Text und Fotos (außer Museumslogo) Frank Preiß und Gunter Dehne
Russlands gutes Gedächtnis
In Krasnogorsk bei Moskau gedenkt man deutscher Antifaschisten - ohne wenn und aber.
Seit Jahren schon erregt der unwürdige Umgang mit der Thälmanngedenkstätte im Brandenburgischen Ziegenhals die Gemüter all jener, die sich der Geschichtsentsorgung - und sei es unter dem löchrigen Deckmantel "marktwirtschaftlicher Zwänge" - vehement verweigern.
1816 Kilometer weiter östlich liegt am Rande Moskaus die Stadt Krasnogorsk. Was verbindet den ruhigen idyllisch gelegenen Ausflugsort unweit Berlins mit der hektischen Industriestadt knapp zwei Kilometer westlich des Autobahnringes der Hauptstadt Russlands?
Hier wie da befinden sich einzigartige Gedenk-Stätten antifaschistischen deutschen Widerstandes. Beide erinnern an ein scheinbar weit zurückliegendes Kapitel der Geschichte. Beide gehörten einst zum besonders gepflegten historischen Nachlass von Staaten, die nunmehr untergegangen sind.
Sowohl die "vereinte" Bundesrepublik Deutschland als auch die neugegründete Russische Föderation mussten sich 1990 bzw. 1991 entscheiden, wie sie mit ihrem geschichtlichen Nachlass weiter umzugehen gedenken. Wenngleich auch im neuen Russland, vor allem in der 1990er Jahren, blinder Antikommunismus und eine teilweise erstaunlich primitive Geschichtsrevision zum Handwerkzeug der neuen und altgewendeten Eliten gehör(t)en, sind daneben aber niemals die Stimmen derjenigen verstummt, die davor warnten, bei der Suche nach einem neuen Gesellschaftsmodell das Kind mit dem Bade auszuschütten.
Ob die weitere Existenz des "Museums der deutschen Antifaschisten" in der Straße der Volkswehr 15, nur einen Steinwurf von der Wolokolamsker Chaussee entfernt, diesem Umstand zu verdanken ist, sei dahingestellt.
Jedenfalls empfängt das in sehr gutem Zustand befindliche Haus den Besucher freundlich und einladend. Es hebt sich damit von den Gebäuden in der Nachbarschaft ab, die jahrelang augenscheinlich keinen Handwerker gesehen haben und geradezu ein Spiegel des wirtschaftlichen Niederganges der einstigen "Elektronikstadt" Krasnogorsk sind, wenngleich beim zweiten Hinschauen nicht zu übersehen ist, dass es auch hier deutliche Ansätze gibt, die hoffen lassen, dass der Absturz der "Jelzinzeit" endlich gestoppt wurde.
Das zweistöckige, Ende der 1930er Jahre gebaute Haus befindet sich auf geschichtsträchtigem Boden. Im 19. Jahrhundert zum riesigen Besitz des mächtigen Fürsten Jusupow gehörend, weilte 1859 der deutsche Reichskanzler Bismarck im unweit gelegenen prunkvollen feudalen Landsitz Archangelskoje.
1942 wurde hier das Lager Nr. 27 des NKWD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) der UdSSR eingerichtet. Etwa 50.000 ehemalige Soldaten und Offiziere Hitlerdeutschlands und seiner Verbündeten durchliefen bis zur Schließung im Jahre 1952 das Camp, darunter Generalfeldmarschall Paulus, der ehemalige Oberkommandierende der japanischen Kwantungarmee General Murakami oder der jüngste Krupp-Sproß, Harold von Bohlen und Halbach.
Auch ein Nachfahre Bismarcks kam, wenn auch nicht freiwillig, wieder an das Moskwaufer. Es ist nicht frei von Symbolik, dass gerade hier der Urenkel des eisernen Kanzlers, Graf von Einsiedel, seine Lehren aus dem erlebten Kriegwahnsinn zog. Als am 12./13. Juli 1943 in Krasnogorsk das "Nationalkomitee Freies Deutschland" (NKFD) gegründet wurde, gehörte Leutnant von Einsiedel zu den Erstunterzeichnern des Manifestes des Komitees. Diese von der Nazipropaganda als Verräter und Lumpengesindel geschmähten Deutschen haben, so die Ausstellungsmacher, in den Augen vieler Bürger der UdSSR und auch Russlands das Ansehen der Deutschen, zumindest teilweise, gewahrt. Im Kalten Krieg wurden diese Männer in der Bundesrepublik Adenauers als "Fünfte Kolonne" Moskaus verunglimpft und ihnen wird auch heute bisweilen noch der Judasmantel umgehängt. Nunmehr sind die Originalquellen, auch Dank des kleinen Museums in Krasnogorsk, zugänglich und jeder kann sich davon überzeugen, dass es den Männern des Nationalkomitees vorrangig um den Sturz Hitlers und die Rettung Deutschlands und keineswegs um die Errichtung einer "Sowjetdiktatur" in ihrer Heimat ging. Dass ihnen bei der Gründung der Bundeswehr der Zugang zum bundesdeutschen Militär versagt blieb, während Hitlers Durchhaltegenerale mit Kusshand genommen wurden, sollte hier nicht unerwähnt bleiben.
