Wolfgang Scheler
Über das widersprüchliche Verhältnis von Ideologie, Militär und Wissenschaft
Diskussionsbeitrag zum Kolloquium am 10. Januar 2009 anlässlich des 50. Jahrestages
der Gründung der Militärakademie „Friedrich Engels“
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Zu Zeiten der Militärakademie tobte der Kampf der Ideologien, und
der Ost-West-Konflikt war ausgeartet zum Krieg der schweigenden
Waffen. In seinen Diensten stand auch die Wissenschaft.
Von diesen drei Faktoren, von der Ideologie, vom Militär und von der Wissenschaft, ist
wesentlich die Tätigkeit der Militärakademie bestimmt worden.
Ideologie gibt dem Denken und Handeln die Leitideen und Werte. Sie zielt auf
unverrückbare Grundüberzeugungen, auf Anerkennung gemeinsamer Grundsätze und Verhaltensnormen und duldet keine
Abweichungen.
Militär erfordert einheitliches Handeln nach Vorschrift und Befehl, widerspruchslose Unterordnung, Beständigkeit des Regelwerkes und Festhalten am Entschluss.
Wissenschaft gibt es nicht ohne kritisches und differenzierendes Denken. Sie muss
anerkanntes Wissen in Zweifel ziehen und ihm widersprechen, wenn es sich als falsch erweist. Wissenschaftliche Erkenntnis unterwirft sich keiner Autorität, keinem Befehl und keiner Mehrheitsmeinung.
Von diesen drei Polen divergierender Ansprüche wurde das spezifische Wissenschaftsprofil der Militärakademie geprägt. Ideologie und Militär waren dabei von Anfang an in einer starken Stellung. Zur Wissenschaft mussten wir erst aufsteigen.
Die antifaschistische Grundhaltung verbot es, die Lehrämter mit Akademikern aus jener alten Elite zu besetzen, die Deutschland in den verbrecherischen Krieg und in Schmach und Schande geführt hatte.
Daher kamen anfangs weder die Lehrer noch die Hörer aus den gehobenen und gebildeten, sondern eher, wie man heute sagen würde, aus den bildungsfernen
Gesellschaftsschichten.
Hinzu kam, dass die Armeeführung vor allem Wert legte auf den militärischen Charakter ihrer Akademie. Dementsprechend war das bestimmende Prinzip die militärische Dienstorganisation, nicht die Wissenschaftsorganisation.
Inhalt und Form des Studien- und Lehrbetriebs richteten sich mehr nach dem Attribut Militär als nach dem Wortstamm Akademie.
Um das Wissenschaftsprinzip stärker zur Geltung zu bringen, mussten wir selber erst Wissenschaftler werden. Das wiederum hing in erster Linie von Menschen ab, die es verstanden, sich wissenschaftlich zu profilieren. So war der Lehrstuhl, in den ich aufgenommen wurde, geprägt worden von Persönlichkeiten wie Oberst Prof. Günter Rau, einem Menschen von außergewöhnlichem Geist und Charakter. Er führte den Lehrstuhl ganz unmilitärisch als Erster unter Gleichen und erzeugte damit eine vertrauensvolle, freigeistige und kreative Atmosphäre und einen Zusammenhalt, der
es erst ermöglichte, als richtig Erkanntes auch gegen Widerstände zu verfechten.
Immer aufs neue galt es, den Widerspruch zu lösen zwischen dem geforderten selbständigen
wissenschaftlichen Denken und der unanzweifelbaren Geltung der sowjetischen Militärdoktrin und Militärwissenschaft, zumal diese ja vor allem in Form von Vorschriften auf uns kamen, geadelt als das Erfahrungswissen der
Sieger in einem gerechten Krieg. Zugleich aber rief die wissenschaftlich-technische Revolution, die auch das Militärwesen
revolutionierte, nach wissenschaftlichem Geist im Militär. Es wurde notwendig, einem breiten Spektrum der Wissenschaften Eingang zu verschaffen in alle Bereiche der operativen Kunst und Taktik,
womit diese sich eigentlich erst auf die Stufe der Wissenschaft erhoben.
