Impressum [Gäste-Home/Hiemann]   [DSS-Home]   Febr 2002

Dresdener Studiengemeinschaft SICHERHEITSPOLITIK  e.V.   (DSS)







Günter   H i e m a n n

Sechzig Jahre Luftstreitkräfte-Akademie "Ju. A. Gagarin"

Gedanken zur vierten Darstellung der Geschichte einer traditionsreichen Militärhochschule (*)


<Inhaltsübersicht>     <Über den Autor>     <Bild Monino>

Die vierte Buch-Publikation zur Geschichte der Moninoer Akademie der sowjetischen/ russischen Luftstreitkräfte, herausgegeben aus Anlass ihres 60. Gründungstages, liegt der Öffentlichkeit vor. Ein Autorenkollektiv unter Leitung von Generalmajor Professor Dr. I. N. Naidenow erarbeitete das Manuskript des Buches, in dem das gegenwärtige akademische Leben und die Vorstellungen über Rolle und Platz der Akademie in den Streitkräften der Russischen Föderation des XXI. Jahrhunderts ausführlich dargestellt und reich illustriert sind. Vorangestellt wird ein Rückblick auf die Vorgeschichte und den Werdegang dieser angesehenen Bildungs- und Forschungsstätte.

Die 2000er Ausgabe unterscheidet sich von ihren farblosen Vorgängern der Jahre 1968, 1984 und 1995 durch großformatigen, reich bebilderten Farbglanzdruck. In neuer Form will sie sich als Produkt einer neuen Zeit darstellen. Nur in Ansätzen ist es allerdings gelungen, die von Perestroika und Glasnost gebotenen schriftstellerischen Freiräume zu nutzen und der neuen Form auch einen neuen Inhalt zu geben. Fünf Jahre sind für manchen eine zu kurze Zeit, um sich von der verschleierten Darstellung sogenannter militärischer Geheimnisse, früher und sicherlich auch heute noch von Vorgesetzten oftmals als Informationsprivileg und Subordinationsinstrument benutzt, zu befreien.


Seiten einer ruhmreichen Geschichte

Unter dieser Überschrift wird dem Leser ein Überblick über die Akademiegeschichte gegeben. Er beginnt mit einem kurzen Abriss der Ausgangssituation in den Jahren 1918 – 1922, als das junge Sowjetrußland siegreich, jedoch stark geschwächt, den Bürgerkrieg gegen die ausländischen Interventionstruppen und Weißgardisten überstand. Die neu formierte Rote Armee entsprach bei weitem nicht den Militär­standards anderer europäischer Armeen, war ärmlich ausgestattet und bezahlte ihre ersten Kampferfahrungen teuer. Die geschlagenen deutschen, englischen und französischen Truppen besaßen eine lange Tradition und reiche Erfahrungen in der Militärorganisation. Die Staats- und Armeeführung, weitere Überfälle befürchtend, musste in kurzer Zeit aus den rotgardistischen Reiterscharen eine neue, moderne Armee formieren.

Die Luftflotte der Zaristischen Armee allerdings war eine der stärksten aller Weltkriegsteilnehmer, so dass nach Kriegsende der Roten Armee in ausreichendem Maße Flugzeugtechnik und ausgebildetes Personal zu Verfügung standen. Das ermöglichte den Einsatz von 350 roten Kampffliegern im Bürgerkrieg. Zwei Jahre nach Kriegsende verfügte die die Luftflotte der Roten Armee über 322 Flugzeuge und 6.750 Mann Personal.

Der geordnete Aufbau von Fliegereinheiten erforderte dringend die Heranbildung von Führungskräften. Dazu wurde an der "Moskauer Akademie für Luftfahrt-Ingenieure und Flugzeugkonstrukteure (später Shukowski-Militärakademie), im Jahre 1923 eine Fakultät für Luftfahrtdienste, 1924 umbenannt in Kommandeursfakultät, eröffnet. Bereits 1927 konnten die ersten 33 akademisch ausgebildeten Führungskader den Einheiten der Militärluftflotte übergeben werden.

Die sowjetischen Militärbehörden entschlossen sich 1928, eine Fliegerbasis nahe Moskau zu errichten. Mit Spaten, Schippe, Säge und Axt, mit geflochtenen Tragekörben und anderem Hilfsgerät gingen 5000 Bauarbeiter ans Werk. Tausende Bauern aus der Umgebung transportierten mit Pferdegespannen die ungeheuren Erdmassen und karrten das Baumaterial heran. In kurzer Zeit entstand eine Fliegergarnison mit zwei befestigten Start- und Landebahnen von je 750 Meter Länge und den damals gebräuchlichen Flugplatzanlagen.

