Impressum | [DSS WebStruktur]   [Preiß-Home]   [DSS-Home] |  21.08.2005




Der Traum vom Fliegen in der Oberklasse

Die Moskauer Luft- und Raumfahrtschau war mehr als eine Technikmesse

Text und Fotos (außer MAKS-Logo) von Frank Preiß und Gunter Dehne

 

Der ohrenbetäubende Lärm der Düsenjets ist längst verhallt und über dem einst sorgsam von der Öffentlichkeit abgeschirmten riesigen Flugfeld des Flugforschungsinstitutes "Gromow" bei Moskau ist fast wieder die gleiche lähmende Stille eingezogen, die nach dem Ende der UdSSR auch die einst von Flugzeugbau existierende Stadt Schukowski südöstlich Moskaus beherrschte.

Der VII. Internationale Moskauer Luft- und Raumfahrtsalon (MAKS-2005) ist seit dem 21. August Geschichte. Licht und Schatten dieser Schau wird die Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit Russlands jedoch noch lange beschäftigen. Bis zum nächsten Auftritt in zwei Jahren kommt keiner, der sich ernsthaft mit Russlands Versuch des Wiederaufstiegs in die erste Riege der Staatengemeinschaft beschäftigt, an der Analyse der gigantischen Schau und der dahinterstehenden Interessen und Ziele vorbei.

Man kann rückschauend freilich nur einige Mosaiksteinchen ins Bild des gegenwärtigen Russland einsetzen. Russland lässt sich nicht in wenigen Sätzen beschreiben. Wer Russland ohne einerseits-andererseits, sowohl-als auch, jedoch und aber beschreibt, landet meist bei den sattsam bekannten Klischees von bitterer Armut, Chaos, Kriminalität, Nationalismus, Korruption, maßlosem Reichtum. Alles das gibt es zweifelsohne. Wer in Russland aber nur diese Aspekte sieht, dem muss man schlechte Absichten oder auch mangelnde Sachkenntnis unterstellen. Das Ergebnis sind dann meist oberflächlich-sentimentale Folkloreberichte, üblicherweise noch mit einem Schuss Geschichts­revision versehen.

Ein altes russisches Sprichwort sagt, es sei besser, eine Sache einmal zu sehen als hundertmal von ihr hören. Und so haben wir uns nach Moskau aufgemacht um zu erkunden, was es mit dem in Russland förmlich zum gesamtnationalen Großereignis hochstilisierten MAKS-2005 auf sich hat. Was die Besucher antrafen, war zweifelsohne bemerkenswert.

520 Firmen und Organisationen aus der Russischen Föderation und fünf GUS-Staaten stellten das Gros der Teilnehmer. Unter den 134 ausländischen Ausstellern und Repräsentanten aus 34 Ländern waren alle großen Namen der Raum- und Luftfahrt vertreten, unter anderem Airbus, Boeing, EADS und auch Great Wall aus der VR China. Die unzähligen Hallen und Pavillons zählten über 30.000 Quadrat­meter Aus­stel­lungs­flä­che. Auf mehr als 850.000 Quadrat­metern wur­den ca. 200 Flug­ge­rä­te, vom zivilen Sport-Leicht­flug­zeug bis zum strate­gischen Bom­ber, sowie Raum­fahrt- und Luft­abwehr­technik und  –tech­nologie präsentiert. An den sechs Ausstellungs­tagen wur­den 201 Schauflüge ge­zeigt. Die 49 ver­schie­de­nen Flug­zeug­typen verbrauchten dabei über eintausend Tonnen Flug­benzin.

Die vom einheimischen Publi­kum stürmisch ge­fei­er­ten Flug­vor­füh­run­gen verliefen oh­ne Zwischenfälle. Vor allem die mit einheimischen Serien­maschinen von Typ SU-27 und MIG-29 fliegenden Gruppen "Russkije Witjasi" und "Strichi" waren beeindruckend und gleichzeitig furchterregend.

