Prolog in Bern
Eine junge Russin fährt Anfang der neunziger Jahre in die Schweiz und studiert dort Sozialpädagogik. Damit das Studentenleben nicht allzu spartanisch verläuft, kauft ihr der Papa aus dem fernen Moskau eine Wohnung und auch sonst muss Irina nicht jeden Franken dreimal umdrehen. Nach dem Studium, inzwischen Schweizer Staatsbürgerin, gründet sie einige Firmen, unter anderem im Immobiliengeschäft. Die diskreten Schweizer fragen nicht danach, woher das Startkapital kommt. Inzwischen hat sich auch dort herumgesprochen, dass einige Russen über Nacht ungeheuer reich geworden sind und man lieber nicht nach dem Wie fragt.
Die Jahre gingen ins Land, und in Moskau regiert mittlerweile ein Präsident, der nicht müde wird zu betonen, dass er Garant für die Schaffung eines Rechtsstaates sei, wenngleich in rätselhaft "vertikaler Ausführung".
Während die Öffentlichkeit mit Spannung auf das Urteil im Prozess gegen den Ex-Haupteigner des JUKOS-Imperiums, Multimilliardär Michail Chodorkowski wartet, macht sich Anfang Mai ein älterer, asketisch wirkender Herr aus Moskau auf den Weg ins ferne Bern. Dort wird er am 2. Mai verhaftet. Eigentlich wollte Jewgenij lediglich seiner Tochter Irina helfen, einige "Unstimmigkeiten" mit deren Konten zu klären.
Stattdessen eröffnet ihm die Schweizer Justiz, dass auf seinen Namen ein Haftbefehl und ein Auslieferungsantrag eines US-Gerichtes vorliegen. In Pittsburgh wirft ihm ein Bezirksstaatsanwalt unter anderem vor, einige Millionen US-Dollar veruntreut zu haben. Nun hat die Schweizer Justiz 60 Tage Zeit, den amerikanischen Antrag zu prüfen. Zwischenzeitlich hat auch Russland die Rückführung ihres Staatbürgers beantragt, was die Entscheidung der Schweizer nicht gerade erleichtern dürfte.
Eine gewöhnliche Geschichte?
Eine banale Kriminalstory, die höchsten den Stoff für einen Serienfernsehkrimi oder einen Kriminalroman liefern kann? Dass mit dem Reichtum der "neuen Russen" nicht alles rechtens ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen.
Aber Herr Jewgenij ist nicht der kriminelle Russe, wie man ihn sich landläufig vorstellen mag. Er hat einen Doktortitel, aus seiner Feder stammt eine Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen, und er scheut das Licht der Öffentlichkeit keineswegs. Nicht nur einmal hat er Präsident Putin persönlich getroffen. Kurz, ein scheinbar respektabler Mann.
Es handelt sich um den 65-jährigen Jewgeni Adamow, Atomwissenschaftler, Direktor eines angesehenen Forschungsinstitutes und von 1998 bis 2001 Chef des Atomministeriums der Russischen Föderation. Und hier zeigt sich wieder einmal, dass die Phantasie eines Drehbuch- oder Romanautors oftmals nicht die Spannung und Brisanz hervorbringt, die uns das Leben unerwartet präsentiert.
Man muss kein ausgewiesener Russlandexperte sein, um zu ahnen, was es bedeutet, wenn der ehemalige Chef des allmächtigen Atomressorts eine unfreiwillige Einladung in die USA erhält. Im MINATOM, so die übliche russische Abkürzung für die Superbehörde, laufen alle Fäden der Nuklearpolitik und deren Umsetzung zusammen. Auch alle militärischen Projekte stehen unter der Ägide des Ministeriums, dem Adamow einst vorstand.
Die Vereinigten Staaten in Gestalt der Pittsburgher Bezirksstaatsanwältin Mary Buchanan beschuldigen Adamow, Anfang der 1990er Jahre mindestens 9 Millionen US-Dollar an Geldern, die für die Atomindustrie der Russischen Föderation gedacht waren, veruntreut zu haben.
Der Kernforscher Adamow, der in der Endzeit der Sowjetunion das Moskauer Institut für Energietechnik des Ministeriums für Atomindustrie (NIKIET) leitete und diesem seit 2001 wieder vorsteht, war 1990 zum Chef der Firma "Ergopool" bestellt worden. Diese sollte die Konsultationen zwischen der UdSSR/Russland und den USA auf dem Gebiet der atomaren Sicherheit begleiten und als Mittler und Schnittstelle für die finanziellen Transaktionen dienen. Adamows Forschungsinstitut befasste sich unter anderem mit der Reaktorsicherheit, und so war es kein Zufall, dass er eine Schlüsselposition im sich anbahnenden "marktwirtschaftlichen" Atomgeschäft besetzte.
