Herbert H ö r z (*)
K a m p f d e r K u l t u r e n ?
- Bemerkungen zu Samuel P. Huntington "The Clash of Civilizations" -
1. Situation
2. Das Konzept von Huntington
3. Prognosen?
Trends der Weltgeschichte einzuschätzen ist sicher nicht leicht. Die zu erkennenden Gesetze und die zu analysierenden Regularitäten geben Möglichkeitsfelder und Wahrscheinlichkeiten für die Realisierung von Möglichkeiten an. Zufälle spielen eine Rolle, darunter auch der Charakter von Akteuren. So hatte M. Gorbatschows Kapitulationspolitik, die sich u.a. in der kritiklosen Hinnahme des Verbots der KPdSU, der Auflösung der Sowjetunion ohne klares Äquivalent für ein Bündnis souveräner Staaten sowie in der Konzeptionslosigkeit seiner Deutschlandpolitik zeigte, unabsehbare Folgen für die Weltmacht Russland, für die trostlosen inneren Zustände und für die Würde der ehemaligen Eliten in der DDR. Das ist mit einem Kampf der Kulturen kaum zu erklären. So wurde das Haus Europa auf den Trümmern der sozialen Alternative zur Kapitaldiktatur gebaut.
War das vorauszusehen? Manches schon, andere Faktoren kamen neu hinzu. Ich möchte dazu ein Beispiel nennen. Seit 1979 gab es jährlich in Deutschlandsberg (Österreich) Tagungen der Wissenschaftsforscher aus West- und Osteuropa, auf denen unterschiedliche Auffassungen zum Thema "Wissenschaft und Humanismus" debattiert wurden. Das Vorbereitungskomitee mit 4 Personen, dem ich angehörte, stand unter Leitung des Grazer Wissenschaftsphilosophen Johann Götschl. Es kam zu wichtigen und interessanten Auseinandersetzungen um die Rolle von Wissenschaft und Technik in unserer Zeit. Ende der achtziger Jahre diskutierten wir über ein neues Rahmenthema. Es sollte die Rolle kultureller Faktoren berücksichtigen und lautete: Transformation soziokultureller Identitäten. Wir begannen, doch dann fehlten die Grundlagen für solche Ost-West-Debatten. Auf der letzten Tagung 1991 sprach ich zu "Konfliktanalyse als Aufgabe der Wissenschaftsforschung". Ich ging von der Feststellung aus: "Konflikte sind wirkliche oder scheinbare Gegensätze von Interessengruppen. Dabei geht es sowohl um ökonomische, politische, ideologische und nationale Gruppeninteressen, aber auch um persönliche Macht. Sie entstehen auf der Grundlage objektiver Bedingungen und subjektiver Strebungen und werden durch Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen entwickelt und zugespitzt. Bedürfnisse, als ins Bewußtsein gehobene Interessen, werden von formellen und informellen Gruppen ausgedrückt und durchgesetzt."
Ich entwickelte vier Thesen, zu denen ich auch heute noch stehe, von denen drei für unser Thema von Bedeutung sind:
1. Der Kalte Krieg, der die Ost-West-Systemauseinandersetzung von 1946 bis 1989 bestimmte, ist zu Ende. Die Staaten mit frühsozialistischer Staatsdiktatur unterwerfen sich der Kapitaldiktatur mit ihren monetären und bürokratischen Regelmechanismen und ihren demokratischen Formen. Die Lösung der Systemkonflikte erfolgt durch die politische Vorherrschaft der USA und Westeuropas. Damit ist a) das Scheitern sozialpolitischer Alternativen des "realen Sozialismus" verbunden, b) der Kalte Krieg auf die letzten Bastionen des Frühsozialismus (China, Kuba, Nordkorea, afrikanische Länder) orientiert, c) wachsendes Konfliktpotential bei den Verlierern des Kalten Krieges programmiert und d) die Verlagerung von Konflikten auf andere Ebenen determiniert.
