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Karl H a r m s Gedanken zum 65. Jahrestag der Befreiung In der Nacht vom 8. zum 9. Mai 1945 wurde in Berlin-Karlshorst der Sieg über den Faschismus besiegelt. Die Kapitulation Hitlerdeutschlands war mehr als ein rein militärischer Sieg. Ein System wurde zerschlagen, das im Begriff gewesen war, die Weltherrschaft zu erobern. Die faschistischen Machthaber hatten die Welt bereits in Herren- und Sklavenvölker eingeteilt. Ihre Militärmaschine hatte ein Land nach dem anderen erobert, ihr "Endsieg" hätte das Ende der Zivilisation bedeutet. Die bedingungslose Kapitulation Hitlerdeutschlands am 8. Mai 1945 war deshalb eines der bedeutendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts. In der öffentlichen Wahrnehmung zeigt sich der Tag der Befreiung, der 8. Mai, als ein ganz gewöhnlicher Tag. Das welthistorische Ereignis ist in den Kalendarien unserer Zeit nicht erwähnenswert. Warum wohl?
Der Weg in den großen Krieg Der zweite Weltkrieg begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939. Das stimmt, doch dem historisch Unbedarften vermitteln die Massenmedien eine "umfassendere" Sicht. Zunächst war da noch der Hitler-Stalin-Pakt, dann erst der Überfall Deutschlands auf Polen und die Besetzung Ostpolens durch die Rote Armee. Wagen wir, in gebotener Kürze, einen Rückblick auf den tatsächlichen Weg in den großen Krieg.Am 3. Februar 1933, dem vierten Tag seiner Kanzlerschaft, hatte Hitler zu den Befehlshabern der Reichswehr gesprochen. Nach einer Mitschrift (1) von Oberst Hossbach sagte Hitler u. a.:
Am 23. März 1933 nahm der Reichstag gegen die Stimmen der SPD das so genannte Ermächtigungsgesetz an. Die Fraktion der KPD war bereits aus dem Reichstag vertrieben. Nun ergänzten sich Terror und Demagogie. Das Ziel: völlige Gleichschaltung der "Volksgemeinschaft". Deutschland wurde im Eiltempo aufgerüstet. Die Westmächte verhinderten weder die Aufrüstung, noch beschränkten sie die maßlosen Ansprüche Hitlerdeutschlands. Ihre Duldsamkeit erklärt sich aus der Hoffnung, der lautstark verkündete Antibolschewismus werde zum Krieg gegen die Sowjetunion führen. So erhielten die Nazis freie Hand für eine ganze Kette militärpolitischer Abenteuer, die am Ende in den größten aller Kriege mündeten. 1935: 1936: 25.11. Abschluss des so genannten Antikomminternpaktes zwischen Japan und Deutschland, der vor allem gegen die UdSSR gerichtet war. 17. bis 18.07. Beginn des spanischen Bürgerkrieges. Bereits Ende des Monats: deutsch-italienische Intervention zur Unterstützung Francos. Frankreich und Großbritannien sabotieren militärische Hilfe für die Republik unter dem Vorwand der Nichteinmischung. 1937: 1938: April Die Sowjetregierung erklärt ihre Bereitschaft, gemeinsam mit Frankreich die Sicherheit der Tschechoslowakei gewährleisten zu wollen. 29.07. bis 11.08. Kämpfe (UdSSR - Japan) am Chassan-See im Fernen Osten. 29. bis 30.09. Münchener Viermächtekonferenz Deutschland, Italien, England, Frankreich. Es geht um das Schicksal des mehrheitlich von Deutschen bewohnten Sudetengebiets der Tschechoslowakei (CSR). Hitler fordert die Abtretung dieses Gebietes von der CSR an Deutschland. Anderenfalls sehe er sich gezwungen, dieses Gebiet militärisch zu erobern. England und Frankreich stimmen Hitlers Forderung zu in der Annahme, damit einen Krieg in Europa verhindert zu haben. Mit der anschließenden Unterzeichnung einer deutsch-englischen Nichtangriffsdeklaration, am 30.09.1938 und der deutsch-französischen Nichtangriffsdeklaration, am 06.12.1938, halten sie Hitler den Rücken frei für weitere Expansionspläne. Die Sowjetunion, als eine der europäischen Großmächte, war von der Münchener Konferenz ausgeschlossen. Diese Tatsache und die Ergebnisse der Konferenz bestärkten die sowjetische Führung in der Annahme, dass ein Zusammengehen mit den westlichen Demokratien gegen Hitler kaum noch zu erwarten ist. Mehr noch, die sowjetische Führung argwöhnte, dass hinter den Kulissen möglicherweise feindselige Absprachen getroffen wurden. 01.10. bis 10.10. Deutschland besetzt das Sudetengebiet. 02.10. Polnische Truppen überschreiten die tschechoslowakische Grenze und besetzen das Gebiet Teschen. Polen macht sich zum Komplizen Hitlers bei der Teilung des Nachbarlandes. November Ungarische Truppen besetzten Teile der Slowakei und der Karpaten-Ukraine. 1939: 14.03. - Gestützt auf den katholischen Klerus, Bildung einer deutschlandfreundlichen Regierung in der Slowakei. Mit deutscher Zustimmung besetzt Ungarn die gesamte Karpaten-Ukraine. 15.03. Die Wehrmacht besetzt die gesamte "Rest"-Tschechoslowakei. Den Weg zu diesem beispiellosen Bruch des Völkerrechts ebnete die Beschwichtigungspolitik der Westmächte. 22.03. Ultimative Drohung mit Gewalt zwingt die litauische Regierung zur Abtretung des Memelgebietes an Deutschland. 23.03. Unterzeichnung einer deutsch-rumänischen Vereinbarung zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die Rumänien stärker an Deutschland bindet. 28.03. bis 01.04. Die Franco-Truppen besetzen ganz Spanien. 31.03. Garantie-Erklärung Englands für Polen. 03.04. Hitler bestätigt den Plan "Weiß" den Plan des Generalstabs des Heeres zum Überfall auf Polen. April Die sowjetische Aufklärung meldet, dass der deutsche Überfall auf Polen im Zeitraum Juli - August 1939 zu erwarten ist. 13.04. Frankreich übermittelt Polen Beistandsgarantien. Militärischer Inhalt der Garantien: Im Falle eines deutschen Überfalls beginnt Frankreich örtliche Angriffshandlungen am dritten Tag nach der Mobilmachung und eine allgemeine Offensive mit allen verfügbaren Kräften fünfzehn Tage nach der Mobilmachung. (Anmerkung des Verfassers: Die Mobilmachung beginnt in der Regel mehrere Tage vor Kriegsbeginn). 17.04. Vorschlag der Sowjetregierung an die Regierungen Englands und Frankreichs über den Abschluss eines Vertrages zur gegenseitigen Hilfe im Falle einer Aggression. 