Von amerikanischer Seite erhielt die Firma "Westinghouse" wichtige Aufträge, die offiziell die Reaktorsicherheit in Russland erhöhen sollten, aber auch der Infiltration der russischen Atomindustrie dienten. Finanziert wurde dies nur auf den ersten Blick von den USA, und die Amerikaner versuchten den Anschein zu erwecken, ihr Engagement sei völlig uneigennützig. Aber dazu später.
Gemeinsam mit dem leitenden Mitarbeiter von "Westinghouse", dem Ende der 1970er Jahre in die USA emigrierten ehemaligen sowjetischen Atomwissenschaftler Mark Kauschansky, der mittlerweile die US-Staatsbürgerschaft besitzt, soll Adamow die US-Hilfe über die Konten verschiedener Scheinfirmen in seine und Kauschanskys Taschen umgeleitet haben. Die Pittsburgher Staatsanwaltschaft meint, dass zwischen 1993 und 1998 etwa 11 Millionen US-Dollar auf diesem Wege "verschwanden". Sollte sich dies bestätigen, so drohen Adamow in den USA eine Freiheitsstrafe von 60 Jahren und etwa 1,7 Mio. US-Dollar Geldbuße.
Schlagabtausch auf "hohem Niveau"
Die Affäre ist viel zu brisant und die Hauptfigur viel zu gewichtig, als dass sie nicht sofort eine Vielzahl von Spekulationen und Mutmaßungen hervorgerufen hätte. Zunächst eröffnete die US-Staatsanwältin Buchanan den Reigen. Sie meinte, Adamow müsse bei seinen Machenschaften mächtige Helfer gehabt haben. Diese machte sie freilich nicht in den USA aus, sondern spielt wohl darauf an, dass der russische Geheimdienst FSB bereits im Jahre 2001 wegen Korruption im Umfeld Adamows ermittelte. Damals musste dieser zwar seinen Hut als Minister nehmen, entging aber einer Strafverfolgung, obgleich sich die Hinweise gegen ihn ständig verdichtet hatten. Die Untersuchungen wurden vom damaligen FSB-Direktor Stepaschin persönlich geleitet. Dieser habe offensichtlich einen öffentlichen Skandal vermeiden wollen und wichtiges Material der Justiz und der Öffentlichkeit vorenthalten, so jedenfalls einige Stimmen in Russland. Der Pittsburgher Tritt nach Stepaschin, der von einigen als ernsthafter Kandidat für das russische Präsidentenamt nach den Wahlen von 2008 gehandelt wird, ist sicher nicht zufällig. Stepaschin ist in Washington nicht gerade beliebt. Viel wichtiger scheint die Chance, Wladimir Putin als vermeintlichen Schirmherrn krimineller Aktivitäten an den Pranger zu stellen. Es bietet sich die Gelegenheit, Russland vor der Weltöffentlichkeit als Land bloßzustellen, in dem Kriminelle an den nuklearen Schalthebeln sitzen und in dem daher nicht die geringsten Voraussetzungen für einen sicheren Umgang mit der Kerntechnologie gegeben sind.
Hat man dies erst einmal der UNO, der OSZE oder auch der NATO plausibel gemacht, dann ist es nur noch ein Schritt zur Forderung, Amerika solle mehr Verantwortung für die nukleare Sicherheit übernehmen und die völlige Kontrolle über Russlands Atomindustrie, einschließlich der Kernwaffen, ausüben. Damit aber nicht genug. Einer der Vorwürfe gegen Adamow lautet, dieser habe unerlaubt Unterlagen zur Nukleartechnik an den Iran gegeben. Zwar hat dies Teheran vor einigen Tagen postwendend dementiert, der Vorwurf, Russland befördere den "internationalen Terrorismus", steht nun aber im Raum. Und das ist ein weiterer Grund, Russland stärker unter US-Kontrolle zu nehmen.
