Ernst Woit
Kriegsentwicklung, Kriegsschauplätze und Kriegsfolgen im 20. Jahrhundert
Das ist natürlich ein wahres "Jahrhundert-Thema", und ich kann nur versuchen, auf einige Probleme, Entwicklungstendenzen und Lehren aufmerksam zu machen, die ich vor allem auch im Hinblick auf unser Selbstverständnis und unsere Ziele als Friedensbewegung für wichtig halte.
Neue Kriegsmerkmale
Als erste und vielleicht wichtigste Tendenz der Kriegsentwicklung möchte ich die reale Globalisierung der Kriege hervorheben. Sowohl hinsichtlich der Kriegsziele und der Kriegsanstrengungen als auch hinsichtlich der Kriegsfolgen ist das nun zu Ende gehende 20. Jahrhundert - trotz der außerordentlich großen Zahl von lokalen und regionalen Kriegen sowie von Bürgerkriegen - vor allem ein Jahrhundert der Weltkriege gewesen. Die tiefsten Denker des ausgehenden 19. Jahrhunderts hatten das sehr klar vorausgesehen. So hatte FRIEDRICH NIETZSCHE 1886 geschrieben: "Die Zeit für kleine Politik ist vorbei; schon das nächste Jahrhundert bringt den Kampf um die Erd-Herrschaft, - den Zwang zur großen Politik"(1) Ein Jahr später charakterisierte FRIEDRICH ENGELS diese neue Kriegsqualität bereits wörtlich als "Weltkrieg", und zwar als einen "Weltkrieg von einer bisher nie geahnten Ausdehnung und Heftigkeit. Acht bis zehn Millionen Soldaten werden sich untereinander abwürgen und dabei ganz Europa so kahlfressen, wie noch nie ein Heuschreckenschwarm. Die Verwüstungen des Dreißigjährigen Kriegs zusammengedrängt in drei bis vier Jahre und über den ganzen Kontinent verbreitet; Hungersnot, Seuchen, allgemeine, durch akute Not hervorgerufene Verwilderung der Heere wie der Volksmassen; rettungslose Verwirrung unsres künstlichen Getriebs in Handel, Industrie und Kredit, endend im allgemeinen Bankrott, Zusammenbruch der alten Staaten und ihrer traditionellen Staatsweisheit, derart, daß die Kronen zu Dutzenden über das Straßenpflaster rollen und niemand sich findet, der sie aufhebt; absolute Unmöglichkeit, vorherzusehen, wie das alles enden und wer als Sieger aus dem Kampf hervorgehen wird ..."(2)
Wurden die Kriege des 19. Jahrhunderts noch im wesentlichen von "stehenden Heeren" mit den vor dem Krieg angehäuften Vorräten an Waffen und anderem Kriegsgerät auf Schlachtfeldern außerhalb menschlicher Siedlungen entschieden, so änderte sich in all diesen Merkmalen mit dem I. Weltkrieg die Qualität der Kriegführung grundlegend. Die auf der Industrialisierung beruhende Technisierung der Kriegführung führte zu einem solchen Verbrauch an Munition und an jeglicher Militärtechnik, daß die vor dem Kriege angesammelten Vorräte schon kurz nach Kriegsbeginn verbraucht waren und faktisch die gesamte Wirtschaft als "Kriegswirtschaft" organisiert werden mußte. Die angestrebten Kriegsziele und die eingesetzte Militärtechnik führten zu Kriegsfronten, für die faktisch alle wehrfähigen Männer in viele Millionen Soldaten zählenden "Massenarmeen" rekrutiert wurden. Darüber hinaus wurden alle nicht für die Streitkräfte rekrutierten Erwachsenen – vor allem Frauen – für die "Kriegswirtschaft" zwangsverpflichtet. Mit dieser Entwicklung wurde die Trennung von "Front" und "Hinterland" immer mehr aufgehoben, wurden Wirtschaft und Infrastruktur und damit das gesamte Territorium der kriegführenden Staaten zum Kriegsgebiet -- natürlich auch deshalb, weil die verfügbaren Waffensysteme das nun technisch möglich machten. Die Rekrutierung von Massenarmeen und die Einbeziehung faktisch der gesamten erwachsenen Bevölkerung für Kriege mit außerordentlich weitreichender Zielsetzung führte zu einer neuen Qualität der Ideologisierung der Kriegführung bis hin zum "Weltanschauungskrieg". Technisierung und Ideologisierung der Kriegführung bringen schließlich eine historisch beispiellose Brutalisierung der Kriegführung hervor, die bis zur planmäßigen Massenvernichtung von Zivilpersonen des Kriegsgegners geht. Wie ERIC HOBSBAWM rückblickend einschätzt, nehmen wir es inzwischen "als gegeben hin, daß der moderne Krieg alle Bürger in Mitleidenschaft zieht und die meisten von ihnen mobilisiert; daß er mit Waffen geführt wird, deren Produktion der Umleitung der gesamten Wirtschaft bedarf und die in unvorstellbaren Mengen eingesetzt werden; daß er unsagbare Zerstörungen mit sich bringt und das Leben der beteiligten Staaten vollständig beherrscht und verwandelt. Doch all diese Phänomene traten erst bei den Kriegen des 20. Jahrhunderts auf."(3)
Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben der Menschheit historisch beispiellose Opfer abverlangt. Nach HOBSBAWM begann 1914 "das Zeitalter der Massaker".(4) Das betrifft zunächst die Zahl der im Kriege getöteten Soldaten. So forderte der deutsch-französische Krieg 1870/71 insgesamt 150 000 Tote. Im I. Weltkrieg fielen in der Schlacht bei Verdun allein von Februar bis Juli 1916 1 Million von 2 Millionen dort eingesetzten Soldaten!(5) Als "Zeitalter der Massaker" muß man aber das 20. Jahrhundert vor allem auch wegen der vielen getöteten Zivilpersonen bezeichnen. Hier sei nur daran erinnert, daß die japanische Armee bei ihrem Angriff auf China im Dezember 1937 allein in der damaligen chinesischen Hauptstadt Nanking 155 000 Einwohner ermordet hat.