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Text und Fotos: Frank Preiß und Gunter Dehne
Moskau 2005
[ Bildimpressionen (1 bis 21) ]Der Oscar des Jahres 1980 für den besten ausländischen Film ging, völlig überraschend, an eine sowjetische Produktion: "Moskau glaubt den Tränen nicht". Regisseur Wladimir Menschow erzählt darin die Geschichte dreier Arbeiterinnen mit Namen Katja, Ludmila und Antonina, die in der sowjetischen Hauptstadt versuchen, ihr Glück im Alltag des kleinen Mannes zu finden. Der Handlungsbogen beginnt 1958 und spannt sich über 15 Jahre. Unprätentiös, sachlich-verträumt, selbstironisch-tragisch bot sich dem Ausländer die damals seltene Gelegenheit, einen diskreten Einblick ins Innenleben der Sowjetunion zu erhalten.
Nähert man sich nach Verlassen des noch immer provinziell anmutenden Flugplatzes Scheremetewo-2 der beunruhigend brummenden, stets aufgeregten Stadt, dann fühlt man sich mitunter in eine fremde Welt versetzt. Manch einer wird von der scheinbar magischen Verbindung von Tragik und Komik, Ironie und Ernst, Licht und Schatten, die Moskau ausstrahlt und es sympathisch und beängstigend zugleich erscheinen lässt, jedoch nie mehr losgelassen.
Nein, diese Stadt hat kein phantasiervolles Pseudonym, wie das Dresdener "Elbflorenz" oder Sankt Petersburg, das "Venedig des Nordens", vom "Big Apple" New York ganz zu schweigen. Moskau ist nie etwas anders als es selbst gewesen. Verflossen die Zeiten, in denen die osteuropäische Metropole für die einen das Zentrum des Reichs des Bösen, für andere der Mittel- und Ausgangspunkt einer lichten Zukunft war. Mit dem Ende der Sowjetunion schien der letzte Glanz endgültig verloschen. Dieser war freilich schon lange stumpf geworden. Die 858-jährige war zweifelsohne noch nie eine betörende Diva gewesen. Dafür kann sie ein Lied singen von Kriegen, Revolutionen und Revolten, blutigen Machtkämpfen und Kabalen, vom erbarmungswürdigen Alltag kleiner Leute und dem grenzenlosen Überfluss ihrer Herren. Und ein grandioser siebzigjähriger Versuch, Licht ins Dunkel, Wärme in die Kälte zu bringen, ist letztendlich kläglich gescheitert. Auch davon berichtet die alte Dame auf Schritt und Tritt.
Was ist es bloß, das diesen brodelnden Hexenkessel zum geliebt-gehassten Ziel vieler Russen macht. Warum sehnt sich fast jeder im Lande danach, zu den beneideten Moskowitern zu zählen, obgleich er sie unterschwellig mit der gleichen Verve zu verachten scheint?
Ist es tatsächlich nur das vorgeblich bessere Dasein in einer Stadt, die zweifellos das Leben auf Kosten des übrigen riesigen Landes gewohnt ist und sich nicht ziert, sich von diesem bisweilen aufreizend arrogant abzuheben? Sind es wirklich nur die vielgerühmten Museen, Universitäten, Parks, Freizeit- und Vergnügungsangebote, die unwiderstehlich locken? Oder sind es vielleicht die Karrierechancen, die die Weltstadt mit ihren unzähligen Behörden und Unternehmen bietet? Ist es gar die Hoffnung, im Großstadtgetriebe der Neunmillionen-Riesin eine Nische zu finden, die sonst im Land mit einer nach wie vor allgegenwärtigen, aufdringlichen Bürokratie kaum auszumachen ist?
Moskau ist nicht Russland, hört man allerorts im Riesenreich. So wie Berlin nicht Deutschland, Paris nicht Frankreich und Rom nicht Italien, möchte der Reisende hinzufügen, lässt es jedoch meist bleiben.
Wer denkt hierzulande nicht zuerst an den Kreml und den Roten Platz? Obwohl Stalin der letzte Herrscher war, der in der alten Festung tatsächlich lebte und regierte, ist die weitläufige Anlage zum Begriff für Russlands politische Herrschaft geworden. Die wichtigen Entscheidungen werden mittlerweile am "Alten Platz", wo im ehemaligen Gebäude des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei die Präsidentenadministration residiert, im vormaligen Haus des Plankommission am Manegenplatz, das heute das Parlament, die Duma, beherbergt, oder sonst wo getroffen. So ist die alte Zarenburg längst ein Freilichtmuseum, und auf dem Roten Platz vor dem Mausoleum des Staatsgründers Wladimir Iljitsch Lenin tummeln sich heute schon mal Mountainbiker. Was mit dem konservierten Leichnam werden soll, erhitzt schon lange nicht mehr die Gemüter der Hauptstädter. Nein, ganz egal ist es ihnen wohl nicht. Aber die Bürger der Russischen Föderation sind miese Denkmalsstürmer. Außer der Statue des Tscheka-Gründers Felix Dserschinski sind die Postamente nicht leergeräumt. Feigheit und Gleichgültigkeit monieren die Einen. Weisheit und Gelassenheit meinen die Anderen. Und so schauen Lenin, Marx, Thälmann und andere Standbilder unberührt dem kapitalistischen Treiben zu und scheinen geduldig auf ihre Stunde zu warten.