In Russland stellt man sich die Frage, warum man in den USA erst jetzt die Machenschaften Adamows registriert. Die Geldströme seien schließlich von dort aus an die Scheinfirmen in den Vereinigten Staaten, Monaco und Frankreich geflossen und nie auf den Bestimmungskonten in Russland angekommen. Warum, so fragt zum Beispiel die Moskauer Zeitung "Iswestija", haben die US-Behörden nicht bemerkt, dass sie die Zahlungen an "falsche" Konten veranlassten. Die Masche, mit der Adamow und sein Komplize vorgingen, sei so durchsichtig gewesen, dass sie selbst der dümmste Beamte hätte erkennen müssen. Statt an "Ergopool" ging ein Teil der "Hilfsgelder" auf die Konten der von den Beschuldigten nur zu diesem Zweck gegründeten Firmen "Ergo Pool" in Pennsylvania und Delaware und auch an eine "Omeka Ldt.". Ein Teil der Mittel wurde dann von Adamow in Projekte in den USA, Russland, der Ukraine und Kasachstan "investiert". Bei genauerer Prüfung hätte auch auffallen müssen, dass über die Scheinkonten offensichtlich das Studium der Irina Adamowa in der Schweiz bezahlt wurde und der Atomminister wohl auch deren Firmen finanzierte. Dass dies mit einem russischen Wissenschaftler- oder auch Ministergehalt kaum möglich ist, pfeifen selbst die Spatzen von Moskaus Dächern.
Durchdachte Aktion oder Zufallstreffer?
An Zufall, dass die Bombe gerade jetzt platzte, mag daher keiner so recht glauben. Es wird spekuliert, die Amerikaner hätten die Trumpfkarte nunmehr ganz bewusst aus dem Ärmel gezaubert. Dass die Amerikaner Adamows habhaft werden wollen, um ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen, mag in Moskau indes keiner so recht glauben. Es ist nicht unbekannt, dass im amerikanischen Rechtssystem Deals zwischen Angeklagten und der Anklage nichts Außergewöhnliches sind. Was ist Jewgenij Adamow bereit auszusagen, nur um nicht bis zu seinem 126. Geburtstag hinter Gittern zu sitzen? Nein, es geht nicht etwa um großartige Militärgeheimnisse. Diese können sich die USA viel einfacher und ohne Medienrummel bei korrupten russischen Spitzenbeamten und -militärs beschaffen. Hier geht es um die Demontage der Russischen Föderation. Bringt man Russland erst einmal in die Nähe von Schurkenstaaten und beweist, dass das Land kein gleichwertiges Mitglied der demokratischen Völkergemeinschaft sein kann, dann ist der Zerfall der Russischen Föderation zum Greifen nahe. Wer wird dann noch deren mögliche Zerstückelung bedauern? Wenn Russland in naher Zukunft tatsächlich kollabieren sollte, wie es Generaloberst Leonid Iwaschow für möglich hält und in der Presse erst kürzlich beschrieb, dann liegen die Ursachen dafür vor allem in Russland selbst. Nicht Militärschläge der NATO oder der "internationale Terrorismus" sind gegenwärtig die Hauptgefahr für das Land. Neben dem Nationalismus ist die Korruption wohl die wichtigste Bedrohung der Föderation. Auch die Angst vor einer Elitenrevolte sitzt Putin latent im Nacken. Schaut man sich einen Teil der Führungskräfte Russlands an, dann versteht man die Sorgen vieler einfacher Bürger zwischen Smolensk und Wladiwostok.
Die Furcht vor dem Einfluss und der Macht der Gewinnler der "Transformation" und vor der allmächtigen Bürokratie ist der Hauptgrund dafür, warum Wladimir Putin es vermeiden muss, diese allzu stark zu kontrollieren. Die Schwamm-Drüber-Mentalität, mit der der Präsident vor fast sechs Jahren startete, mag ihm einerseits anfänglich einigen politischen Spielraum verschafft haben. Anderseits kann das Rumoren der Leichen im Kremlkeller die scheinbare Allmacht des Hausherren jederzeit unverhofft ins Wanken bringen. Wie Adamow haben offensichtlich viele politische und wirtschaftliche Akteure eine Vergangenheit, die sie angreifbar und erpressbar machen.
Der Miniatur-Stalin am Atomhebel
Dabei handelt es sich keineswegs um ein Staatgeheimnis, dass Adamow keine weiße Weste hat. Der Dumaabgeordnet Boris Resnik erklärte vor einigen Tagen gegenüber der Presse, man sei schon seit Jahren im Bilde darüber, dass der Exminister erhebliche Gelder für sich "abzweigte". Es wirft wieder einmal ein bezeichnendes Licht auf die Rechtslage und die tatsächlichen Machtverhältnisse Russlands, wenn trotzdem jahrelang keine Reaktion der Staatsmacht erfolgte. Das Thema Transformationskriminalität ist mit einem Chodorkowski-Prozeß offensichtlich nicht abgehakt. Sind die Vorwürfe, die gegen Adamow nunmehr in Russland hörbar werden, auch nur teilweise wahr, dann erscheint die Affäre JUKOS fast banal.