27.04. Deutschland kündigt den Nichtangriffsvertrag mit Polen und das Flottenabkommen mit England auf. 11.05. bis 31.08. Überfall japanischer Truppen auf die Mongolei. Sie werden durch die Rote Armee am Fluss Chalchin Gol geschlagen. Mai bis August Geheime deutsch-englische Verhandlungen über die Abgrenzung der Weltmärkte und Einflusssphären. 02.06. Erneuter Vorschlag der Sowjetregierung an England und Frankreich zum Abschluss einer Dreimächtevereinbarung über Hilfeleistung im Falle einer Aggression. 02.08. Ribbentrop wendet sich vertraulich an die Sowjetregierung mit dem Vorschlag, Verhandlungen zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehungen aufzunehmen. 12. bis 21.08. Verhandlungen der Militärmissionen der UdSSR, Englands und Frankreichs in Moskau. 17.08. Der deutsche Botschafter in Moskau überreicht eine Note seiner Regierung, in der die Bereitschaft zum Abschluss eines Nichtangriffsvertrages mit der UdSSR erklärt wird. 21.08. Die Verhandlungen der Militärmissionen scheitern an den fehlenden Vollmachten der englischen und französischen Delegationen. Allen Seiten ist klar, dass ein europäischer Krieg bald bevorsteht. 23.08. Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen Deutschland und der UdSSR. In einem geheimen Zusatzprotokoll werden die Interessenssphären Deutschlands und der UdSSR in Ostmitteleuropa grob festgelegt. Im konkreten Fall sahen die Interessen der Seiten so aus: Hitlers Ziel war es, dass die Sowjetunion bei seinem Überfall auf Polen neutral bleibt. Stalin wollte Zeit gewinnen, um einen zu erwartenden deutschen Überfall auf die Sowjetunion möglichst weit hinauszuschieben oder ganz zu vermeiden. Er war an der Lieferung dringend benötigter deutscher Technik u.a. auch modernster Waffenmuster - sehr interessiert. Allerdings wurden in der Folgezeit manche Handlungen, Kompromisse und Zugeständnisse der sowjetischen Führung prinzipienlos und unmoralisch.] 31.08. Polen ruft die allgemeine Mobilmachung aus. 01.09. Überfall Deutschlands auf Polen. 03.09. 11.00 Uhr England erklärt Deutschland den Krieg, sechs Stunden später Frankreich. In diesen Tagen besaß Frankereich an der deutschen Westgrenze eine mehrfache Überlegenheit an Kräften und Mitteln. Nach der vor Kriegsbeginn eingeleiteten Mobilmachung besaß Frankreich am 10.09.1939: 90 gefechtsbereite Divisionen (gegen 23 deutsche), ca. 1600 Geschütze (gegen 300 deutsche), etwa 2000 Panzer (die Wehrmacht hatte im Westen keine Panzer), ungefähr 1400 Flugzeuge (gegen wenige deutsche Staffeln).(2) Ein englisches Expeditionskorps war in Aufstellung begriffen, erreichte allerdings erst am 10. Oktober in vollem Bestand das Festland. Auf dem Nürnberger Prozess erklärte Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, die geringen deutschen Truppen im Westen hätten -. zu diesem Zeitpunkt - einen französischen Generalangriff nicht aufhalten können. Doch der Westen hatte Polen im Stich gelassen. Moskau sah seine Vermutung bestätigt, dass Deutschland über Polen auf die UdSSR gehetzt werden sollte. 17.09. Nach Ablauf des zugesicherten Zeitpunktes für den Beginn des französisch-englischen Angriffs gegen Deutschland überschreitet die Rote Armee die polnische Ostgrenze und besetzt polnisches Territorium bis etwa zur so genannten Curzon-Linie. (1921 vom englischen Außenminister Curzon, in einer Note, als Grenze zwischen Polen und Russland empfohlen). - ein Generalangriff der Westmächte nicht mehr stattfinden wird (15 Tage verstrichen); - die polnische Regierung nicht mehr Herr der Lage ist und sich nach Rumänien absetzt; - die Reste der heldenhaft kämpfenden polnischen Armee ihrem Untergang entgegen gehen. Bis zum 05.10. verteidigten sich zersplitterte Gruppen der polnischen Armee gegen die deutsch-faschistischen Eindringlinge. Größere Zusammenstöße zwischen polnischen und sowjetischen Einheiten gab es nicht, zumal der polnische Oberbefehlshaber Edward Rydz-Smygly seinen Streitkräften militärische Handlungen gegen die Rote Armee untersagt hatte. Wichtig: Das Vorrücken sowjetischer Truppen auf polnisches Territorium bedeutete für die Bevölkerung dieser Gebiete ihre Rettung vor der faschistischen Knechtschaft und vor den Gaskammern künftiger Konzentrationslager. Die Rote Armee wurde von großen Teilen der belorussischen, ukrainischen und jüdischen Bevölkerung jubelnd begrüßt. Die später einsetzende "Sowjetisierung" diskreditierte jedoch die Sache des Sozialismus. Die stalinschen "Säuberungen" richteten sich gegen "politisch unzuverlässige Elemente" und trugen einen extrem antipolnischen Charakter. (Zum Beispiel Erschießung von etwa 15000 polnischen Offizieren sowie mehreren tausend anderer Staatsbediensteter, Deportation und Zwangsansiedlung von ca. 385000 polnischen Bürgern überwiegend in Nordkasachstan; etwa 50000 weitere Polen werden willkürlich verhaftet, in Gefängnisse oder Lager eingewiesen.) Nach der Zerschlagung Frankreichs und der Benelux-Staaten durch die deutsche Wehrmacht folgten Norwegen, Jugoslawien, Griechenland. Das Hakenkreuz regierte nun über fast ganz Europa. Politische, wirtschaftliche und militärische Abkommen vereinten Rumänien, Ungarn, Bulgarien, die Slowakei und Finnland zu einem faschistischen Block an der Seite der Achsenmächte (Deutschland, Italien, Japan). Vom Sommer 1940 an konzentrierten die Nazis alle Anstrengungen auf ein Ziel: Eroberung der Sowjetunion. Deutschlands Rüstung nutzte die Ressourcen nahezu des gesamten Kontinents. Die Industrie und Landwirtschaft von sechzehn verbündeten und unterjochten Staaten wurde erbarmungslos ausgepresst. Zusammen mit der Bevölkerung Deutschlands lebten in ihnen dreihundert Millionen Menschen, davon achtundzwanzig Millionen Industriearbeiter. Parallel zu den Eroberungen Hitlerdeutschlands erweiterte die Sowjetunion ihr Territorium
Rückblickend müssen wir feststellen, dass die Mittel und Methoden der Einverleibung dieser Territorien in den Bestand der Sowjetunion dem Wesen einer sozialistischen Politik in krasser Weise widersprochen haben.