Ein anderer, nicht minder bedeutungsschwerer Widerspruch war der zwischen selbständigem wissenschaftlichem
Denken und dem Führungs- und Wahrheitsanspruch der marxistisch-leninistischen Partei. Ihm unterlagen wir alle,
unabhängig von unserer Wissenschaftsdisziplin, denn wir waren Mitglieder dieser Partei, und das in der Überzeugung, der
Avantgarde im Kampf für eine bessere, eine friedliche und sozial gerechte Welt anzugehören.
Ganz unmittelbar waren die Gesellschaftswissenschaften der Politik und Ideologie der Partei unterworfen. An der
Militärakademie waren das die Disziplinen Philosophie, Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Pädagogik und Psychologie mit ihren
jeweils militärspezifischen Fachgebieten. Ihnen gab die Generallinie der jeweiligen Parteiführung die Grundrichtung und
ihre Grenzen vor. Sie alle hatten den Auftrag, die Partei- und Staatsideologie zu propagieren.
Diese Beschränkungen für das wissenschaftliche Denken sind uns nicht allein von oben auferlegt worden. Überzeugt vom
Marxismus-Leninismus, den wir für die wahre, einzig wissenschaftliche Weltanschauung hielten, legten wir sie uns auch
selber auf. Es bedurfte letztlich erst des praktischen Scheiterns der Gesellschaftsform, für deren Verteidigung wir einstanden, und damit der tiefen Erschütterung unserer früheren Gewissheiten, um zu erkennen, worin wir irrten.
In dem Maße aber, wie wir lernten, uns innerhalb der genannten Widersprüche geistig freier zu bewegen und gesetzte Grenzen an mancher Stelle auch zu überschreiten, gewann die Militärakademie an wissenschaftlichem Profil und konnte so kreativ denkende Offiziere für Führungspositionen in Truppe und Flotte ausbilden.
Um in den gesellschaftswissenschaftlichen Disziplinen Hochschulniveau zu erreichen und zu halten, mussten wir in geistigen Austausch mit den Fachkollegen an den Universitäten und Hochschulen des Landes treten. Nur mit
eigenen Forschungsleistungen auf dem jeweiligen Fachgebiet war eine wissenschaftliche Kooperation zum eigenen Nutzen möglich. Vor allem die Mitarbeit in den Wissenschaftlichen Räten der klassischen Geistes- und Gesellschaftswissenschaften und an Wissenschaftskongressen brachte uns auf einen hohen Leistungsstand.
Oft erregte das auf den Stufen der militärischen Hierarchie die Befürchtung, wir würden uns ungenügend auf die Belange
der Armee konzentrieren. Doch wir waren sicher, dass wir als Wissenschaftler in Uniform nur dann optimal für die Armee wirken können, wenn wir den Blick nicht auf den militärischen Bereich verengen, sondern uns in der Zusammenarbeit mit den zivilen Wissenschaftsinstitutionen auf den neuesten Stand der Erkenntnis bringen.
Erst das Überschreiten des eignen Dunstkreises ermöglichte es, Urteilskraft und Kritikfähigkeit zu erlangen. Und so reifte die Fähigkeit, unser von ideologischen Glaubenssätzen gefestigtes militärisches und politisches
Denken kritisch zu überprüfen und infrage zu stellen. Meines Erachtens sprechen wenigstens zwei Tatbestände dafür,
dass wir am Ende wissenschaftliche Urteilskraft und Kritikfähigkeit erlangten, zu der gehört, gefundene Wahrheiten
anzuerkennen, ohne Rücksicht auf die Konsequenzen, weder die militärischen noch die politischen.
Als einen solchen Tatbestand betrachte ich erstens den Paradigmenwechsel im militärischem Denken.
Auch an der Militärakademie hielt sich lange der Konservatismus in der Militärtheorie und ihren philosophisch-weltanschaulichen Grundlagen. Wir verharrten noch auf dem, was im pränuklearen Zeitalter galt, obwohl wir
längst in der nuklearen Ära lebten.
In einem schwierigen Lernprozess wurde uns bewusst, dass eine atomare Kriegführung das bisherige militärische Denken in seinen Grundfesten erschütterte. Mehr noch, das gesamte Gedankengebäude, das bisher die militärische Sicherung des
Friedens, die Wehrmotivation, die soldatische Haltung zum Kampf in einem Verteidigungskrieg und die Grundsätze der militärischen Strategie und operativen Handlungen sinnvoll begründet hatte, stürzte in sich zusammen.
Aus diesen objektiven Gründen fand an der Militärakademie im letzten Jahrzehnt ihrer Existenz eine geistige Auseinandersetzung statt zwischen den alten und den neuen Auffassungen über Krieg und Frieden, Streitkräfte und Militärtheorie.
Wie immer, wenn ein Paradigmenwechsel in der Theorie vonstatten geht, erforderte das, sich selbst und andere aus der Befangenheit in den bisherigen Denkkategorien zu lösen. Das geht nicht ohne geistige Kämpfe und handfeste
Konflikte. Wesentlich aber ist, dass dieser Paradigmenwechsel, obwohl im Widerspruch zu den Auffassungen und Vorgaben der sowjetischen Militärführung stehend, sich an der Militärakademie letztlich durchsetzen konnte, zunächst mehr in ihrer Außenwirkung als nach innen.
Ihr prominenter Wortführer und ihr Kommunikator im deutsch-deutschen und internationalen sicherheitspolitischen Dialog war General Prof. Rolf Lehmann. Kraft seiner unangefochtenen Autorität bei den Wissenschaftlern der Akademie und in seiner Stellung als Stellvertreter des Chefs für Wissenschaft und Forschung erreichte er schließlich die
Annahme der neuen Theorie über Frieden, Krieg und Streitkräfte durch den Wissenschaftlichen Rat. Für die fundamentale
Umgestaltung der militärakademischen Lehre und Forschung war es allerdings bereits zu spät.
Eine entscheidende praktische Konsequenz konnte aber noch gezogen werden: Sicherheitspolitik wurde zum Wissenschaftsgegenstand an der Militärakademie. Der Interdisziplinäre Wissenschaftsbereich Sicherheitspolitik arbeitete unter Leitung von Generalmajor Lehmann im Geiste des neuen Sicherheitsdenkens.
Dass von der Militärakademie Impulse ausgingen für eine kooperative und entmilitarisierte Sicherheitspolitik, ist nicht bloß
von militärhistorischem Interesse. Vielmehr handelt es sich um das noch immer ungelöste sicherheitspolitische
Grundproblem. Ohne kooperative Sicherheit wird das gefährliche und kostspielige Wettrüsten weiter gehen, werden die Kriege
nicht aufhören und werden wir uns wieder dem Abgrund des atomaren Untergangs nähern.
Einen zweiten Tatbestand, der für die erlangte Kritikfähigkeit und Akzeptanz gefundener Wahrheiten spricht, mögen sie auch noch so bitter sein, sehe ich in unserem Bewusstseinswandel, in unserer Selbsterkenntnis
und tief gehenden Selbstveränderung.
Das begann mit Glasnost, jener ideologischen Öffnung, die uns Einblick in uns bisher verborgen gebliebene Tatsachen über das
sowjetische Sozialismusmodell gab und unser Selbstverständnis tief erschütterte. Zusammen mit meinen Kollegen und Freunden musste ich erkennen, dass wir falsche Vorstellungen über den realen Sozialismus hatten und uns grundsätzlich revidieren müssen. Es waren Irrtümer aus Befangenheit in einer Ideologie, die sich am Ende,
so wie Marx und Engels es von der bürgerlichen Ideologie sagten, eben auch bloß als falsches Bewusstsein unseres
gesellschaftlichen Seins erwiesen hat. Der rücksichtslos kritische Geist marxistischen Denkens war uns bei der Analyse der
eignen Gesellschaft abhanden gekommen.
Schließlich zwangen uns die Staatskrise, die spektakuläre Massenflucht von Bürgern der DDR und das gewaltfreie Aufbegehren der Bürgerbewegung zu einer radikalen ideologischen Selbstprüfung.
Getrieben von den revolutionä ren Ereignissen und von der Sorge um eine gewaltfreie Lösung des
Machtkonflikts, entschieden sich erst einige, dann mehr und mehr berufene Hochschullehrer an der Militärakademie für eigenverantwortliches Handeln und kündigten der Partei- und Staatsführung den politischen Gehorsam auf.
An dem Tag, als auf dem Berliner Alexanderplatz die große Protestkundgebung lief, trat der Wissenschaftliche Rat zusammen, und eruptiv brach der Wille zu demokratischen Reformen der Gesellschaft, der Armee und der
eigenen Arbeit sich Bahn. Die Ratsmitglieder ermächtigten sich zum fortan bestimmenden Gremium für die politische und wissenschaftliche Orientierung an der Militärakademie. Es war dies der Bruch mit der reformunwilligen Partei- und Staatsführung, ja sogar mit der bisherigen Form des Sozialismus.