Sie vollzogen, teilweise in Neunerformation mit 2 Metern Seitenabstand, Flug­kunst­fi­gu­ren der höchsten Schwierigkeit über den Köpfen tausender Zuschauer. Für viele Einheimische war es zweifellos Balsam auf die Seele zu sehen, dass ihre Jungs den genauso waghalsig agie­renden Franzosen von der "Patrouille de France" und den Italienern der "Frecce Tricolore", traurig be­rühmt durch die Ramstein-Katastrophe vom 28.08.1988, nichts schuldig blieben. Wer Flug­technik nicht nur vom Hörensagen kennt weiß, welch enorme Risiken solche "Vor­füh­rungen" immer und überall in sich tragen. Wie viele der Zuschauer und Teilnehmer mögen derartige Überlegungen vor allem wäh­rend der völlig un­er­warteten Vor­füh­rungs­flüge der strategischen Luft­streit­kräfte am ersten Tag der Show wohl angestellt haben? Die Kern­waffenträger TU-95, TU-22M3 und vor allem die TU-160 waren be­ein­druckend und ließen selbst den Laien erahnen, welche gewaltige Vernichtungskraft hinter dieser Technik steht.

Was die Flugvorführungen, nicht nur von Militärmaschinen, betrifft, so hat Moskau sogar die Luftschau von Le Bourget bei Paris übertroffen. MAKS, das war allerorts zu hören, will sich künftig an dieser messen lassen. Im Juni wurden in Frankreich 240 Fluggeräte gezeigt. 1.900 Unter­nehmen aus 44 Ländern waren vertreten und die Vertragsabschlüsse, die in Le Bourget getätigt wurden, umfassten mehr als 30 Milliarden US-Dollar. Gerade der letztgenannte Aspekt ruft bei den russischen Newcomern im Luft- und Raumfahrtechnischen Top-Showgeschäft Un­zu­frie­den­heit hervor, lagen doch die Vertrags­abschlüsse bei ihnen in diesem Jahr gerade einmal bei knapp über einer Milliarde US-Dollar.

Wenn bisher der Eindruck entstanden sein sollte, die MAKS wäre eine vorwiegend oder gar rein militärische Schau gewesen, dann trügt der Schein. Russlands Luft- und Raumfahrttechnik präsentierte eine Vielzahl ziviler Produkte und Projekte, fast alle Rüstungsproduzenten boten Konversionsprodukte an oder präsentierten auch eine zivile Palette.
Die nicht aus den Nachfolgestaaten der UdSSR stammenden Aussteller zeigten sich bewusst unmilitärisch. Nur wenn man genauer hinschaute und sich mit den Firmenvertretern an den Fachständen unterhielt, war hin und wieder etwa über diese Seite der internationalen Kooperation zu sehen und zu hören. Freilich werden derartige delikate Details nirgends in der Welt hinaus­posaunt.

Von den ausländischen Gästen präsentierten lediglich die Vereinigten Staaten eine pompöse Waf­fen­schau, die auch auf manchen Besucher befremdlich wirken musste. Eine russische Zeitung stellte gar die Frage, ob die anwesenden Flugzeuge wohl auch schon den Irak bombardiert haben.
Rund einhundert US-Militärs zeigten unter anderem zwei stra­te­gi­sche Bomber B-1B "Lancer", Jagd­flug­zeuge F-15C/D "Eagle" und F-16 A/B "Fighting Falcon" sowie Mili­tär­transporter KC-10. Die von den Ame­ri­ka­nern arg­wöh­nisch bewachte Technik mach­te einen mar­tia­li­schen Eindruck. Hier wurde offen­sichtlich um Ko­ope­ra­tion im Kampf gegen den Terror ge­worben. Von ziviler Ko­ope­ra­tion Russland-USA war weit­aus we­ni­ger zu sehen und zu hören. Der in Moskau unterzeichnete Vertrag zwi­schen "Suchoi" und "Pro­gress­tech" aus Russland und dem Boeingkonzern über die Kooperation in der Sparte zivile Flugtechnik schien des­halb wie die sprichwörtliche Schwalbe, die noch keinen Frühling macht.

Ob nun von den Ausstellern bewusst inszeniert oder rein zufällig, wie zu Hause in Florida war für die GI’s der Todfeind Kuba zum Greifen nahe. Die Organi­sa­to­ren der MAKS hatten eine IL-96-300 der CUBANA weni­ge Meter von den Kampf­vögeln der US-Air-Force geparkt. Castros Frauen und Männer prä­sen­tier­ten sich auf ihre Art. Havannas "Fünfte Ko­lon­ne" tanzte zu Samba­klängen und eroberte die Herzen der Zuschauer. Es gibt eben verschiedene Mög­lich­kei­ten, sich der Welt zu prä­sen­tieren. Wenn Fidels Bot­schaf­ter von George Bushs Kämpfern gegen den "inter­natio­nalen Terror" ab­len­ken wollten, so ist ihnen dies, zumindest was die männlichen Zuschauer betrifft, vortrefflich gelungen.
Gracias companeros.