Der Überfall auf die Sowjetunion Der "Fall Barbarossa" (Angriffsplan gegen die Sowjetunion) ist ein Jahr lang vorbereitet worden. Ende Januar 1941 gehen die ersten Aufmarschanweisungen an die Truppe. Schrittweise und verdeckt beziehen hundertdreiundfünfzig deutsche Divisionen und siebenunddreißig rumänische, finnische sowie ungarische Divisionen ihre Ausgangsräume zum Angriff. Das sind insgesamt etwa vier Millionen Mann. Diese Truppenkonzentration an den Grenzen bleibt natürlich nicht unerkannt. Doch die Sorgen der sowjetischen Militär- und Staatsführung werden durch einen persönlichen Brief Hitlers an Stalin beschwichtigt. Der Kern seiner Beschwichtigungen: Es handelt sich bei diesen Truppen um Kräfte für die bevorstehende Landung auf den britischen Inseln. Sie befinden sich dort außerhalb der Reichweite britischer Aufklärer und Bomber. Der Nichtangriffsvertrag bleibe Deutschland unangetastet. Provokative Handlungen einiger deutscher Generäle seien nicht ganz auszuschließen. In diesem Fall bittet Hitler ihn sofort in Kenntnis zu setzen. Stalin tut weiterhin alles, um einen Krieg hinauszuzögern, weil die sowjetischen Streitkräfte die erforderliche Kampfkraft voraussichtlich erst 1942 erreichen würden. Widersprüchliche Aufklärungsermeldungen (z.B. Pläne Englands und Frankreichs gegebenenfalls die Erdölfelder von Baku mit ihren Fliegerkräften anzugreifen, die japanische Bedrohung im Fernen Osten) schaffen Unsicherheit. Stalin und sein Außenminister Wjatscheslaw Molotow rechnen damit, dass sich vor Kriegsbeginn das Verhältnis Deutschlands zur UdSSR verschlechtern müsste (gegenseitige Vorwürfe, unerfüllbare Forderungen, Handelsbeschränkungen u.a. m.) Das Gegenteil ist der Fall. Deutschland war der UdSSR in mehreren wichtigen Fragen entgegengekommen. Zum Beispiel: Litauen wurde zusätzlich der sowjetischen Einflusssphäre zugeschlagen. In der Bessarabienfrage bekundete Deutschland gegenüber der Sowjetunion ihr völliges Desinteresse, übte diplomatischen Druck auf Rumänien aus und schaffte so die Voraussetzungen für den konfliktlosen Einmarsch sowjetischer Truppen in dieses Gebiet. Sowjetische Spezialisten besichtigten im Verlauf wochenlanger Dienstreisen deutsche Produktionsstätten und Flugzeugerprobungsstellen. Im Ergebnis bestellte die SU eine Reihe von Mustern modernster deutscher Kampfflugzeuge und der dazu gehörigen Begleittechnik. Alles wurde geliefert. Stalins Sicherheitschef (NKWD) Lawrentij Berija und der Chef der Militäraufklärung Filipp Golikow kommentierten die ihnen vorliegenden Aufklärungsergebnisse so, wie es Stalin gern sehen würde ein baldiger Angriff der Wehrmacht sei nicht zu erwarten. Sie tun das ganz sicher aus Furcht vor eventuellen persönlichen Folgen. Zu all dem kommt die Annahme hinzu, dass Hitler, ausgehend von den Erfahrungen des ersten Weltkrieges, einen Zweifrontenkrieg kaum wagen wird. 22. Juni 1941, drei Uhr dreißig. Von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer brechen die faschistischen Truppen in die Sowjetunion ein. Eine informelle Kriegserklärung folgt zwei Stunden später durch den deutschen Botschafter Schulenburg an den sowjetischen Außenminister Molotow. Der Angriff überrascht die Rote Armee und das Land völlig. In Fehleinschätzung der Lage hat Stalin die notwendigen Abwehrmaßnahmen nicht rechzeitig genehmigt. Die im Grenzgebiet stationierten Truppen sind weder entfaltet noch rechzeitig alarmiert. Tausende Soldaten sind vor kurzem erst neu einberufen oder wegen der im Gange befindlichen Umrüstung ohne notwendige Ausbildung. Sie wehren sich aufopferungsvoll. Ihr Widerstand ist jedoch bald gebrochen. Der plötzliche Überfall verschafft der deutschen Armee eine geradezu erdrückende Überlegenheit. Sie sind in den Haupstoßrichtungen ohnehin zwei bis viermal stärker als die ihnen gegenüber stehenden Verbände der Roten Armee. Die deutsche Luftwaffe vergrößert das Missverhältnis. Bereits am ersten Tage zerschlägt sie die Masse der sowjetischen Luftstreitkräfte in den grenznahen Militärbezirken am Boden und erobert die Luftherrschaft. Danach richtet sich die Wucht der Luftangriffe gegen Truppenansammlungen, Verkehrsknotenpunkte; Nachrichtenverbindungen und Kommandozentralen. Sowjetische Führungsstellen, bis hin zum Generalstab, verlieren den Überblick. Führungsfehler sind die Folge. Vier Panzergruppen steigern die Wucht der deutschen Stoßkeile. Die Rote Armee muss hunderte Kilometer zurückweichen, ist an Menschen und Material schwer getroffen.
Der stürmische Vormarsch deutscher Truppen auf sowjetisches Territorium traf die Sowjetmenschen mitten ins Herz. Von der militärtechnischen und moralischen Stärke der Roten Armee tief überzeugt, glaubten sie, dass der Aggressor in kürzester Zeit zurückgeschlagen werde. Die Realität sah anders aus, lies Schlimmes befürchten. Ein weiterer psychologischer Aspekt, der die Menschen zu Beginn des Krieges wesentlich beeinflusste, fand in deutschsprachigen Veröffentlichungen bisher wenig Beachtung. Lassen wir dazu einen Zeitzeugen, der den Beginn des Krieges - als Fünfzehnjähriger - sehr bewusst erlebt hatten, zu Wort kommen. Valentin Falin, Botschafter in der BRD, sowjetischer Deutschlandexperte: "Was für die sowjetische Seite wirklich überraschend war, resultierte aus der Naziphilosophie vom "Krieg ohne Regeln". Niemand hatte sich Form und Ausmaß einer Barbarei ernsthaft vorstellen können, die alle bis dahin bekannten Verbrechen in den Schatten stellte. Unsere Vorstellungen hingegen waren vom Klassendenken bestimmt. Die deutschen Soldaten waren für uns Arbeiter und Bauern in Uniform. Sie waren Brüder. Sie konnten uns doch nicht töten wollen. Dieser Denkweise blieben wir lange verhaftet. Ein Krieg, in dem sich das Grauen nicht an der Front, sondern im Hinterland abspielte, war für uns neu. Ein Krieg, in dem bewaffnete Eroberer auf Kinder treffen, die sich am Mutterrock anklammern, stellte sich kaum jemand vor. Lange noch herrschte bei uns der Glaube, dies sei ein Angriff Hitlers und nicht Deutschlands, wir führten den Kampf gegen den Nazismus und nicht gegen das deutsche Volk. Erst später sollte es dann heißen: Ihr habt einen Vernichtungskrieg gewollt, ihr sollt ihn haben. Gott sei Dank kam es jedoch nicht zu einer spiegelgleichen Wiederholung jener Nazimethoden, die auf eine völlige Vernichtung hinausliefen. Das Prinzip "Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk und der deutsche Staat bleiben" setzte sich durch."(3) Deutsche Kriegsführung im Osten. Hitlers erklärte Ziele waren die Eroberung von Lebensraum und die "Zerschlagung des Bolschewismus". Die führenden Militärs Deutschlands verliehen seinen Plänen militärische Gestalt. Charakteristisch für ihr Denken und Handeln war ihre Bereitschaft, sich über völkerrechtliche oder humanitäre Normen brutal hinwegzusetzen. In der vom OKW 1938 ausgearbeiteten Denkschrift "Kriegsführung als Problem der Organisation" wurde die künftige Kriegsführung der These untergeordnet, Not kenne kein Gebot. Dem allgemeinen Ziel faschistischer Kriegsführung, ganze Völker zu versklaven und auszurotten, entsprach die hemmungslose und terroristische Kriegsführung.Wie man dabei vorgehen wollte und dann auch vorgegangen ist, lässt sich am Beispiel einiger Originaldokumente zeigen. Aufzeichnung einer Rede Hitlers vor der faschistischen Generalität durch den Chef des Generalstabes des Heeres vom 30. März 1941 (Auszüge)(4)