Seine Mitarbeiter nannten Adamow unter der Hand "Stalin", weil er angeblich, wie einst der "Große Führer", gegen Kritiker äußerst rücksichtslos vorging. Russische Beobachter bringen ihn in direkte Verbindung mit dem rätselhaften Tod des populären Jelzin-Kritikers und Dumaabgeordneten General Lew Rochlin am 3. Juli 1998, dem "Selbstmord" des Inspektors der Atomaufsicht Ruwim Nurejew und einiger anderer "tragischer Ereignisse".
Auch der Publizist und ehemalige Dumaabgeordnet Juri Schtschekotschichin sei, so die Vorwürfe in der russischen Presse, an der "Adamowschen Krankheit" gestorben. Kurz nachdem er im russischen Fernsehen diesen öffentlich der Bestechlichkeit beschuldigte, verschied der couragierte Journalist unter mysteriösen Umständen am 28. Juni 2003 im Kremlkrankenhaus.
Die Todesliste Adamows sei aber länger, so ein Kommentator kürzlich. Dazu zähle indirekt auch der Direktor des Russischen Föderalen Kernzentrums in Sneschinsk (früher Tscheljabinsk-70), Wladimir Netschai. Dieser hatte sich 1996 in seinem Arbeitszimmer erschossen. In einem Abschiedbrief erklärte er, dass er sich schäme, seine Mitarbeitern schon monatelang nicht bezahlen zu können, und dass sein Lebenswerk auf Grund der Umstände zunichte gemacht worden sei. Wo das Geld, das auch für Sneschinsk bestimmt war, damals unter anderem versickerte, wissen wir heute. Etwa zur gleichen Zeit kaufte der rührige Vater Adamow dem Töchterchen die Schweizer Eigentumswohnung.
Sind die Presseenthüllungen lediglich Übertreibungen ehrgeiziger und sensationsgieriger Journalisten oder kann der noch schwelende Brand jederzeit zum Feuersturm werden?
Des Pudels Kern
Diese Möglichkeit sieht jedenfalls der ehemalige Verteidigungsminister (1996-1997) und jetzige Dumaabgeordnete Armeegeneral Igor Rodionow. Der Zeitung "Moskowskij Komsomolez" sagte er: "Ich wollte dem Präsidenten persönlich erklären, dass wir es hier offensichtlich mit einem Fall von Vaterlandsverrat kolossalen Ausmaßes zu tun haben. Aber Putin hat mir nicht mal geantwortet."
Rodionow und einige andere Politiker und Militärs verweisen hier unter anderem auf zwei äußerst brisante Affären: Die "preiswerte" Abgabe von Kernbrennstoff, unter anderem kernwaffenfähiges Uran, an die USA und den Bau und Betrieb des Lagers für radioaktives Material bei der Stadt Osersk in der Nähe von Tscheljabinsk.
1993 unterschrieben der russische Premier Wiktor Tschernomyrdin und der Vizepräsident der USA Al Gore eine Vereinbarung über den Verkauf von 500 Tonnen Uran aus Russland an die USA. Der ausgehandelte Preis habe 11,9 Mrd. US-Dollar betragen. Dies sei aber, so der russische Kernphysiker Iwan Nikitin, nur der Bruchteil des Marktwertes. Der Verlust für Russland gehe somit in die Milliarden Dollar. Russland habe bisher etwa 200-250 Tonnen geliefert. Der Vertrag läuft bis 2013. Mit der Lieferung, so der Experte, sei aber nicht nur ein riesiger wirtschaftlicher Schaden entstanden. Die Existenz der russischen Atomwirtschaft stehe auf dem Spiel.
