Impressum | [DSS WebStruktur]   [Preiß-Home]   [DSS-Home] |  18.08.2005




Frank Preiß / Gunter Dehne, Moskau

Rückkehr in die erste Liga

Russland modernisiert seine Streitkräfte. Nicht zwangsläufig sinkt dadurch die Gefahr von Havarien

< Veröffentlicht in "junge Welt", 18.08.2005 >


Auf der Internationalen Flugschau in Moskau bemüht sich die russische Flugzeugindustrie derzeit um gute Geschäfte. Rund 600 Firmen aus mehr 40 Staaten präsentieren sich seit Dienstag auf dem einst geheimen Flugplatz Schukowski am Stadtrand Moskaus. Zum zweiten Mal seit der ersten Messe 1992 zeigt auch die US-Luftwaffe einige ihrer modernsten Flugzeuge, darunter zwei B-1B-Bomber. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund wagte sich der russische Präsident Wladimir Putin weit hervor: "Unsere Nation ist auf dem Gebiet der Luftfahrt führend", meinte er auf der Messe.

Ob dies stimmt, ist zumindest angesichts der sich im russischen Militär häufenden Havarien diskus­sions­würdig. Zwar ist das verunglückte Tauchboot «Pris» der russischen Seekriegsflotte aus den eisigen Fluten des Beringmeers wieder aufgetaucht, und die Besatzung wurde gerettet - allerdings nur mit britischer Hilfe. Es bleibt das Bild genereller Unfähigkeit und Schlamperei in den Streitkräften.


Keine Abrüstungsdividende


Tatsächlich haben die Jahre der "Transformation zur Marktwirtschaft" unselige und teilweise jahrhundertalte Missstände und "Traditionen" nicht ausgeräumt, sondern noch verstärkt, oftmals mit Assistenz einiger neuer westlicher Freunde Moskaus. Das hat Russlands politische und wirtschaftliche Elite, zumindest teilweise, begriffen und auch Iwan-Normalverbraucher weiß, dass nicht nur er nach der Zerstörung der UdSSR seinen Gürtel enger schnallen musste. Die Totenmesse für Armee und Flotte Russlands schien vor einigen Jahren schon gelesen. Nach dem Jugoslawien-Krieg 1999 und dem Irak-Krieg schwante dem Kreml, dass er keine Dividende für seine "Abrüstung" einstreichen würde. Der Untergang der «Kursk» vor fünf Jahren diente dem Kreml unter anderem als Begründung einer Militärreform, die bisher allerdings sehr schleppend und äußerst widersprüchlich verläuft.

Dabei wird das Programm zur Neuausrüstung der Streitkräfte von keiner bedeutenden politischen Kraft in Russland in Frage gestellt. Die riesigen Einnahmen aus dem Rohstoffexport werden ohne nennenswerte Widerstände auch in den Rüstungssektor gelenkt. Moskau argumentiert geschickt damit, dass dort Arbeits­plätze erhalten oder neue geschaffen werden und die verarbeitende Industrie sowie hochtechnologische Bereiche Wachstumsimpulse erhalten.

Der beachtliche Haushaltsüberschuss und der prall gefüllte nationale Notfonds ermöglichen es durchaus, die ohnehin angestiegenen Rüstungsausgaben weiter spürbar aufzustocken. Aber auch so ist die Liste der in diesem Jahr geplanten Anschaffungen lang und beeindruckend. Die Seekriegsflotte soll zwei atomare Unterwasserkreuzer erhalten. Die «Dmitri Donskoi» (Projekt 941, NATO-Code "Typhoon") und die «Juri Dolgoruki» (Projekt 955, NATO-Code "Borey") werden mit den neuesten Interkontinentalraketen «Bulawa» ausgestattet. Aber nur die «Dolgoruki» ist eine Neuentwicklung, während die erstgenannte lediglich grundlegend modernisiert wurde.

Die im August 2000 gesunkene «Kursk» soll bis 2007 durch die «Belgorod» (Projekt 949A, NATO-Code "Oscar-II") ersetzt werden. Dieses neueste Schiff ist zu etwa 80 Prozent fertiggestellt (Baubeginn war 1992). Die noch benötigten 100 Millionen US-Dollar will man nunmehr zur Verfügung stellen und 2007 das Schiff der Flotte übergeben.

