wird im Zuge des Austausches der Funktionseliten der DDR nach 1990 nicht oder nur unzureichend genutzt.
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Letztendlich war die Situation in der Russischen Föderation selbst, in einer "Dekade konfuser Reformpolitik unter Boris Jelzin, die teilweise von Zusammenbruch und Anarchie gekennzeichnet war", in der die Opposition vom Präsidenten 1993 mit Panzern bekämpft wurde, ein äußerst fragiles Fundament für gegenseitiges Kennen- und Verstehen lernen.
Ob mit dem Wechsel des Präsidenten nunmehr nachhaltig bessere Bedingungen entstehen werden, ist schwer abzuschätzen und wird sich in der Praxis zeigen. Den Tendenzen der weiteren Demokratisierung und Öffnung stehen durchaus auch Versuche gegenüber, zumindest teilweise zu einer geschlossenen Gesellschaft zurückzukehren.
Zweitens gibt es m.E. auch eine "subjektive Verstellung", die sich aus der Art der Betrachtung des Gegenstandes ergibt. -
Hier scheint mir das in der Bundesrepublik vorherrschende Russlandbild wichtig, das offensichtlich in wesentlichen Zügen nicht nur immer noch vom Kalten Krieg geprägt ist, sondern teilweise auch bis auf die Zeit der Hitlerdiktatur zurückgeht. Es ist zu hinterfragen, ob nicht auch unbewältigte nationale Komplexe wirken. Der aufmerksame Beobachter kann sich jedenfalls manchmal des Eindruckes nicht erwehren, dass der Untergang der UdSSR als späte Genugtuung für die Niederlage Deutschlands in 2. Weltkrieg empfunden wird. Auf die hier von mir vermuteten Unterschiede zwischen den "neuen" und "alten" Bundesländern soll nicht näher eingegangen werden. Untersuchenswert ist aber, ob es besonders gravierende antirussische, respektive antislawische Intentionen in der deutschen Bevölkerung gibt und, wenn ja, wodurch sie erzeugt und reproduziert werden.
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Medien sollten vor allem auch als Vermittler von Kenntnissen fungieren. In zunehmendem Maße steht aber nicht mehr dieser objektive Informationsauftrag im Mittelpunkt, sondern die
kommerzielle Verwertbarkeit, ausgedrückt durch Auflagen, Einschaltquoten etc. Hinzu kommt eine offensichtliche Inkompetenz in Fachfragen und speziellen Sachgebieten. Es wäre jedoch naiv zu glauben, dass die vorhandenen Defizite lediglich auf handwerklichen Fehlgriffen beruhen und auf Flüchtigkeit und Oberflächlichkeit zurückzuführen sind. Beschäftigt man sich mit der Sprache der modernen Massenmedien, so wird deutlich, dass irreführende Darstellungen keineswegs zufällig sind.
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Politik, Medien und Wissenschaft haben und bedienen immer auch einen gesellschaftlichen oder gruppenspezifischen Auftrag. Die Bundesrepublik ist Teil einer spezifischen
Macht -und Interessenstruktur. Tatsache ist schlicht und einfach, dass Westeuropa und zunehmend auch Mitteleuropa weitgehend ein amerikanisches Protektorat bleiben, dessen alliierte Staaten an Vasallen und Tributpflichtige von einst erinnern. Dies ist kein
gesunder Zustand, weder für Amerika, noch für die europäischen Nationen.
Die oftmals beschworene neue Sicherheitsarchitektur nach Ende des kalten Krieges ist (noch ?) nicht entstanden. Das Denken und Handeln in den Kategorien der militärischen Gewalt bestimmen über weite Strecken nach wie vor den politischen Alltag.
Neue Ansätze oder auch nur der Versuch, herkömmliche Lösungswege in Frage zu stellen,
werden oftmals nicht nur abgelehnt, sondern als Angriff auf die einzig mögliche, vernünftige und machbare Ordnungsstruktur bekämpft. Dabei wird oft mit allgemeinen Begriffen wie Verteidigung von Freiheit, Recht und Demokratie operiert, ohne diese inhaltlich genau zu bestimmen.Die dahinter stehenden partiellen Interessen und ihre Protagonisten bleiben unscharf.
Die weitere Entwicklung der Russischen Föderation und die Fähigkeit der Bundesrepublik Deutschland, einen eigenständigen Beitrag zur Ausgestaltung der Beziehungen zu Russland zu leisten, wird die politische Landschaft Europas in den kommenden Jahren wesentlich prägen.
Die dabei zu überwindenden Vorurteile, Vorbehalte und Schwierigkeiten sind allerdings auf beiden Seiten nicht gering.
Wenn es jedoch gelänge, nach den tragischen Ereignissen in der Geschichte der Beziehungen
von Deutschen und Russen zu einer historischen Aussöhnung und einer Neubestimmung der gemeinsamen Zukunft zu gelangen, dann rechtfertigte dies alle Mühen und Anstrengungen, die vor beiden Seiten stehen.
FP, im März 2001
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