Aktennotiz über eine Besprechung der Staatsekretäre am 2. Mai 1941 in Anwesenheit von Reichsmarschall Göring. (Auszug)(5)
Befehl des OB der 6. Armee, Walther von Reichenau, über das Verhalten der Truppe im Ostraum vom 10. Oktober 1941 (Auszug)(6)
Zur Befriedung des okkupierten Territoriums und systematischen Vernichtung von Menschen wurden Polizeiregimenter und SS-Einheiten eingesetzt. Mit deutscher Gründlichkeit erstatten sie Meldungen über ihre "Tätigkeit". Ein Beispiel von vielen: Ereignismeldung Nr. 43 vom 5. August 1941. Meldung der Einsatzgruppen und Kommandos: (Auszug)(7)
Bei ihrem Rückzug wandte die Wehrmacht die Taktik der verbrannten Erde an. Dazu gehörte auch die Vertreibung der Bevölkerung, eine Tatsache die in ihrer Tragik und ihren Dimensionen in Deutschland kaum bekannt ist. Von Generalfeldmarschall Erich von Manstein gezeichneter und vom Oberkommando der 8. Armee weitergegebener Befehl vom 11. September 1943(8)
Wer trug die Hauptlast des Krieges? Achtung und Annerkennung gebührt allen am Krieg gegen Nazideutschland beteiligten Staaten, Armeen und Widerstandsbewegungen. Auch der bescheidenste Beitrag für den Sieg der Antihitlerkoalition zählt. Er darf nicht vergessen werden, muss seine angemessene Würdigung erfahren. Andererseits müssen das Maß der Opfer, die Größe der militärischen Erfolge, die Abfolge der Kriegsereignisse objektiv wiedergegeben werden. Sie dürfen auf gar keinen Fall einfach verdreht, verflacht oder entstellt werden. Es ist festzustellen, welche entscheidenden Faktoren zur Niederlage des Aggressors geführt haben und welchen Beitrag wann die verschiedenen Armeen zur Zerschlagung der deutschen Wehrmacht geleistet haben. Sehen wir uns dazu einige Tatsachen an. Die meisten massenwirksamen Darstellungen über den zweiten Weltkrieg, d. h. vor allem Kino- und Fernsehfilme, zeigen Kampfhandlungen in Nordafrika, in Italien, besonders aber die Landung englischer und amerikanischer Truppen in der Normandie (am 6. Juni 1944) sowie ihren weiteren Vormarsch bis zur Elbe. So entsteht der Eindruck, dass dort die entscheidenden Schlachten dieses Krieges geschlagen wurden und mit der Landung in der Normandie die Befreiung Europas ihren Anfang genommen habe. Über die Kampfhandlungen im Osten bleibt beí dem unbedarften Zuschauer bestenfalls die Stalingrader Schlacht in Erinnerung. Der zweite Weltkrieg dauerte in Europa bekanntlich vom 1.September 1939 bis zum 8. Mai 1945. Betrachtet man die Dauer der bedeutendsten Feldzüge dieses Kriegs, so ergibt sich folgendes Bild: Die Eroberung Polens durch die deutsche Wehrmacht dauerte etwa einen Monat. Die Eroberung Frankreichs einen Monat und zwölf Tage. Die Teilnahme deutscher Truppen an den Kämpfen in Nordafrika etwa zwei Jahre (März 1941 bis Mai 1943). Die Kämpfe in Italien nach der Landung englisch- amerikanischer Truppen auf Sizilien am 9.Juli 1943 fast zwei Jahre. Die Befreiung Westeuropas nach der Landung alliierter Truppen in der Normandie am 6. Juni 1944 -. zehn Monate. Die Kampfhandlungen an der deutsch-sowjetischen Front knapp vier Jahre, exakt drei Jahre, zehn Monate und 17 Tage. Der als Blitzkrieg gegen die Sowjetunion geplante Feldzug übertraf also die Dauer der Kampfhandlungen auf allen anderen Kriegsschauplätzen um ein Mehrfaches. Hinzu kam: Von allen Fronten des zweiten Weltkrieges war die deutsch-sowjetische Front ihren räumlichen Ausmaßen nach die größte Landfront. Zum Zeitpunkt der Stalingrader Schlacht (November 1942 bis Februar 1943) erstreckte sie sich vom Kaukasus bis zur Barentssee, über eine Gesamtlänge von über 6000 km. Nach den verlorenen Grenzschlachten des Sommers 1941 wich die Rote Armee kämpfend bis etwa auf die Linie Leningrad, Moskau, Rostow am Don; später bis Stalingrad und zum Nordkaukasus, zurück. Der Rückzug von der ursprünglichen Staatsgrenze der UdSSR vollzog sich somit bis in eine Tiefe von 700 bis 1800 km in das Innere des Landes. Doch mit der Zeit verblutete die Wehrmacht in den Weiten des Raumes gegen einen Feind, der trotz schwerer Verluste zurückschlug. Ab Januar 1943 begann schließlich der unaufhaltsame Vormarsch der Roten Armee bis nach Südost- und Mitteleuropa. Nach einer Vielzahl erfolgreicher Angriffsoperationen erreichte die Rote Armee in der zweiten Jahreshälfte 1944 deutsches Territorium und beendete den Krieg in Europa im Frühjahr 1945 an der Elbe. Fazit: Eine Feuer speiende, aus Hunderten von Einzelgefechten bestehende Kampffront wälzte sich im Verlaufe von etwa vier Jahren über eine Gesamtlänge von etwa 2500 bis 6000 km (Rückzug und Vormarsch). Das ist einmalig in der Geschichte der Kriege! Das Ausmaß der Kampfhandlungen auf den unterschiedlichsten Kriegsschauplätzen wird nicht nur nach ihrer Dauer und räumlichen Dimensionen beurteilt, sondern auch nach ihrem spezifischen Gewicht innerhalb des gesamten Kriegsgeschehens. Die wichtigsten Kriterien dafür sind a) die an der jeweiligen Front gebundene Menge der Truppen des Aggressors und b) die ihm im Kampf zugefügten Verluste. Die folgenden Zahlen verdeutlichen die gravierenden Unterschiede damaliger Kriegsschauplätze anhand einiger Beispiele. Kampfbestand der deutschen Heeresverbände.(10) (in tausend Mann)
Verteilung der deutschen Divisionen(11) Anfang Januar 1945
Die Verluste des deutschen Feldheeres Bericht des Heeresamtes des OK vom 26. April 1945(12)
/Additionsfehler übernommen/ Die angeführten Zahlen beweisen: Den Hauptanteil an der Zerschlagung des Hitlerfaschismus leistete die Streitmacht der Sowjetunion. Die Hissung ihrer Flagge auf dem Berliner Reichstag war die symbolische Bestätigung dieser Tatsache. Es bleibt nun die Frage offen, wer und warum ein Interesse an der Verschleierung dieser historischen Tatsache hat. Für Deutschland gelten aus meiner Sicht zwei Gründe, die den Ausgangspunkt für diese Geisteshaltung liefern. Zunächst wäre da die latent vorhandene und durch Hitler geschickt geschürte Verachtung des deutschen Spießers gegenüber dem russischen "Iwan". Dass ausgerechnet dieser Iwan dem Ansturm widerstand, sich - fast schon geschlagen - wieder aufrichtete und schließlich Deutschland zu Boden warf, ja Berlin eroberte, wurde von vielen Deutschen als Schmach empfunden. Dieses Gefühl der Schmach wurde auch nach dem Krieg in unterschiedlichster Form von Generation zu Generation weitergegeben und geschürt. Ein anderer Grund, der mit dem ersten verflochten sein kann, ist der notorische Antikommunismus. Dass westliche Demokratien einen Sieg über Deutschland errungen haben, sei zwar bedauerlich, wird aber von den Kommunistenhassern als ein ritterlicher Sieg empfunden und dargestellt, die siegreiche Armee eines "kommunistischen" Staates dagegen als barbarisch. Sie tun alles, um deren Anteil am Sieg klein zu reden und zu diffamieren. Beispiele dafür gibt es zur Genüge, in Westdeutschaland der Nachkriegszeit, nun aber auch in Deutschland einig Vaterland. Der Teufel steckt im Detail Unredlichkeit oder Unwissenheit bei der Schilderung einzelner historischer Ereignisse können oft verheerende Folgen haben. Manche beiläufige Bemerkung wird nicht selten zum Politikum ersten Ranges. Einige Beispiele: 1. Dokumentaraufnahmen von der Stalingrader Schlacht. Deutsche Kriegsgefangene, in einem elenden Zustand, ziehen in endloser Kolonne über die verschneite Steppe. Der Sprecher im Hintergrund: "Von über 91.000 überlebten die Gefangenschaft nur etwa 6.000." Die völlig verständliche Reaktion der Zuschauer: "Die armen Schweine Der Russe herzlos, gemein." Der Autor des Filmszenariums hat bewusst oder unbewusst folgende Tatsachen nicht bedacht und nicht erwähnt: Etwa 10% der deutschen Soldaten befanden sich bereits bei Gefangennahme in einem hoffnungslosen Zustand, ca. 60% hatten Erfrierungen zweiten oder dritten Grades, 70% litten an Hungerödemen und Dystrophie. Fast alle Gefangen waren total verlaust. Das waren die Folgen des langen Dahinsiechens im Kessel der 6. Armee.(13) In den provisorischen, primitiven Gefangenenlagern brachen bald Fleckfieber, Ruhr und Diphtherie aus. Die spärliche ärztliche Hilfe kam oft zu spät. Im Raum Stalingrad (umkämpft seit Herbst 1942) gab es keine nennenswerten Lebensmittelvorräte. Das Wenige brauchte die Front. Auch die russische Zivilbevölkerung hungerte. Es war einfach nichts da, was verteilt werden konnte. Die Kornkammern des Landes waren in deutscher Hand. 2. Im Krieg kämpften deutsche U-Boote in Rudeln gegen englisch-amerikanische Schiffkonvois und jegliche Frachtschiffahrt in feindlichen Gewässern. Sie versenkten Hunderte von Schiffen und damit Tausende von Bruttoregistertonnen. Die U-Boot-Waffe der sowjetischen Baltischen Flotte kam erst Ende des Krieges zum Zuge. Ihr größter Erfolg die Versenkung der "Gustloff". An Bord befanden sich, neben Wehrmachtsangehörigen, Hunderte Flüchtlinge, vorwiegend Frauen und Kinder. Die meisten fanden den Tod. Ein tieftrauriges Ereignis. Nun sieht ein Millionenpublikum zwei perfekt gemachte deutsche Spielfilme: den Film über die Gustloff und den Film "Das Boot". Was bleibt im Unterbewusstsein? Die Sowjets haben Hunderte Unschuldiger in den Tod geschickt. Den tapferen deutschen U-Bootfahrern ging es allein um versenkte Bruttoregistertonnen. Todesmutig, unter größten Entbehrungen haben sie diese ihre Aufgabe erfüllt. 3. Im Spätherbst 1941 stehen die deutschen Truppen vor Moskau. Im Oktober gelingt ein Durchbruch, der es ihnen erlaubt, mit einer Panzer-Vorausabteilung bis an den Moskauer Stadtrand zu rollen. Eilig zusammengekratzte Einheiten des Moskauer Militärbezirks (Offiziersschulen, Volkswehrbataillone, Flakeinheiten, Jagdflieger der Luftverteidigung) können die Lage nur notdürftig bereinigen. Alle Regierungsstellen und der Großteil der Rüstungsbetriebe sind aus Moskau bereits evakuiert, kriegswichtige Objekte zur Sprengung vorbereitet. Die Wahrscheinlichkeit, dass Moskau gehalten werden kann, ist gering. Die Menschen im Lande sind auf das Schlimmste gefasst. Unerwartet für alle findet in dieser Situation am 7. November 1941, wie immer an diesem Tag, eine Parade der Roten Armee statt. Stalin hält eine bewegende Rede, die ruhige Entschlossenheit und absolute Siegesgewissheit ausstrahlt. Die vorbeimarschierenden Truppen ziehen von der Parade sofort in die nahe liegenden Frontstellungen. Dieses Ereignis war der psychologische Wendepunkt des Krieges! Die alte Weisheit, dass die Moral der Truppe und des Landes über den Ausgang des Krieges entscheidet, hat sich damit tausendfach bestätigt. Merkwürdig ist nur, dass alle westlichen Historiker und Filmemacher dieses Ereignis als eine Bagatelle abtun, ja sich darüber lustig machen. Ihnen erscheint es wichtig darüber zu palavern, dass die Rede Stalins aus technischen Gründen in einem Filmstudio wiederholt werden musste. Fazit: Ein kriegshistorisch bedeutendes Ereignis wird dem Fernsehkonsumenten vorenthalten. 4. Gemessen an der Masse des deutschen Volkes war der Widerstand gegen Hitler zu gering, zu schwach, um dem Krieg ein Ende zu setzen oder ihn gar zu verhindern. Dennoch haben die Männer und Frauen des Widerstandes die Ehre des deutschen Volkes in bescheidendem Maße gerettet. Die offizielle Beschreibung des Widerstandes gegen Hitler reduziert sich i. d. R. auf Oberst Stauffenberg, die Männer des 20. Juli 1944 und die Geschwister Scholl. Manchmal wird auch Bonhoeffer erwähnt. Warum nur sie? Laut verbürgter Aktenlage war der politisch motivierte Widerstand der Deutschen zu 75% kommunistisch, zu 10% sozialdemokratisch und zu 3% christlich-bürgerlich. Könnte das der Grund sein? Nicht erwähnt werden die deutschen Spanienkämpfer, die als erste den bewaffneten Kampf gegen den Faschismus aufgenommen und Hunderte ihrer Toten zu beklagen hatten. Der Widerstand in den Konzentrationslagern ist in der Berichterstattung vollkommen unterbelichtet. Dafür wird das Thema der "roten Kapos" hochgespielt und verfälscht. Die Tätigkeit der Widerstandsgruppe "Rote Kapelle" wird auf ihre Aufklärungstätigkeit zu Gunsten der Sowjetunion eingeengt. Eine überwiegend negative Beurteilung erfährt das in der Sowjetunion aus deutschen Kriegsgefangenen gegründete National-Komitee Freies Deutschland. Kaum erwähnt und noch weniger gewürdigt werden die wenigen Deutschen, die in der französischen Resistance, in italienischen, griechischen, russischen und jugoslawischen Partisanenabteilungen kämpften. oder als Angehörige der Armeen der Antihitlerkoalition deutschen Boden betraten. 5. 2009 besuchten der amerikanische Präsident, Barak Obama, und die deutsche Bundeskanzlerin, Angela Merkel, das Konzentrationslager Buchenwald. Mit dieser Geste der Ehrung erinnerten sie an die Opfer der Nazis. Erwähnt wurde in den Reden der millionenfache Mord an den Juden. Aber gerade in Buchenwald hätte man all die anderen Ermordeten nicht vergessen dürfen. Zum Beispiel: deutsche Antifaschisten, polnische Intellektuelle, die zu Hunderten allein in Buchenwald durch Genickschuss getöteten sowjetischen Offiziere, Ernst Thälmann, Rudolf Breitscheid. 6. Zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz gab es umfangreiche Kommentare in Presse, Funk und Fernsehen. Ein Detail blieb in der Regel unerwähnt, wer denn das Lager befreit hatte? Es war die Rote Armee! Das muss die heranwachsende Generation nach Meinung der Meinungsmacher - nicht unbedingt wissen. In der westlichen Historiographie und in den Massenmedien macht sich seit Jahren eine Tendenz der Reinwaschung des Faschismus bemerkbar. Sein sozial-politisches Wesen wird ausgeklammert, seine Verbrechen werden vordergründig auf den Antisemitismus reduziert und sein Antikommunismus wird nur am Rande erwähnt. Der in Deutschland vorwiegend und vordergründig verwendete Begriff Nationalsozialismus diskreditiert unterschwellig den wahren Sozialismus. Der Grund dafür liegt auf der Hand: unangenehme Analogien zur heutigen Politik sollen vermieden werden. Außerdem: Der zweite Weltkrieg wird als Folge internationaler Widersprüche und politischer Ambitionen der Politiker dargestellt. Sein eigentlicher Schwerpunkt Kampf gegen den Faschismus kann damit unerwähnt bleiben. "Tag der Befreiung Europas vom Faschismus" als internationaler Gedenktag? Auch das könnte eventuell zum Kern der Dinge führen. Also spricht man lieber vom Ende des Krieges. Soldaten in Feindesland Szene aus dem Fernsehfilm "Das Bernsteinamulett". Eine deutsche Familie steht, gut gekleidet, auf dem Balkon ihres Schlosses. Die Hausherrin hält ein Tablett mit gefüllten Sektgläsern in den Händen. Sie wollen die Soldaten der Roten Armee begrüßen. Nun erscheint ein Haufen "roter Soldaten". Schon ihr Anblick verrät ihr Niveau. Sie stürmen ins Schloss, schlagen auf Kunstgegenstände ein, sind frech, ungehobelt, abstoßend in ihrem Benehmen, verlangen nach Wodka, nehmen dem anständigen Hausherrn die Uhr ab. Gab es solche Fälle in der Realität? Ja, solche und ähnliche Beispiele hat es leider gegeben. Die auf deutschem Boden kämpfende sowjetische Millionenarmee bestand nach vier Jahren Krieg, nach unbeschreiblichen körperlichen Strapazen, den allgegenwärtigem blutigen Verlusten, dem durch die Umstände geschürten Hass auf die "verfluchten Deutschen" nicht nur aus Musterknaben. Dennoch sind derartige Verhaltensweisen nicht hinnehmbar. Übergeordnet ist hier die Frage, wie die politisch und militärisch Verantwortlichen mit solchen Escheinungen umgegangen sind. Wie Hitler und die deutsche militärische Führung mit diesem Problem umgingen, haben wir anhand einiger Dokumente bereits gezeigt. Wie die sowjetische Seite damit umging ist der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt. Deshalb die folgenden Fakten. 1942 charakterisierte Stalin die deutsche Frage so: "Es wäre lächerlich, die Hitlerclique mit dem deutschen Volk, mit dem deutschen Staat gleichzusetzen. Die Erfahrungen der Geschichte besagen, dass die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk und der deutsche Staat bleibt." Diese Worte wurden zur Richtschnur für alle politischen, militärischen und administrativen Instanzen während des Krieges und für die sowjetische Besatzungsmacht nach dem Krieg. Als sich mit dem Einmarsch auf deutsches Gebiet die Meldungen über untragbare Übergriffe sowjetischer Soldaten häuften, unterschrieb Stalin am 20. April 1945 die Direktive Nr. 11072, in der gefordert wurde, das Verhältnis zu den Kriegsgefangenen und zur Zivilbevölkerung grundsätzlich zu verändern. In entsprechenden Befehlen der Frontbefehlshaber wurden die Kommandeure aller Ebenen angewiesen Ordnung zu schaffen, auch unter Anwendung drakonischer Maßnahmen. Sichtbare, durchschlagende Erfolge sind allerdings erst nach Beendigung der Kämpfe, dem Abzug der kämpfenden Truppen sowie mit Beginn der Arbeit der Kommandanturen erreicht worden. In diesem Zusammenhang erscheint es nützlich, an einen Artikel zu erinnern, der am 19. November 1948 im "Neuen Deutschland" unter dem Titel "Über die Russen und über uns" erschienen war. Sein Autor Rudolf Herrnstadt, damals Chefredakteur dieser Zeitung. Auszug: "Mitunter trifft man Genossen, die reden so: `Ja wenn die Russen im Jahre 1945 anders aufgetreten wären. Damals hätten sie die ganze Bevölkerung für sich haben können. Aber z.B. die Sache mit meinem Schwager. Der stand friedlich am Straßenrand, bekommt eines über den Schädel, das Fahrrad wird ihm weggenommen dabei hat er sein Lebtag für die Kommunistische Partei gestimmt. Untersuchen wir dieses Beispiel, den es enthält ein ganzes Bündel wichtiger Fragen und führt uns auf den Weg zur Lösung. Also der Schwager stand am Straßenrand. Und obwohl er sich für einen fortschrittlichen Menschen hielt, hat ihm die Sowjetarmee das nicht angesehen. Aber woran sollte ihm die Sowjetarmee das ansehen? Am Schlips? Und selbst wenn sie es ihm angesehen hätte, was bedeutet es, was einer denkt, - wenn er nicht tut, was er denkt? Denn darum handelt es sich: Durch Taten und nur durch sie enthüllt sich ein Volk, enthüllt sich der einzelne, bestimmen sich die Fronten, ermöglicht sich das Weitere. Stellen wir nun den Einzelfall in den historischen Zusammenhang. Was ging damals vor sich? Das imperialistische Hitlerregime ging unter. Jahrelang hat es einen mörderischen Klassenkampf gegen das werktätige deutsche Volk geführt, es arm gemacht und dezimiert -, ohne dass das Volk den Krieg erwidert hätte. Nun ging das Hitlerregime unter, weil die Sowjetarmee kam, auf die es sich im gleichen Klassenkampf geworfen hatte. Und die Sowjetarmee kam als Siegerin, weil die sowjetische Arbeiterschaft zum Unterschied von der deutschen den Kampf aufgenommen hatte. Zwei Monate lang lag das Hitlerregime in der Agonie, von der überwältigenden Mehrheit der Deutschen inzwischen als Feind erkannt und verflucht. Was tat das deutsche Volk in dieser Lage? Was tat die deutsche Arbeiterklasse? Kürzte sie wenigstens jetzt durch ihr Eingreifen den Krieg ab? Sie kämpfte nicht. Sie kämpfte selbst in Berlin nicht, obwohl der überlegene Bundesgenosse schon in der Stadt stand. Sie überließ ihm in ihrer eigensten Sache das ganze Maß des Kampfes mit dem ganzen Maß der Opfer. Ungeschoren, ja unbehelligt konnte das Hitlerregime fliehen, noch die Koffer wurden ihm in den Wagen gereicht. Wie musste die Sowjetarmee dieses Verhalten der deutschen Bevölkerung einschätzen? Sie musste es so einschätzen, wie es objektiv war: es gab von heroischen Einzelfällen abgesehen nur zwei Arten von Deutschen, die Faschisten, welche sprengten, hängten, aus jedem Fenster schossen, und die anderen, die den Kampf der Faschisten deckten, indem sie `friedlich am Straßenrand standen.