Die Exposition des Museums wurde in ihren Grundzügen 1986 fertiggestellt, aber offensichtlich mehrfach überarbeitet und ergänzt. Es ist erkennbar, dass bereits die Ursprungskonzeption auch ehemals "schwierige Themen" nicht aussparte. Es fehlen weder die stalinistischen Repressalien gegen die deutschen, meist kommunistischen, Emigranten der 30iger Jahren, noch die Politik der Annäherung der UdSSR an Hitlerdeutschland am Vorabend des zweiten Weltkrieges und der Angriffskrieg 1939/40 gegen Finnland. Auch die Kollaboration von ehemaligen Sowjetbürgern mit den Hitlerschergen, so in der "Russischen Befreiungsarmee" des Generals Wlassow oder in verschiedenen "nationalen" SS-Einheiten während des Krieges, wird nicht verschwiegen.
Der deutsche Widerstand gegen Hitler wird nicht als kommunistisches "Monopol" gezeichnet. Der "Weißen Rose" wird ebenso gedacht wie die Offiziere um Graf Stauffenberg als verantwortungsbewusste Patrioten gezeigt werden, wenngleich viele von ihnen einst begeistert Hitler unterstützten und am Überfall auf die UdSSR in verantwortlicher Position teilgenommen hatten. Als kürzlich der 60. Jahrestag der Befreiung gefeiert wurde, tönte es im bürgerlichen Medienwald, dieser Teil der Geschichte sei weiland "im Osten" verschwiegen worden. Krasnogorsk beweist das Gegenteil.
Es ist sicher keine Brüskierung der anderen Gegner der Hitlerdiktatur, dass der kommunistische Widerstand einen zentralen Platz in der Ausstellung einnimmt. Bedingt durch das politische System der UdSSR agierten von dort aus in erster Linie Kommunisten und ihnen Nahestehende, wenngleich die Sowjetunion, wie wir heute wissen, sich seit Beginn der dreißiger Jahre Schritt für Schritt von ihren ursprünglichen Idealen entfernte und in vielem zur Bürokratenherrschaft mit ideologischen Deckmäntelchen verkam. Es bleibt aber historische Tatsache, dass die Kommunisten zu den erbittersten Feinden der faschistischen Diktatur gehörten und dass der Sieg der UdSSR und der Anti-Hitler-Koalition das wohl bedeutendste Ereignis des 20. Jahrhunderts darstellt.
Das Museum geht in seiner Ausstellungs- und Forschungsarbeit weit über den deutschen antifaschistischen Widerstand im Zweiten Weltkrieg hinaus.
Die Exposition beginnt mit dem ersten Weltkrieg (1914-1918) und zeigt ungeschönt die zivile und militärische Zusammenarbeit der Weimarer Republik und Sowjetrusslands in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Im Mittelpunkte stehen jedoch die Jahre 1941-1945. Die zahllosen Originalfotos und Dokumente zum Alltagsleben- und Leiden der Sowjetbürger während des Krieges sind zutiefst erschütternd. Ja, es stimmt schon, was Museumsdirektor Krupennikow seinen Gästen ins Museumsbegleitheft geschrieben hat: Es ist kein Museum zum Erholen und Abspannen!
Dies trifft vor allem auch auf die ab 1996 neu gestaltete Schau in der zweiten Etage des Hauses, in dem von 1943-1950 die "Zentrale antifaschistische schule für Kriegsgefangene" arbeitete, zu. Hier wird das schwere Los der Krieggefangenen und Zwangsarbeiter gezeigt. Der Besucher wird mit dem tragischen Schicksal der Sowjetbürger, die in die Hand Deutschlands und seiner Vasallen fielen, konfrontiert. Von den 5,75 Millionen sowjetischen Krieggefangenen kamen allein 3,33 Millionen (57,5%) in deutscher "Obhut" um! Es wird auch nicht verschwiegen, dass diese Menschen nicht nur der erbarmungslosen, kriegsverbrecherischen Vernichtung durch die Nazis, sondern nach ihrer Befreiung noch dem Misstrauen ihrer Landsleute und der Verfolgung durch das Stalinregime ausgesetzt waren.
4,13 Millionen Kriegsgefangene aus über 60 Nationen und Nationalitäten mussten Monate und Jahre in den Gefangenenlagern der UdSSR verbringen. Für die deutschen, ungarischen, italienischen, finnischen, rumänischen, japanischen und anderen Gefangenen in der Sowjetunion waren die Jahre der Internierung mit unsäglichen Strapazen, Leiden und Entbehrungen verbunden. Ihrer wird mit Anteilnahme und Mitgefühl gedacht. Es ist nichts zu spüren vom Hass oder etwa Hochmut des Siegers über den Besiegten, trotz aller unbestreitbaren Fälle von Rache und verbitterter Feindseligkeit gegen die gestrigen Aggressoren.