Der Klassiker Basiliuskathedrale ist ein Muss für den Gast. Dass die Straße daneben 1987 scherzhaft Scheremetewo-3 genannt wurde, wer erinnert sich noch? Ja, der Flug des Mathias Rust ist auch schon Geschichte.
Reisender, kommst Du nach Moskau, so vergiss auf keinen Fall den alten Arbat. Hier soll Moskaus Künstlerherz einst geschlagen haben. Nicht zufällig steht das Denkmal des Sängers und Schriftstellers Bulat Okudshawa unweit des Puschkinhauses. Die vielen Kaffees laden zum Verweilen ein, und die Kitschverkäufer lauern geduldig auf ihre Opfer. Aber längst beginnt sich eine wohl authentischere Szene im Viertel um die Petrowkastraße und anderswo zu etablieren. Hier scheint die raue, unerbittliche Stimme des unvergessenen Sängers Wladimir Wysotzkij auch 25 Jahre nach seinem Tod in der Luft zu liegen, und einen Steinwurf entfernt thront noch immer majestätisch und bedrohlich unnahbar die Lubjanka, der berühmt-berüchtigte Geheimdienstsitz - faszinierende, schaurige Stadt.
Moskau gibt sich nicht mehr rot, ist aber grün geblieben. Fast ein Fünftel der Stadt sind Parks und Grünanlagen, die neuerdings wieder regelmäßig liebevoll gepflegt werden. Die oft aufwändig renovierten klassizistischen Quartiere entlang des Boulevardringes erstrahlen im neuen Glanz, ganz so, als ob sie die vielen eintönigen Massenquartiere der Außenbezirke vergessen machen wollen.
Wenige Meter hinter dem 109 km langen Autobahnring, der Moskau einst endgültig begrenzen sollte, den die Stadt aber schon längst übersprungen hat, scheint man mitunter in einer anderen Welt. In Saltykowka und anderswo, nicht mehr Dorf und noch nicht Stadt, scheint Russlands Provinz der Hauptstadt zu trotzen und die Metropole das Hinterland zu umgarnen. Beginnen da schon Taiga und Steppe oder kommt man erst hier nach Russland?
Über Moskau berichten, ohne die Metro auch nur zu erwähnen, ist schlichtweg unmöglich. Sie ist nicht nur sehenswert, sondern fast die einzige Möglichkeit, die Stadt wirklich zu bereisen. Wer in Moskau etwas auf sich hält, fährt dennoch im Auto, und je größer und teurer die Kalesche, umso bedeutender der Insasse. So stehen dann große und kleine, neue und alte Blechkisten hupend und qualmend im Dauerstau. Die Bewegungslosigkeit als Statussymbol. Genervte Wichtigmänner suchten eine Erlösung, und so rasen unzählige Wichtelbonzen und sicher auch manch berüchtigter Mafioso mit blauen Signalsirenen, einst für die Spitze der Nomenklatur reserviert, durch die Straßen und drängen den Normalbürger und Steuerzahler erbarmungslos ins automobile und mentale Abseits. In Russland, so heißt es, sei erst dann Demokratie und Freiheit, wenn auch Fürst Igor mit Iwan Normalverbraucher in einer Reihe im gemeinsam verursachten Stau steht. Sozusagen die Gleichheit im Stillstand. Dem Metrofahrer kann’s derweilen egal sein!
Was wäre Moskau aber ohne die Moskauer? Diese sind sich ihrer Rolle als Hauptstädter offensichtlich sehr bewusst. Man ist in den letzten Jahren merklich selbstsicherer geworden. Der Aufschwung, nicht nur der Wirtschaft, ist zu sehen und zu spüren.
Die Frauen tragen den neuesten Schick, manchmal sicher auch das, was sie dafür halten, und was viel wichtiger ist, viele haben durchaus etwas von Katja, Ludmila und Antonina aus dem Film mitbekommen. Da bleibt dem starken Geschlecht oftmals nichts anders übrig, als über den von den Vätern ererbten eigenen Schatten zu springen oder wie Gurin im Film an Wodka und Einsamkeit zu scheitern.
Kein Wort von Armut, Not, Verfall, Kriminalität und…?
Natürlich gibt es das alles. Es ist nicht zu übersehen und belastet die Menschen sichtlich. Aber die Stadt Mafia, Osten, Stalin, Korruption, Asien, Unheil zu buchstabieren, ist zumindest ungerecht.
Vieles spricht dafür, dass sich Russland aus eigener Kraft aufrichten kann. Tränen hat das Land in seiner reichen Geschichte zur Genüge gesehen. Es ist an der Zeit, ihnen in Moskau und anderswo endlich nicht mehr zu glauben.