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Die vergessene Rebellion
Vor 30 Jahren meuterte ein Teil der Besatzung des sowjetischen Kriegsschiffes «Storoschewoj»
Wer freut sich nicht auf ein paar arbeitsfreie Tage. Da machen die Russen keine Ausnahme. Der Anlass ist dabei für viele eher nebensächlich. Dass sie aber künftig am 4. November statt am siebenten, dem Jahrestag der Oktoberrevolution, zu Hause bleiben dürfen, leuchtet manchem nicht so recht ein. Auch wenn die Meinungen zur Machtergreifung der Bolschewiki am 7. November 1917 weit auseinandergehen. Die Bürger des größten Landes der Erde sind in der Masse recht pragmatisch, und ideologische Eiferer findet man erstaunlich selten. Zum "Tag der nationalen Einheit", wie der "Ersatzfeiertag" heißt, hat man kein rechtes Verhältnis. In der reichen Geschichte des Landes war die Vertreibung der polnisch-litauischen Besatzung aus Moskau im November 1612 ein zwar erwähnenswertes, aber nicht besonders herausragendes Ereignis. Zudem sind sich die Historiker nicht einmal ganz sicher, ob die Okkupanten tatsächlich am 4. November aus der Hauptstadt verjagt wurden. Auch wird diskutiert, ob der neue Festtag nicht gar eine antiwestliche Ausrichtung habe und damit eher kontraproduktiv sei. Außerdem ist anzumerken, dass die berüchtigten klerikalmonarchistischen Schwarzhunderter, die vor allem in den Jahren 1905-1907 antisemitische und antisozialistische Pogrome organisierten, die Symbolik des Aufstandes des Bürgers Minin und des Fürsten Poscharskij gegen die Okkupanten im Jahre 1612 ausgiebig für ihre Propaganda nutzten. Ist es also Zufall, dass am 4. November 2005 Demonstranten mit dem Ruf "Russland den Russen" durch Moskaus Straßen zogen?
Fest steht, dass Russland auf der Suche nach eigenen, postsowjetischen Traditionen ist. Schaut man in die Annalen, dann sieht man, dass Russland keineswegs arm an denkwürdigen und weniger umstrittenen Daten ist.
Von der Öffentlichkeit unbeachtet jährte sich ein solches Ereignis vor kurzem. Vor 185 Jahren, am 28. Oktober 1820 kam es in der Leibgarde des Zaren, im Preobrashenski-Regiment zum ersten russischen Soldatenaufstand. Der Aufruhr der Truppe gegen die Grausamkeiten des Regimentskommandeurs Oberst Schwarz wurde brutal niedergeschlagen. 1825/26 schließlich rebellierte die Armee erneut. Heute spricht man nach dem Monat der Erhebung vom Dekabristenaufstand. Die Liste der Unruhen ist lang. Erinnert sei hier nur an den Aufstand der Matrosen des Panzerkreuzers Potemkin im Sommer 1906 und die blutig zerschlagene Revolte der Kronstädter Matrosen im Februar und März 1921 unter der Losung "Sowjets ohne Kommunisten" gegen die Herrschaft der Bolschewiki .
Auch der Sturz des Zaren in der bürgerlich-demokratischen Revolution im Februar 1917 und die Machtübernahme durch die Bolschewiki und die Linken Sozialrevolutionäre im Herbst 1917 wären ohne die Unterstützung der Armee und vor allem der Flotte undenkbar gewesen. Die Zahl der darüber verfassten Geschichtsbücher ist unübersehbar.
Das im Folgenden geschilderte Ereignis ist jedoch nur wenigen bekannt.
Nein, so hatte sich das Kommando der Sowjetischen Baltischen Rotbannerflotte die Feiertage anlässlich des 58. Jahrestages der Oktoberrevolution nicht vorgestellt. Zwar verlief die Flottenparade am 07.11.1975 im Hafen von Riga ganz nach Plan, als jedoch am frühen Morgen des folgenden Tages Oberleutnant Firsow gegen 02.55 Uhr klammheimlich von Bord seines Kriegsschiffes, des großen U-Boot-Abwehr (UAW) Schiffes «Storoschewoj», sprang und zu einem in der Nähe liegenden U-Boot schwamm, begann eine selbst heute noch unglaublich anmutende Geschichte.