Den gemeinsamen russisch-amerikanischen Antiterrorkampf fand auch der Mitarbeiter eines ein­hei­mischen Flugzeugunternehmens, mit dem wir unweit der Kubaner ins Gespräch kamen, sehr wichtig, und er freute sich, dass die ehemaligen Gegner als Gast gekommen waren. Er hoffte auf gute Geschäfte. Mit der gleichen feierlichen Gleichförmigkeit, mit der der Mann diese Formel gegenüber dem Westler abspulte, hatte er vermutlich selbst noch in der Lethargiephase der Sowjetunion von der führenden Rolle der Kommunistischen Partei gesprochen. Dieser Verdacht und einige Kenntnisse der "russischen Seele" veranlassten zum Nachhaken. Nein, die Amerikaner würden sich hüten, russische Flugzeuge zu kaufen oder gar Russland aus der Krise zu helfen. Die würden doch ihre "vaterländischen Interessen" nicht verraten und lieber bei Boeing ordern. Kuba aber habe bei der Iljuschin-Finanz drei TU-204 bestellt. Außerdem werden 2006 zwei IL-96-300 auf die Karibikinsel gehen. Da auch die Aeroflot endlich sechs neue Flugzeuge bei Iljuschin ordere, sei die Zukunft für das Flugzeugwerk in Uljanowsk und die Entwicklung der IL-96-400 erst einmal so gut wie gesichert. Allerdings gebe es nun auch Störfeuer der nationalen und vor allem der internationalen Konkurrenz. Ja, die Probleme mit dem Bremssystem seien wohl real, würden aber maßlos übertrieben. Man sei eben in der Marktwirtschaft, und der Westen würde Russland zunehmend als Konkurrenz empfinden. Ja, es sei schon etwas beschämend, wie bei Gorbatschow und Jelzin die ehemaligen Verbündeten brüskiert wurden. Auch der Zerfall der UdSSR sei eine Riesentragödie, da habe Putin völlig Recht. "Wissen Sie, wie stark unser Absturz war? Und unter uns gesagt: Die Amerikaner kochen immer ihren eigenen Brei. Uns wollen sie nur ausnutzen und unser Erdöl haben, wie die Chinesen auch. Die Kubaner sollen für die Amerikaner ja Terroristen sein. Von mir aus. Gegen uns haben sie nichts und wir wohl auch nichts gegen sie. Oder? Im Gegenteil. Dort kann man auch gut Urlaub machen. Aber ihr Deutschen und die Franzosen scheinen mir noch besser." Wir verzichten auf erneute Nachfragen und lassen Deutschland und Frankreich im Glorienschein. "Do swidanija".

Die ersten drei Tage des Luftfahrtsalons waren dem Fachpublikum und der Presse vorbehalten. Den 2.500 akkreditierten Pressevertretern, die unter anderem 118 TV-Sender sowie 350 Zeitungen vertraten, standen 3 spezielle Medienzentren zur Verfügung. Auf mehr als 100 Pressekonferenzen traten russische Spitzenpolitiker und –manager auf. Glasnost war angesagt, und man wurde freundlich und zuvor­kommend empfangen. Die VIP-Logen, in denen wohl die interessantesten Dinge abliefen, blieben selbstverständlich tabu.

Wir haben es aber, ehrlich gesagt, vorgezogen, direkt an den Ständen vor allem mit den ein­hei­mischen Ausstellern und mit den zahlreichen russischen Militärs zu sprechen. Deren Offenheit hat uns bisweilen verblüfft. Auf unseren Presseschildchen war zu lesen, dass wir aus Deutsch­land kommen und für die "junge Welt" tätig sind. Dass sich aber einige der älteren Spezialisten und Militärs an die Zeitung erinnern konnten und deren Leser grüßen lassen, hatten wir nicht erwartet. Selbst 15 Jahre nach dem Ende der DDR und über 10 Jahre nach Abzug der Westgruppe der russischen Streitkräfte aus der BRD finden sich noch aktive Militärs und vor allem Führungs­kräfte in der Industrie, die ihre ehe­ma­ligen Dienstorte im fernen Deutschland in guter Erinnerung haben. Die Sachlichkeit der Gespräche schlug bisweilen in frohe Herz­lich­keit um, wenn unsere Ge­sprächs­partner ihre Ver­mu­tung bestätigt sahen, dass vor ihnen ehemalige Offiziere der NVA stehen, die über­dies noch eine so­wje­ti­sche Militär­aka­demie absolviert haben. So auch der Chef der Luft­streit­kräf­te von Belarus, Generalleutnant Paferow, und seine Begleiter. Freilich er­schra­ken diese zu­nächst, fast in alter sowjetischer Manier, als sich ein Deutscher un­er­war­tet an sie wandte. Da dieser sich aber nicht für den Sturz des Prä­si­denten Lukaschenko inter­es­sier­te, sondern lediglich Fragen zur MAKS hatte, legte sich die Aufregung schnell wieder.