Das namenlose Waldmassiv erhielt bereits bei der Planung die militärische Bezeichnung "MONINO", und alles, was später auf dieser Rodung entstand - der Flugplatz, die Garnison, die Militärakademie, die Arbeitersiedlung, das Dorf und die Bahnstation der Elektritschka, die Monino mit Moskau verbindet, - trägt bis heute diesen Namen.

Am Vorabend des drohenden deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wurden die Luftstreitkräfte zahlenmäßig verstärkt und modernisiert. Der Bedarf an gut ausgebil­deten Führungskräften der Militärfliegerei wuchs sprunghaft. Die Moskauer Akademie für Fliegeringenieure, der in den 20er und 30er Jahren die militärakademische Qualifizierung der ersten Fliegerkommandeure und später auch der Steuerleute übertragen worden war, konnte die neuen Anforderungen nicht mehr erfüllen.

Im März 1940 reifte die Gründung einer selbständigen "Kommandeurs- und Steuermanns-Akademie der Luftstreitkräfte" heran. Die Fliegerbasis Monino bot sich als Domizil an: In dieser hauptstadtnahen Fliegergarnison konnten der Akademie­aufbau durch den Luftflottenstab unmittelbar beeinflusst und die theoretische Hochschulausbildung mit Flugpraktikum verbunden werden.

Im Eiltempo wurden die akademische Ausbildung aus dem langjährig erprobten Umfeld herausgelöst, eine neue Akademie gegründet, aufgebaut, ausgerüstet und der Lehrbetrieb fast ohne Unterbrechung fortgeführt. Das stellte an Lehrer und Kursanten, an das Personal der Rückwärtigen Dienste und das Militärbauwesen hohe Anforderungen, denn die vor 10 Jahren errichtete Fliegerbasis entsprach bei weitem nicht den akademischen Anforderungen der 40er Jahre. Vieles war zu sanieren und umzubauen.

Die Moninoer sind stolz, dass sie die vielfältigen Herausforderungen einer Akademie-Neugründung in der angespannten Situation des Jahres 1940 meisterten und die schier unüberschaubaren Schwierigkeiten überwanden.

Einen Monat nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, als die Ausbildung in Monino nun allmählich in geordneten Bahnen lief, wurde die Akademie nach Tschkalowsk (Orenburg) im südlichen Ural verlegt und weitab vom Kriegsgeschehen die Ausbildung fortgeführt.

Der Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges ist bekannt. Die Luftstreitkräfte-Akademie trug mit ihrer Ausbildung von Führungskräften der Luftstreitkräfte zum Sieg über die deutschen Truppen bei. Fast 600 Moninoabsolventen wurden für ihre Heldentaten im Luftkampf mit den deutschen Fliegerassen und bei Einsätzen gegen die Bodentruppen der Hitlerwehrmacht mit dem Titel "Held der Sowjetunion" ausgezeichnet. Fast alle Stabschefs von Flieger-Vereinigungen und –Verbänden, zwei Drittel der Kommandierenden von Luftarmeen und Fliegerkorps und ebenso viele Operativchefs besaßen eine abgeschlossene oder verkürzte akademische Ausbildung.

Im Mai 1944 kehrten Lehrer und Kursanten wieder an ihren Stammsitz zurück. Eine Rückkehr? Sie fanden einen kriegsbedingten katastrophalen Zustand vor: die Häuser von Flüchtlingen bewohnt, die Lehrgebäude in einem ruinösen Zustand, Trinkwasser gab es nur einige Stunden am Tag, die Energieversorgung war unterbrochen, Kohle kaum vorhanden. Rundum waren die Moninoer Bedingungen für die Wiedergeburt des Akademielebens weitaus schlechter als im Jahre 1940.
Nur sehr langsam wurden die Kriegsfolgen überwunden. Erst in den 50er Jahren, mehr als 10 Jahre nach Kriegsende, verbesserten sich die Bedingungen und die Lebensqualität für die Dozenten und Studierenden.
Die Moninoer Akademie hatte großen Anteil an der Ausbildung von Offizieren befreundeter Armeen. Die dritte Ausgabe der Akademiegeschichte verweist auf 3.000 Absolventen aus den Ländern des Warschauer Vertrages und aus Entwicklungsländern. Von 1954 bis 1989 absolvierten mehrere Hundert Militärstudenten der DDR-Luftstreitkräfte das mehrjährige Studium in einer der drei Fachrichtungen: Kommandeure / Stabsoffiziere, Steuerleute und Rückwärtige Dienste. Es befremdet, dass in der jüngsten, vierten Monino-Darstellung diese Seite der akademischen Ausbildung ausgeblendet wird. Dabei hatten noch fünf Jahre zuvor (das war im Jahre 1995!) die Autoren der 3. Ausgabe erklärt, dass "es nicht Schuld des Moninoer Lehrpersonals sei, dass unsere ehemaligen Verbündeten – Kinder und Enkel derjenigen, die in den 50er bis 60er Jahren an der Akademie ausgebildet und im Geiste des Internationalismus erzogen worden waren, Russland den Rücken zukehrten, den Warschauer Vertrag auflösten, und darüber hinaus sich eine Reihe osteuropäischer Länder vor der Tür der NATO anstellen, um in diese Organisation einzutreten ...". Jetzt sitzen russische Generale in NATO-Gremien. So schnelllebig ist unsere Zeit!

In ihren historischen Betrachtungen vermeiden die Autoren den direkten Bezug zum Staat, der diese Armee und ihre Luftstreitkräfte schuf, zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Über den Großen Vaterländischen Krieg aber, insbesondere über die Heldentaten der Akademieabsolventen und der Akademielehrer, die vom Katheder weg zur kämpfenden Truppe eilten, wird ausführlich berichtet. Bis heute hat der heldenhafte vaterländische Kampf der Sowjetvölker tiefe Spuren hinterlassen und stellt einen unerschöpflichen Quell russischer patriotischer Erziehung dar.
Ein Emblem der Moninoer Militärakademie sucht man vergebens. Die 95er Ausgabe zierte ein neues Akademie-Emblem, das in sich den russischen Doppeladler, die Zarenkrone, gekreuzte Schwerter und Propeller sowie das Moninoer Kosmosdenkmal vereinte. Es scheint, als hätten die Moninoer diese Kreation wieder verworfen. Der emaillierte weiße Rhombus mit dem Sowjetstern, langjähriges Zeichen erfolgreicher akademischer Ausbildung, ist in der 2000er Ausgabe nicht zu finden. Wie dem auch sei, vielleicht wird, analog zur Wiedergeburt der früheren Staats-Hymne, auch das Akademieabzeichen wieder hervorgeholt.


Neue Strukturen und Inhalte

Das Autorenkollektiv nutzt das vorliegende Buch, um ausführlich das gegenwärtige akademische Leben und die Vorstellungen über Rolle und Platz der Akademie in den Streitkräften der Russischen Föderation des XXI. Jahrhunderts darzustellen.

Im zweiten Kapitel werden die gegenwärtigen Strukturen und Ausbildungsinhalte der Lehrstühle vorgestellt und die wissenschaftlichen Leistungen der Professoren und Dozenten sowie die sachkundige Tätigkeit der zahlreichen Spezialisten und die Arbeit der Hilfskräfte gewürdigt. Die Autoren belegen in Wort und Bild die Bedeutung eines gut organisierten Zusammenwirkens der Dozenten mit dem sicherstellenden Personal. Der Leser erhält einen Einblick in das Innenleben der Akademie und spürt den Geist ihrer Mitarbeiter. In früheren Ausgaben kam diese Seite zu kurz.

An der Moninoer Akademie bestehen 25 Lehrstühle, von denen 10 in der Kommandeursfakultät und 9 in einer neu gebildeten "Fakultät zur Sicherstellung der Gefechtshandlungen der Luftstreitkräfte" angesiedelt sind. Sechs Lehrstühle tragen fakultätsübergreifenden Charakter. Die Steuermannsfakultät wurde aufgelöst, ihre Lehrstühle in die neue Fakultät eingeordnet.

Die Gründe, die zur Bildung der neuen Sicherstellungsfakultät, verbunden mit dem Auflösen der selbständigen Steuermannsfakultät führten, sind nicht erläutert. Personelle Zwänge und ein neues Herangehen an einige Lehrinhalte dürften hier komplex wirken. Unter den Militärs in Ost und West gibt es unterschiedliche Meinungen, ob Flugnavigation vorrangig als klassische angewandte Wissenschaft oder überwiegend aus der Sicht der Bedienung von Navigations-Elektronik gelehrt werden soll. Inwiefern die neue Struktur mit dem Übergang zu westlichen Lehr- und Ausbildungsmodellen in der Flugnavigation verbunden ist, können nur die Moninoer selbst beantworten.

Für die deutschen Absolventen sowjetischer Militärakademien wird von Interesse sein, wie die ehemaligen Politik-Lehrstühle umfunktioniert und in das neue Ausbildungs­system eingefügt wurden.

An die Stelle der Lehrstühle "Geschichte der KPdSU" und "Politische Ökonomie" ist der Lehrstuhl "Allgemeine Wissenschaften" getreten. Als Lehrinhalte werden im Buch angeführt:

  • Philosophisch-politische und ökonomische Probleme der nationalen Sicherheit,
  • Soziale und psychologisch-pädagogische Aspekte der Führungstätigkeit der Offiziere,
  • Rechtliche Aspekte der Kommandeurstätigkeit,
  • Psychologie und Pädagogik der Hochschultätigkeit,
  • Geschichte und Methodik der Militärwissenschaft.

Es ist der historischen Entwicklung geschuldet, dass an die Stelle der Parteipolitik nunmehr die Staatspolitik, Aspekte der Führungstätigkeit und das Erfassen von rechtlichen Zusammenhängen treten. Für eine allseitige Allgemeinbildung der Militärkader und ihre Vorbereitung auf eine Kommandeurs-/Stabsfunktion ist das sicher von Vorteil.

Der Offiziersberuf ist ein politischer Beruf und damit stellt sich immer wieder die Frage nach dem Inhalt der politischen Bildung. Die früher vermittelten fundierten Kenntnisse der Politischen Ökonomie und des dialektischen / historischen Materialismus trugen sicherlich dazu bei, dass die politischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge des Militärwesens mit der Landespolitik von den Absolventen besser erfasst werden konnten. Wer als Militär bei Lagebeurteilungen und Entschlussfassungen auf ein solides philosophisch-methodologisches Instrumentarium zurückgreifen kann, ist im Vorteil. Mit dem ersatzlosen Wegfall dieser Lehrfächer ist ein Stück fundierter politischer Bildung, die früher in einem speziellen Politik-Staatsexamen nachgewiesen werden musste, verloren gegangen.

Richtschnur für die Lehrinhalte der "Allgemeinen Wissenschaften" ist die "Nationale Bildungsdoktrin der Russischen Föderation vom Januar 2000". Als strategische Bildungsziele werden das "Überwinden der sozial-ökonomischen und geistigen Krise" und das "Bestätigen des weltweiten Status Russlands als Großmacht der Bildung, Kultur, Wissenschaft, Hochtechnologie und Ökonomie" postuliert.

Die Doktrin ist mit zahlreichen Begriffen, wie historische Generationsfolge, Patriotis­mus, Staatsräson, soziale Solidarität, Individualisierung des Bildungsprozesses, professionelles Wachstum und Mobilität, Folgerichtigkeit der Bildung, lebenslang ununterbrochene Ausbildung, Vervollkommnung der Gesetzgebung für die Militärkader-Ausbildung, Reorganisation des militärischen Hochschulwesens sowie anderen allgemeinen und bildungsspezifischen Kategorien untersetzt.
Es lohnt sich, über diese staatlichen Bildungsziele nachzudenken.

Die militärakademischen Lehrstühle sind im Buch detailliert beschrieben, ihre Lehr­inhalte aufgeführt, und herausragende wissenschaftliche Leistungen der Professoren und Dozenten werden genannt. Das Ganze ist mit Bildern aus dem Akademieleben und der Lehrbasis reich illustriert. Auf die Besprechung jedes Lehrstuhles muss hier aus Platzgründen verzichtet werden. Interessierte werden das ohnehin im Original nachlesen.


Akademie des XXI. Jahrhunderts

Der Leser schlägt gespannt die Seiten dieses Kapitels auf. Er ist neugierig, wie sich die Moninoer eine russische Militärakademie des XXI. Jahrhunderts vorstellen.

Das Verteidigungsministerium der Russischen Föderation sieht in der "Bildung großer mehrstufiger wissenschaftlich-pädagogischer Komplexe" eine Hauptrichtung beim Heranbilden von Militärkadern verschiedener Profile und Bildungsstufen. Zum Schlüssel des Erfolges wird der Übergang vom Prinzip "Lehren für das ganze Leben" zum "Lernen während des gesamten Lebens" erklärt.
Entkleiden wir den Erfolgsschlüssel seines modernen Mäntelchens, so sind wir bei Lenins "Lernen, Lernen und nochmals Lernen".

Auffallend ist die mehrfach hervorgehobene Forderung nach verbesserter militär-patriotischer Erziehung der russischen Bürger, verbunden mit dem Ruf nach neuen Konzeptionen. Das lässt vermuten, dass die Nachwuchsgewinnung und Auffüllung der Luftstreitkräfte mit gut ausgebildeten Offizieren und Spezialisten problembehaftet ist und Veränderungen dieser Situation im gegenwärtigen Ausbildungssystem nicht zu erwarten sind.

Doktrinäre Vorgaben der staatlichen und militärischen Führung waren die Grundlage für neue Konzeptionen und Ideen, die von den Mitarbeitern der Moninoer Akademie - offensichtlich im Auftrag des Verteidigungsministeriums – entwickelt und auf Konferenzen vorgestellt wurden.

Die Autoren beschreiben zwei Richtungen, in denen die Moninoer Akademie im XXI. Jahrhundert wirksam werden will:

  1. als "Zentrale" eines perspektivischen, acht Etappen umfassenden Systems zur Heran-, Aus- und Weiterbildung von Piloten, Truppenkommandeuren und Stabsoffizieren der Luftstreitkräfte,
  2. in der verstärkten "Informatisierung der Akademie"(1) als wesentliche Voraussetzung für eine bessere Ausbildung von Militärspezialisten.

Konzept der Heran-, Aus- und Weiterbildung


Die in der Grafik dargestellte und im Text näher beschriebene Heran-, Aus- und Weiterbildungs-Konzeption beinhaltet folgende Etappen:

1. Etappe: In Internaten der "Zentren der militär-patriotischen Jugenderziehung" (ZVPVM) werden Schüler auf eine Hochschulausbildung an militärischen Luftfahrtinstituten vorbereitet. Wichtigste Bestandteile dieser Ausbildung sind der Abiturabschluss und eine fliegerische Erstausbildung, deren angestrebtes Lehrziel im Buch nicht näher definiert wird.

2. Etappe: Die anschließende vierjährige Offiziersausbildung erfolgt an Luftfahrtinstituten unter Einbeziehung von "Militärischen Lehrstühlen und Fakultäten der zivilen Hochschulen". Sie führt zum Hochschul-Diplom und schließt die Ausbildung für die erste Offiziersdienststellung (Ebene Fliegerkette) in den Luftstreitkräften ein.
Aus dieser Beschreibung ist herauszulesen, dass zukünftig in die militärische Diplomausbildung auch zivile Hochschulen einbezogen werden, möglicherweise durch Splitting des Lehrinhaltes in natur- und gesellschaftswissenschaftliche Grundkurse und militärwissenschaftliche sowie truppendienstliche Spezialkurse.

3. Etappe: An einer "Weiterbildungsfakultät" der Moninoer Akademie werden die militär-theoretischen Grundlagen für den Einsatz als Staffelkommandeur gelegt. Für diese Ausbildung ist nur ein Zeitraum von ein- bis zwei Monaten geplant.

4. Etappe: Zur Vorbereitung auf leitende Funktionen in Geschwadern und Divisionen ist ein zweijähriges militärakademisches Studium an der Moninoer Akademie (VVA) vorgesehen. Den Abschluss bildet ein militärisches Hochschul-Diplom.
Aus der Einordnung als "militärisches Diplom" ist anzunehmen, dass die Diplome der Luftfahrtinstitute (2. Etappe) den Abschlüssen und Graduierungen ziviler Hochschuleinrichtungen des Landes entsprechen sollen.
Ob das erste, "zivile" Diplom die Zugangsvoraussetzung für das zweijährige militärakademische Studium sein wird, ist den Ausführungen nicht zu entnehmen.

5. Etappe: Diese Etappe wurde offensichtlich eingefügt, um der Heranbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses mit abschließender dreijähriger Adjunktur bzw. Doktorandur einen Platz und eine "Sichtmarke" einzuräumen.
Die Moninoer Akademie wird sich hierbei an gesamtstaatliche Vorgaben halten müssen, die entweder noch nicht erlassen sind oder deren Kenntnis beim Leser vorausgesetzt wird. Nähere Erläuterungen fehlen.

6. Etappe: Die Ausbildung von Kadern für Führungs- und Stabspositionen in den Vereinigungen (Fliegerkorps, Luftverteidigungskorps, Luftarmee) und in der Führung der Luftstreitkräfte soll in ein- bis zweimonatigen akademischen Kursen erfolgen.

7. Etappe: Die höheren Führungskräfte der Luftstreitkräfte werden an der Militärakademie des Generalstabes ausgebildet.
In Verbindung mit der 6. Etappe wird ein Überschneiden der Begriffe "Führungspositionen in den Vereinigungen", "Führung der Luftstreitkräfte und "höhere Führungskräfte der Luftstreitkräfte" sichtbar. Die Abgrenzung ist für Außenstehende nicht nachvollziehbar.
Es ist zu erwarten, dass die Aufeinanderfolge und die Auswahl für die zweimonatiger Kurse und für ein drittes Studium an der Generalstabsakademie den Erfordernissen der personellen Entwicklung in höheren militärischen Funktionen angepasst wird.

8. Etappe: Die letzte Etappe dient die Weiterbildung in der jeweiligen Dienststellung, der Anpassung an das zivile Berufsleben und dem Einsatz in der vorgesehenen Reservisten-Dienststellung.

Etappen sind üblicherweise die Folge aufeinander abgestimmter Teile eines Ganzen. Ob die vorgenommene Gliederung, ihre beschriebenen Inhalte, die beabsichtigte Ausbildungsdauer und die zeitliche Reihenfolge dem Anspruch von "Etappen der Heran-, Aus- und Weiterbildung" gerecht werden, ist Ansichtssache. Es ist wohl eher eine Mischung aus Komplexen, Bestandteilen, Komponenten, Schritten, Abschnitten u.ä., die in unterschiedlichen Beziehungen und Wertigkeiten zueinander stehen.

Auf die Wechselwirkung von theoretischer Ausbildung und täglicher fliegerischer Praxis, Kommandeursausbildung und Gefechtsausbildung der Truppenkörper wird bedauerlicherweise nicht eingegangen. Die Ausbildung als Militärflieger, das Führen militärischer Einheiten im Truppenalltag und die Stabsarbeit nehmen bei der Ausbildung von Offizieren einen bedeutenden Platz ein. Ein "System zur Heran-, Aus- und Weiterbildung" von militärischen Führungskräften sollte den Anspruch an die fliegerische Gefechtsausbildung und komplexe Truppenausbildung verdeutlichen.

Das "8-Etappen-System" trägt unverkennbare Züge des Überlebenskampfes der militärischen Lehranstalten, deren Struktur in der Sowjetära für die Bedürfnisse einer Großmacht-Armee konzipiert und ausgebaut war. Mit zahlreichen Wissenschaftlern besetzt und mit einer aufwändigen Logistik über das ganze Land verteilt, sind die Offiziersschulen und Militärakademien der 80er Jahre für heutige und zukünftige Bedürfnisse überdimensioniert. Es ist verständlich, dass vieles davon in die neue Ära hinüber gerettet werden soll. Die Frage ist nur: wie? Die Autoren stellen dazu die Moninoer Konzeption vor.


DOSAAF im neuen Gewand?

Einen möglichen Ausweg sehen die Ideengeber in "Zentren zur militär-patriotischen Erziehung der Jugend" (ZWPWM).(2)

Die angedachten Aufgaben der ZWPWM und ihr Stellenwert für die Moninoer Akademie sind in der Grafik dargestellt.

Hauptaufgabe der ZWPWM ist die "Sicherstellung der Hochschulreife mit fliegerischer Spezialisierung im Interesse einer garantierten Auffüllung der militärischen Luftfahrt­institute mit zukünftigen Militärfliegern". Eine um 10 – 15 % höhere Effektivität gegenüber den bisherigen Vorbereitungs- und Auswahlverfahren wird erwartet.

Die Autoren gelangen zu der Erkenntnis, dass "die Bildung eines ZWPWM mit OSCHI PLP an der Luftstreitkräfte Akademie Ju. A. Gagarin (ist) eine der Hauptrichtungen zur Lösung der gegenwärtigen problematischen Fragen der Ausbildungsorganisation von Führungskräften der Luftstreitkräfte unter den Bedingungen der durchzuführenden Reform militärischer Bildung" ist.(3)

 

Aufgaben und Stellenwert einer ZWPWM

Die Zentren sollen gleichberechtigter, untrennbarer Bestandteil der akademischen Lehreinrichtungen werden, was zur Folge hat, dass die Akademie sich zukünftig mit der Ausbildung von Schülern befassen muss. Vorgesehen ist, dass nach anfänglicher Bildung und Erziehung in Sektionen und Klubs der ZWPWM ein drittes Ausbildungsniveau in sogenannten "Allgemeinbildenden Schulinternaten mit fliegerischer Anfangsausbildung" (OSCHI PLP) folgt.

Die Moninoer stehen in Konkurrenz mit zahlreichen Luftstreitkräfte-Lehreinrichtungen. Eine breite Zustimmung zu ihrem Konzept ist nur dann zu erwarten, wenn sie ihre eigenen Überlebensansprüche und die anvisierte Führungsrolle mit den Befindlich­keiten der anderen Militärakademien und Hochschulen geschickt verbinden. Der Aufbau von drei Zentren und die Einbeziehung zahlreicher Lehranstalten dient diesem Ziel.

Zentren sind in drei Akademien des Moskauer Großraumes konzipiert: in der Luftstreitkräfte-Akademie Monino, in der Universität der Luftverteidigung in Twer (Kalinin) und in der Moskauer Technischen Militärluftfahrt-Universität (früher Shukowski-Ingenieurakademie).

Die bekannten Lehreinrichtungen der Luftstreitkräfte in Armavir, Balaschov, Krasnodar, Sysran, Tscheljabinsk, Irkutsk, Tambov, Jaroslavl, Jiesk, Woronesch und die Kadettenkorps mit fliegerischer Erstausbildung in Orenburg, Barnaul, Aktjubinsk und Taganrog sollen zu "Filialen der ZWPWM" umfunktioniert und den drei erhalten gebliebenen Militärakademien zugeordnet werden.

Auf diese Art und Weise erhalten die bisher nur örtlich wirkenden Akademien landesweite Management-Aufgaben. Auf Erfahrungen aus früheren Jahren können sie dabei nicht zurückgreifen, sie betreten Neuland.

Der Außenstehende gewinnt den Eindruck, dass mit diesem Konzept dem vieltausendköpfigen Hochschulpersonal in den Weiten des russischen Landes ein Schicksal als arbeitloser Dozent oder sozialhilfebedürftiger technischer Mitarbeiter erspart werden soll. Koste es was es wolle! Menschlich verständlich. Nach welchen Effektivitätskriterien das vorgestellte Konzept beurteilt wurde, ist leider nicht dargelegt. Aber Kosten dürften ein Entscheidungskriterium sein, das in der russischen Militärfliegerei, die sich jeden Liter Flugkraftstoff am Steuerknüppel absparen muss, herausragende Bedeutung hat.


Informatisierung – fehlende Ideen oder keine Rubel?

Die Darstellung des zweiten Schwerpunktes der Akademie des XXI.Jahrhunderts, die "Informatisierung der Akademie" ist sehr allgemein und enthält wenig Neues. Die Autoren beschreiben ihre versteckt geäußerte Verzweiflung und ihren Unmut über die (offensichtlich noch immer) unbefriedigende Ausstattung mit Informationstechnik mit den Worten, dass "in der Akademie schon lange die Wichtigkeit der Informatisierung (sprich: Ausstattung mit Informationstechnik und ihre Netzwerkkopplung mit anderen Systemen der Luftstreitkräfte, G. H.) zur Bewältigung vieler Tätigkeiten erkannt wurde und ungeachtet aller Schwierigkeiten aktiv in dieser Richtung gearbeitet wird." Zu schwach für eine Akademie!

..

Die abgebildete Grafik und die Vorstellungen über die "Informatisierung" ähneln stark den in Fachkreisen bekannten Plänen der Sowjetarmee und der Vereinten Streitkräfte der Warschauer Vertragsstaaten aus den 80er Jahren. Nun ist kaum anzunehmen, dass die Moninoer Militär-Informatiker die zurückliegenden 15 Jahre verschliefen, keine neuen Ideen und Konzepte entwickelten und mit ihren Gedanken auf der Stelle traten. Es dürfte wohl eher die Finanzlage der Armee gewesen sein, die diesen Informatik-Frust begründet und die Akademie heute zwingt, einen Sprung aus dem Stand (von 1985 – 1990) in das XXI. Jahrhundert zu vollführen. Aber auch für diesen Sprung gilt, dass die erforderlichen Rubel zunächst einmal erwirtschaftet, im Verteidigungshaushalt bereitgestellt und tatsächlich für Investitionen eingesetzt werden müssen! Schließlich: Über welche flüssigen Mittel für Informationstechnik an Lehreinrichtungen kann ein Staat verfügen, der seine Offiziere nur unregelmäßig besoldet?

So bleibt die zeitgemäße, moderne Informatisierung der Moninoer Akademie zunächst ein frommer Wunsch, der denn auch in einem zum 60. Jahrestag komponierten und getexteten Lied "Akademie – Stolz Russlands" in der letzten Liedzeile seinen Ausdruck findet:

"Gebe Dir (der Akademie G. H.) GOTT Gesundheit und Kraft"!