2. Die Interessenhierarchie der Menschheit ist durch die Erhaltung der menschlichen Gattung und ihrer natürlichen Lebensbedingungen als Grundinteressen bestimmt. Sie umfasst die Entwicklung als Erhöhung der Lebensqualität nach soziokulturell differenten Programmen. Jeder Versuch zur Missachtung dieser Grundinteressen sowie jede Einschränkung der Pluralität kultureller Entwicklung ist reaktionär. Die durch die Ost-West-Konflikte zurückgedrängten oder deformierten globalen Probleme treten nun als Konflikte noch unvermittelter hervor. Sie können durch die politische Weltherrschaft der USA und Westeuropas nur reaktionär oder stagnativ gelöst werden, weil die Selbstbestimmung aller Völker und Staaten zu Interessenkonflikten mit den herrschenden Mächten auf ökonomischen, militärischen und ökologischen Gebieten führt. Es geht jedoch im Interesse der Menschheit als sich organisierendem Handlungssubjekt um die progressive Lösung der globalen Zivilisations-, Herrschafts- , Sinn- und Theoriekrise.
3. Grundlage wesentlicher Konflikte in der Gegenwart ist der Widerspruch zwischen Zivilisation und Kultur. Zivilisation entwickelt sich mit dem universellen wissenschaftlich-technischen Fortschritt ohne Berücksichtigung der Pluralität soziokultureller Identitäten. Kultur orientiert auf Freiheitsgewinn der ethnischen Gruppen, auf die Erhaltung von Lebensformen, Sprache, Kunst, Ritualen, Werten, die den Glücksanspruch der Individuen einer ethnischen Einheit bestimmen. Deshalb tritt neben den Nord-Süd-Konflikt als Ausdruck des Zivilisationsstrebens wenig entwickelter Länder die Vielfalt ethnischer Konflikte, deren Kern ebenfalls soziale Konflikte als Ergebnis von Unterentwicklung sind. Sie zeigen aber auch das Streben nach politischer Unabhängigkeit und kultureller Selbständigkeit gegen jede Form der Unterdrückung. Lokale Konflikte können immer noch zu globalen werden. Ein globaler Krieg mit Massenvernichtungswaffen ist deshalb nicht ausgeschlossen. Die Fronten dafür können sich in anderen Konflikten konstituieren. Das Ende des Kalten Krieges hat das militärstrategische Gleichgewicht der Supermächte zerstört, was neue Gefahren militärischer Konflikte und von Bürgerkriegen mit sich bringt, die nicht immer lokalisierbar sind.
In der Erläuterung zur These 3 heißt es u.a.:
Man kann also die Rolle kultureller Faktoren für die Konfliktlösung berücksichtigen, darf sie jedoch nicht über die politischen, ökonomischen und ideologischen Interessen stellen, wenn man eine Analyse der Situation im Interesse von Frieden und Menschenrechten versucht.
4. Fazit
Der Kampf der Kulturen ist ein wichtiger Faktor in den aktuellen Auseinandersetzungen. Doch ist Huntingtons Konzeption weniger ein Toleranzangebot als ein Rückzugsgefecht, bei dem das Bündnis zwischen Europa und den USA als Bollwerk westlicher Werte gestärkt werden soll. Von einer Weltzivilisation, die Glück und Wohlstand aller Menschen sichert, mit einer Weltkultur, in der die Differenzen toleriert und Kriege als Mittel zur Lösung von Konflikten aus dem Leben der Menschheit ausgeschaltet werden, sind wir weit entfernt. Die Aufrüstung geht weiter. Die Gewaltspirale wird kaum zurückgedreht, sondern nur in manchen besonders bedrohlichen Auswüchsen etwas gebremst. Europa versichert uneingeschränkte Solidarität, um dann festzustellen, dass nicht jeder Schritt der USA Billigung finden kann. Das hat nichts mit dem Kampf der Kulturen zu tun, sondern mit Überlegungen zu eigenen Interessen, der Machtstabilisierung in Europa und dem Eingehen auf humanistische Forderungen des Volkes, das als Wahlvolk Regierungen in der Demokratie stürzen kann. In Afghanistan erproben die USA noch gefährlichere Waffen als bisher und entwickeln neue, die in anderen Ländern eingesetzt werden sollen. Die Forderung nach einer globalen Friedensordnung bleibt. Wie sie zu erreichen ist, wird weiter das Ziel des Nachdenkens über Frieden und Menschenrechte sein, wie es von der Dresdner Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik nachahmenswert demonstriert wird.