Eine Reihe von Vertragunterlagen sei überdies "verschwunden". Gerade die Suche nach diesen habe General Rochlin das Leben gekostet. Armeegeneral Rodionow hatte sich zu diesem Thema sowohl im Mai 2004 als auch im April/März diesen Jahres direkt an Präsident Putin gewandt, sei aber ohne Antwort geblieben. Das verwundert wohl kaum, wenn man betrachtet, welche Namen in Zusammenhang mit der Affäre genannt werden. Ein russischer Journalist meint kürzlich, er habe sich schon immer gewundert, wie der ehemalige Regierungschef (1992-1998) Wiktor Tschernomyrdin zu seinem geschätzten Vermögen von über 1,3 Mrd. US-Dollar gekommen sei. Auch andere bekannte Namen fallen im Kontext der Vorgänge immer wieder.
Kurz zum zweiten mysteriösen Fall. Im Oktober 1993 begann der Bau des "gemeinsamen" Atomlagers. Das Projekt war ebenfalls Bestandteil der Vereinbarung Gore-Tschernomyrdin. Das 1,2 Mrd. US-Dollar teure Projekt, von dessen Kosten die USA ursprünglich 800 Mio. übernehmen sollten, angeblich bisher aber lediglich 160 Mio. überwiesen, wurde unter strengster Geheimhaltung errichtet. Erst 2001, nach der Entlassung Adamows, drangen einige Informationen an die Öffentlichkeit. Adamow hatte es vermocht, sowohl die staatliche Atomaufsicht als auch das Verteidigungsministerium vom Objekt fernzuhalten. Sogar der angeblich allmächtige FSB habe keinen Zugang gehabt. Das Regime im Inneren der geheimnisvollen Anlage läge einzig in den Händen der Amerikaner! Mitten in Russland steht also ein Atomobjekt mit fast 600 Tonnen Nuklearmaterial unter der ausschließlichen Kontrolle der USA. Außerdem befänden sich schon unzählige Container aus den Vereinigten Staaten im Lager, über deren Inhalt Russlands Regierung offensichtlich keinerlei Kenntnis besitzt. Dass der FSB nicht viel über das Objekt Osersk weiß, bestätigte der Vizeabteilungsleiter im Geheimdienst, W. Uschakow, in seiner Antwort auf eine Anfrage des Armeegenerals Igor Rodionow. Rodionow bestätigte, dass auch ihm als Verteidigungsminister von Adamow alle Informationen über das Atomobjekt strikt verweigert wurden. In Militärkreisen sei das Objekt intern frühzeitig schon "Russlands Grab" genannt worden.
Schadensbegrenzung nach Moskauer Art
Die russische Reaktion auf die Verhaftung ihres ehemaligen obersten Atomniks spricht Bände und verrät, dass man die Brisanz erkannt hat. Alle Beteiligten erklären zwar, dass sie Adamows Rückkehr nach Russland verlangen. Es wird aber nicht wenige geben, die ihn buchstäblich zum Teufel wünschen.
In diese Kerbe schlägt der Chef der rechtsnationalistischen Liberal-Demokratischen-Partei, Schirinowski. Er schlug die Entführung oder Liquidation Adamows vor. Wladimir Wolfowitsch wörtlich: "... sollte man entschlossene Maßnahmen ergreifen, bis hin zur Vernichtung des Geheimnisträgers."
Außenminister Sergej Lawrow gibt sich offiziell gelassener, wenngleich seine Diplomaten hinter den Kulissen fieberhaft daran arbeiten, dass der Fall Adamow nicht noch weitere Kreise zieht. Man fordert von den Schweizer Behörden, Adamow nicht ohne Einverständnis der russischen Föderation an die USA ausliefern.
Um der Forderung einen offiziellen Anstrich zu geben, hat ein Moskauer Bezirksgericht Haftbefehl gegen den Exatomminister erlassen. Ihm werden Bestechlichkeit (§159 des russischen Strafgesetzbuches) und "Überschreitung der Dienstbefugnisse" (§ 286) vorgeworfen. Jetzt beginnt erst einmal das juristische Tauziehen. Die Eidgenössischen Behörden sind nicht zu beneiden. Adamows Anwälte von der Washingtoner Kanzlei Covington & Burling werden alles tun, ihren Mandanten vor einer Auslieferung nach Pittsburgh zu bewahren. Ihr Moskauer Kollege Timofej Gridnew dagegen wird verbissen dafür kämpfen, dass sein Mandant nicht hinter russische Gitter kommt.
Was hinter den Kulissen in Washington und Moskau abläuft, wird die Öffentlichkeit kaum in vollem Umfang erfahren.
Wie wird Präsident Putin reagieren? Selbst wenn es ihm gelingt, die Büchse der Pandora diesmal wieder zu schließen, -- wie lange bleibt diese künftig dicht?
(17.06.2005)