Impressum | [DSS WebStruktur]   [Preiß-Home]   [DSS-Home] |  06.04.2008







Frank Preiß

Wird Medwedjews Russland kommunistisch?

In Russland bekommt man häufig den Vorwurf an den Westen zu hören, dieser würde das Land nach wie vor nicht verstehen. Tatsächlich trifft man hierzulande in den Medien nicht selten eine Mischung aus Tatarenmeldung und Kremlastrologie, wenn über das Riesenland im Osten berichtet wird.

Das ist zumindest teilweise erklärbar. Das Land ist nicht nur geographisch schier grenzenlos und vielgestaltig. Die sich vollziehenden gesellschaftlichen Umbrüche sind ebenso schwer überschaubar. Sie passen schon gar nicht in die genormten Vorstellungen von Entwicklung und Fortschritt, die die bürgerlichen Eliten westlicher Länder mit sich herumtragen.

Die jahrzehntelange Blockkonfrontation und das verzerrte Bild, das die UdSSR über lange Zeit von sich sowohl im Ausland als auch im Inneren zu zeichnen versuchte, erschweren den ungetrübten Blick nach Osten zusätzlich.
Gerade dies und die Tatsache, dass die russländische Entwicklung der letzten 17 Jahre außerordentlich widersprüchlich, ja verworren war, sollte eigentlich Anlass sein, die eingebrannten Stereotype zu hinterfragen und den ausgetreten Pfaden zu misstrauen.

Einige der Vorurteile und Dogmen erscheinen aber so langlebig und zäh, halten sich so hartnäckig, dass man dies kaum allein der Trägheit des menschlichen Geistes zuschreiben kann.
Die blutige, unmenschliche und damit antikommunistische Diktatur Stalins oder Pol Pots als Fortsetzung der emanzipativen Ideen von Marx, Engels ... (ja auch Lenin) darzustellen, hat handfeste politische und wirtschaftliche Hintergründe. Freilich ist diese recht durchsichtige Taktik sehr erfolgreich. Das "Gespenst" des Sozialismus und Kommunismus ängstigt sogar einen Teil der hiesigen Linken. Der "Kurze Abriss ..." und der "Marxismus-Leninismus" entsenden immer noch einen bleiernen Hauch aus der Dogmengruft.

Ein in Russland häufig verwendetes Sprichwort sagt, dass die Natur keine Leere duldet. Und so findet sich im geistigen Raum, den weder die neoliberale Lehre vom totalen Markt noch poststalinistische Rechtfertigungen, weder nationalistische noch national-konservative Ideologen zu füllen vermochten, Platz für Denker, die sich unbeirrbar auf Marx berufen.

Nicht zufällig heißt das Journal, um das sie sich in Russland scharen, "Alterativen". Der Chefredakteur ist Prof. Dr. Alexandr Busgalin. Von ihm stammt der folgende Text.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, mit welcher Verve diejenigen über Busgalin herziehen werden, die den gescheiterten "Realsozialismus" oder gar Stalins "Kasernensozialismus" immer noch als, wenn auch verunglücktes, Ideal betrachten. Auch jene, die die "freien Marktkräfte" zu ihrem Gott erhoben haben und das Ende der Geschichte verkünden, werden wohl kaum etwas Gutes am Text des Moskauer Professors finden.
Busgalin passt aber auch nicht recht zu denen, die vermeinen, die heutigen Zustände durch ein leichtes Facelifting dauerhaft bessern zu können, und stets dann umfallen, wenn es um grundlegende Veränderungen geht.

Ring frei zum theoretischen Disput! Denn diese Art von Auseinandersetzung brauchen sowohl Russland als auch der Westen.

Frank Preiß April 2008 ►   A. W. Busgalin: Sozialismus, Kommunismus und die Zukunft Russlands   [13 Seiten, 162 KB PDF]