(6) Eine historisch neue Qualität geplanter Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung stellte die atomare Bombardierung Hiroshimas und Nagasakis am 6. und 9. August 1945 dar. Was hatte die Führung der USA bewogen, ausgerechnet diese beiden japanischen Städte atomar bombardieren zu lassen? Nach General LESLIE GROVES, dem militärischen Leiter des "Manhattan-Projekts", sollten die Zielorte "nicht schon durch Luftangriffe beschädigt sein. Erwünscht war schließlich, als erstes Ziel einen Ort von solcher Größe zu wählen, daß die ganze Zerstörungszone sich innerhalb des Ortes befinden müßte und wir daher die Gewalt der Bombe genauer bestimmen könnten."(7) Das heißt: mehr als 400 000 japanische Zivilisten wurden mit dem Ziel getötet, die Vernichtungswirkung der neuen Waffe am lebendigen Objekt zu testen! Die Berechtigung, das 20. Jahrhundert ein "Zeitalter der Massaker" zu nennen, ergibt sich schließlich auch daraus, daß die Kolonialmächte unter den einst von ihnen beherrschten Völkern gerade auch nach dem II. Weltkrieg schlimme Massaker anrichteten, ehe sie aus deren Ländern abzogen. Außer den Kriegen Frankreichs und der USA gegen das Volk Vietnams sind diese Kriege inzwischen fast vergessen (gemacht) worden. Es war deshalb schon wichtig, wenn SABINE KEBIR kürzlich daran erinnerte, daß z.B. "die Kolonialmacht Frankreich 1946 einen Aufstand in Madagaskar mit der Abschlachtung von 250 000 Menschen niederschlug."(8)
Zur Interessen- und Kriegsziel-Problematik
Entscheidend für die Dimensionen, die Intensität und die Opfer der Kriege des 20. Jahrhunderts ist vor allem die Maßlosigkeit der mit und in diesen Kriegen verfolgten Ziele. Um es einmal etwas zugespitzt historisch zu vergleichen: Die Kriege des 20. Jahrhunderts sind keine Alternative mehr zu Grenzveränderungen per Heirat von Monarchenkindern!
Erklärte Kriegsziele sind im 20. Jahrhundert vor allem:
Man achte nur einmal darauf, in wie vielen politischen Erklärungen z. B. nach dem Ende des Kalten Krieges von der "neuen Weltordnung" oder der "Neuordnung Europas" die Rede war und ist. Symptomatisch dafür war ein Grundsatzartikel des damaligen deutschen Außenministers KLAUS KINKEL über die "deutsche Außenpolitik in einer sich (!) neu ordnenden Welt" vom März 1993, in dem er betonte: "Zwei Aufgaben gilt es parallel zu meistern. Im Innern müssen wir wieder ein Volk werden, nach außen gilt es etwas zu vollbringen, woran wir zweimal gescheitert sind." Das, woran Deutschland schon zweimal gescheitert ist und wofür es zwei Weltkriege verursacht hat, umschreibt KINKEL dann mit den Worten: "... im Einklang mit unseren Nachbarn zu einer Rolle zu finden, die unseren Wünschen und unserem Potential entspricht."(9) über die in ihren Kriegen verfolgten Ziele haben sich die Vertreter des deutschen Imperialismus immer dann besonders deutlich geäußert, wenn sie glaubten, den Sieg schon errungen zu haben. Für den ersten Weltkrieg trifft das auf das Buch "Mitteleuropa" von FRIEDRICH NAUMANN zu, das 1915 erschien. FRIEDRICH NAUMANN – dessen Namen übrigens die FDP–nahe Stiftung trägt, ging damals davon aus, daß Deutschland und Österreich-Ungarn den Krieg gewinnen werden. Davon ausgehend schrieb er: "Solange uns also die Sonne noch leuchtet, müssen wir den Gedanken haben, in die Reiche der Weltwirtschaftsmächte erster Klasse einzutreten. Dazu gehört die Angliederung der anderen mitteleuropäischen Staaten und Nationen. ... Ein lebensfähiges Mitteleuropa braucht angrenzende Agrargebiete ..., es braucht, wenn möglich, Erweiterung seiner nördlichen und südlichen Seeküste, es braucht seinen Anteil am überseeischen Kolonialbesitz."(10) Noch unverblümter wurden die Kriegsziele Nazi-Deutschlands öffentlich diskutiert, als man nach dem überfall auf die Sowjetunion und der Kriegserklärung an die USA fest davon überzeugt war, diesmal den Krieg zu gewinnen. So hieß es in dem 1941 erschienenen Buch von PAUL HERRE "Deutschland und die europäische Ordnung": "Ganz klar ist das Verhältnis Europas zum großasiatischen Raum, für den Deutschland und Italien durch den Dreierpakt vom 27. September 1940 die japanische Führung anerkannt haben und dessen Neugestaltung, zusammen mit der Neuordnung Europas, das Kampfobjekt des zum zweiten Weltkrieg gewordenen Ringens bildet. ... Der weltpolitische Ausblick, mit dem unsere Betrachtungen abschließen, gibt uns die Gewißheit, daß sich Europa nach siegreicher Beendigung des Krieges in friedlicher und fruchtbarer Arbeit unter deutscher Führung seinen Ordnungsaufgaben auf politischem, wirtschaftlichem, sozialem und geistigem Gebiet ungestört widmen kann." Das Buch endet dann mit dem Satz: "Großdeutschland als Führer Europas wird sein oder Europa wird nicht sein."(11)
Letztlich waren all diese Kriege um die regionale oder globale ‚Neuordnung‘ immer Ressourcen–Kriege, Kriege zwischen den mächtigsten kapitalistischen Staaten um die verfügbaren Ressourcen, imperialistische Kriege. Unverändert gilt, was der britische ökonom und Pazifist JOHN ATKINSON HOBSON bereits 1902 dahingehend kritisiert hat, daß z. B. die Notwendigkeit "der Beherrschung der Tropen durch die "zivilisierten" Nationen" mit der These begründet werde, die Naturschätze der tropischen Länder seien "lebenswichtig für die Erhaltung und den Fortschritt der westlichen Zivilisation."(12) Die zynische Inhumanität dieser bis heute unveränderten imperialistischen Position wird daran deutlich, daß die Frage gar nicht gestellt wird, was denn für die Menschen in den Ländern lebenswichtig ist, deren Naturschätze man so selbstverständlich für den reichen Norden beansprucht.
