Grundsätzlich muß man wohl davon ausgehen, daß Entstehung, Entwicklung und vor allem auch Behauptung des Sozialismus-Versuchs in den mit historisch beispielloser Brutalität geführten Aggressionskriegen der imperialistischen Staaten nur möglich war, weil sich die Mehrheit der vielen Millionen Menschen in den Ländern, wo der sozialistische Versuch unternommen wurde, so mit diesem identifizierten, daß sie zu entsprechendem politischem Engagement und zu seiner viele Opfer fordernden Verteidigung bereit waren. Ebenso muß natürlich davon ausgegangen werden, daß Stagnation und schließlich der Untergang dieses Versuchs die Folge dessen war, daß die Mehrheit der Volksmassen zu einem solchen Engagement zunehmend weniger bereit war, weil dieser Sozialismus-Versuch die auf Frieden, Wohlstand und demokratische Freiheiten gerichteten Erwartungen der Menschen immer offenkundiger nicht zu erfüllen vermochte. Beides – Entstehung und Behauptung ebenso wie Stagnation und Untergang dieser ersten historischen Alternative zum schließlich vorerst siegreichen Kapitalismus – hängen unmittelbar mit der Krieg-Frieden-Problematik im nun hinter uns liegenden 20. Jahrhundert zusammen.
Der Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu verwirklichen, entstand vor allem als Reaktion der werktätigen Massen auf die beiden vom kapitalistischen Imperialismus verursachten Weltkriege mit ihren historisch beispiellosen Opfern und Zerstörungen. Insofern waren die Russische Oktoberrevolution von 1917 und die von ihr beeinflußten Revolutionen in anderen Ländern ebenso wie die Revolutionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Herausbildung der sozialistischen Staatengemeinschaft in Europa führten, in erster Linie Antikriegsrevolutionen. Grundsätzliche Friedensorientierung war deshalb ein entscheidendes Merkmal der neuen Gesellschaft, und es war nur folgerichtig, daß das erste Dekret der jungen Sowjetmacht das von W. I. LENIN verfaßte und bereits am 8. November 1917 verkündete "Dekret über den Frieden" war. Zugleich mußte die neue Gesellschaft von Anfang an fähig sein, ihre Existenz gegen konterrevolutionäre imperialistische Interventions- und Aggressionskriege zu verteidigen. Dieser permanente Zwang - bei Strafe des Untergangs - verteidigungsbereit, also kriegsfähig und kriegsbereit zu sein, stand während der gesamten Epoche von 1917 bis 1990 in einem objektiven Spannungsverhältnis zur grundsätzlichen, dem Sozialismus wesenseigenen Friedensorientierung.
Der Versuch, eine alternative, sozialistische Gesellschaft zu verwirklichen, hat jene Epoche, die ERIC HOBSBAWM das "Kurze 20. Jahrhundert" nennt (1), nachhaltig geprägt. Diese den welthistorischen Prozeß tiefgreifend beeinflussende Wirkung des sozialistischen Versuchs war ganz wesentlich mit der Krieg-Frieden-Problematik verbunden, denn sie ergab sich primär aus dem Anteil der Sowjetunion am Ausgang des Zweiten Weltkriegs und daran, daß es danach zu keinem Dritten Weltkrieg, sondern nur zu einem Kalten Krieg kam. Es ist eine von niemandem ernsthaft zu bestreitende historische Tatsache, daß die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg den entscheidenden Anteil am Sieg der Anti-Hiler-Koalition hatte, weil sie die Hauptkräfte der Nazi-Wehrmacht zerschlug. Um es ganz deutlich auszusprechen: Als die Nazi-Wehrmacht bereits nahezu ganz Europa besetzt hatte und ihre Spitzen im Herbst 1942 bis zu den Ölfeldern bei Grosny vorgedrungen waren und