Die Besucher der diesjährigen Sankt Petersburger Marinesalons (IMDS-2005) konnten sich davon über­zeugen, dass bald auch neue konventionelle U-Boote, Überwasserkampfschiffe und Hilfsschiffe an die russische Marine geliefert werden sollen. Voller Stolz verwies man auf die Korvette Projekt 20380 «Stereguschtschi», die 2006 an die Flotte übergeben werden soll. Zwei weitere Schwesternschiffe befinden sich im Bau. Bald soll auch eine neue Fregatte (Projekt 22380) auf Kiel gelegt werden. Nicht zufällig diskutiert man in Russland nunmehr schon den künftigen Bau von Flugzeugträgern.

Auch die strategischen Raketentruppen werden aufgerüstet und modernisiert: Sie sollen 2005 sieben neue Interkontinentalraketen vom Typ «Topol-M» erhalten. Zwei strate­gische Raketenträger TU-160 sollen die Luftstreitkräfte verstärken, ersetzen in Wirklichkeit aber lediglich die beiden Totalverluste, die die strate­gischen Flieger 2004 erlitten.

Dass es Russland ernst ist mit einer Neuausrüstung der Streitkräfte, zeigt die Einführung von sechs super­modernen strate­gischen Luftabwehrsystemen S-400 «Triumph». Diese sollen offenbar die Basis der Reparatur des gegenwärtig lückenhaften Luftabwehrsystems Russlands bilden. Die S-400 kann sowohl Flugzeuge als auch Marschflugkörper bereits aus einigen hundert Kilometern Entfernung und bis in die Troposphäre erkennen und bekämpfen.

Aufschlussreich sind auch die Pläne, 2005 insgesamt neun "kosmische Apparate" für das Militär in den Weltraum zu befördern. Zwar ist ein Start im Juni fehlgeschlagen und der Satellit ist zerstört worden. Trotzdem ist damit zu rechnen, dass Russland seine militärischen Raumfahrtanstrengungen energisch fortsetzen will und kann.

Die Land- und Luftstreitkräfte erhalten 2005 erstmalig tauglichen Ersatz für ihre technisch und moralisch verschlissene Ausrüstung. Endgültig vorbei sind die Zeiten, in denen man vom Erbe der Sowjetarmee zehren konnte. Zwar fallen die 40 Panzer T-90, die 92 Schützenpanzerwagen BTR-80 und die 24 Schützenpanzer BMP-3 sowie einige Jäger SU-27SM und vier neue Hubschrauber MI-28N, die das Verteidigungs­ministerium bei der Rüstungsindustrie geordert hat, angesichts der Größe der Armee zunächst nicht sonderlich ins Gewicht. Sollte sich der gegenwärtige Trend jedoch fortsetzen, dann ist mit Russlands Militärmacht künftig wieder stärker zu rechnen.


Fehlende US-Offenheit


Die geplante Modernisierung bringt jedoch nicht automatisch eine Verringerung der Risiken mit sich. Russische Experten erwarten, dass die Zahl der "Zwischenfälle" durch die verstärkten militärischen Aktivitäten zwangsläufig wächst. Man möchte zwar die subjektiven Unfallursachen verringern, gibt aber offen zu, dass stets und überall ein Restrisiko auch außerhalb des "menschlichen Faktors" bleibt.


Wer übrigens Pannen und Katastrophen von Militärtechnik für ein spezifisch russisches Problem hält, irrt gewaltig. Die Havarie des US-amerikanischen atomaren Unterwasserwasserschiffs SSN-711 «San Francisco» vor einem guten halben Jahr erhielt nur in Fachkreisen die gebotene Aufmerksamkeit. Die erheblichen Beschädigungen, mit denen das Schiff in den rettenden Hafen von Pearl Harbour einlief, ließen jedoch erahnen, wie knapp man an einer Katastrophe vorbeigeschlittert war. Von derartigen Vorfällen in der westlichen Hemisphäre erfährt die breite Öffentlichkeit meist nur am Rande und eher zufällig. Die Offenheit, die Washington in diesen Fragen von Russland stets vehement einfordert, lässt man in den USA selbst vermissen.