Um zum Wesen von Kriegen vorzudringen, ist es unerläßlich, stets mindestens zwei zunächst paradox klingende Erkenntnisse im Blick zu behalten. Erstens möchte jeder Aggressor, jeder Friedensbrecher – Frieden! Allerdings einen anderen Frieden als den, den er bricht. In diesem Sinne betonte auch CLAUSEWITZ: "Der Eroberer ist immer friedliebend."(13) Wie aktuell diese Erkenntnis ist, machte der Philosoph K. R. POPPER deutlich, als er im Zusammenhang mit dem Golfkrieg II zur Durchsetzung der "Pax Americana" als "Neue Weltordnung" forderte: "Unser erstes Ziel heute muß der Friede sein. Der ist schwer zu erreichen in einer Welt wie der unseren, wo Leute wie Saddam Hussein und ähnliche Diktatoren existieren. Wir dürfen hier nicht davor zurückschrecken, für den Frieden Krieg zu führen. ... Nicht nur gegen Saddam ... Im überholten Sinne pazifistisch vorzugehen wäre Unsinn. Wir müssen für den Frieden Kriege führen."(14) Zweitens gilt es zu beachten, daß jeder Krieg erst mit der Verteidigung des Angegriffenen beginnt – ohne sie gibt es keinen Krieg! Deshalb schreibt CLAUSEWITZ: "Einer der beiden Teile muß, politisch genommen, notwendig der Angreifende sein, weil aus gegenseitiger Verteidigungsabsicht kein Krieg entstehen kann."(15) Daß CLAUSEWITZ hier den Angreifer politisch definiert, verweist darauf, daß er das Wesen des Krieges als die Fortsetzung der Politik mit anderen, gewaltsamen Mitteln definiert.(16) Das zu beachten ist auch für die Friedensbewegung wichtig, denn es bedeutet, die reale Entscheidungsebene über Krieg und Frieden in den Kabinetten und nicht in den Kasernen zu sehen.
Daß sich in den zu Krieg oder Frieden führenden politischen Entscheidungen die unterschiedlichsten Interessen treffen und oft gegenseitig durchkreuzen, ist kein neues Problem. FRIEDRICH ENGELS gab dafür im März 1887 das auch heute noch interessante Beispiel einer Analyse: "Während des ganzen Herbstes und Winters hat die russische und preußische Diplomatie daran gearbeitet, einen lokalisierten Krieg zustande zu bringen und einen europäischen zu vermeiden. Die Russen hätten gern österreich allein, die Preußen gern Frankreich allein zermalmt, während die andern zusehen sollten. Leider kreuzten diese wohlwollenden Bestrebungen sich gegenseitig in der Art, daß derjenige, der zuerst losschlug, den allgemeinen Weltkrieg provoziert hätte. Daß die Zeit der lokalisierten Kriege vorüber, wußte natürlich außer den gescheuten Leuten, die Europa regieren, jedes Kind, aber die großen Staatsmänner finden das erst jetzt aus, und vor einem Weltbrand haben sie doch einige Angst, denn der ist unberechenbar und wächst selbst der preußischen und russischen Armee über den Kopf. Und darin liegt für mich noch die einzige Garantie für den Frieden, den wir haben."(17) Im 20. Jahrhundert hat es auf der politischen Entscheidungsebene über Krieg und Frieden mehrfach einen ausgesprochenen Interessen–Mix gegeben. In höchstem Maße bedeutsam und folgenreich war z. B. die Anti-Hitler-Koalition, was ERIC HOBSBAWM so einschätzt: "Nur die temporäre und bizarre Allianz von liberalem Kapitalismus und Kommunismus, zur Selbstverteidigung gegen den faschistischen Herausforderer, rettete die Demokratie; denn Hitlers Deutschland wurde und konnte nur durch die Rote Armee besiegt werden. In vielerlei Hinsicht war diese Periode der kapitalistisch-kommunistischen Allianz gegen den Faschismus ... der Dreh- und Angelpunkt und das entscheidende Moment in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Aber in vielerlei Hinsicht war dieses Moment auch ein historisches Paradoxon in den Beziehungen zwischen Kapitalismus und Kommunismus, die fast während des gesamten Jahrhunderts (außer in der kurzen Zeitspanne des Antifaschismus) in einem unversöhnlichen Antagonismus eingebettet waren. Der Sieg der Sowjetunion über Hitler war die Leistung jenes Regimes, das mit der Oktoberrevolution etabliert worden war ... Ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (außerhalb der USA) heute wahrscheinlich eher aus einer Reihe von autoritären und faschistischen Varianten als aus einem Ensemble unterschiedlicher liberaler, parlamentarischer Demokratien."(18) Ein völlig anderer, ebenfalls außerordentlich folgenreicher Interessen-Mix lag dem Kalten Krieg zu Grunde. Unter dem Eindruck des Golfkrieges II über den Kalten Krieg und unser Jahrhundert reflektierend kam der italienische Philosoph UMBERTO ECO zu einer meines Erachtens höchst bedenkenswerten Sicht: "Es ist heute eine intellektuelle Pflicht, die Unmöglichkeit des Krieges zu proklamieren. Auch wenn es keine alternative Lösung gibt. Allenfalls wäre daran zu erinnern, daß unser Jahrhundert eine exzellente Alternative zum Krieg gekannt hat, nämlich den ‚kalten Krieg‘. Sooft er auch Gelegenheit zu Greueln, Ungerechtigkeit, Intoleranz, lokalen Konflikten und diffusem Terror geboten hat – am Ende wird die Geschichte zugeben müssen, daß der kalte Krieg eine sehr humane und relativ sanfte Lösung war, bei der es schließlich sogar Sieger und Besiegte gab."(19) Zu den Folgen des Kalten Krieges zählt zweifellos die Tatsache, daß im letzten Jahrzehnt weltweit 23 neue Staaten entstanden sind, wobei sich für nicht weniger als 170 Millionen Menschen die Staatszugehörigkeit geändert hat.(20)
Die Kriegsmittel
Grundsätzlich ergeben sich aus den Produktivkräften, über die die Menschen verfügen, auch ihre destruktiven Möglichkeiten. Dem entsprechend war das 20. Jahrhundert ein Zeitalter historisch beispielloser Entwicklung sowohl der Produktions- als auch der Waffentechnik. Waren im 19. Jahrhundert noch Feuerwaffen zur Bekämpfung von Einzelzielen vorherrschend, so dominierten im I. Weltkrieg bereits Waffen zur Vernichtung von Gruppenzielen. Im II. Weltkrieg schließlich erlaubte die verfügbare Waffentechnik bereits die Bekämpfung von Massen- und Flächenzielen, entstanden mit den Kernwaffen Massenvernichtungsmittel, die die Vernichtung ganzer Völker, ja die Auslöschung der ganzen Menschheit technisch möglich machen.