Der Offizier meldete, dass der Politstellvertreter der «Storoschewoj», Kapitän 3. Ranges (Korvettenkapitän) Waleri Sablin, das Kommando übernommen habe und der Kommandant, Kapitän 2. Ranges (Fregattenkapitän) Potilyn und mit ihm ein Teil der Besatzung im Unterdeck eingeschlossen worden seien. Sablin hätte erklärt, er wolle nach Kronstadt, der Hauptbasis der Baltischen Flotte vor Leningrad, auslaufen.
Die Meldung klang so unwahrscheinlich, dass der kurz nach 3 Uhr eiligst in die Kommandozentrale gerufene Kommandierende, Vizeadmiral Kosow, zunächst an einen Irrtum glauben mochte. Schließlich war Feiertag, und vielleicht hatte der eine oder andere vorschriftswidrig doch noch mit Wodka angestoßen.
Als aber die «Storoschewoj» Anker lichtete und Kurs auf die offene See nahm, verflogen alle Hoffnungen auf eine banale Erklärung der Situation. Ein Teil der Besatzung war noch an Land, und so konnte ausgeschlossen werden, dass sich der Kapitän lediglich im Zeitplan geirrt hatte und einige Stunden zu früh die geplante Fahrt in die Werft nach Lipaja antrat.
Aus den späteren Untersuchungen des Vorfalls und aus den Schilderungen von Augenzeugen und Teilnehmern lässt sich recht gut und zuverlässig rekonstruieren, was an Bord des Schiffes vor sich gegangen war.
Korvettenkapitän Sablin lockte seinen Kommandanten unter einem Vorwand unter Deck und schloss ihn dort in eine Kammer ein. Sein Helfer Stabsmatrose Schein, der Bordbibliothekar und Kinovorführer, erhielt eine Pistole und den Auftrag, den Zugang zum Gefängnis des Fregattenkapitäns zu sichern. Danach versammelte der Meuterer die restlichen an Bord befindlichen Besatzungsmitglieder.
Der zusammengerufenen Besatzung erklärte Sablin, dass er die Absicht habe, nach Kronstadt zu laufen und dass dort einer der Matrosen öffentlich auftreten werde, um die Wahrheit über ihre persönliche Situation und die des Landes zu sagen. Er habe daher auch einen Aufruf "An Alle! An Alle!" verfasst, und dieser solle dem Land und dem Politbüro der Kommunistischen Partei auch per Funk zur Kenntnis gegeben werden.
Der Politoffizier erinnerte die Besatzungsmitglieder an die Gespräche mit ihnen, in denen sie ihm vom alltäglichen Warenmangel, von Korruption und anderen Mühsalen und Problemen der sowjetischen Gesellschaft berichtet hatten. Es sei nun an der Zeit, etwas zu unternehmen und die Partei und das Land darauf aufmerksam zu machen.
Ein Teil der Besatzung, darunter drei Leutnants und einige Maate, erklärten ihre Unterstützung für Sablin. Die übrigen wurden eingesperrt. Kurz vor dem Auslaufen sprangen schließlich noch ein Oberbootsmann und ein Matrose über Bord und schwammen zu einem in der Nähe ankernden Kriegschiff.
Der Flottenführung wurde allmählich klar, dass es sich hier um ein Vorkommnis besonderer Art handelte und dass nicht nur die Meuterer Kopf und Kragen riskierten. Die Versuche, mit der «Storoschewoj» Funkkontakt aufzunehmen und diese zur Umkehr zu veranlassen, schlugen zunächst fehl. Sablin hatte Funkstille befohlen. Trotzdem hörten die Funker die Aufrufe und das Versprechen, bei Aufgabe straffrei zu bleiben.
Währenddessen entschloss sich die Flottenführung, den Insurgenten notfalls mit Gewalt zu stoppen. Das Küstenschutzschiff «Komsomolez Litwy» erhielt um 08.45 Uhr den Befehl, die «Storoschewoj» mit einer Artilleriesalve vor den Bug zum Stoppen zu zwingen und bei Nichtbefolgen des Befehls auf die Schiffschraube zu feuern.
Einige Matrosen begannen schließlich an Sablins Vorhaben zu zweifeln. So kam es zum Funkkontakt mit der Flottenführung, und ein Signalgast übermittelte einem anlaufenden Schiff der Grenzwache, dass sie keine "Vaterlandsverräter" seien.