In den unzähligen Gesprächen mit russi­schen und ausländischen Beobachtern tauchte immer wieder eine Frage auf: Welche politischen Absichten stecken hinter der pompösen Schau? Eine Antwort darauf ist nicht schwer. Russland will zurück in die Phalanx der Großmächte. Daran lässt die politische Elite um Präsident Putin keinen Zweifel aufkommen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass WWP, wie er in Russland oft genannt wird, MAKS zur Chefsache erklärt hat. Das war bei der Organisation nicht zu übersehen. Diese funktionierte für russische Verhältnisse sogar ausgezeichnet. Und obwohl insgesamt 650.000 Besucher nach Schukowski kamen, allein am 21. August waren es 150.000, lief alles ohne größere Zwischenfälle ab. Eine gigantische Sicherheitsmaschine lief auf Hochtouren, ohne sonderlich störend zu wirken. Immerhin wurden über 100.000 Autos kontrolliert. Die Miliz meldete aber lediglich 142 "administrative Geset­zes­ver­letzungen", darunter 57 Verletzungen der "gesetzlichen Bestimmungen über den Alkohol­ausschank". Die einfachen Besucher nahmen am 21.08. sogar bis zu vier Stunden Wartezeit an den Eingängen ohne großes Murren auf sich.

Alles lief nach dem Geschmack des Präsidenten. Dieser hatte freilich vorgemacht, dass auch er bereit ist, für die angestrebte neue Weltgeltung des Landes, Strapazen auf sich zu nehmen. Direkt von der MAKS-2005 kommend, be­wäl­tig­te er einen mehr­stün­digen Flug in einer TU-160 der strate­gi­schen Luftflotte. Nach Luft­be­tan­kung und Probe­abschuss dreier neu­ent­wickelter Marsch­flug­kör­per von Typ CH-555 landete er im hohen Norden und besuchte ein weiteres seiner Lieb­lings­kinder, die Nord­meer­flotte.
Auch wenn Putin nur kurz auf dem Luft- und Raumfahrsalon weilte und dort lediglich der Unter­zeich­nung eines Ab­kom­mens über die Lizenzfertigung von rus­si­schen Triebwerken "AL-55I" durch die indi­sche HAL-Corporation beiwohnte - sein Geist schien über dem Flugfeld von Schukowski zu schweben.

Wenn man sich allerdings die Bilder der Präsi­den­ten­auftritte dieser Woche genau ansah, dann konnte man sich des Eindruckes nicht erwehren, Wladimir Putin habe innerlich schon längst mit dem Präsi­den­tenamt ab­ge­schlos­sen, sei amtsmüde und sehne sich nach einem neuen Job. Während er auf dem roten Teppich fahl und abgespannt wirkt, er­scheint er, und dies nicht zum ersten Mal, im Kampfjet oder an Bord eines Kriegschiffes gelöst und fast fröhlich. Kaum zu glauben, dass dies nur gespielt ist. Die nächsten Wahlen 2008 werden zeigen, ob die Person Putin noch einmal in den Ring tritt. Das System oder Prinzip Putin wird uns jedoch auch dann noch beschäftigen, wenn längst ein anderer im Kreml herrscht.