Die neue Qualität verstärkter Waffenwirkung, die für die Kriegführung im 20. Jahrhundert charakteristisch wird, ergibt sich vor allem aus der Entwicklung folgender Komponenten der Waffenwirkung:
Es gibt einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Kriegstechnik und der Veränderung des Umfangs sowie der Strukturen der Streitkräfte. Unterhielten die wichtigsten, die Kriegführung im 20. Jahrhundert bestimmenden Staaten zunächst auf der Grundlage der allgemeinen Wehrpflicht rekrutierte Massenarmeen, so begannen sie im letzten Viertel des Jahrhunderts ihre Streitkräfte zunehmend als Berufsarmeen zu organisieren. Das hing einmal mit der Entwicklung einer immer effektiveren Militärtechnik zusammen, zu deren Bedienung immer weniger, jedoch hochqualifizierte Soldaten erforderlich sind. Zugleich resultierte diese Entwicklung aus der tief verinnerlichten Furcht der herrschenden Klasse vor der politischen Unzuverlässigkeit von Wehrpflichtarmeen in Krisen und Kriegen, wie sie das in Europa am Ende beider Weltkriege und in den USA während des Vietnam–Krieges erlebt hatte. Diese Angst vor der Revolution und ein auf die Technikentwicklung fixierter Wunderwaffenglaube führte bereits unmittelbar nach dem Ende des I. Weltkriegs zur Entstehung strategischer Konzepte, nach denen künftige Kriege allein durch massierte Bombenangriffe der Luftstreitkräfte auf die Zivilbevölkerung des Gegners entschieden werden sollten! Das war in gewisser Weise die Vorwegnahme jener verbrecherischen Strategie, die die NATO in diesem Jahr bei ihrem Aggressionskrieg gegen Jugoslawien angewandt hat. So begründete der italienische Luftwaffenoffizier GIULIO DOUHET in seinem 1921 erschienenen Buch "Il dominio dell aria" ("Die Luftherrschaft") ein Konzept, nach dem Schläge der Luftwaffe gegen das Hinterland des Gegners künftig kriegsentscheidend seien, und forderte dann mit folgenden Worten eine hemmungslose Kriegführung gegen die Zivilbevölkerung: "Ich halte es sogar für erlaubt und verdienstvoll, bewohnte Städte mit Giftgasbomben zu belegen – und zwar nicht, weil ich einen sadistischen Spaß am Massenmord habe, sondern weil dieser Angriff durch seine materielle und moralische Wirkung für einen Sieg entscheidend ist ..."(21) DOUHET war wohl der bekannteste, aber beileibe nicht der einzige imperialistische Militärtheoretiker, der nach dem I. Weltkrieg eine Konzeption vom kriegsentscheidenden Luftkrieg entwickelte. ähnliche Auffassungen wurden damals auch von namhaften Strategen Großbritanniens, der USA, Deutschlands und Japans entwickelt. In seinem Buch "Japan am Kreuzweg" verkündete z. B. der damalige japanische Kriegsminister YUKIO OZUKI in aller Öffentlichkeit: "Durch Luftangriffe kann man viel leichter Millionen von Zivilisten in großen Städten erschlagen als tausend Soldaten, welche in Festungen oder Schützengräben in Deckung sind. Der Sieg läßt sich rasch erreichen, wenn man den Feind demoralisiert und vernichtet, indem man rücksichtslos alle Zivilisten tötet und zerschmettert, alt oder jung, Mann oder Frau, Greis oder Kind."(22)
Heute streben die USA und die mit ihr verbündeten NATO-Staaten – wie sie es bei ihrer Aggression gegen Jugoslawien demonstriert haben - eine Kriegführung an, die ihnen dank extremer Luftüberlegenheit eine Kriegführung nahezu ohne Landstreitkräfte ("Bodentruppen") und damit fast ohne eigene Menschenopfer ermöglicht. In der Zukunft ist wohl damit zu rechnen, daß ein notwendiger Einsatz von Landstreitkräften zunehmend durch Söldnertruppen abgedeckt wird, die bei zahlreichen gegenwärtigen Kriegen bereits eine Rolle spielen, worauf WERNER RUF beim vorjährigen Kasseler Friedensratschlag aufmerksam gemacht hat.(23) Es handelt sich m. E. um eine Entwicklung, die man durchaus mit dem Aufkommen der Landsknechts-Heere in der Verfallsperiode des Feudalismus vergleichen kann. Insgesamt hat die Technisierung und Ideologisierung der Kriegführung im 20. Jahrhundert zu einer historisch beispiellosen Brutalisierung geführt. Die heute entscheidenden Waffensysteme werden auf solche Entfernungen zum Ziel eingesetzt, daß der sie bedienende Soldat die Menschen, auf die er zielt, nicht mehr sieht. Es handelt sich in hohem Maße um eine Brutalisierung durch Entpersönlichung der Kriegführung – die Technik macht die Opfer unsichtbar. HOBSBAWM kommt deshalb zu der Einschätzung: "Die schlimmsten Grausamkeiten unseres Jahrhunderts waren die unpersönlichen, die systematisch und routiniert aus der Ferne entschieden wurden."(24)
Kriegsschauplätze und Kriegsfolgen
Obwohl an den Kriegen des 20. Jahrhunderts nahezu alle Staaten der Erde beteiligt waren, waren sie dennoch nicht alle gleichermaßen auch Kriegsschauplätze. Einige Regionen und Staaten waren so sehr Schauplatz der Kämpfe, daß ihre Bewohner an deren Folgen noch Jahrzehnte zu tragen hatten. Das trifft für die erste Hälfte des Jahrhunderts vor allem auf jene Regionen zu, die Hauptkriegsschauplätze der beiden Weltkriege waren. Der I. Weltkrieg wurde vor allem in Europa ausgetragen, wobei Frankreich den Hauptkriegsschauplatz bildete. Der II. Weltkrieg wurde von Deutschland in Europa und Japan in Ostasien nahezu zeitgleich begonnen. In Europa bildeten Ost- und Mitteleuropa – vor allem aber der europäische Teil der Sowjetunion – Hauptschauplätze der Kampfhandlungen mit den jeweils meisten Opfern und größten Zerstörungen. In Asien waren es China, Korea und die zunächst von Japan eroberten Inseln im Pazifik. Hauptschauplätze antikolonialer Befreiungskriege nach dem II. Weltkrieg waren Algerien, Malaysia, Indonesien und vor allem Vietnam. Der Irak und Jugoslawien wurden nach dem Ende des Kalten Krieges zu den bisherigen Schauplätzen von Kriegen der USA und ihrer imperialistischen Verbündeten zur Durchsetzung einer von ihnen dominierten "Neuen Weltordnung" ohne Bindung an die UN-Charta. Bemerkenswert ist der außerordentlich folgenreiche Tatbestand, daß das Territorium der USA im 20. Jahrhundert niemals Kriegsschauplatz war, obwohl die USA an sehr vielen Kriegen des 20. Jahrhunderts führend beteiligt waren und – mit Ausnahme des Krieges gegen Vietnam – auch stets zu den Siegern gehörten. Trotz der Menschenopfer, die auch die Streitkräfte der USA hatten, überwog für die USA letztlich ein aus dem Krieg genährtes Wirtschaftswachstum, was in der US-amerikanischen Öffentlichkeit selbst den II. Weltkrieg als einen "guten Krieg" erscheinen lassen konnte.(25)
Stellt man die Frage, welche Kriegsfolgen im 20. Jahrhundert bestimmend waren, so findet man auch hier die grundsätzliche Charakteristik des Geschichtsprozesses bestätigt, die FRIEDRICH ENGELS 1890 entwickelt hat: Geschichte vollzieht sich so, "daß das Endresultat stets aus den Konflikten vieler Einzelwillen hervorgeht, wovon jeder wieder durch eine Menge besonderer Lebensbedingungen zu dem gemacht wird, was er ist; es sind also unzählige einander durchkreuzende Kräfte, eine unendliche Gruppe von Kräfteparallelogrammen, daraus eine Resultante – das geschichtliche Ergebnis – hervorgeht, die selbst wieder als das Produkt einer, als Ganzes, bewußtlos und willenlos wirkenden Macht angesehen werden kann. Denn was jeder einzelne will, wird von jedem andern verhindert, und was herauskommt, ist etwas, das keiner gewollt hat."(26) Auch ERIC HOBSBAWM sieht das prinzipiell so, wenn er im Zusammenhang mit dem II. Weltkrieg betont, "selbst wenn die eine Seite eindeutig keinen Krieg gewollt haben und alles nur Erdenkliche getan haben mag, um ihn zu verhindern, und die andere Seite den Krieg glorifizierte und ihn, wie Hitler, gewiß auch aktiv herbeisehnte, so hat doch keiner der Aggressoren jenen Krieg gewollt, den er bekommen hat. Und auch keiner von ihnen hatte Krieg gegen all die Feinde führen wollen, denen er sich nun ausgesetzt sah."(27)
An erster Stelle der Kriegsfolgen in dem nun zu Ende gehenden Jahrhundert sind historisch beispiellose Menschenopfer zu nennen. Dabei brachte der II. Weltkrieg gegenüber dem I. Weltkrieg, indem er vom "Massenkrieg" zum "totalen Krieg" eskalierte, eine deutliche Steigerung. Nach HOBSBAWM sind die tatsächlichen Menschenopfer des II. Weltkrieges überhaupt "nicht zu errechnen, und selbst approximative Schätzungen sind unmöglich, da in diesem Krieg (im Gegensatz zum Ersten Weltkrieg) Zivilisten genauso umstandslos getötet wurden wie Soldaten, und da das schlimmste Morden in Regionen oder zu Zeiten stattfand, in denen niemand in der Lage oder willens war, die Toten zu zählen. Die unmittelbar durch diesen Krieg verursachten Opfer an Menschenleben liegen vermutlich bei der drei- bis vierfachen Höhe der (geschätzten) Zahlen für den Ersten Weltkrieg ... oder, in anderer Zählweise: bei etwa 10 – 20 Prozent der gesamten Bevölkerung der Sowjetunion, Polens und Jugoslawiens und bei 4 – 6 Prozent der Bevölkerung Deutschlands, Italiens, Österreichs, Ungarns, Japans und Chinas. ... Aber was bedeutet letztlich statistische Genauigkeit, wo Größenordnungen derart astronomisch sind? Wäre das Grauen des Holocaust geringer, wenn Historiker zu dem Schluß kämen, daß Hitler nicht sechs Millionen Juden ..., sondern fünf oder vier ausgerottet hätte? Und was bedeutet es letztlich, ob die neunhunderttägige deutsche Belagerung von Leningrad (1941 – 44) einer Million oder "nur" einer Dreiviertelmillion durch Aushungerung und Erschöpfung den Tod gebracht hat? Können wir Zahlen wirklich begreifen, die jenseits der Realität des Vorstellbaren liegen?"(28) Zu den Menschenopfern sind in beiden Weltkriegen auch die Flüchtlingsströme der Zwangsvertriebenen zu nennen. Auch hier gibt es vom I. zum II. Weltkrieg eine deutliche Steigerung. Wurde die Zahl der Flüchtlinge zwischen 1914 – 22 auf 4 – 5 Millionen geschätzt, so gab es im Mai 1945 allein in Europa 40,5 Millionen aus ihrer Heimat vertriebener Menschen, wobei die nichtdeutschen Zwangsarbeiter und die Deutschen, die vor der vorrückenden Roten Armee geflüchtet waren, noch gar nicht mitgezählt waren.(29)
Historisch beispiellos war auch die Zerstörung materieller Werte der Menschheit durch die Kriege im 20. Jahrhundert. Allerdings waren davon die kriegführenden Staaten sehr unterschiedlich betroffen. Nach HOBSBAWM wurden von den Vorkriegs–Produktionsmitteln durch den II. Weltkrieg zerstört: in der Sowjetunion 25 Prozent, in Deutschland 13 Prozent, in Italien 8 Prozent in Frankreich 7 Prozent, jedoch nur 3 Prozent in Großbritannien. "Im Extremfall Sowjetunion waren die Nettoauswirkungen des Krieges vollständig negativ. Die Landwirtschaft war ebenso ruiniert wie die Industrialisierung der Fünfjahrpläne vor dem Kriege ... Der US-Wirtschaft hingegen haben die Kriege eindeutig genutzt. ... Der wahrscheinlich dauerhafteste Effekt beider Weltkriege auf die US-Wirtschaft war, daß sie während des gesamten Kurzen 20. Jahrhunderts eine globale Vormachtstellung erlangte ... Während die USA (in beiden Kriegen) und Rußland (vor allem im Zweiten Weltkrieg) die beiden Extreme der wirtschaftlichen Kriegsfolgen repräsentierten, lag der Rest der Welt irgendwo dazwischen, aber insgesamt gesehen näher am russischen als am amerikanischen Ende der Kurve."(30)
Folgen des I. wie des II. Weltkrieges waren aber auch historisch einzigartige weltweite revolutionäre Veränderungen. Mit der russischen Oktoberrevolution von 1917, die sich sowohl im Bürgerkrieg als auch gegen die Intervention der mächtigsten imperialistischen Staaten behauptete, schied ein Sechstel der Erde aus dem Machtbereich des Kapitalismus aus. Nicht weniger gravierend waren die antikapitalistischen revolutionären Veränderungen in Europa und in Asien nach dem II. Weltkrieg sowie das nicht zuletzt dadurch begünstigte Ende des klassischen Kolonialsystems. Diese revolutionären Veränderungen müssen nicht zuletzt auch deshalb als eine Folge beider Weltkriege eingeschätzt werden, da ein, wenn nicht das Hauptmotiv der revoltierenden Völker die Beseitigung jenes gesellschaftlichen Systems war, das beide Weltkriege verursacht hatte. Es gehört zu den schlimmsten Erfahrungen dieses Jahrhunderts, daß der kapitalistische Imperialismus dieses revolutionäre Friedensstreben der Völker immer wieder mit gegenrevolutionären Interventions- und Vernichtungskriegen beantwortet hat. Ein entscheidendes Ergebnis dieser Kriege war eine solche Vernichtung der Produktivkräfte und der Infrastruktur dieser Länder, die es deren Völkern letztlich unmöglich machte, die ökonomischen und sozialen Ziele ihrer Revolutionen zu erreichen. So schätzte W.I. LENIN im März 1923 die Lage Sowjetrußlands nach dem militärischen Sieg über die in- und ausländischen Konterrevolutionäre sehr nüchtern so ein: "Die westeuropäischen kapitalistischen Mächte haben teils bewußt, teils spontan alles mögliche getan, um uns zurückzuwerfen, um die Elemente des Bürgerkriegs in Rußland zu einer möglichst großen Verwüstung des Landes auszunutzen. ... Im Ergebnis erreichten sie eine halbe Lösung. Sie haben das neue, von der Revolution geschaffene Regime nicht gestürzt, aber sie haben ihm auch die Möglichkeit genommen, sofort einen solchen Schritt vorwärts zu tun, der die Voraussagen der Sozialisten gerechtfertigt hätte, der es den Sozialisten ermöglicht hätte, mit ungeheurer Schnelligkeit die Produktivkräfte zu entwickeln, all jene Möglichkeiten zu entfalten, die sich zum Sozialismus verdichtet hätten, und aller Welt anschaulich, augenfällig den Beweis zu liefern, daß der Sozialismus gigantische Kräfte in sich birgt und daß die Menschheit jetzt in ein neues Entwicklungsstadium eingetreten ist, das überaus glänzende Perspektiven eröffnet."(31) Noch größere Verwüstungen richtete die Nazi-Wehrmacht im II. Weltkrieg auf dem Territorium der Sowjetunion an, als sie dort eine Kriegführung praktizierte, die sie selbst als "Taktik der verbrannten Erde" bezeichnete. ähnlich gingen die imperialistischen Staaten bisher mit nahezu allen Ländern um, in denen die Völker eine Alternative suchten und sich imperialistischer Vorherrschaft entziehen und eine nichtkapitalistische Gesellschaft aufbauen wollten. Hier sei insbesondere auf die verbrecherische Kriegführung der USA gegen das Volk Vietnams verwiesen, die nie vergessen werden darf. Im Prinzip die gleiche Vorgehensweise des Imperialismus stellte der uruguayische Schriftsteller EDUARDO GALEANO in den 80er Jahren gegenüber dem Volk Nikaraguas fest: "Seit mehr oder weniger klar wurde, daß die Sandinistische Revolution ernst macht, und daß sie vorhat, die Zwangsjacke des Neokolonialismus abzuwerfen, haben die Imperialisten entschieden, sie zu beseitigen. Und wenn es nicht möglich ist, sie zu beseitigen – weil das bedeuten würde, die Mehrheit der Bevölkerung zu vernichten – so will man sie zumindest deformieren. Denn die Revolution zu deformieren, wäre ja schließlich auch eine Art, sie zu beseitigen: sie so weit zu deformieren, daß sich niemand mehr in ihr wiedererkennt. Wenn sie schon überlebt, dann soll sie verstümmelt überleben."(32)
Daß es nach dem II. Weltkrieg zu keinem III. Weltkrieg, sondern "nur" zum Kalten Krieg kam, ist ganz entscheidend auf einen Tatbestand zurückzuführen, der die weltpolitische Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmt hat: die Brechung des Kernwaffen–Monopols der USA durch die Sowjetunion. Daß die Sowjetunion trotz aller Opfer und Verwüstungen, die ihr im II. Weltkrieg zugefügt worden waren, in historisch kürzester Zeit das Kernwaffen-Monopol der USA brechen und mit dieser stärksten imperialistischen Macht waffentechnisch im wesentlichen gleichziehen konnte, hat die Strategen der USA davon abgehalten, diese Massenvernichtungsmittel noch einmal so skrupellos einzusetzen wie 1945 gegen Japan, und damit entscheidend dazu beigetragen, einen III. Weltkrieg zu verhindern. Es gab in der Zeit der Block-Konfrontation zwischen NATO und Warschauer Vertrag einen permanenten Rüstungswettlauf, gefährliche Spannungsperioden (wie die Kuba-Krise 1962), lokale Kriege und Stellvertreter-Kriege, aber nicht jenen III. Weltkrieg, auf den sich NATO und Warschauer Vertrag mehr als 40 Jahre vorbereitet hatten. Das ist in diesem Jahrhundert der großen Kriege ein auch von der Friedensbewegung gar nicht hoch genug zu schätzender Beweis für die prinzipiell vorhandene Fähigkeit von Politikern, (bei Gefahr für eigenes Überleben) vernünftig handeln und auf Krieg zur Erreichung ihrer politischen Ziele verzichten zu können.