ihre Flagge auf dem Elbrus, dem höchsten Gipfel des Kaukasus, hißten, da gab es außer der Roten Armee keine Kraft mehr, die eine Beherrschung zumindest Europas, des Nahen und Mittleren Ostens sowie Nordafrikas durch Nazi-Deutschland noch hätte verhindern können. Deshalb kommt ERIC HOBSBAWM zu der für die Gesamtbilanz des hinter uns liegenden Jahrhunderts bedeutsamen Wertung: "Der Sieg der Sowjetunion über Hitler war die Leistung jenes Regimes, das mit der Oktoberrevolution etabliert worden war. ... Ohne die Oktoberrevolution bestünde die Welt (außerhalb der USA) heute wahrscheinlich eher aus einer Reihe von autoritären und faschistischen Varianten als aus einem Ensemble unterschiedlicher liberaler, parlamentarischer Demokratien."(2)
Daß es nach dem Zweiten Weltkrieg zu keinem Dritten Weltkrieg, sondern "nur" zum Kalten Krieg kam, ist wohl in erster Linie auf eine Leistung der Sowjetunion zurückzuführen, die die weltpolitische Situation in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entscheidend bestimmt hat: die rechtzeitige Brechung des Kernwaffenmonopols der USA. Daß die Sowjetunion trotz aller Opfer und Verwüstungen, die ihr im Zweiten Weltkrieg zugefügt worden waren, in historisch kürzester Zeit das Kernwaffenmonopol der USA brechen und mit dieser stärksten imperialistischen Macht waffentechnisch im wesentlichen gleichziehen konnte, hat die Politiker und Militärs der USA davon abgehalten, diese Massenvernichtungsmittel noch einmal so skrupellos einzusetzen, wie sie es im August 1945 gegen die Zivilbevölkerung der japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki getan hatten, als sie noch sicher sein konnten, selbst nicht mit Waffen dieser Vernichtungswirkung bekämpft zu werden. Es gab nach dem Zweiten Weltkrieg in der Zeit der Block-Konfrontation zwischen NATO und Warschauer Vertrag einen permanenten und vor allem für die Staaten des sozialistischen Versuchs immer ruinöseren Rüstungswettlauf. Es gab gefährliche Spannungsperioden (wie die sog. Kuba-Krise 1962), es gab besonders im Zusammenhang mit dem Kampf der kolonial unterdrückten Völker um Freiheit und Selbstbestimmung blutige Kriege, darunter auch Kriege, die zugleich "Stellvertreter-Kriege" im Rahmen der Block-Konfrontation waren. Aber es gab nicht jenen Dritten Weltkrieg, auf den sich NATO und Warschauer Vertrag mehr als 40 Jahre vorbereitet hatten. Das ist im übrigen in diesem Jahrhundert der großen Kriege ein gar nicht hoch genug zu schätzender Beweis für die prinzipiell vorhandene Fähigkeit von Politikern, (bei Gefahr für das eigene überleben) durchaus vernünftig handeln und auf Kriege zur Erreichung ihrer politischen Ziele verzichten zu können. (3)
Doch diese – welthistorisch gesehen – positive Bilanz ist nicht die ganze Wahrheit. Zwar vermochte sich die Sowjetunion über 70 Jahre und das von ihr nach 1945 geschaffene und geführte sozialistische Lager über 40 Jahre gegen das besonders ökonomisch haushoch überlegene Lager der mächtigsten kapitalistischen Staaten zu behaupten und dabei auch heute noch beeindruckende Siege zu erringen. Letztlich erwiesen sich diese Siege aber als Pyrrhussiege, weil die Kriege und Rüstungsanstrengungen, die ihnen vom Imperialismus aufgezwungen wurden, nach und nach all jene materiellen und auch die ideellen Potenzen verschlissen haben, die für die Verwirklichung der wirtschaftlichen und sozialen Ziele einer sozialistischen Gesellschaft unerläßliche Voraussetzungen sind.