Wer Russland kennt und weiß, wie tief sich der lange zurückliegende Krieg bis in unsere Tage in das nationale Bewusstsein gebrannt hat, spürt deutlich, das Haus in Krasnogorsk ist kein Ort rituellen Gedenkens. Hier soll auch nicht gezeigt werden, dass die sprichwörtliche Zeit alle Wunden geheilt hat. 27 Millionen tote Bürger der UdSSR, darunter fast 20 Millionen Zivilisten! Wer kann und darf das vergessen? Und wie viele der krieggefangenen Deutschen hatten das Blut unschuldiger Frauen und Kinder an den Händen? Aber sind Soldaten, die ein Land angreifen, erobern und besetzen, eben nicht nur Täter, sondern auch Opfer? Beschmutzt Barmherzigkeit und Vergeben das Vermächtnis der Opfer? Haben die Nachgekommenen der Täter nicht das Recht und die Pflicht einen anderen Weg zu gehen, einen Neuanfang zu wagen?
Es waren letztendlich wohl auch solche Erwägungen, die die UdSSR veranlasst hat, eine große Anzahl Deutscher (man spricht von ungefähr 9.600 Personen), darunter viele ehemalige Kriegsgefangene, die zu Haftstrafen verurteilt waren, 1955 vorzeitig freizulassen. Nein, es handelte sich nicht nur um zufällige, ahnungslose Opfer stalinistischer Willkür, wie man es uns bisweilen glauben machen will und ihre Freilassung war keinesfalls das unmittelbare Resultat Konrad Adenauers "harter Verhandlungen" mit Nikita Chruschtschow, wie eine langlebige Legende bis heute verkündet. Der Gnadenakt war schon vor dem Besuch des Bundeskanzlers im Kreml entschieden worden. Dass unter den "dankbaren Heimkehrern" auch Leute wie der ehemalige NSDAP-Gauleiter von Anhalt-Dessau, Jordan, waren, zeigt nur, dass Geschichte auch ungerecht und unerträglich sein kann.
Vielen Kriegsgefangenen haben sich die schweren Jahre in der Sowjetunion zweifelsohne tief ins Bewusstsein gebrannt. Ja, man starb dort auch an Hunger und Entbehrung, so wie die Sieger selbst in ihrem von den Deutschen verwüsteten Land verhungerten und darbten. Aber viele der einst als "Herrenmenschen" nach Osten gezogenen, sind von dort nach den Jahren der Gefangenschaft verändert zurückgekehrt. Neben Hass, Gewalt, Hunger und Not erlebten sie dort oftmals unerwartet eine einfache Menschlichkeit. Nicht alle freilich wurden zu begeisterten Freunden des neuen Russlands. Die meisten lernten zumindest, das fremde Land und seine Menschen zu achten. Nur eine verschwindende Minderheit von Unverbesserlichen trauerte dem verlorenen Sieg im Osten noch ewig nach.
Jene, die sich dem NKFD oder dem im September 1943 in Lunewo bei Moskau gegründeten "Bund der deutschen Offiziere" anschlossen, waren bereit, aktiv und unter Einsatz ihres Lebens dem braunen Spuk in ihrer Heimat ein schnelles Ende zu bereiten.
Die "Zentrale Antifaschule" im Lager Nr. 27 sollte für diesen Weg vorbereiten. Die Ausstellung verschweigt die Widersprüchlichkeit und Vielschichtigkeit nicht, die mit der Entscheidung verbunden war, gegen sein vermeintliches Vaterland und die einstigen Kameraden zu kämpfen.
60 Jahre sind seit dem Kriegende vergangen. Die Zahl derer, die die wohl größte Tragödie des 20. Jahrhunderts bewusst erlebten, wird von Jahr zu Jahr geringer, ihre Stimmen werden schwächer. Können auch deshalb die deutschen Kriegstrommeln wieder gerührt werden? Verkommt die vielzitierte Wendung von den Lehren der Geschichte tatsächlich zur Worthülse?
Im Museum der deutschen Antifaschisten ist ein Brief zu sehen. Dort schreibt ein russischer Bürger:
"In Russland gedenkt man all jener, die ihren Beitrag zur Befreiung der Menschheit vom Hitler-Joch geleistet und die Kraft und den Mut aufgebracht haben, sich dem menschenfeindlichen Naziregime zu widersetzen ... Die edle Mission der Veteranen des deutschen Antifaschismus hat ... ihre aktuelle Bedeutung keineswegs eingebüßt ... In unseren Tagen werden zuweilen Versuche unternommen, die Geschichte umzuschreiben. Ich bin davon überzeugt, dass in diesem Zusammenhang besonders wichtig ist, die Ursachen des blutigsten aller Kriege nicht zu vergessen, ... sowie keine Revision der Geschichte zuzulassen."
Der Verfasser? Es ist Russlands Präsident Wladimir Wladimirowitsch Putin.
Selbst wenn man schon längst wieder ins Getriebe der rastlos-quirligen russischen Hauptstadt eingetaucht ist, tut es gut, sich ab und an des kleinen Hauses am Rande Moskaus zu erinnern.
Danke und Spasibo nach Krasnogorsk.
Praktische Hinweise: