Volker B i a l a s
Die chronische Atomkriegsgefahr
und die Logik der Abrüstung
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The chronic danger of nuclear war and the logic of disarmament.
At present, the members of the Nato spend more than 70% of the global defence with USA at the top spending fifteen times more than Russia. Considering nuclear wapons both, Russia and USA, have some 5000 operational nuclear bombs, but the USA strive for atomic supremacy by preparing their global antiballistic missile defence. Nevertheless, nuclear disarmament is not at the agenda of the global problems of utmost urgency. But disarmament results from the reasonable conclusion of the necessary survival of mankind. Its rational logic is discussed here in form of four postulates:
1. Security is indivisible.
2. The indivisibility of security requires a comprehensive and all-round disarmament.
3. In order to lead to success, another political world system should be set up.
4. The realization of a peaceful world corresponds with the earnest will of the whole mankind.
Therefore human beings all over the world must take part in its formation. This
way to comprehensive disarmament is a true vision of future.
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Die andauernde militärische Hochrüstung
Im Jahr 1982 wurde die UNO-Studie Kernwaffen veröffentlicht. Das war die umfassendste UNO-Publikation, die jemals Sachinformationen über die nuklearen Arsenale, über die weitere technologische Entwicklung von Kernwaffensystemen, über die Wirkungen ihres Einsatzes und über Abrüstungsvereinbarungen zusammengetragen hatte. Darin heißt es in der Zusammenfassung: "Niemals zuvor waren Staaten in der Lage, die Grundlagen für das Fortbestehen anderer Staaten oder Regionen zu zerstören; niemals zuvor hatten Waffen eine solch unmittelbare, vollständige und weltumfassende Zerstörungskraft; niemals zuvor stand die Welt wie heute vor der realen Gefahr der Selbstauslöschung." (1)
Nur zehn Jahre später erreichte die Menschheit ein Hoffnungsstrahl, die atomare Kriegsgefahr zu bannen. Als bald nach dem Ende der Sowjetunion der Warschauer Pakt aufgelöst wurde, konnte sich die Menschheit für den Moment der Erwartung hingeben, einen umfassenden Prozess der Abrüstung einleiten zu können. Diese Hoffnung und Friedenssehnsucht brachte der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali zu Beginn seiner Amtszeit im Jahr 1992 in der Agenda für den Frieden zum Ausdruck, indem er das Ende der Blockkonfrontation zu einer zweiten Chance der Weltgestaltung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges erklärte.(2)
Dieser Traum eines universellen Friedens ist rasch zu Ende gegangen. Zwar besteht die Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion bzw. Russland mit der Drohung der gegenseitigen nuklearen Vernichtung in der alten Form nicht mehr, doch lehrt uns nach wie vor die weltweite militärische Hochrüstung mit den gewaltigen Arsenalen der Atomwaffen das Fürchten, wie ein Blick auf die Rüstungshaushalte zeigt (Übersicht 1).
| Land |
Ausgaben in Mrd. € |
Ausgaben pro Tag in Mill. € |
Voranschlag für 2009 in Mrd. € |
USA
Großbritannien
China
Frankreich
Japan
Deutschland
Russland
|
405
44
43
38
32
27
26
|
1.100
75
|
575
66
|
Übersicht 1: Militärausgaben im Jahr 2007 (Quelle: SIPRI-Jahrbuch 2008).
Gegenwärtig geben also die USA das Fünfzehnfache dessen aus, was Russland für Rüstung veranschlagt hat. Dieses Verhältnis möchte Russland für 2009 durch vermehrte Rüstungsanstrengungen auf das nur Neunfache verkleinern. Nimmt man noch die anderen NATO-Staaten hinzu, so steigert sich das Verhältnis auf mehr als das Zwanzigfache, wobei auf die NATO-Staaten zusammen mehr als 70 Prozent der weltweiten Rüstungsausgaben entfallen.
Allein dieser Vergleich der Militärhaushalte macht den unverändert aggressiven Charakter des NATO-Bündnisses deutlich. In einer Zeit der Erklärungsnot für den Fortbestand des westlichen Militärbündnisses hat sich die NATO unter der Führung der USA immer mehr als globale Ordnungsmacht etabliert, als Macht einer Ordnung nach westlichen Vorstellungen. In der Realität hat sie systematisch ihre Ausdehnung nach Osten betrieben, ihre wirtschaftlichen Interessen militärisch durchgesetzt und planmäßig die Einkreisung Russlands verfolgt.
Zu dieser aggressiven Politik gehört auch die bereits eingeleitete Errichtung der US-Raketenabwehr in globalem Rahmen, in den nun auch Polen mit der Stationierung von zehn Abfangraketen und die Tschechische Republik mit der Aufstellung eines Radar-Frühwarnsystems eingebunden werden sollen. Diese Systeme sollen nach der offiziellen Darstellung der US-Regierung gegen drohende Angriffe missliebiger Staaten gerichtet sein, also gegen noch nicht existierende Raketen in Stellung gebracht werden. In Wirklichkeit soll auch dieser Raketenschirm die militärische Überlegenheit der USA weiter ausbauen.
Wie Anfang der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts besteht die Gefahr, dass die USA ungestraft Atomschläge androhen und den möglichen Einsatz als politisches Druck- und Erpressungsmittel benutzen könnten. Mit dieser Raketenpolitik greifen die USA erneut nach der atomaren Vorherrschaft, um sich die strategische und ökonomische Weltherrschaft zu sichern.(3) Zu diesem Zweck wurde von den USA bereits Mitte 2002 der ABM-Vertrag gekündigt, in dem der Aufbau einer landesweiten oder gar globalen Raketenabwehr zugunsten eines Landes verboten ist. Im Gegenzug droht nun Russland seinerseits damit, den INF-Vertrag über das Verbot von Mittelstreckenraketen aufzukündigen. Russland könnte dann mit Mittelstreckenraketen die an der polnischen Ostseeküste geplante US-Raketenbasis in wenigen Minuten ausschalten.(4)
Es scheint sich eine neue Phase des nuklearen Wettrüstens anzukündigen. Zwar sahen die früheren START-Verträge(5) eine Abrüstung vor, sie wurden aber nicht voll umgesetzt. Diese unheilvolle Entwicklung verstärkt sich noch dadurch, dass seit dem Ende der Sowjetunion weitere Staaten in den Besitz von Atomwaffen gelangt sind und dass in mehr als 50 Staaten Tausende Tonnen von Plutonium und hoch angereichertem Uran lagern, ausreichend dafür, Hunderttausende von Atomwaffen herzustellen. Insgesamt hat sich also in den letzten 15 Jahren die Atomkriegsgefahr weiter erhöht.
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Land |
Anzahl der Nuklearwaffen |
Russland
USA
China
Frankreich
Großbritannien
Israel
Indien
Pakistan |
ca. 14.000
ca. 5.400
200
350
200
200 – 400
ca. 110
ca. 120 |
Übersicht 2: Atomwaffenarsenale 2008 weltweit
(Quelle: Arms Controll Association/Bulletin of Atomic Scientists).
Mehr als 92 Prozent aller Nuklearwaffen sind im Besitz der USA und Russlands. Dabei hat ein einziger nuklearer Sprengkopf eine Feuerkraft, die ein Vielfaches der zu dem makabren Vergleich herangezogenen Hiroshima-Bombe beträgt. Grobe Anhaltspunkte für eine vorsichtige Abrüstung könnten die nicht voll umgesetzten Rüstungsbegrenzungsverträge bieten. START I des Jahres 1991 sah einen Abbau strategischer Waffen für die USA und die Sowjetunion auf jeweils 1.600 Trägersysteme mit maximal 6.000 Nuklearbomben vor. Der SORT-Vertrag(6) des Jahres 2002 sollte die Arsenale auf jeweils 2.200 einsatzfähige Atomwaffen beschränken, während die Trägersysteme in dem Vertrag nicht erwähnt wurden.(7) Der Moskauer Vertrag von 2001 legte neue Obergrenzen für die Sprengköpfe Russlands und der USA fest, so dass gegenwärtig die USA über etwa 5.400 und Russland über etwa 5.200 einsatzfähige Atomwaffen verfügen könnten.(8)
Das Phänomen der Verdrängung
In Anbetracht dieser angehäuften gewaltigen Vernichtungspotenziale muss es überraschen, dass die nukleare Abrüstung nicht auf der Tagesordnung der dringend zu lösenden globalen Probleme steht. Es stellt sich die Frage, ob hier – wie es in der Einladung zu diesem 13. Dresdner Symposium heißt – ein Phänomen der Verdrängung vorliegt.
Dabei könnten psychologische Momente eine wichtige Rolle spielen. Wie bei der Klima-Katastrophe ist auch bei der drohenden Vernichtung der Menschheit durch Kernwaffen die Gefahr des Untergangs aus dem menschlichen Bewusstsein verbannt. Bei der möglichen Vernichtung der Gattung könnte es sich so wie bei dem individuellen Tod als der letzten und äußersten Grenze des menschlichen Lebens verhalten: Das Sprechen über den eigenen Tod ist nicht erwünscht. Zum Denken an Tod und Sterblichkeit schreibt Blaise Pascal: "Es ist leichter, den Tod zu ertragen, ohne an ihn zu denken, als den Gedanken an den Tod, ohne zu sterben."(9)
Dieser Verdrängungsmechanismus spielt offenbar auch bei der existenziellen Bedrohung durch die globalen Probleme eine wichtige Rolle. Nur so kann in der Leugnung oder Nichtwahrnehmung der Atomkriegsgefahr der Schein der Normalität des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens aufrechterhalten werden. In dieser Weise werden nach Jonathan Schell Wirklichkeitsflucht zur Gewohnheit und Teilnahmslosigkeit zu einer Lebensweise.(10) Es liegt aber die Bedrohung, weil sie als total zu denken ist, auch außerhalb des vorstellenden Bewusstseins. Ein totales Inferno mit einem atomaren Feuer rund um den Globus muss jede Vorstellungskraft übersteigen. Die Verdrängung der Gefahr der globalen Vernichtung liegt sozusagen in der menschlichen Psyche begründet. Doch letztlich haben die Manager des industriell-militärischen Komplexes und gewissenlose Politiker ein Interesse daran, dass die atomare Vernichtungsgefahr wenig öffentliche Aufmerksamkeit findet. Eine massenhafte Erhebung gegen die Hochrüstung könnte unerwünschte gesellschaftliche Veränderungen bewirken und würde der Gier nach Profiten an der militärischen Rüstung eventuell ein Ende bereiten.
Das ist die eine Seite der Atomkriegsgefahr: Man hat sich offenbar darauf eingerichtet, mit ihr zu leben, möchte das allerdings nicht wirklich wahrhaben.
Auf der anderen Seite hält aber die Aufmerksamkeit für dieses globale Problem in der Fülle der relevanten Bücher, die hauptsächlich von Wissenschaftlern, Politikern und kritischen Journalisten geschrieben sind, unvermindert an. Als einen Beleg für diesen überraschenden Befund wird die Anzahl der Bücher der letzten drei Jahre, die in einer großen Bibliothek zugänglich sind, genommen und mit der Menge entsprechender Bücher zehn Jahre zuvor verglichen. Als Bibliothek wird die Bayerische Staatsbibliothek in München ausgewählt, die mit rund 10 Millionen Bänden, rund 50.000 laufenden Zeitschriften und über 90.000 Handschriften zu den bedeutendsten Wissenszentren der Welt gehört.(11)
Schaut man sich die Titel der einschlägigen Bücher mit Hilfe der elektronischen Suchhilfe Opac Plus an, so ergibt sich die folgende Zusammenstellung (siehe Übersicht 3):
|
Jahr |
Anzahl der Bücher |
davon aus den USA | |
Jahr |
Anzahl der Bücher |
davon aus den USA |
1995
1996
1997 |
67
37
34 |
26
21
7 | |
2005
2006
2007 |
35
55
60 |
17
25
31 |
|
Summe |
138 |
54 (39 %) | |
|
150 |
73 (49 %) |
Übersicht 3: Anzahl relevanter Bücher der Jahre 1995-1997 und 2005-2007
der Bayerischen Staatsbibliothek.
Im Jahrestripel der 90er Jahre sind 138 Bücher, im entsprechenden Zeitraum zehn Jahre später, 150 Bücher nachweisbar. Allerdings wurden in den Jahren 2005-2007 die neuen Themen Nordkorea mit 15 Titeln, Iran mit 8 Titeln und Terrorismus mit 9 Titeln erörtert. Daher bleibt die Publikationsrate mit etwa 45 Büchern pro Jahr, die sich mit dem globalen Problem des Atomkrieges auseinandersetzen, ungefähr gleich. Auffallend ist der hohe Anteil der Bücher aus den USA mit etwas mehr als einem Drittel.
Die Rationalität umfassender Abrüstung
Nach den Erfahrungen der letzten Jahre steht außer Zweifel, dass von den USA gegenwärtig die größte Gefahr für den Weltfrieden ausgegeht. Zu Recht wird daher argumentiert: Die USA können nicht Sicherheit für sich und ihre Interessen reklamieren und gleichzeitig andere Staaten mit dem möglichen Einsatz auch atomarer Waffen bedrohen. Indessen ist, wie selbst Henry A. Kissinger im Wall Street Journal zugegeben hat, das Vertrauen auf die Abschreckung durch Nuklearwaffen "zunehmend ein Wagnis und immer weniger effektiv". Denn die größte Gefahr gehe von Terroristen aus, die nukleare Waffen einsetzen könnten, ohne dass dafür bestimmte Staaten haftbar zu machen wären.(12) Das erste und oberste Postulat muss daher lauten:
Die Sicherheit ist unteilbar
Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat dieses Postulat kürzlich erneut ins Gespräch gebracht: Niemand darf seine Sicherheit auf Kosten anderer durchsetzen. Niemand darf eigene Sicherheitsinteressen verfolgen, die andere Staaten schädigen.(13) Diese Forderung nach einer allseitigen Schadensverhinderung durch den gegenseitigen Ausgleich im Geben und Nehmen ist ethisch in der goldenen Regel begründet, die bekanntlich das Grundprinzip sittlichen Verhaltens schlechthin darstellt. Wer sie missachtet, stellt sich außerhalb der zivilisierten Gesellschaft. Das durch einen neuen Gewaltakt durchgesetzte Recht auf Vergeltung kann nur neue Ungerechtigkeit bewirken, die Ursache neuer Gewalt werden kann. Daher verliert für das Postulat der unteilbaren Sicherheit die Vergeltungsoption ihre ohnehin fragwürdige Berechtigung und ist durch den Grundsatz des positiven Ausgleichs zu ersetzen: Wer Sicherheit erwartet, muss diese auch den anderen zugestehen.
Von dieser Ethik der ausgleichenden Gerechtigkeit war insbesondere der Atomwaffensperrvertrag oder der Nichtverbreitungsvertrag (NPT)(14) von 1970 erfüllt. Er sah Verhandlungen über die Einstellung der Produktion von Kernwaffen, über die Beseitigung der Trägersysteme und schließlich die Zerstörung aller Arsenale vor. Demgemäß heißt es im Artikel VI ausdrücklich: Die atomwaffenfreien Staaten verzichten auf die Entwicklung von Atomwaffen, wenn sich die Atommächte im Gegenzug dazu verpflichten, redliche Verhandlungen über die Abschaffung der Atomwaffen zu führen.(15)
Wenn Sicherheit unteilbar ist, sind nur zwei Schlussfolgerungen möglich: Entweder haben alle Staaten das Recht, Atomwaffen zu besitzen, oder es müssen alle Staaten darauf verzichten. Die weitere Verbreitung der Kernwaffen und die dadurch gewachsene Gefahr eines Atomkrieges lassen nur den zweiten Weg als vernünftige Möglichkeit zu. Damit ergibt sich als zweites Postulat:
Die Unteilbarkeit der Sicherheit erfordert eine umfassende und allseitige Abrüstung
Die globale Verständigung mit dem Ziel einer alle Waffengattungen und alle Staaten betreffenden Abrüstung ist das friedenspolitische Gegenkonzept zu dem Herrschaftsmodell des Empires, bei dem eine Zentralmacht – wie in den letzten Jahren die USA in Verbindung mit NATO und UN-Sicherheitsrat – die Regularien der internationalen Beziehungen diktiert und andere Staaten erpressen kann. Eine umfassende Abrüstung mit der Elimination der Atomwaffen ist nur in globaler Übereinstimmung aller Staaten möglich.(16)
Damit artikuliert sich ebenso ein grundsätzlicher Widerspruch gegen die bestimmenden Normen der herrschenden Weltordnung, die wesentlich auf Gewalt beruht. Es reicht nicht aus, immer wieder papierne Verträge über atomare Abrüstung abzuschließen. Die Forderung nach Abrüstung muss umfassend und unteilbar sein. Auch ohne Atomwaffen besitzen die USA einen überlegenen Militärapparat mit hochpräzisen konventionellen Waffen und mit Stützpunkten rund um den Globus. Damit lassen sich zahlreiche Länder einschüchtern und erpressen, die ihrerseits infolge dieser Bedrohung sich atomar bewaffnen möchten. Die nukleare Abrüstung muss also mit Schritten der konventionellen Abrüstung einhergehen.
In Anbetracht der globalen Vernichtungsgefahr erscheint der Rekurs auf die nationale Souveränität und auf eigene Sicherheitsinteressen nicht nur egoistisch, sondern auch historisch und politisch antiquiert. Es darf nicht mehr allein um das Interesse von Nationalstaaten oder herausgehobener Bündnisse gehen, wenn der ganze Globus bedroht ist. Gefordert ist eine Loyalität gegenüber der ganzen Menschheit und gegenüber dem Heimatplaneten Erde.(17) Darum ist notwendigerweise ein anderes System der internationalen Sicherheit und Kooperation zu fordern, das zu einem dritten Postulat führt:
Die umfassende und allseitige Abrüstung erfordert ein anderes politisches Weltsystem
Die Abschaffung des Kapitalismus steht gegenwärtig nicht auf der Tagesordnung; allenfalls die der neoliberalen turbo-kapitalistischen Auswüchse. Vielmehr stellt sich die Frage, wie weit die Gesellschaft unter der Prämisse maximaler Kapitalverwertung noch lernfähig ist, ob also in Anbetracht der globalen Vernichtungsgefahr die gesellschaftliche Menschheit hier zu einer Selbstbesinnung findet. Kann durch ein Zusammengehen der Nationalstaaten zu größeren politischen Einheiten, und schließlich zu einer gemeinsamen repräsentativen Vertretung, eine umfassende Abrüstung erreicht werden?
Bekanntlich hat in Anbetracht der Einseitigkeit des traditionellen Völkerrechts Immanuel Kant in dem Traktat Zum ewigen Frieden (1795/1796) sich darum bemüht, das internationale Recht um das Friedens-Völkerrecht zu ergänzen. Zu den von ihm genannten positiven Bedingungen für die Herstellung eines zwischenstaatlichen Rechtszustandes gehörte vor allem der Vorschlag, den Weltfrieden durch einen Zusammenschluss der Staaten wahrscheinlicher zu machen. Die Idee des Föderalismus an sich, des Zusammenschlusses der menschlichen Gattung als einer Notwendigkeit der Geschichte, würde nach Kant die Schaffung einer Weltrepublik, eines Weltstaates, aus dem eine Weltregierung hervorgehen könnte, erfordern. Zudem müsste ein gemeinsames rechtsmoralisches Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger, das durch ein Weltbürgerrecht zu befördern wäre, entstehen.(18)
Bis heute sind die Staaten kaum bereit, ihre Souveränitätsrechte in Fragen nationaler Sicherheit einer übergeordneten Organisation zu übertragen. Selbst ein vorläufiges Modell eines derartigen Weltsystems ist in der UNO mit dem Organ des von den USA dominierten Sicherheitsrates kaum realisiert. Daher ist immer wieder eine Reform der UNO, oder sogar die Neugründung einer anderen Institution, gefordert worden. So hat etwa Johan Galtung 1988 vorgeschlagen, den Sicherheitsrat ganz abzuschaffen und als Alternative eine Volksversammlung zu bilden, für die die Delegierten in weltweiten direkten Wahlen gewählt werden. Auf diese Weise sollen die Weltinteressen in neuen Weltinstitutionen innerhalb der UNO durchgesetzt werden.(19)
Erfüllt sich vielleicht mit den positiven Aspekten der Globalisierung in der Herausbildung einer gesellschaftlichen Menschheit die Kantische Erwartung, die menschliche Gattung müsste sich quasi aus Naturnotwendigkeit zusammenschließen? Würde so die wesentliche Bedingung der Möglichkeit einer globalen Friedensordnung einmal Wirklichkeit werden?
Die Globalisierungsprozesse laufen jedoch an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen weitgehend vorbei, und noch ist das Bewusstsein der meisten Menschen für die Zugehörigkeit zu einer gemeinsamen Welt nicht entwickelt. Es bedarf aber des politischen Gesamtwillens aller Völker, um eine umfassende Abrüstung herbeizuführen, wie es ein weiteres Postulat zum Ausdruck bringt:
Eine friedliche Welt lässt sich nur dann verwirklichen, wenn der unbedingte Wille der Menschheit dahinter steht und die Menschen an ihrer Gestaltung aktiv teilhaben können
Das oberste Ziel des politischen Handelns muss das Lebensrecht eines jeden Menschen sichern, insbesondere das Recht auf ein Leben ohne äußere Bedrohung und Angst. Dieses Postulat hatte schon Albert Schweitzer im Sinn, als er am 3. August 1963 in Lambarene an die Welt appellierte: "Die Völker als solche müssen gegen die Atomwaffen sein, wenn es gelingen soll, diese loszuwerden."(20)
Joseph Rotblat, viele Jahre lang die treibende Kraft der alljährlich stattfindenden Pugwash-Konferenzen über atomare Abrüstung und globale Entwicklung und 1995 für Pugwash mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet, wird noch konkreter. Er schlägt ein zweistufiges System der kontrollierten Abrüstung vor: sowohl ein System der Verträge und der von der internationalen Gemeinschaft kontrollierten Abrüstung als auch ein gesellschaftliches Kontrollsystem. Darin sollen Physiker, Juristen und die NGOs, kurz: die Bürger, zusammenarbeiten, um die Abrüstung und das Verbot atomarer Aufrüstung in ihrem Land gemeinsam zu kontrollieren und durchzusetzen.(21)
Die Logik der Abrüstung
Wir haben vier ineinander greifende Stufen mit jeweils einem charakteristischen Postulat erkannt. Mögliche Alternativen, die gegenwärtig die Diskussionen bestimmen, führen in eine Sackgasse und nicht zur Abrüstung der atomaren Vernichtungswaffen. Diese Zusammenhänge sind in Übersicht 4 nochmals zusammengestellt und graphisch veranschaulicht. Am Ende stellt sich auf der vierten Ebene erneut die Frage, wie die Verdrängung der Gefahr eines Atomkrieges aufgebrochen werden kann.
Vielleicht kann uns hier wieder die Sozialpsychologie weiterhelfen? Sie spricht von einer gestörten Gesellschaft und von einem defizitären Verhalten der Menschen, weil – was schon Kant für seine Zeit erkannt hatte – der technologische Fortschritt sich immer mehr vom Menschen entfernt, also nicht der Entwicklung des Humanum dient. Immanuel Kant bedenkt bereits das mögliche "Ende aller Dinge"; er sieht die Drohung eines "Endes mit Schrecken" heraufziehen, weil der Fortschritt der Menschheit den Talenten und der Geschicklichkeit, also den Wissenschaften und der Technik, gewidmet ist und die Moralität zurückbleibt."(22) Heute erlebt die Gesellschaft, besonders im technologischen Bereich, einen immer rasanteren Wandel. Die wirklichen Bedürfnisse der Menschen werden nicht mehr befriedigt. Ausgesetzt den täglichen Negativmeldungen, befinden sie sich in dem Zustand einer abwehrenden Angststarre. Insgesamt fehlt daher unserer Gesellschaft eine reale Zukunftsvision.(23) Doch müssten nicht alle Kräfte eingesetzt werden, um die globalen Probleme zu lösen und so auch die Atomkriegsgefahr zu beenden? Dafür müsste die Resignation auf der Handlungsebene durchbrochen werden. Nur so lässt sich eine neue Vision entwickeln. Kein anderes Konzept ist dafür besser geeignet als das friedenspolitische und sozialpädagogische Projekt der Kultur des Friedens, das für das Jahr 2000 von der UNO propagiert wurde.(24) Nur im gemeinsamen Tun lässt sich die Ohnmacht gegenüber der globalen Vernichtungsgefahr überwinden, um schließlich eine andere, friedliche Verfasstheit unserer Welt zu erreichen.

Autor: Prof. Dr. Volker Bialas,
Wissenschafts- und Philosophiehistoriker.
Anmerkungen:
(*) Beitrag zum 13. Dresdner Symposium "Für eine globale Friedensordnung" am 15. November 2008. Print-Version in: Atomwaffen und Menschheitszukunft, DSS-Arbeitspapiere Heft 93, Dresden 2009.
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(1) Die UNO-Studie Kernwaffen (deutsche Ausgabe), München 1982, S. 199.
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(2) Siehe B. Boutros-Ghali, Agenda für den Frieden, New York, Wien 1992, S. 33.
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(3) Siehe R. Mutz, G. Neuneck, Manie der Unverwundbarkeit – Welche Sicherheit bietet die Raketenabwehr?, in: Friedensgutachten 2008, Jahresbericht des Bonn International Center for Conversion (BICC).
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(4) Eine neue Gegendrohung sieht die Stationierung von Kurzstrecken-Raketen in Kaliningrad vor.
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(5) START steht für Strategic Arms Reduction Treaty, also für einen Vertrag über die Abrüstung
strategischer Kernwaffen.
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(6) SORT ist die Abkürzung für Strategic Offensive Reduction Talks, also für Gespräche zur
Begrenzung strategischer Offensivwaffen.
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(7) Siehe Freitag Nr. 42 vom 17.10.2008, S. 7.
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(8) Siehe Süddeutsche Zeitung vom 12.11.2008, nach: Nuclear-Notebook 2008.
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(9) Fragment 166, in: B. Pascal, Über die Religion und über einige andere Gegenstände,
Hrsg.: E. Wasmuth, Frankfurt a.M 1987, S. 92.
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(10) Siehe J. Schell, Das Schicksal der Erde. Gefahr und Folgen eines Atomkriegs, München 1982, S. 173.
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(11) Siehe Bayerische Staatsbibliothek. Information in erster Linie, München 2007, S. 6.
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(12) Zitiert bei J. Schell, The seventh decade. The new shape of nuclear danger, New York 2007,
S. 205.
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(13) Siehe Süddeutsche Zeitung vom 14.10.2008.
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(14) NPT ist die Abkürzung von Non-Proliferation Treaty. Er wurde von den meisten Staaten unterzeichnet und ratifiziert, ist aber in der Praxis, insbesondere von den fünf Veto-Mächten des UN-Sicherheitsrates, nicht eingehalten worden.
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(15) Siehe Die UNO-Studie Kernwaffen, München 1982, S. 185.
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(16) J. Schell, 2007, a.a.O., S. 183.
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(17) Siehe D. Ikeda, J. Rotblat, Auf der Suche nach Menschlichkeit. Der Buddhist und der Nuklearforscher im Dialog, aus dem Englischen, München 2007, S. 203.
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(18) Siehe I. Kant, Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf (1795/1796), in: Kant, Werkausgabe, Bd. XI, Hrsg.: W. Weischedel, Frankfurt a.M. 1968, S. 193-251.
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(19) J. Galtung, Visionen einer friedlichen Welt (1988), in: D. Senghaas (Hrsg.), Den Frieden denken, Frankfurt a.M. 1995, S. 385-418.
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(20) A. Schweitzer, Friede oder Atomkrieg, München 1982, S. 98.
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(21) Siehe D. Ikeda, J. Rotblat, a.a.O., S. 152.
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(22) I. Kant, Das Ende aller Dinge (1794), in: Kant, Werkausgabe, Hrsg.: W. Weischedel, Bd. XI, Frankfurt a.M. 1968, S. 175-180.
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(23) Siehe M. Winterhoff, Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Oder: Die Abschaffung der Kindheit, Gütersloh 2008, S. 172.
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(24) Dazu gehört das Manifest der UNESCO Für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit, das im Herbst 2000 der Generalversammlung der UN mit vielen Millionen Unterschriften übergeben wurde. Gegenwärtig befinden wir uns noch immer in der – allerdings wenig beachteten – Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit für die Kinder dieser Welt (2001-2010).
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