So wurde mit der russischen Oktoberrevolution von 1917, die sich sowohl gegen die inländische Konterrevolution als auch gegen die Interventionskriege der mächtigsten imperialistischen Staaten behaupten konnte, immerhin ein Sechstel der Erde aus dem weltumspannenden Machtbereich des Kapitalismus herausgebrochen. Das war zweifellos ein Sieg all der Kräfte, die in Sowjetrußland eine sozialistische Gesellschaft aufbauen wollten. Doch wie sahen die Voraussetzungen dafür nach dem eindeutigen militärischen Sieg über die in- und ausländische Konterrevolution aus? W. I. LENIN hat die Lage Sowjetrußlands im März 1923 sehr nüchtern so eingeschätzt: "Die westeuropäischen kapitalistischen Mächte haben teils bewußt, teils spontan alles mögliche getan, um uns zurückzuwerfen, um die Elemente des Bürgerkriegs zu einer möglichst großen Verwüstung des Landes auszunutzen. ... Im Ergebnis erreichten sie eine halbe Lösung. Sie haben das neue, von der Revolution geschaffene Regime nicht gestürzt, aber sie haben ihm auch die Möglichkeit genommen, sofort einen solchen Schritt vorwärts zu tun, der die Voraussagen der Sozialisten gerechtfertigt hätte, der es den Sozialisten ermöglicht hätte, mit ungeheurer Schnelligkeit die Produktivkräfte zu entwickeln, all jene Möglichkeiten zu entfalten, die sich zum Sozialismus verdichtet hätten, und aller Welt anschaulich, augenfällig den Beweis zu liefern, daß der Sozialismus gigantische Kräfte in sich birgt und daß die Menschheit jetzt in ein neues Entwicklungsstadium eingetreten ist, das überaus glänzende Perspektiven eröffnet." (4)
Nicht weniger widersprüchlich und tragisch müssen die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges eingeschätzt werden, der hauptsächlich durch den Einsatz und die Opfer der Sowjetunion siegreich für die Anti-Hitler-Koalition entschieden wurde. Nicht zuletzt befördert durch den entscheidenden Anteil der Sowjetunion am Sieg über den Hitlerfaschismus kam es nach dem Zweiten Weltkrieg zu gravierenden antikapitalistischen revolutionären Veränderungen in Europa und Asien sowie zum Zerfall des klassischen kapitalistischen Kolonialsystems. Doch womit war dieser weltrevolutionäre Impuls, der objektiv vom Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg ausging und natürlich auch subjektiv von ihren Politikern genutzt wurde, für die Sowjetunion selbst verbunden? Nach HOBSBAWM wurden durch den Zweiten Weltkrieg von den Vorkriegs-Produktionsmitteln der Sowjetunion 25% zerstört; in Deutschland waren es 13%, in Italien 8%, in Frankreich 7% und in Großbritannien 3%. Ausgehend davon kommt HOBSBAWM zu folgender Einschätzung der diametral entgegengesetzten Auswirkungen der Kriege des 20. Jahrhunderts auf die Wirtschaften der Sowjetunion und der USA: "Im Extremfall Sowjetunion waren die Nettoauswirkungen des Krieges vollständig negativ. Die Landwirtschaft war ebenso ruiniert wie die Industrialisierung der Fünfjahrpläne vor dem Kriege. ... Der US–Wirtschaft hingegen haben die Kriege eindeutig genutzt. ... Der wahrscheinlich dauerhafteste Effekt beider Weltkriege auf die US–Wirtschaft war, daß sie während des gesamten kurzen Jahrhunderts eine globale Vormachtstellung erlangte. ... Während die USA (in beiden Kriegen) und Rußland (vor allem im Zweiten Weltkrieg) die beiden Extreme der wirtschaftlichen Kriegsfolgen repräsentierten, lag der Rest der Welt irgendwo dazwischen, aber insgesamt gesehen näher am russischen als am amerikanischen Ende der Kurve." (5)
Es gehört zu den schlimmsten Erfahrungen dieses Jahrhunderts, daß der kapitalistische Imperialismus jedes Streben der Völker nach einer alternativen, auf Frieden und soziale Gerechtigkeit orientierten Gesellschaftsordnung oder einfach nach Befreiung von neokolonialer Ausbeutung und Bevormundung immer wieder mit erbarmungslosen Interventions- und Vernichtungskriegen beantwortet hat. Dabei haben die USA und deren Verbündete in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und verstärkt nach dem Ende der Bipolarität eine Strategie und Praxis der Kriegführung entwickelt, die darauf zielt, jene Völker, die sich ihrer Vorherrschaft zu entziehen versuchen, möglichst intensiv und lange anhaltend wirtschaftlich zu schädigen. In dem vor nunmehr 25 Jahren beendeten Aggressions- und Vernichtungskrieg der USA gegen das Volk Vietnams haben die US-Streitkräfte bekanntlich mehr Bomben eingesetzt als während des Zweiten Weltkrieges. Sie haben mit ihrer chemischen Kriegführung unter zynischer Mißachtung des Kriegsvölkerrechts die Natur dieses Landes nachhaltig so zerstört und vergiftet, daß der Anteil genetisch geschädigter Kinder noch viele Jahrzehnte deutlich über dem natürlichen Niveau liegen wird. Nach Einschätzung des namhaften US-amerikanischen Ökologen ARTHUR H. WESTING war der Krieg der USA gegen Vietnam "der erste in der modernen Geschichte, in dem Umweltzerstörung eine wesentliche, beabsichtigte Konsequenz der Strategie einer der kriegführenden Mächte darstellte." (6) Es war ja das erklärte Ziel der USA, Vietnam "in die Steinzeit zurückzubomben", wie es US-General WESTMORELAND während dieses Krieges formuliert hat. Und obwohl die USA Vietnam nicht besiegen konnten, haben sie das jedenfalls weitgehend erreicht.
Eine im Prinzip ähnliche Vorgehensweise des USA-Imperialismus stellte der uruguayische Schriftsteller EDUARDO GALEANO in den 80er Jahren gegenüber dem Volk von Nicaragua fest: "Seit mehr oder weniger klar wurde, daß die Sandinistische Revolution ernst macht, und daß sie vorhat, die Zwangsjacke des Neokolonialismus abzuwerfen, haben die Imperialisten entschieden, sie zu beseitigen. Und wenn das nicht möglich ist, sie zu beseitigen – weil das bedeuten würde, die Mehrheit der Bevölkerung zu vernichten – so will man sie zumindest deformieren. Denn die Revolution zu deformieren, wäre ja schließlich auch eine Art, sie zu beseitigen: sie soweit zu deformieren, daß sich niemand mehr in ihr wiedererkennt. Wenn sie schon überlebt, dann soll sie verstümmelt überleben, verstümmelt in ihrem Wesentlichen." (7)
Die Existenz der DDR begann und endete im Kalten Krieg. Daß dieser Krieg ein kalter blieb und aus ihm kein Dritter Weltkrieg entstand, war sowohl der Verteidigungsbereitschaft des sozialistischen deutschen Staates innerhalb des von der Sowjetunion geführten Warschauer Paktes als auch dessen prinzipieller Friedensorientierung geschuldet. Angesichts des Strebens der BRD nach Expansion ihres Hoheitsgebietes bis zu den Grenzen des Deutschen Reiches von 1937 ist zu betonen, daß DDR und Warschauer Vertrag spätestens seit 1956 strategisch auf den Status quo der europäischen Grenzen und auf friedliche Koexistenz mit den Staaten des anderen Gesellschaftssystems orientiert waren. Zugleich ist zu berücksichtigen, daß sich in Deutschland die Spitzen der militärischen Hauptkräfte von NATO und Warschauer Vertrag – in ihren Garnisonen bereits weitgehend auf die Erfordernisse von Angriffsoperationen hin stationiert – unmittelbar gegenüberstanden. Die Nationale Volksarmee der DDR war fester Bestandteil der "Ersten Strategischen Staffel der Streitkräfte des Warschauer Vertrages". (8) Allein schon diese länger als vier Jahrzehnte währende militärstrategische Grundsituation verbietet es, die Grenze zwischen DDR und BRD während des Kalten Krieges als "innerdeutsche Grenze" zu verharmlosen. Sie war während des gesamten Kalten Krieges die vorderste Verteidigungslinie des Warschauer Vertrages, und sie stand und fiel naturgemäß mit der realen Verteidigungsbereitschaft der DDR. Auch diese Verteidigungsbereitschaft stand als grundsätzliche Kriegsbereitschaft während der gesamten Zeit der Existenz der DDR in einem objektiven Spannungsverhältnis zur prinzipiellen Friedensorientierung dieses ersten deutschen Staates, der keinen Krieg geführt hat.