Bilanz und Ausblick
Ausgehend von meiner grundsätzlichen Wertung, daß alle Kriege unserer Zeit letztlich Ressourcen - Kriege sind, ist das entscheidende Resultat aller Kriege des nun zu Ende gehenden Jahrhunderts die gegenwärtige Weltwirtschaftsordnung. Sie sichert den in den reichsten kapitalistischen Ländern lebenden 20 Prozent der Weltbevölkerung die Nutzung von 80 Prozent der Ressourcen unseres Planeten. Es ist das erklärte Ziel der USA und der mit ihnen verbündeten Staaten, diese zutiefst ungerechte Weltwirtschaftsordnung mit allen – auch mit militärischen - Mitteln zu verewigen, ja sie nach der Auflösung der Sowjetunion und des von ihr geführten Blocks unter der Flagge einer "Neuen Weltordnung" noch weiter auszubauen. Staaten, die sich dem Diktat der USA als "einziger Weltmacht" widersetzen, werden zu "Schurken-Staaten" erklärt und unter Mißachtung allen Völkerrechts – wie der Irak und Jugoslawien - erbarmungslos in vorindustrielle Verhältnisse gebombt und mittels Embargo jahrelang daran gehindert, ihre zerstörte Wirtschaft und Infrastruktur wieder aufzubauen. Imperialistische Strategen wie ZBIGNIEW BRZEZINSKI wissen zwar, daß diese Art Weltherrschaft nicht ewig dauern kann. Doch vorläufig funktioniert sie noch, und so fordert BRZEZINSKI, "die Politik der USA muß unverdrossen und ohne Wenn und Aber ein doppeltes Ziel verfolgen: die beherrschende Stellung Amerikas für noch mindestens eine Generation und vorzugsweise länger zu bewahren und einen geopolitischen Rahmen zu schaffen, der die mit sozialen und politischen Veränderungen unvermeidlich einhergehenden Erschütterungen und Belastungen dämpfen und sich zum geopolitischen Zentrum gemeinsamer Verantwortung für eine friedliche Weltherrschaft entwickeln kann."(33)
Hauptmittel der USA zur Durchsetzung ihrer Weltherrschaft ist nach wie vor ihre militärische Macht. Nach gründlicher Analyse der Außenpolitik der USA gelangt KLAUS-DIETER SCHWARZ von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen zu dem Schluß: "Die USA teilen nicht die Auffassung, daß militärische Macht in Zukunft vernachlässigt werden kann oder ihren Wert verloren hat. Vielmehr spielt sie im Inventar der amerikanischen Weltmacht die dominierende Rolle."(34) Wie verlogen BRZEZINSKIs Floskel von einer "friedlichen Weltherrschaft" ist, die man angeblich anstrebt, offenbart auch die allein auf Bewahrung und Ausbau ihrer waffentechnischen Überlegenheit zielende nukleare Rüstungs- und Abrüstungspolitik der USA und der anderen NATO-Staaten, die SAMIR AMIN zurecht "heuchlerisch" nennt, weil sie den "Rest der Welt" ... "hinnehmen lassen soll, daß der Westen die Mittel behält, die anderen Völker mit dem Genozid zu bedrohen, ohne selbst in Gefahr zu geraten."(35)
Angesichts der jetzigen Militärstrategie von USA und NATO gibt es keinen Grund zum Optimismus. Um gegen die Gefahr neuer imperialistischer Kriege rechtzeitig etwas zu tun, muß die Friedensbewegung illusionslos beurteilen, was da insbesondere auch geistig schon längere Zeit vorbereitet wird. Ende 1991 wurde der konservative Politiker und Buchautor HERBERT GRUHL unter ausdrücklicher Würdigung seines erstmals 1975 erschienenen Buches "Ein Planet wird geplündert" mit dem Bundesverdienstkreuz am Band ausgezeichnet. In diesem Buch hatte er betont: "Die Kriege der Vergangenheit wurden nur um den größeren oder besseren Anteil geführt. Die Kriege der Zukunft werden um die Teilhabe an der Lebensgrundlage überhaupt geführt werden, das heißt um die Ernährungsgrundlage und um die immer wertvoller werdenden Bodenschätze. Sie werden deshalb an Furchtbarkeit unter Umständen alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen."(36) Inzwischen sind derartige Denkmuster offenkundig in die strategische Orientierung auch der Bundeswehr eingegangen. So äußerte sich Oberstleutnant i.G. REINHARD HERDEN, Bereichsleiter für Analysen und Risikoprognosen des Amtes für Nachrichtenwesen der Bundeswehr, nach intensivem Gedankenaustausch mit Angehörigen der US-amerikanischen Military Intelligence Community in einem offiziellen Organ der Bundeswehr folgendermaßen über künftige Kriege: "Die großen Kriege des 20. Jahrhunderts fanden zwischen wohlhabenden Staaten statt. Im nächsten Jahrhundert werden die jetzt in Frieden miteinander lebenden wohlhabenden Staaten gegen Völker der armen Staaten und Regionen ihren Wohlstand verteidigen müssen. Der Menschheit steht ein Jahrhundert des Mangels bevor. Um Dinge, die man einmal kaufen konnte, wird man Krieg führen müssen."(37) Offenkundig sind wir noch lange nicht am Ende des Zeitalters der Ressourcen-Kriege angelangt. Verstärken wir deshalb unsere Anstrengungen im Friedenskampf, indem wir die richtigen Lehren aus den Kriegen des 20. Jahrhunderts ziehen und unermüdlich die Pläne derer durchkreuzen helfen, die da neue verbrecherische imperialistische Kriege vorbereiten, indem wir sie rechtzeitig enthüllen.