` Eine aktiv handelnde Arbeiterklasse gab es nicht... So wurde ihr Gesichtskreis eng, ihre Vorstellungen wurden schief und unaufrichtig. Kehren wir zurück zum Schwager am Straßenrand, der diesen Prozess verdeutlicht. Wie sah die Welt in seinem Kopf aus und wie war sie wirklich? Sich selbst hielt er für einen fortschrittlichen Menschen, obwohl er keiner war. Die Vorgänge, die er sah hielt er für eine Niederlage. Obwohl es sich in Wahrheit um einen welthistorischen Sieg der Arbeiterklasse handelte auch der deutschen, wenn sie nur verstand, ihn zu nutzen. Und die Armee, die da kam? Sie war ihm unheimlich, denn der Instinkt sagte ihm, dass sie mit ihm nicht befreundet sein können, weil er nicht gekämpft hatte. Sah er woher sie kam? ΄Aus Frankfurt an der Oder` hätte er vermutlich geantwortet. Nein, sie kam von dort her, woher er nicht kam, nämlich aus dem Klassenkampf in seiner erbittertsten, wildesten Form, aus dem Freiheitskampf eines überfallenden Volkes, gegen das vier Jahre lang Krieg auf Leben und Tod geführt worden war. Sie kam daher nicht in den abgetragenen, aber sauberen Schuhen, die er selbst an hatte, auch nicht in den geputzten Schühchen aus der kürzlich verlassenen Friedenskaserne in Boston oder Manchester, in den später einige andere kamen. Sie kam in klobigen Stiefeln, an denen der Dreck der Historie klebte, entschlossen, entzündet, gewarnt, geweitet, in weiten teilen auch verroht jawohl, in Teilen auch verroht, denn der Krieg verroht die Menschen, wer hat ein Recht sich darüber zu erregen?... Nun hatte er den totalen Krieg? Eben den hatte er nicht. Auf der verbrannten Erde steht man nicht am Straßenrand. Hatte er das für möglich gehalten? Keineswegs. Wie oft hatte er im Chor mit dem ganzen deutschen Volk geflüstert: `Wenn das mal zurückschlägt. Sagte er sich jetzt: wie groß muss die moralische Kraft einer Armee sein, die selbst nach einem solchen Krieg und solchem Ende imstande ist, den Rückschlag aufzufangen? ... Er sagte sich nichts, er sah nur eins: dass ihm das Fahrrad abhanden gekommen war. Und das empfand er als ungerecht. Weil er doch der Sowjetarmee nichts getan hätte und im Grunde gegen Hitler sei..." Humanismus gegen Barbarei Die Pläne für Leningrad Als die faschistischen Truppen an der Stadtgrenze Leningrads standen, wurde entschieden, die Stadt nach der Eroberung dem Erdboden gleichzumachen und die Bevölkerung auszuhungern. Vortragsnotiz der Abteilung Landesverteidigung im OKW(14)
Die Entscheidung für Berlin 1945 Als die sowjetischen Truppen die Stadt besetzt hatten, wurde entschieden, ihre Bewohner trotz großer Schwierigkeiten mit Lebensmitteln zu versorgen. Aus dem Beschluss Nr. 063 des Militärrates der 1. Belorussischen Front über die Lebensmittelversorgung der Berliner Bevölkerung vom 11.5.1945(15)
Das waren gewiss keine üppigen Normen. Sie entsprachen den Möglichkeiten. Das Wichtigste aber: Die Lebensmittelversorgung einer soeben eroberten, feindlichen Millionenstadt wurde von der Besatzungsmacht organisiert. Der verordnete Antifaschismus Es gibt Leute, die die Befreiungstat der Sowjetarmee verunglimpfen, in dem sie der SU vorwerfen eine Diktatur durch eine andere ersetzt zu haben. Neben der lächerlichen Gleichsetzung "der zwei Diktaturen" wird als Hauptargument der so genannte "verordnete Antifaschismus" ins Feld geführt. Sie verschweigen die Tatsache, dass der tatsächlich verordnete Antifaschismus mit den Beschlüssen der Krimkonferenz (Februar 1945) und der Potsdamer Konferenz (Juli August 1945) begann. Auf der Krim-Konferenz einigten sich die drei Mächte UdSSR, USA und Großbritannien über die gemeinsame Politik und die Pläne zur Erzwingung der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands. Außerdem schlossen sie ein Abkommen über die Aufteilung Deutschlands in Besatzungszonen. Sie verkündigten, dass es ihr "unerschütterliches Ziel (ist), den deutschen Militarismus und Nazismus zu vernichten und dafür Garantien zu schaffen, dass Deutschland nie wieder imstande sein wird, den Weltfrieden zu brechen." Auf der Potsdamer Konferenz wurden als Ziele der Besetzung Deutschlands verkündet:
Als wirtschaftlicher Grundsatz zur Behandlung Deutschlands wurde zusätzlich zur Beseitigung der Rüstungsindustrie eine Dezentralisierung des deutschen Wirtschaftslebens verlangt. Das bedeutete die Beseitigung einer übermäßigen Konzentration der Wirtschaftskraft in Form von Kartellen, Syndikaten, Trusts und anderen Monopolvereinigungen. Diese Festlegungen wurden in der sowjetischen Besatzungszone mit aller Konsequenz durchgesetzt. Hinzu kamen Entscheidungen im Sinne der festgelegten Grundsätze. Zum Beispiel: Durchführung einer Bodenreform. Die Aktion "Junkerland in Bauernhand !" beseitigte eine jahrhundertlange historische Ungerechtigkeit. Auch in den westlichen Besatzungszonen gab es gute Beispiele. Das markanteste: 1945 befahl ein amerikanischer General, die Einwohner von Weimar zwangsweise! zur Besichtigung des soeben befreiten Konzentrationslagers Buchenwald. Die Einwohner von Weimar waren über das Gesehene zutiefst erschüttert. Die Besichtigung der Gräueltaten der Nazis durch die völlig ahnungslose(?) deutsche Bevölkerung war, im wahrsten Sinne des Wortes, verordneter Antifaschismus! Sicher gab es nach dem mörderischen Krieg, im Laufe der sehr umfangreichen Umgestaltungen auch Fehlgriffe und Überspitzungen. Wer will es den Siegern übel nehmen, nach allem, was sie durch die deutsche Besatzung erlitten hatten? Es entspricht nicht der historischen Wahrheit, den Antifaschismus in der sowjetischen Besatzungszone und später in der DDR auf administrative Zwangsmaßnahmen zu reduzieren. Es gab den tief empfundenen, gelebten und gestalteten Antifaschismus. Wagen sie einen unvoreingenommenen Rückblick: Welche Menschen waren in der DDR in hohen Staatsfunktionen tätig? Schauen sie sich die Werke der DDR-Schriftsteller, der Kunst- und Kulturschaffenden an. Blättern sie in den Schulbüchern. Heute gibt es keinen "verordneten Antifaschismus". Schade. Denn die Nazis marschieren wieder auf Deutschlands Straßen. Ganz legal.