Mit der Erkenntnis, daß der Einsatz der heute verfügbaren Kernwaffen und anderer Massenvernichtungsmittel das Überleben der gesamten Menschheit gefährden kann, wurden den Wissenschaftlern, Politikern und Militärs des Warschauer Vertrages in den 80er Jahren auch zunehmend die Konsequenzen deutlicher, die ein Krieg zur Verteidigung des Sozialismus unter Einsatz aller dieser Mittel haben würde. Als ein historisch bedeutsamer Schritt zur Verringerung der Gefahr eines thermonuklearen Weltkrieges muß wohl auch aus heutiger Sicht die am 15. Juni 1982 der UN-Vollversammlung übergebene Botschaft L.I. BRESHNEWS gewertet werden, die da lautete: "Die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verpflichtet sich, nicht als erste Kernwaffen einzusetzen. Diese Verpflichtung tritt sofort, im Augenblick ihrer Verkündung von der Tribüne der UNO-Vollversammlung, in Kraft." (9) Rußland hat bekanntlich unter JELZIN den Verzicht auf den Ersteinsatz von Kernwaffen wieder rückgängig gemacht; die USA und die NATO haben noch nie auf den Ersteinsatz von Kernwaffen verzichtet und maßen sich bis heute an, Kernwaffen als erste auch gegen Staaten einzusetzen, die selbst nicht über Kernwaffen verfügen. Seit dem Ende des Kalten Krieges haben USA und NATO bereits mehrere Kriege für die endgültige Durchsetzung ihrer Weltherrschaft geführt. Angesichts der strategischen Orientierung dieser imperialistischen Staaten auf Interventions-Kriege (10) gegen alle Staaten, die sich ihrer Vorherrschaft nicht beugen und z. B. über ihre Ressourcen selbst verfügen wollen und die deshalb als "Schurkenstaaten" diffamiert werden, ist es wichtig, keinen Augenblick zu vergessen, daß heute Waffensysteme existieren, deren Einsatz das Ende der Menschheit, zumindest aber ihren Rückfall in vorindustrielle Verhältnisse möglich macht.
