Es ist etwas stiller um die Ukraine geworden, nachdem der hierzulande als prowestlicher Demokrat apostrophierte Viktor Juschtschenko beim zweiten Anlauf endlich zum Präsidenten "gewählt" wurde. Vielleicht werden wir nie erfahren, warum man ihn vorher ausgerechnet mit dem Pflanzenvernichtungsmittel "Gelber Regen", dem russischen Pendant zu Agent Orange umbringen wollte. Jedenfalls war die Spur nach Moskau gelegt und der Zweck erfüllt. Beweise gibt es nicht und das Ergebnis der medizinischen und staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wird bisher verschwiegen.
Zum Glück für die neuen Statthalter der westlichen Demokratie wird die Masse der Ukrainer wohl kaum die New York Times lesen. Da war am 17.01.2005 in einem Beitrag mit dem bezeichnenden Titel, "Wie Top-Spione in der Ukraine den Weg der Nation veränderten" zu erfahren, dass die simple Wahlfälschung durchaus noch Steigerungen erleben kann.
Juschtschenko hat seine politische Mannschaft nun installiert. Die schillernde Figur der Premierministerin Julia Timoschenko, auf die die russische Staatsanwaltschaft schon vor geraumer Zeit einen Haftbefehl wegen der Verwicklung in eine Korruptionsaffäre ausgestellt hat und die wohl auch deshalb keinen Hehl aus ihrer antirussischen Einstellung macht, steht dabei zweifelsohne im Mittelpunkt des Medieninteresses.
Dabei gibt es auch so interessante Leute wie den neuen Verteidigungsminister Anatolj Stepanowitsch Grizenko, den ehemaligen stellvertretenden Chef des Wahlkampfstabes des Präsidenten. Was aber den 1957 geborenen ehemaligen Luftwaffenoffizier der Sowjetarmee so geeignet macht, diese Schlüsselposition in der Ukraine einzunehmen, hat dieser bisher noch nicht gezeigt. Der Absolvent des Institutes für Fremdsprachen des US-Verteidigungsministeriums (1993) und der Universität der Luftstreitkräfte (1994) der USA scheint aber so recht nach dem Geschmack von Frau Condoleezza Rice zu sein. Diese erklärte erst kürzlich, dass "die ukrainischen Pläne zur Zusammenarbeit mit der NATO die Grundlage für rasche Schritte sind, um die demokratischen Prozesse in der Ukraine weiter fortzuführen und den Weg nach Europa zu bereiten."
Wie einige Spitzenmilitärs in Russland die Worte der amerikanischen Freunde deuten, zeigt die Erklärung des Oberkommandierenden der Russischen Seekriegflotte, Flottenadmiral Wladimir Kurojedow vom 11. Februar, dass die Schwarzmeerflotte bis zum Jahr 2017 zwei neue Hauptstützpunkte erhalten wird. Auch wenn sofort ein direkter Zusammenhang mit der jüngsten politischen Entwicklung in der Ukraine dementiert wurde, sind fast alle russischen Experten vom Gegenteil überzeugt.
Die Schwarzmeerflotte Russlands hat ihren einzigen großen Stützpunkt in Sewastopol auf der Krim. Nach dem Zerfall der UdSSR befanden sich die Hauptstützpunkte Sewastopol, Odessa, und Poti faktisch über Nacht im Ausland. Nach der Teilung der Flotte zwischen Russland und der Ukraine hatte man sich auf die langfristige Nutzung Sewastopols durch Russland vertraglich geeinigt und ist miteinander recht gut ausgekommen. Nachdem aber antirussische Emotionen im Wahlkampf in der Ukraine bewusst geschürt und instrumentalisiert wurden, ist das gegenseitige Vertrauen mehr als nur erschüttert.
Die jetzige Entwicklung ist für Russland auch psychologisch bitter. Sowohl im Krimkrieg 1853-1856 als auch im Zweiten Weltkrieg wurde die Festung Sewastopol erbittert verteidigt und fiel erst nach langer Belagerung in Feindeshand. Sie ist als "Heldenstadt" eines der wichtigsten Symbole der militärischen Traditionen, auf die sich die Russische Föderation ausdrücklich beruft.
Die Suche nach geeigneten Ausweichmöglichkeiten ist aber sehr kompliziert, und das hat nicht nur mit den damit verbundenen Kosten zu tun. Russland plant, zunächst den Hafen Noworossisk bis 2011 auszubauen, und will dafür 6 Milliarden Rubel (etwa 171 Mio. €) zur Verfügung stellen. Dabei sind der Hafen der Stadt und die Zemessbucht als Standort für die Hauptkräfte der Flotte schlecht geeignet. Das Gebiet wird regelmäßig von starken Fönstürmen aus dem Kaukasus heimgesucht, die die Schifffahrt oftmals tagelang lahm legen. Auch der zweite geplante Flottenstandort erweist sich als äußerst problematisch. Dieser soll zwischen Gelendshik und Tuapse im Gebiet der Stadt Dshubga entstehen. Dort gibt es aber nur kleinere Kurorte mit winzigen Anlegestellen am offenen Meer. Schützende Buchten oder andere geeignete Ankerplätze sucht man fast an der gesamten russischen Schwarzmeerküste am Fuße des Kaukasus vergeblich. Außerdem ist die Infrastruktur im Hinterland schwach entwickelt.
Als Ausweg schlägt der ehemalige Oberkommandierende der Schwarzmeerflotte, Eduard Baltin, vor, einen Großstützpunkt im Gebiet des Witjasewo-Limans an der Südküste der Tamanhalbinsel, nördlich Noworossisks zu errichten. Dort sind die natürlichen Voraussetzungen fast ideal. Das Gebiet liegt allerdings unweit der Ukrainischen Grenze und damit vielleicht auch bald im unmittelbaren Nahbereich der NATO. Russlands Flottenführung möchte offensichtlich nunmehr auch geografisch so weit wie möglich von den feindlichen slawischen Brüdern in der Ukraine abrücken.
Das Schicksal der russischen Flotte im Schwarzen Meer ist somit ungewiss. Wenn die "orangene Revolution" in Kiew Russlands Marine in der Region tatsächlich den Todesstoß versetzt haben sollte, hat sich das westliche Engagement mehr als bezahlt gemacht. Man ist dann dem Ziel der militärischen Alleinherrschaft in der strategisch wichtigen Schwarzmeer-Kaukasusregion ein großes Stück näher gekommen. Kostengünstig und ohne direkte Konfrontation mit Russland war es ein Meisterstück der Machtausdehnung des Westens.
Man möchte eigentlich mehr wissen. Aber über Geld, Agenten und Gift spricht man in Kiew zurzeit nicht gerne.