Nur wenig später folgten auch die Parteiorganisationen des Lehrkörpers und der Offiziershörer nicht mehr der
Parteihierarchie. Sie trafen basisdemokratisch ihre eigenen Entscheidungen, wählten von ihnen selbst
aufgestellte Kandidaten für den außerordentlichen Parteitag und beauftragten diese, die alte Parteiführung
abzuwählen und für eine strikte Trennung von Partei und Armee einzutreten.
Im gesellschaftlichen Umbruch bewährte sich der an der Akademie ausgebildete wissenschaftliche Geist. Er ermöglichte die kritische Analyse der eigenen Ideologie und Politik und den Aufbruch zur demokratischen Erneuerung in freier Diskussion und in einer faszinierenden Konsensdemokratie.
In der demokratischen Militärreform betätigte sich die Akademie als ein geistiges Zentrum der Nationalen Volksarmee. Federführend war sie bei der Ausarbeitung einer neuen Militärdoktrin beteiligt. Ihr grundsätzlich neuartiger Inhalt wurde mit dem neuen Namen Militärpolitische Leitsätze angezeigt.
Darin war festgeschrieben, das System der militärischen Abschreckung zu überwinden und schrittweise die
Entmilitarisierung der Sicherheit zu erreichen.
Erinnern wir uns: Alle im demokratischen Aufbruch befindlichen Parteien und Organisationen, vom Neuen Forum bis zur CDU, haben am Runden Tisch zur Militärreform diese Leitsätze im Konsens angenommen, und die Führung der
Nationalen Volksarmee unter Minister Admiral Theodor Hoffmann hat sie akzeptiert. Vergleicht man das mit der Sicherheits- und Verteidigungspolitik der Berliner Republik weiß man, welchen Rückfall wir derzeit erleiden.
Auch als die Volkskammerwahlen die Weichen auf die staatliche Einheit Deutschlands zu den Bedingungen der Bundesrepublik gestellt hatten, blieb die Militärakademie entsprechend ihrer Verantwortung bis zuletzt kreativ tätig.
Fortan taten wir das, was den uns anvertrauten Offiziershörern helfen würde, der Rekapitalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse nüchtern ins Auge zu sehen und in der bürgerlichen Gesellschaft eine Existenz zu finden. Für die noch verbleibende Zeit, die wir wegen falscher Versprechen überschätzten, richteten wir die Lehre auf das Bildungsspektrum der bürgerlichen Gesellschaft und auf den Übergang ins zivile Leben aus. Die akademischen Abschlüsse veränderten wir in solche, die im bundesrepublikanischen Wirtschafts- und Rechtssystem von Nutzen sein würden.
Auf Ministerbefehl ließ man uns noch das neue Studienjahr eröffnen, um es gleich wieder abzubrechen. Hörer und Lehrer mussten das als einen Akt der Irreführung und der Unredlichkeit empfinden.
Die Ironie der Geschichte ist, dass die Militärakademie genau da ihr abruptes Ende fand,
- als sie dem Anspruch der Wissenschaft am meisten gerecht wurde,
- als sie die Freiheit von Lehre und Forschung und die Studienfreiheit der
Hörer voll verwirklicht hatte,
- als sie einer Akademie von Streitkräften in einem demokratisch verfassten Staat entsprach,
- als sie dem früheren militärischen Gegner nicht mehr als Feind, sondern als Partner in einem erhofften System kooperativer Sicherheit begegnete und
- als sie zum ersten Mal ein Chef führte, der selbst für diese Inhalte gestritten hatte und die Eigenschaften eines Kommandeurs und Wissenschaftlers in sich vereinte, von Generalleutnant Prof. Dr. Hans Süß.
Wenn wir also Rückschau halten auf die Militärakademie, geht es nicht bloß um die Vergangenheit. Der historisch-kritische Rückblick sagt auch etwas aus über Gegenwärtiges und über das, was Bedeutung hat für die Zukunft Deutschlands, vor allem, ob es eine friedvolle oder eine kriegerische sein wird.
Januar 2009
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