[Zuerst veröffentlicht in: Kriegsentwicklung, Kriegsschauplätze und Kriegsfolgen im 20. Jahrhundert, in: Nach dem Jahrhundert der Kriege. Alternativen der Friedensbewegung, hrsg. von R.-M. Luedtke / P. Strutynski, Kassel 2000; auch in: TOPOS, Neapel, Heft 15/2000.]
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Quellen:
(1) F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, in: G. Colli u. M. Montinari (Hrsg.), Kritische Studienausgabe, Bd. 5, 2. durchges. Aufl., München/Berlin/New York 1988, S. 140.
(2) F. Engels, Einleitung zu Borkheims "Zur Erinnerung an die deutschen Mordspatrioten", in: MEW, Bd. 21, Berlin 1962, S. 350 f.
(3) E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, München-Wien 1995, S. 65.
(4) Ebenda, S. 41.
(5) Vgl. ebenda, S. 40 ff.
(6) Nach: taz, Berlin, 18.10.1994, S. 16.
(7) Nach: J. Newhouse, Krieg und Frieden im Atomzeitalter, München 1990, S. 72.
(8) In: Freitag, Berlin, Nr. 13 v. 26.03.1999, Literatur-Beilage, S. XIV.
(9) K. Kinkel: Verantwortung, Realismus, Zukunftssicherung. Deutsche Außenpolitik in einer sich neu ordnenden Welt, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Frankfurt/M., 18.03.1993.
(10) F. Naumann, Mitteleuropa, Berlin 1915, S. 177 u.181 f.
(11) P. Herre, Deutschland und die europäische Ordnung, Berlin 1941, S. 200 f. -(Hervorhebgen E.W.).
(12) J.A. Hobson, Imperialism, London 1902, p. 239.
(13) C. v. Clausewitz, Vom Kriege, Berlin 1957, S. 413.
(14) "Kriege führen für den Frieden". Der Philosoph Karl R. Popper über den Kollaps des Kommunismus und die neuen Aufgaben der Demokratie, in: Der Spiegel, Hamburg, Nr. 13/1992, S. 205 u. 208.
(15) C. v. Clausewitz, a.a.O., S. 207.
(16) Vgl. ebenda, S. 34 f.
(17) F. Engels an Julie Bebel. 12. März 1887, in: MEW, Bd. 36, Berlin 1967, S. 628.
(18) E. Hobsbawm, a.a.O., S. 22.
(19) U. Eco, Nachdenken über den Krieg, in: Vier moralische Schriften, München u. Wien 1998, S. 34 f.
(20) Vgl. Focus, München, Nr. 43/1999, S. 382 f.
(21) Nach O. Groehler, Geschichte des Luftkriegs 1910 bis 1980, Berlin 1981, S. 115.
(22) Ebenda, S. 117 f.
(23) Vgl.: W. Ruf, Zur Privatisierung von Gewalt, in: R.-M. Luedtke / P. Strutynski (Hrsg.), Pazifismus, Politik und Widerstand. (Kasseler Schriften zur Friedenspolitik, Bd. 4), Kassel 1999, bes. S. 20 ff.
(24) E. Hobsbawm: a.a.O., S. 74.
(25) Vgl.: St. Terkel, Der gute Krieg. Amerikaner erleben den Zweiten Weltkrieg, Leipzig 1991.
(26) F. Engels an J. Bloch, in: MEW, Bd. 37, Berlin 1967, S. 464.
(27) E. Hobsbawm: a.a.O., S. 57.
(28) Ebenda, S. 64 f.
(29) Nach ebenda, S. 74.
(30) Ebenda, S. 71.
(31) W. I. Lenin, Lieber weniger, aber besser, in: Werke, Bd. 33, Berlin 1962, S. 486.
(32) E. Galeano, Kollektive Würde, in: Sonntag, Berlin, Nr. 13/1987, S. 12.
(33) Z. Brzezinski, Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft, Weinheim u. Berlin 1997, S. 306.
(34) K.-D. Schwarz, Weltmacht USA. Zum Verhältnis von Macht und Strategie nach dem Kalten Krieg, Ebenhausen, November 1998, S. 5.
(35) S. Amin, Das Reich des Chaos, Hamburg 1992, S. 108.
(36) H. Gruhl, Ein Planet wird geplündert, Frankfurt/M. 1975, S. 319.
(37) R. Herden, Die neue Herausforderung (I), in: Truppenpraxis, Frankfurt/M., Nr. 2/1996, S. 70.