Damit schließen das Buch und der Exkurs in die 60-jährige Geschichte der Luftstreitkräfte-Akademie "Ju. A. Gagarin". Die 204 Seiten sind für alle diejenigen eine interessante und anregende Lektüre, die von der Moninoer Akademie bisher kaum etwas hörten. Dem Leser wird der berechtigte Eindruck vermittelt, dass die Moninoer Akademie zu den herausragenden wissenschaftlichen Einrichtungen Russlands zählt.

Absolventen der Moninoer Luftstreitkräfte-Akademie und andere eingeweihte Leser werden feststellen, dass sich die vierte Ausgabe in vielerlei Hinsicht von ihren Vorgängern unterscheidet. Lehrstühle und Lehrinhalte, Ideen zukünftiger Akademie­ausbildung und akademische Strukturen sind ausführlich beschrieben. Gegenüber den früheren Ausgaben ist das ohne Zweifel ein Gewinn. Dem steht gegenüber, dass einige Passagen den angepassten militärhistorischen Nachwende­darstellungen deutscher und russischer Autoren ähneln: Historisch Unliebsames, nicht Zeitgemäßes wird verzerrt oder verdrängt.

Ohne Zweifel befindet sich das Militärwesen immer wieder in der Zwickmühle zwischen Allgemeinem, Konkretem und Besonderem. Hier einen Mittelweg zwischen Militär­zensur und Leserinteresse zu finden ist schwierig. Lange Listen mit Namen von Kommandeuren, Chefs und Leitern, Professoren, Dozenten und Doktoren und andere Aufzählungen sind ermüdend, wenn lebensnahe Details fehlen. Titel und Auszeich­nungen sind dafür kein Ersatz. Da kommt Langeweile beim Lesen auf.

Trotzdem - die Autoren haben sich mit ihrer Mühe beim Zusammentragen und Niederschreiben von Daten und Fakten aus dem Moninoer Akademieleben Dank verdient.

Die Moninoer erbitten von GOTT Gesundheit und Kraft.

Ein Absolvent der Moninoer Akademie kann den von Oben ersehnten, geistlichen Beistand nicht gewähren. Trotzdem - oder gerade deshalb! - sei den früheren Lehrern und ihren Nachfahren bei der Umgestaltung der Akademie beste Gesundheit, unerschöpfliche Kraft und erfolgreiches Fortführen ihrer allseits anerkannten wissen­schaftlichen Arbeiten - gepaart mit irdischem Schöpfertum - gewünscht.





Unser Gastautor, Generalmajor a. D. Dr. Günter Hiemann, ist Absolvent der Militärakademie Monino des Jahres 1962. Nach seinem Studium war er viele Jahre als Stellvertreter des Chefs des Stabes der LSK/LV und in anderen Funktionen für Flugsicherheit, Gefechtsstände und Automatisierung verantwort­lich.   Zuletzt: Direktor des Amtes für Luftraumkoordinierung der DDR.  [JK]

Kontakt: hiemann.guben@web.de


-------------------------------

(*) Titel des Originals: Wojenno-wosduschnaja akademija imeni Ju. A. Gagarina: 60 let, Monino 2000, ISBN 5-7277-0264-X

(1) Wörtlich aus dem Russischen übernommen: "информатизация" (informatizacija).

(2) ZWPWM - zentr wojenno-patriotitscheskowo wospitanija molodjoschi (Zentrum militärpatriotischer Erziehung der Jugend).
DOSAAF - Freiwillige Gesellschaft zur Unterstützung der Armee, der Luftfahrt und der Flotte (1951 - 1991) (ДОСААФ - Добровольное общество содействия армии, авиации и флоту).
Rechtsnachfolger (in nicht ganz neuem Gewand) ist seit September 1991 ROSTO - Russische Organisation für Verteidigungssport und -technik (РОСТО - Российская оборонная спортивно-техническая организация).
Beide Organisationen - DOSAAF wie ROSTO - erbringen Leistungen, wie sie auch für die "Zentren militärpatriotischer Erziehung" vorgesehen sind. Sie streben dabei Massenwirkung an, während die "Zentren ..." offenbar einen kleineren, bereits vorausgewählten Kreis von Jugendlichen auf das spätere militärische (Hochschul-)Studium vorbereiten sollen.

(3) OSCHI PLP - obschtschij schkolnij internat s perwonatschalnoj ljetnoj podgotowki (Allgemeines Schulinternat mit fliegerischer Anfangsausbildung).








I n h a l t s ü b e r s i c h t :

 







Militärakademie der LSK "Ju. A. Gagarin" Monino

Lehrgebäude Korpus B



[Seitenanfang]        [Gäste-Home/Hiemann]   [DSS-Home]