Auf der MAKS-2005 standen viele brennende Fragen im Raum, die bisweilen auch in zu­ge­spitzter Form artikuliert wurden. So pro­tes­tier­ten der ukrainische Trieb­werks­hersteller "Dnepro­petrowskij agregatnij sawod" und die "Rubin-AG" aus der russischen Stadt Balaschicha mit einem originellen Comic gegen alle Versuche, ihre erfolgreichen Kooperations­bezie­hun­gen auf dem Altar nationalistischer Politik zu opfern und forderten politischen Rückhalt. Unter der Über­schrift "Wie russische Recken und ukrainische Kosaken Triebwerke fertigen, gestern, heute und in Zukunft." er­teil­ten die beiden Gene­ral­direk­toren Morosenko und Kramarenko der Politik eine schallende Ohrfeige und ernteten die unverhohlene Sympathie vieler, auch nicht­russischer Besucher. Im Land wird man selbst­bewusster gegenüber der Zentralmacht. Das Beispiel der Tur­bi­nen­bauer ist symptomatisch für Russland und war auf der Ausstellung allerorten zu spüren. Die Vertreter der Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Organisationen, vor allem aus der Peripherie des Riesenlandes, hoben sich oftmals positiv durch Sachkenntnis und Offenheit von den Mitarbeitern der "Zentralen" ab, die zumeist in Moskau ansässig sind und mit der eigentlichen Forschung, Entwicklung und Produktion und deren Risiken kaum etwas zu tun haben. Von den Produkten und ihren Produzenten sind diese "Holdings", "Agenturen" und "Vereinigungen" fast völlig entfremdet, wollen deren Ergebnisse aber, zumeist sehr eigennützig, vermarkten. Daran ist auch Putin nicht unschuldig. Sein "vertikales Machtkonzept" hat einen großen Mangel. Er zwingt die Basis unter die Fuchtel einer gewaltigen und mächtigen Bürokratie. Hier sind Russlands wahre Feinde in ihrem Element. Sie haben schon die zaghaften Reformen der Zaren im 19. Jahrhundert vereitelt und unter anderem auch die grandiosen Pläne und Ideen Lenins und seiner Mitstreiter zunichte gemacht.

Sie werden, so sind sie sich sicher, auch Putin überleben. Nicht zufällig wächst die Zahl der Bürokraten gerade jetzt enorm. Heute hat Russland mehr davon als die UdSSR. Gerade die gewachsene wirtschaftliche Leistungskraft der Wirtschaft und vor allem der Dollarregen aus den gestiegenen Ölpreisen ziehen die Schmarotzer in den dunklen Nadelstreifenanzügen und den großen schwarzen ausländischen Limousinen magisch an. Das war auch bei MAKS-2005 nicht zu übersehen. Die Bürokratie ist eine der wesentlichsten Quellen der Korruption. Und diese ist neben der Xenophobie die größte Gefahr für Russland. Die Zukunft wird zeigen, ob die Bürger des Landes die Kraft und den Mut aufbringen, um ihre Zukunft zu kämpfen. Positive Ansätze sind zu sehen. Auch außerhalb der Stadtgrenzen Moskaus und selbst zweihundert Kilometer vom Roten Platz entfernt sind allerorts Anfänge dafür sichtbar, Resignation, Verfall und Tristesse zu überwinden. Zwar sagt man den Russen nach, dass sie sich zweierlei stets innig wünschen: Erstens einen starken Herrscher und zweitens genügend Kraft und Phantasie, diesen zu hintergehen. Nur wenn der jahrhundertealte blinde Obrigkeitsglaube zerstört und die Entfremdung der Bürger von der Macht gemildert werden und die Menschen ihrer eigen Kraft vertrauen, wird Russland eine wirklich progressive Entwicklung erfahren. Bis dahin scheint zwischen autoritärer Großmacht und Zerfall in fremdbestimmte Einzelstaaten noch alles möglich.

Aber zurück zur MAKS-2005. Eine Frage, die uns immer wieder zu Ohren kam, war die, ob es Russland überhaupt möglich sei, die gezeigten ehrgeizigen Projekte zu realisieren. Wenn die Vorhaben sowohl politisch abgesegnet als auch finanziert werden, dann kann man diese Frage mit einem klaren Ja beantworten.

Am politischen Willen besteht kein Zweifel. Die Wie­der­her­stellung der führenden Rolle der Raum- und Luftfahrt wird von allen im russischen Parlament, der Duma, vertretenen Parteien und Gruppen ausdrücklich befürwortet. Gennadij Sjuganow, der Vorsitzende der Kom­mu­nis­ti­schen Partei, der sich wie fast alle Polit­größen den MAKS-Besuch nicht entgehen ließ, kriti­sier­te dort heftig die Regierung Putin ob ihrer zögerlichen Haltung bei der Neu­aus­rüstung der Streitkräfte. Während die Sowjetarmee jährlich fast 2.000 neue Fluggeräte erhielt, hätten die russischen Streitkräfte in den letzten Jahren gerade einmal 60 neue zu­ge­führt bekommen. Dies sei eine Schande, wetterte Sjuganow erbost. Lediglich die in die poli­ti­sche Be­deu­tungslosigkeit abgesunkenen Liberalen, wie Frau Irina Hakamada oder Herr Grigori Jawlinski, deuten bis­wei­len an, dass eine verstärkte Koope­ration mit dem Westen eine umfassende eigene Luft- und Raumfahrt­industrie zumindest teilweise unnötig mache. Nach den Erfahrungen mit den "liberalen Reformen" der 1990er Jahre sind die meisten Bürger Russlands der Rat­schläge aus dieser Ecke erst einmal über­drüssig, und die einstigen Reformer halten sich der Wähler­stimmen zuliebe in diesen Fra­gen gegenwärtig lieber bedeckt.