Ob die eher zufällig zu Mitverschwörern Gewordenen bemerkten, dass das Schiff angeblich den Kurs gewechselt hatte und nicht mehr 337 Grad Richtung Kronstadt, sondern ab 09.00 Uhr mit 18 Knoten auf Kurs 290 Grad Richtung Schweden lief? In knapp 3 Stunden hätte die «Storoschewoj» dessen Territorialgewässer erreichen können. Damit war man zwar außerhalb der Reichweite der Flottenführung, das politische Vorhaben damit aber obsolet. Bis heute gehen die Meinungen, was Sablin tatsächlich bezweckte, weit auseinander.
Man kann in einigen Veröffentlichungen lesen, dass sogar Flugzeuge der strategischen Bomberflotte zur Vernichtung des aufrührerischen Schiffes alarmiert wurden.
Es kam jedoch nicht zum Äußersten. Die arretierten Besatzungsmitglieder konnten sich schließlich befreien, und zum Blutvergießen kam es lediglich, als Kommandant Potilyn bei der Besetzung der Brücke seinem Politstellvertreter ins Bein schoss. Die oftmals kolportierte Beschießung des Schiffs gehört offenbar dem Reich der Legenden an.
Der Riesenaufwand, mit dem das unglaubliche Vorkommnis untersucht wurde, gibt Auskunft darüber, welch enorme Wirkung Sablins Tat im Kreml hatte. Der Regierungskommission gehörten neben dem Oberkommandierenden der Flotte der UdSSR, Flottenadmiral Gorschkow, auch der Chef der Politischen Hauptverwaltung der Sowjetarmee, Armeegeneral Jepischew, und unzählige hochrangige Mitarbeiter des ZK, des KGB und der Militäraufklärung an.
Der ehemalige Politoffizier Sablin wurde zum Tode verurteilt und hingerichtet. Sein Gehilfe Schein erhielt 8 Jahre Gefängnis. Alle Offiziere und Maate wurden zunächst entlassen, einige schließlich nach Eingaben wieder reaktiviert.
Die Matrosen wurden ausnahmslos sofort demobilisiert. Alle entlassenen Berufssoldaten erhielten Wohnungen, ebenso die Witwe Waleri Sablins. Sein Sohn habe, so ein Augenzeuge, später eine Seeoffiziersschule besucht.
Dass ein so lange zurückliegendes Geschehen, sei es auch noch so ungewöhnlich und dramatisch gewesen, heute noch die russische Öffentlichkeit in seiner Bewertung tief spaltet, ist bemerkenswert.
Für die einen ist Waleri Sablin ein früher Bote der Perestroika und mutiger Kämpfer für Demokratie und Freiheit. Sein Versuch sei daher geradezu ein Lichtstrahl der künftigen Morgendämmerung gewesen.
Andere dagegen meinen, hier hätte lediglich ein persönlich frustrierter, mit seinem dienstlichen Fortkommen unzufriedener Mann versucht, seinem Leben eine positive Wendung zu geben. Dabei seien die politischen Deklarationen nur Deckmantel gewesen. Außerdem habe er nicht nur seinen Eid verletzt, sondern auch das Leben Unschuldiger für die Durchsetzung egoistischer Ziele aufs Spiel gesetzt. Sablin habe daher nicht anders gehandelt, als es heutzutage die Terroristen tun. So beispielsweise die Meinung eines Zeugen der Ereignisse von 1975, Vizeadmiral Anatoli Kornijenko.
Nicht wenige sind auch der Auffassung, der Rebell sei lediglich ein unglücklicher Spinner gewesen.
Trotzdem stellt sich die Frage, warum Korvettenkapitän Sablin von einem Teil der Mannschaft unterstützt wurde. Diese tat das sicher auch deshalb, weil er nicht irgendein Offizier war, sondern als Stellvertreter des Kommandeurs für politische Arbeit eine exponierte Stellung an Bord einnahm. Da galt nicht nur, dass man sich diesen kaum widersetzte, da sie die politische Macht verkörperten. Viele Politoffiziere hatten zudem nicht selten ein besonderes Vertrauensverhältnis zu ihren Unterstellten geschaffen. Sablin war, das belegen die Zeugenaussagen, wohl keine Ausnahme. Dass gerade dieser einen "antisowjetischen Aufstand" inszenierte, haben die entgeisterten Besatzungsmitglieder wohl erst allmählich begriffen. Andererseits sprach er reale Zustände und Missstände in der bürokratischen, poststalinistischen Sowjetunion an, die immer deutlicher ihre eigenen Ideale karikierte. Ohne die Missstände im Lande hätte es die "Storoschewoj-Affäre" wohl nie gegeben.