Ausgehend von der interdisziplinären Analyse der Folgen selbst eines "konventionellen", also ohne Kernwaffen geführten Krieges auf die Infrastruktur und materielle Lebensbasis moderner Industriegesellschaften hat auch die Friedensforschung in der DDR in den 80er Jahren Erkenntnisse erarbeitet und publiziert, die zu dem Schluß führten, daß Kriege kein Mittel der Politik mehr sein dürfen. Im Rahmen dieses auch im Warschauer Vertrag schrittweise akzeptierten "Neuen Denkens" wurde dessen Militärdoktrin schließlich konsequent auf strategische Verteidigungsoperationen umgestellt. Dieses "Neue Denken" war insbesondere für die Angehörigen der Nationalen Volksarmee der DDR mit einem tiefgreifenden Umdenken und entscheidenden Veränderungen des Verständnisses ihres Auftrags verbunden. (11) Das wiederum hatte zweifellos auch Auswirkungen auf das Verhalten der Streitkräfte der DDR beim Untergang ihres Staates und des durch Mehrheitsentscheidung der Bevölkerung der DDR vollzogenen Anschlusses an die BRD. WOLFGANG SCHELER faßt diese Konsequenz des "Neuen Denkens" so zusammen: "Am Ende der DDR entfaltete das Neue Denken über Frieden, Krieg und Streitkräfte seine Wirkung im Ringen um eine friedliche Ablösung der bestehenden Machtstrukturen und um die Überwindung der Teilung Deutschlands. Auf einmal hatte die Konzeption des Verständigungsfriedens eine Bewährungsprobe auf einem dafür gar nicht vorgesehenen Feld, beim inneren Frieden, zu bestehen. Die Gebote des Neuen Denkens für das Verhalten von Staaten zueinander wurden nun zu Geboten für den Bürgerfrieden. Dialog anstelle von Feindschaft, Sicherheitspartnerschaft der Konfliktparteien anstelle von Gewalt, Vorrang der gemeinsamen Interessen vor politischen Gegensätzen – das waren nicht unwesentliche geistige Voraussetzungen für die friedliche Lösung des gewaltträchtigen Machtkonflikts." (12)
In Hinblick auf unser Kongreß-Thema, die Jahrhundertbilanz des Kommunismus, möchte ich für die Krieg-Frieden-Problematik zusammenfassend feststellen: Keine bisherige Theorie der revolutionären Überwindung des Kapitalismus und der Verwirklichung einer zum Kapitalismus alternativen, sozialistischen Gesellschaft hat auch nur annäherungsweise erfaßt gehabt, wie schicksalhaft Krieg und Frieden für den Erfolg eines sozialistischen Versuchs sein werden. Für MARX und ENGELS stellte sich dieses Problem schon deshalb nicht in der Qualität, in der wir das in dem hinter uns liegenden "kurzen 20. Jahrhundert" praktisch erlebt haben, weil sie davon ausgegangen sind, daß die am weitesten entwickelten kapitalistischen Länder weltweit etwa gleichzeitig den Übergang vollziehen werden. Wir haben erlebt, daß der nun hinter uns liegende sozialistische Versuch gescheitert ist. Für dieses Scheitern gibt es sicher unterschiedliche Ursachen, objektive und subjektive. Unter ihnen hat die permanente Kriegführung und Kriegsdrohung des kapitalistischen Imperialismus vor allem die Sowjetunion als das Hauptland dieses Versuchs durch gewaltige Kriegszerstörungen und Rüstungslasten ökonomisch daran gehindert, die Ziele dieses sozialistischen Versuchs zu erreichen. ökonomisch ist der Sozialismus-Versuch totgekriegt und totgerüstet worden. Zugleich hat die permanent notwendige Aufrechterhaltung einer hohen militärischen Verteidigungsbereitschaft die Entwicklung der sozialistischen Demokratie nachhaltig behindert und die neue Gesellschaft schließlich auch durch Militarisierung geistig-kulturell deformiert. Die Grundsituation einer ständig belagerten Festung führt unweigerlich dazu, daß die für den Sieg des Sozialismus unerläßliche Qualität einer dem Kapitalismus allseitig überlegenen Gesellschaftsordnung nur partiell, nicht aber hinreichend vollständig entwickelt werden kann. Unter solchen oder ähnlichen, für die Verwirklichung des Sozialismus insgesamt unzureichenden Voraussetzungen und extrem feindlichen internationalen Rahmenbedingungen dürften auch künftige Versuche der Verwirklichung einer sozialistischen Gesellschaft sehr wahrscheinlich scheitern, weil unter solchen Bedingungen, wie das schon MARX und ENGELS betont haben, schließlich mit der Restauration des Kapitalismus wieder "die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte ..." (13) Insofern kann auch und gerade die Auseinandersetzung mit der Rolle der Krieg–Frieden–Problematik beim bisherigen Sozialismus–Versuch ganz sicher für jeden künftigen Versucht strategisch wichtige Lehren vermitteln.