Ein deutscher Gedenktag? Kehren wir am Ende unserer Betrachtungen zu der eingangs gestellten Frage nach einem Tag des Gedenkens, einem Tag des Erinnerns. Vor 25 Jahren hielt der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai im Bundestag eine Rede anlässlich des 40. Jahrestages der Befreiung vom Nationalsozialismus.(16) Wahrscheinlich war es die wichtigste Rede, die im heutigen Deutschland zu diesem Thema gehalten wurde. Wir zitieren einige Auszüge daraus: "Viele Völker gedenken heute des Tages, an dem der Zweite Weltkrieg in Europa zu Ende ging. Seinem Schicksal gemäß hat jedes Volk dabei seine eigenen Gefühle. Sieg oder Niederlage, Befreiung von Unrecht und Fremdherrschaft oder Übertragung zu neuer Abhängigkeit, Teilung, neue Bündnisse, gewaltige Machtverschiebungen - der 8. Mai 1945 ist ein Datum von entscheidender historischer Bedeutung in Europa. Wir Deutsche begehen den Tag unter uns, und das ist notwendig. Wir müssen die Maßstäbe allein finden. Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit so gut wir es können ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit. Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten. Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte. Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen. Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, der andere wurde heimatlos. Dieser wurde befreit, für jenen begann die Gefangenschaft. Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren. Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen, dankbar waren andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang. Es war schwer, sich alsbald klar zu orientieren. Ungewissheit erfüllte das Land. Die militärische Kapitulation war bedingungslos. Unser Schicksal in der Hand der Feinde. Die Vergangenheit war furchtbar gewesen, zumal auch für viele dieser Feinde. Würden sie uns nun nicht vielfach entgelten lassen, was wir ihnen angetan hatten? Die meisten Deutschen hatten geglaubt, für die gute Sache des eigenen Landes zu kämpfen und zu leiden. Und nun sollte sich herausstellen: Das alles war nicht nur vergeblich und sinnlos, sondern es hatte den unmenschlichen Zielen einer verbrecherischen Führung gedient. Erschöpfung, Ratlosigkeit und neue Sorgen kennzeichneten die Gefühle der meisten. Würde man noch eigene Angehörige finden? Hatte ein Neuaufbau in diesen Ruinen überhaupt Sinn? Der Blick ging zurück in einen dunklen Abgrund der Vergangenheit und nach vorn in eine ungewisse dunkle Zukunft. Und dennoch wurde von Tag zu Tag klarer, was es heute für uns alle gemeinsam zu sagen gilt: Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (Hervorhebung durch den Autor) Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen. Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen. Aber wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg. Der 8. Mai ist ein Tag der Erinnerung. Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird. Das stellt große Anforderungen an unsere Wahrhaftigkeit. Wir gedenken heute in Trauer aller Toten des Krieges und der Gewaltherrschaft. Wir gedenken insbesondere der sechs Millionen Juden, die in deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. Wir gedenken aller Völker, die im Krieg gelitten haben, vor allem der unsäglich vielen Bürger der Sowjetunion und der Polen, die ihr Leben verloren haben. Als Deutsche gedenken wir in Trauer der eigenen Landsleute, die als Soldaten, bei den Fliegerangriffen in der Heimat, in Gefangenschaft und bei der Vertreibung ums Leben gekommen sind. Wir gedenken der ermordeten Sinti und Roma, der getöteten Homosexuellen, der umgebrachten Geisteskranken, der Menschen, die um ihrer religiösen oder politischen Überzeugung willen sterben mussten. Wir gedenken der erschossenen Geiseln. Wir denken an die Opfer des Widerstandes in allen von uns besetzten Staaten. Als Deutsche ehren wir das Andenken der Opfer des deutschen Widerstandes, des bürgerlichen, des militärischen und glaubensbegründeten, des Widerstandes in der Arbeiterschaft und bei Gewerkschaften, des Widerstandes der Kommunisten. Wir gedenken derer, die nicht aktiv Widerstand leisteten, aber eher den Tod hinnahmen, als ihr Gewissen zu beugen. Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids, Leid um die Toten, Leid durch Verwundung und Verkrüppelung, Leid durch unmenschliche Zwangssterilisierung, Leid in Bombennächten, Leid durch Flucht und Vertreibung, durch Vergewaltigung und Plünderung, durch Zwangsarbeit, durch Unrecht und Folter, durch Hunger und Not, Leid durch Angst vor Verhaftung und Tod, Leid durch Verlust all dessen, woran man irgend geglaubt und wofür man gearbeitet hatte. Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter, oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben. Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Wir können des 8. Mai nicht gedenken, ohne uns bewusst zu machen, welche Überwindung die Bereitschaft zur Aussöhnung den ehemaligen Feinden abverlangte. Können wir uns wirklich in die Lage von Angehörigen der Opfer des Warschauer Ghettos oder des Massakers von Lidice versetzen? Wie schwer musste es aber auch einem Bürger in Rotterdam oder London fallen, den Wiederaufbau unseres Landes zu unterstützen, aus dem die Bomben stammten, die erst kurze Zeit zuvor auf seine Stadt gefallen waren! Dazu musste allmählich eine Gewissheit wachsen, dass Deutsche nicht noch einmal versuchen würden, eine Niederlage mit Gewalt zu korrigieren. Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben. Auch den 8. Mai 1945 haben wir als gemeinsames Schicksal unseres Volkes erlebt, das uns eint. Wir fühlen uns zusammengehörig in unserem Willen zum Frieden. Von deutschem Boden in beiden Staaten sollen Frieden und gute Nachbarschaft mit allen Ländern ausgehen. Auch andere sollen ihn nicht zur Gefahr für den Frieden werden lassen. Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren. Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander. Arbeiten wir für den Frieden. Halten wir uns an das Recht. Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit. Schauen wir am heutigen 8. Mai, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge."
Weizsäckers Rede fand breite Zustimmung. Dennoch spricht kein regierungsamtliches Dokument vom Tag der Befreiung, erwähnt kein deutscher Kalender diesen Tag als einen Gedenktag. Warum das so ist lässt sich erklären: Die Masse der Nachkriegspolitiker in Westdeutschland waren aktive Kriegsteilnehmer, z. T. auch aktive Nazis. Sie empfanden das Kriegsende als eine Niederlage, auch wenn sie mit dem Faschismus gebrochen hatten und den Krieg der Nazis verurteilten. Diese, ihre innere Einstellung hatte einen direkten Einfluss auf viele Bereiche des öffentlichen Lebens und auf die Erziehung der folgenden Generationen. Die Mehrzahl der einfachen Menschen der Kriegsgeneration wollten an die Vergangenheit, an ihre eigene Verstrickung nicht mehr erinnert werden. Und wenn, dann nur an die eigenen Leiden. Der Antikommunismus, die Feindschaft gegenüber der DDR taten ihr Übriges. Der konsequente Antifaschismus der DDR war vielen suspekt. Heute würde die öffentliche Würdigung des 8. Mai wahrscheinlich Wählerstimmen kosten. Denn zu vieles wurde in der Vergangenheit versäumt. Zu viele unserer Mitbürger kennen die Rede Weizsäckers überhaupt nicht. Ihre historischen Kenntnisse und Wertungen bezogen oder beziehen sie aus den Massenmedien, aus der Billigpresse, aus Kasernennamen, aus Veranstaltungen der Vertriebenenverbände und dem Schulunterricht, in dem der Negativdarstellung der DDR mehr Zeit gewidmet wird als der Zeit des Faschismus.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Fußnoten / Anmerkungen: (1) Vogelsang, Thilo: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr, in: Vierteljahresheft für Zeitgeschichte 1954/4, S. 434s. [↑] (2) Gretschko, A. A., Arbatow, G. A. et al.: Istorija wtoroj mirowoj wojny, Band 3, S. 26, Verlag des Verteidigungsministeriums, Moskau 1974. [↑] (3) G. Knopp: Der verdammte Krieg, München (Bertelsmann Verlag) 1991, S. 8-9. [↑] (4) Gerhard Förster, Olaf Groehler (künftig zitiert als Förster, Groehler): Der zweite Weltkrieg. Dokumente, Berlin (Militärverlag der DDR) 1972, S. 102-104. [↑] (5) Förster, Groehler, S. 105. [↑] (6) Übersetzung aus dem Russischen: Eine Schuld, die nie erlischt, Köln (Verlag Pahl-Rugenstein) 1987, S. 78. [↑] (7) Paul Kohl: Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941-1944, Frankfurt a. M. (Fischer Verlag) 1982, S. 227. [↑] (8) Förster, Groehler, S. 223. [↑] (9) Anmerkung zu o. G.: In seinen umfangreichen Kriegserinnerungen unter dem Titel "Verlorene Siege" behauptet Mannstein das genaue Gegenteil. "Um den gefürchteten Sowjets zu entrinnen", sei die russische Zivilbevölkerung zu hunderttausenden, völlig freiwillig, mit den deutschen Truppen zurückgeflutet. "Die fliehende Bevölkerung konnte alles, auch an Pferden und Vieh, mitnehmen, was nur irgend zu transportieren war." Siehe Mannstein S. 240. [↑] (10) Müller-Hillebrand: Das Heer, Frankfurt am Main (Verlag Mittler und Sohn) 1968, Band 3, Kap. 13, Tab. 66. [↑] (11) Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht, Band IV, S. 1346. [↑] (12) Heinz Bergschicker: Deutsche Chronik, Berlin (Verlag der Nation) 1987, S. 530. [↑] (13) Alexej Isajew, Miroslaw Morozow et al.: Mivy welikoj otetscheswennoj, Moskva (Verlag Jausa) 2008, S. 137-146. [↑] (14) Förster, Groehler, S. 130132. [↑] (15) Vojenno-istoritscheskij shurnal (Militär-historische Zeitschrift) Nr. 8/1959. [↑] (16) Wortlaut der Rede, dokumentiert im WebPortal des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. [↑] |
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Oberst a. D. Dr. sc. Karl Harms lebt in Berlin. Kontakt: harms.karl@web.de |