Es war sein fester Vorsatz, zum 50. Gründungstag der Militärakademie "Friedrich Engels" das diesem Anlass gewidmete Kolloquium zu eröffnen. Doch die Kraft versagte ihm. Bis zum letzten Moment hatten wir auf seine Rede gehofft. Niemand konnte so wie er eine wissenschaftliche Veranstaltung repräsentieren, die sich zum Ziel setzte, die Militärakademie rückblickend mit dem Wissen von heute, also historisch-kritisch zu betrachten.
Nicht nur als ihr letzter Chef wäre er dazu berufen gewesen, mehr noch als Repräsentant eines militärischen und sicherheitspolitischen Geistes, der die Zeichen der Zeit verstand und ihnen Geltung verschaffte. Der General und Militärreformer, Wissenschaftler in Uniform und Sozialist, der er geworden war im Aufstieg und geblieben ist im Scheitern jenes Versuchs, eine menschengerechte Gesellschaft auf deutschem Boden zu schaffen, war ein außergewöhnlicher Mensch.
1935 geboren und aufgewachsen in einer Arbeiterfamilie hat ihn die in jungen Jahren verinnerlichte Ablehnung von Faschismus und Krieg gleich nach dem Abitur zum Dienst in den bewaffneten Kräften geführt, weil sie den Auftrag hatten, uns vor einer Wiederholung des erlebten Unheils zu schützen. Seine intellektuellen Fähigkeiten, sein wacher Verstand und seine Tatkraft verhalfen ihm in kurzer Zeit zu einer steilen Karriere.
Absolvent der Artillerieschule als einer der Besten, Studium an einer sowjetischen Militärakademie und Chef der Funktechnischen Truppen, Promotion zum Dr. rer. mil. an der Militärakademie "Friedrich Engels", Studium an der Generalstabsakademie in Moskau, anschließend Stabschef der 1. Luftverteidigungsdivision, dann Kommandeur der Offiziershochschule der Luftstreitkräfte/Luftverteidigung und Berufung zum Außerordentlichen Professor, auf dem Höhepunkt Hauptinspekteur der Nationalen Volksarmee und in der Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs 1989/90 Leiter der Kommission zur Militärreform und Sekretär der Regierungskommission Militärreform der DDR, zuletzt Chef der Militärakademie "Friedrich Engels".
Bis ans Ende seiner Tage beschäftigte ihn der Gedanke an das Ganze, das sein Lebensinhalt war, und er stellte sich die Frage, ob er seiner Verantwortung gerecht geworden ist. Verantwortung für viele Menschen hatte er getragen, und für Vieles, was den ihm Anvertrauten und was allen von Nutzen sein sollte. Der Geist, den er ausstrahlte, und seine warmherzig menschliche Zuwendung machten ihn zu einem hoch geachteten und beliebten Vorgesetzten.
Früh kam er zu der Einsicht, dass die Atomwaffe das Wesen unserer Welt verändert hat und damit das bisherige Denken über Krieg und Frieden, Streitkräfte und Verteidigung an ein Ende gekommen ist. Fortan widmete er sich der Aufgabe, den Bruch zu vollziehen mit den noch immer anerkannten Lehrsätzen des militärischen Denkens, obwohl das Gesetz des Atomzeitalters sie längst außer Kraft gesetzt hatte.
Hans Süß war ein Denker, prädestiniert, Geist und Macht zu vereinen, bestrebt und befähigt, dem Denken die Tat folgen zu lassen. Eine Persönlichkeit seines Formats war genau richtig, an die Spitze einer demokratischen Militärreform zu treten. Er verstand, dass die Reform radikal sein muss und die Mitwirkung der Soldaten ebenso braucht wie das Einverständnis aller politischen Bewegungen jener bewegenden Zeit.
Die Militärreform, unter seiner Leitung konzipiert und in Gang gesetzt, wandelte die Nationale Volksarmee in eine Armee des ganzen Volkes, frei von der Bindung an eine Partei und Weltanschauung. Vor allem aber enthielt die Reform einen ganz neuen Auftrag für die Streitkräfte, einen Auftrag, der Kriegführung ausschloss und der Nationalen Volksarmee nur noch Funktionen zuwies im Übergang zu nichtmilitärischen Sicherheitsstrukturen in Europa.
Später einmal, wenn politische Verunglimpfung einem sachlichen Interesse an Aufklärung weicht, wird man erstaunt feststellen, wie weit fortgeschritten militärreformerisches Denken und Handeln auf deutschem Boden schon einmal gewesen ist. Und dafür steht an erster Stelle der Name des Generals Hans Süß. Er wird genannt werden als einer in der Reihe der Militärreformer der deutschen Militärgeschichte.
Auf den Leib geschrieben war ihm auch sein letztes Kommando. Endlich bekam mit ihm die Militärakademie einen Chef, der die Eigenschaften eines Kommandeurs und Wissenschaftlers in einer Person vereinigte. Als Chef der Militärakademie und Vorsitzender ihres Senats konnte er noch einen weiteren Wesenszug der Militärreform selbst verwirklichen, nämlich der Wissenschaft im Militär freie Bahn verschaffen: Volle Freiheit für die Forschung und die Verbreitung ihrer Ergebnisse, und Schluss damit, dass, wie er es treffend ausdrückte, der Hörsaal nur eine andere Form des Exerzierplatzes ist.
Am Ende galt seine Sorge dem Personal und den Studierenden der Militärakademie, um ihnen Bedingungen für den aufrechten Gang in die bürgerliche Gesellschaft zu verschaffen und in dieser eine Existenz zu finden.
Selbstaufgabe war seine Sache nicht. Wissenschaftler aus der Militärakademie, mit denen er eng zusammengearbeitet hatte, inspirierte er, die Studien und das Engagement für die Entmilitarisierung der Sicherheitspolitik auch in der Bundesrepublik fortzusetzen. So gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Dresdener Studiengemeinschaft Sicherheitspolitik. Ihr blieb er in Geist und Tat verbunden.
Uns bleibt die Erinnerung, das dankbare Gedenken an einen hochsinnigen Menschen. Es schmerzt uns, dass wir ihn verloren haben, und doch können wir glücklich sein, dass wir ihn hatten, und stolz, dass er uns Kamerad war und Freund.
Wolfgang Scheler
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