Impressum | [DSS WebStruktur]   [Preiß-Home]   [DSS-Home] |  31.03.2005





Frank   P r e i ß

Untergang, Befreiung, Niederlage, Sieg?


Bei der Bewertung des 60. Jahrestages des Sieges der Anti-Hitler-Koalition über das faschistische Deutschland scheiden sich alte und neue Geister


Ein milder, belebender und hoffnungsvoll stimmender Hauch von Frühling zog am 16. März durch das Zentrum Berlins. Ein besseres Symbol hätte es für die Veranstaltung, zu der die "Berliner Freude der Völker Russlands e.V." in das Russischen Haus in der Friedrichstraße eingeladen hatten, gar nicht geben können.

Was die Teilnehmer in den Vorträgen und in der anschließenden Diskussion zu hören bekamen, hob sich wohltuend von dem ab, was uns von den bürgerlichen Mainstreammedien bei deren "Vorbereitung" des Jahrestages zugemutet wird.

Dass es sich bei Guido Knopp nicht um einen abstrusen Einzeltäter handelt, konnte man den Worten des Vertreters der russischen Botschaft entnehmen, der die Teilnehmer von offizieller russischer Seite begrüßte und nicht vergaß, sehr diplomatisch darauf hinzuweisen, dass die vielen geplanten Treffen und Veranstaltungen zum Gedenktag bisweilen auch auf unverhüllte Ablehnung treffen. Er verwies unter anderem darauf, dass auch die "rot-rote" Koalition in Berlin den gleich­farbigen Stift bei der Förderung der Vorbereitung des Jahrestages ansetzt.

Die Veranstaltung hätte einen regeren Zulauf verdient gehabt. Leider waren offenbar nur Insider davon informiert. So ist wohl manchem Interessierten eine wichtige und wertvolle Informationsmöglichkeit genauso entgangen wie die Chance, einige "lebende Legenden" zu sehen, wie den fast schon legendären Professor Stefan Doernberg, der als Leutnant der Roten Armee zu den Zeitzeugen der Niederlage des deutschen Faschismus zählt, und der nicht nur als Jude, wie in einem kürzliche Fernsehbericht verkürzend erklärt, sondern auch als Kommunist zeigte, dass nicht alle Deutschen für Hitler schossen oder Geschäfte machten. Auch nach dem Ende der DDR, in der er als Historiker und Diplomat tätig war, ist er ein Mahner gegen das Vergessen und Vergessenmachen geblieben.

Die Hauptreferenten, darunter die Historiker Prof. Horst Schützler und Prof. Kurt Pätzold erwiesen sich genauso wie die russischen Gäste, darunter der bekannte Prof. Igor Maximytschew, als profunde Kenner und klare Analytiker der viel­schichtigen Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen im vergangenen Jahrhundert. Während der ehemalige Gesandte der UdSSR in der DDR heute am Europainstitut der Akademie der Wissenschaften arbeitet und forscht, handelte es sich bei den deutschen Teilnehmern zumeist um "abgewickelte" DDR-Intellektuelle, die sich trotz des Verlustes ihrer wisssenschaft­lichen Heimstatt nicht zum Schweigen bringen lassen.

Was dem akademischen Nachwuchs an Sachkenntnis und wissenschaftlicher Kompetenz hierzulande vorenthalten wurde, als man im Rahmen der politischen Säuberungen der ostdeutschen Hochschulen und Universitäten, seinerzeit als Evaluierung verklausuliert, tausende Wissenschaftler von ihren Wirkungsstätten vertrieb, wurde einmal mehr deutlich.

Ein von den Veranstaltern unverschuldeter Mangel war die Tatsache, dass kein Vertreter der "offiziellen" bundesdeutschen Geschichtsauffassung auftrat. Es wäre schon aufschlussreich gewesen, wie deren Apologeten die unvermeidliche und ständig präsente These der "Ablösung einer Diktatur durch die Nächste" und die hartnäckige Fama von der alleinigen "sowjetischen Schuld an der deutschen Teilung" im Lichte der neuesten russischen Quellenforschungen, die Maximytschew vorstellte, verteidigt hätten.

Freilich, wer von ihnen stellt sich ohne Not und aus freien Stücken einer sachlichen und offenen Diskussion mit so sach­kundigen Opponenten?

Nein das einhellige Urteil von Philistern und Revanchisten steht fest! Befreiung? Ach wo! Niederlage? Fehlanzeige! Wir sind die wahren Gewinner, und die vermeintlichen Sieger können uns mal. Was? Als Niedriglohnarbeiter dienen und ihr Land und deren Schätze überlassen. Sozusagen der zweite Bildungsweg für verpasste Siege und die Auflösung von Geschichte durch feindliche Übernahme.

Unlängst schrieben zwei namhafte Militärhistoriker der BRD daher auch, dass die Befreiung des Ostens erst 1989 statt­gefunden habe. Kohl und Weigel also als die wahren Shukows und Konews. Wenn man die Kriegsentscheidung kurzerhand vom Wolgastrand an die Omaha-Beach verlegt, dann ist von einem gutgläubigen Irrtum längst nicht mehr ausgehen.

Die geistige Lufthoheit in den bürgerlichen Medien übergibt man den Guido Knopps, die eifrig überlagerte Gedächtnis­protokolle sammeln und diese thesen- und auftragsgerecht selektieren. Einfalt wird kaum noch als Vielschichtigkeit getarnt und mit einigen Pirouetten werden sogar aus den Gruftis der Reichskanzlei glaubensprägende Zeitzeugen.

War der 8. Mai also nur eine Etappe im bisher unvollendeten Gefecht gegen den Totalitarismus, wie uns allenthalben entgegentönt? Ist der Kampf gegen den internationalen Terrorismus gar die Fortsetzung des 8. Mai 1945, und findet am Hindukusch oder in Faludscha die letzte Schlacht statt?
Oder brachte dieser denkwürdige Tag nicht doch, wie einer der Teilnehmer des Berliner Kolloquiums meinte, die "Befreiung der Deutschen von ihrer definitiv schändlichsten Rolle, die sie bis dahin gespielt hatten?"

Besteht nicht ständig die Gefahr, im neuen Gewand wieder in eine ähnlich miese Rolle zu schlüpfen?
Zumindest sollte nie mehr behauptet werden können, man habe von alledem nichts gewusst oder keine Möglichkeiten gehabt, etwas zu erfahren.

Danke an die "Berliner Freunde der Völker Russlands e.V.".

(31.03.2005)

 

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