30 Jahre später sind sowohl die Sowjetunion als auch die Baltische Rotbannerflotte Geschichte. Die neoliberalen Reformversuche der 1990er Jahre haben eine neue Bourgeoisie entstehen lassen, die das Fell des russischen Bären in erbitterten Kämpfen unter sich aufgeteilt hat. Die versprochene und erhoffte lichte Zukunft für die Masse der Bevölkerung ist wieder nicht angebrochen.
Russlands Armee und Marine waren Anfang des neuen Jahrtausends nur noch ein Schatten ihrer mächtigen Vorgänger, und ihre Tage schienen endgültig gezählt.
Die hartnäckigen Versuche der Putinschen Regierung und der sie unterstützenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen, die Abwärtsspirale aufzuhalten, scheinen, zumindest vorläufig, geglückt. Das Land erholt sich nicht nur wirtschaftlich, wenngleich die sozialen und politischen Probleme unübersehbar sind.
Russlands Kriegsmarine klopft eifrig den Rost von den Decks und zeigt sich wieder auf den Weltmeeren, denn ohne Seemacht, so meint der Kreml, kann Russland die angestrebte Position einer Großmacht nicht einnehmen.
Bislang sind aus der russischen Truppe nur die gewohnten Beschwerden und Kritiken zu hören. Aufmüpfig ist die Truppe nicht. Politische Meinungen können freilich mittlerweile auch dort relativ frei geäußert werden. Keiner muss mehr ein Kriegsschiff kapern, um über Missstände wie Armut und Korruption im Lande zu berichten. Von derartigen Meldungen und Berichten sind die Medien voll. Wer sein Glück im Ausland sucht, der muss auch nicht mehr bei Nacht und Nebel über die Grenze.
Also alles in Ordnung im Riesenreich? Wir werden sehen und hören. Vielleicht irgendwann einmal sogar von Soldaten oder Matrosen. Manche Traditionen leben fort, auch wenn ihrer nicht offiziell gedacht wird.
... ... ...1994 überprüfte das Militärkollegium des Obersten Gerichtes der Russischen Föderation das Urteil "im Lichte neuer Erkenntnisse". Der Vorwurf des Vaterlandsverrats wurde verworfen. Der 18 Jahre vorher Hingerichtete wurde zu 10 Jahren Haft verurteilt. Der mit ihm verurteilte Matrose Schein erhielt nunmehr 5 Jahre. Seine ursprüngliche Strafe von 8 Jahren hatte er längst vollständig abgesessen. Das Gericht erklärte am 12.04.1994 ausdrücklich, dass damit weder Sablin noch Schein rehabilitiert wurden.
Schwarzhunderter: Von der radikalen Rechten während der ersten russischen bürgerlich-demokratischen Revolution 1905-1907 aufgestellte konterrevolutionäre Terrororganisation. Die Schwarzhunderter wurden vom monarchistischen "Bund des russischen Volkes" organisiert und geleitet. Dieser vertrat einen extremen großrussischen Nationalismus. Die von den S. organisierten antisemitischen und antisozialistischen Pogrome wurden von den zaristischen Behörden stillschweigend geduldet.
UAW Schiff «Storoschewoj»:
Baujahr (1974-75), Projektnummer: 1135;
Besatzung: 180 Mann;
Wasserverdrängung: 3200 t;
Länge: 123,1 m,
Breite: 14,2 m;
Höchstgeschwindigkeit: 32 Knoten;
Reichweite: 4600 Meilen;
Bewaffnung/Ausrüstung: 2 Artilleriekomplexe AK-726, 8 Torpedorohre 533mm, 2 Luftabwehrraketenkomplexe Osa/Osa-M, 4 U-Bootabwehrkomplexe (2 "Metel", 2 RBU-6000), 20 Minen, 1 Hubschrauber.
Ende der 1970er Jahre wurden die Schiffe zu Küstenschutzbooten umklassifiziert. Die Schiffe des Projektes 1135 waren hochmodern und äußerst kampfstark. Nach den Ereignissen am 08.11.1975 wurde die "Storoschewoj" der Pazifikflotte (173. U-Abwehrbrigade der Kamtschatka-Flottille) zugeordnet. In den 1990er Jahren wurden die meisten Schiffe des Projektes 1135 außer Dienst gestellt.

(Foto: Sammlung Lemcke)