Auch die lange Zeit fragliche Finan­zierung steht nun­mehr einer Auf­er­stehung der russischen zivilen und militärischen Luft- und Raumfahrt nicht mehr im Wege. Davon zeugen nicht nur die geplanten militärischen Neuanschaffungen (unser Beitrag in der jW vom 18.08.). Auch die einheimische Zivilluftfahrt bestellte neue russische Maschinen, was angesichts des technischen Verschleißes auch dringend notwendig erscheint. Beispielsweise hat Iljuschin 39 Bestellungen für die AN-148-100 und sieben Aufträge für die TU-204-verbuchen können.

Russlands Staats­haushalt weist schon seit einigen Jahren einen Über­schuss auf, und die Einnahmen aus dem Rohstoffexport, vor allem aus dem Öl­verkauf, werden al­ler Voraussicht nach sogar weiter wach­sen. Mit dem Reich­tum kommen aber neue Sorgen. Nicht nur die oben bereits angedeutet Raufe­rei der Bürokratie um die Fleischtöpfe wird Russland neue Belastungsproben bescheren. Gewöhnliche "kapi­ta­listische Sorgen" werden die Mosko­witer Herrscher be­we­gen und quälen. Irgendwann folgt dem jetzigen riesigen Bauboom auch das Platzen der spekulativen Immobilenblase. Welche Folgen hat die disproportionale Entwicklung zwischen den sich dynamisch entwickelnden Zentren und der zurück­bleibenden Peripherie, wo die Zeit vor 100 Jahren scheinbar stehen geblieben ist? Was geschieht dereinst mit den unzähligen ausländischen, oftmals illegalen Wanderarbeitern, die sinnigerweise "gastarbeitery" genannt werden, wenn der Bedarf an Arbeitskräften einmal zurückgeht? Wie wirken demografische Faktoren gerade im dünnbesiedelten Osten? Strömen dann Chinesen in das fast menschenleere Sibirien, wie einige bereits orakeln? Wie entwickeln sich die Beziehungen zu den islamischen Nachbarstaaten in Mittelasien? Werden die baltischen Staaten weiter darauf setzen, eine Politik der Eindämmung gegenüber ihrem östlichen Nachbarn zu praktizieren, und damit gegen ihre eigenen Interessen verstoßen? Wird Polen tatsächlich dem Phantom einer regionalen Großmacht hinterherlaufen, wie man in Russland befürchtet, und die Herrschaft über die Ukraine und Belarus anstreben? Haben sich die Polen vom sowjetisch-russischen Diktat endlich gelöst, nur um in eine neue Abhängigkeit, diesmal von den USA, zu stolpern und als mächtige Speerspitze gegen Russland zu fungieren?
Wird sich Russland schließlich von Europa abwenden und eine Allianz, gar als Juniorpartner, mit China eingehen? Die Zukunft wird es zeigen.

Jedenfalls bleibt Russ­lands Ent­wicklung span­nend und wird uns sicher auch noch einige Über­ra­schun­gen be­rei­ten. Hoffen wir, auch in un­se­rem eigenen Inter­esse, dass diese posi­tiver Art sind.
Zum Beispiel wie der ge­plante Flug des neuen Raum­glei­ters "Kliper", der einer der Stars in Moskau war und erst­malig der Öf­fent­lichkeit prä­sen­tiert wur­de.
Er soll der zivilen inter­natio­nalen Kos­mos­for­schung neuen Auftrieb geben und Symbol für Russ­lands Rückkehr in die in­ter­nationale wissenschaftlich-technische Spitzengruppe sein.



Boris Aljoschin, der mächtige Chef der Föderalen Industrieagentur Russlands, gab wenige Stunden nach der MAKS-2005 das Ziel für 2007 vor: Moskau soll in zwei Jahren Le Bourget überflügeln.

Nach der MAKS ist schließlich vor der MAKS.