Autor:
Prof. Dr. Dr. Ernst Woit
Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK e.V.
(*) Zuerst veröffentlicht in: Objektives Spannungsverhältnis. Zur Dialektik von Verteidigungsbereitschaft und Friedensorientierung im Sozialismus-Versuch, in: E. Spoo / R. Butenschön (Hrsg.), Der Mensch & der Plan. Zur Jahrhundertbilanz des Kommunismus, Hamburg 2000.
-------------------------------------
Anmerkungen, Quellen:
(1) E. Hobsbawm, Das Zeitalter der Extreme, München u. Wien 1995, S. 38.
(2) Ebenda, S. 22.
(3) So kam der italienische Philosoph UMBERTO ECO angesichts des Golfkrieges II über den nun hinter uns liegenden Kalten Krieg zu folgender bemerkenswerter Sicht: "Es ist heute eine intellektuelle Pflicht, die Unmöglichkeit des Krieges zu proklamieren. Auch wenn es keine alternative Lösung gibt. Allenfalls wäre daran zu erinnern, daß unser Jahrhundert eine exzellente Alternative zum Krieg gekannt hat, nämlich den 'kalten Krieg'. Sooft er auch Gelegenheit zu Greueln, Ungerechtigkeit, Intoleranz, lokalen Konflikten und diffusem Terror geboten hat – am Ende wird die Geschichte zugeben müssen, daß der kalte Krieg eine sehr humane und relativ sanfte Lösung war, bei der es schließlich sogar Sieger und Besiegte gab." (U. Eco, Nachdenken über den Krieg, in: Vier moralische Schriften, München u. Wien 1998, S. 34 f.).
(4) W. I. Lenin, Lieber weniger, aber besser, in: Werke, Bd. 33, Berlin 1962, S. 486.
(5) E. Hobsbawm, a.a.O., S. 74.
(6) A.H. Westing, Warfare in a Fragile World. Military Impect on th Human Environment, London 1980, p. 79.
(7) E. Galeano, Kollektive Würde. In: Sonntag, Berlin, Nr. 13/1987, S. 12.
(8) Vgl. u. a.: H.-W. Deim, Die NVA in der Ersten Strategischen Staffel der Streitkräfte des Warschauer Vertrages, in: M. Backerra (Hrsg.), NVA. Ein Rückblick für die Zukunft, Köln o.J.(1992), bes. S. 316 ff.
(9) Nach: Dokumente zur Abrüstung 1977 – 1982, Berlin 1984, S. 344.
(10) Die Hauptaufgabe der angestrebten Reform der Bundeswehr sieht der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, General a.D. Naumann, in der "Schaffung einer europäischen Interventionstruppe von 50 000 bis 60 000 Mann." Diese "sollen binnen 60 Tagen einsatzbereit sein und einen Einsatz mindestens ein Jahr lang durchhalten können." (K. Naumann, Die Reform der Bundeswehr ist überfällig, in: Welt am Sonntag, Berlin, 14.5.2000, S. 36).
(11) Vgl. u.a.: W. Scheler, Neues Denken über Krieg und Frieden in der NVA, in: W. Wünsche (Hrsg.), Rührt euch! Zur Geschichte der NVA, Berlin 1998, S. 508 ff.
(12) Ebenda, S. 524.
(13) K. Marx /F. Engels, Deutsche Ideologie, in: MEW, Bd. 3, Berlin 1958, S. 35.